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Mittwoch, 12. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #11: "The Limits of Control" [USA 2009]


Da braut sich was zusammen. Oder doch nicht? Diesem ganz und gar kryptischen, hochgestochenen Verschlüsselungsfilm, sein Rhythmus ähnelt einer Rolltreppenfahrt im Halbschlaf, gibt Isaac de Bankolé körperliches Vorhandensein. Er läuft nicht, er gleitet, schleift synthetisch an Plätzen vorbei. Die peniblen Rituale – ausgetauschte Streichholzschachteln, "doppelter" Espresso, empfindungsloses Papierverschlucken – gehört zu einer halbnahen und wiederum vollends fernen, erstarrten Ruinenwelt, die sich subjektiv an Molekularstrukturen hält. Wird eines dieser Moleküle mutwillig entfernt oder verschoben (wie ein aufreizend durchsichtiger Regenmantel), kippt das vermeintlich objektive Bild, während es an einem anderen Platz an einem anderen Ort neu "konstruiert" wird. Derartige Thesen zum Radikalen Konstruktivismus verbirgt Jarmusch unter dem Antiunterhaltungsarrangement eines Kunstaufsatzes, desinteressiert gegenüber allem, das zum kontrollierten Grenzgebiet zählt. "Dieser" Entgrenzungsraum im Austausch dessen, den "The Limits of Control" bildpoetisch ausstaffiert, ist der Versuch einer Loslösung Jarmuschs von der inneren, selbstverantwortlichen Forschungsfahrt zum Warten auf das Signal für diese Forschungsfahrt ("Broken Flowers"). Aber die Menschen, die Menschen verlieren dabei das Menschliche. Das ist es, was "The Limits of Control" so artifiziell, schwülkalt und geradewegs "tot" macht, was ihm die frühere Jarmusch-Wärme verwehrt.

5 | 10


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Freitag, 7. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #10: "Broken Flowers" [USA, F 2005]


Aus Namen macht sich Jarmusch öfters einen Spaß. Don Johnson ist Don Johnston. Mit einem "t". Als Bill Murray, er entschleunigt diesen Don Johnston in zähflüssigen Lavalampenbewegungen, zum Schluss seinem Sohn (?) Lunch und Trank ausgibt, bevor er, wieder allein, an der Straße verdutzt steht, ruckelt die Kamera um seinen Schädel, um die Gegenwart, die der Vergangenheit nichts anhaben konnte. Am Ende, so überrollt dieser katatonische "Broken Flowers" den Zuschauer, indem er sich widersetzt, etwas zu liefern, was über dem Radar der Bedeutsamkeit fliegt, gehen nicht nur die Blumen "gebrochen" ein: Nach vier (respektive fünf) Besuchen sitzt und liegt Don (Juan) von Neuem auf seiner Ledercouch. Hielten andere Jarmusch-Expeditionen wenigstens Akzente einer kathartischen, aufbruchsimmanenten und emanzipatorischen Neugewinnung bereit, so muss Don Johnston angestupst werden, frühere Lebensbegleiterinnen zu besuchen, um die Mutter seines Sohnes herausfinden zu können. Infolge dieser nicht ganz zwei andauernden, fluffigen Stunden umreißt Jarmusch die Klassen- und Gedankenunterschiede (anhand, beispielsweise, des aufgetischten Essens), während sich Murray als überdimensionierte Briefmarke über kuriose Tierarztklinken und tobsüchtige White-Trash-Siedlungen voranschleppt. Höchstwahrscheinlich fehlt, gemäß seiner jenseitigen Hauptfigur, "Broken Flowers" das gewichtige Moment. Andererseits ist die Fingerfertigkeit Jarmuschs, der hier ähnliche Äcker wie Steven Soderbergh bearbeitet (Entspanntheit schlägt Entschiedenheit), stilistisch reizvoll. Ein närrischer Spaßfilm.

6 | 10


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Mittwoch, 5. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #9: "Coffee and Cigarettes" [USA 2003]


Überall dieser stechende Kontrast, dieser leitmotivische Schachbrettkontrast. Schwarz und weiß. Schwarz auf weiß. Weiß auf schwarz. Man könnte auch sagen: Kaffee mit Milch. Oder: Kaffee und Kippen. Und genau darüber handelt "Coffee and Cigarettes", über Musik und Medizin, Physik und Verwandtschaften, vorrangig jedoch über die Philosophie eines ungesunden Mittagessens, die in elf absonderlich-abenteuerlichen Tableaus besprochen und zu einem Ritual erhoben wird. Rituale, davon gibt es einige in dieser anekdotischen Sammlung tröstlicher Komik, zum Beispiel das Zuckerscheppern, das Tassenanstoßen, das transzendente Verlieren und kausale Überleiten während einer gefühlt trivialen, naturnahen Alltagsunterhaltung. "Coffee and Cigarettes" darf ausgiebig schwatzen, zuhören, wieder schwatzen, wenn das Wort ausnahmslos jene haben, denen nie das Wort erteilt wird – und jene, die groß sein wollen, aber partout klein beigeben (müssen). Ein paar zusammengetragene Bonmots: japanische Vier-Dollar-Erbsen, der perfekt temperierte Kaffee, Cate Blanchett in einer diametralen Doppelrolle, Alfred Molina und Steve Coogan vergleichen mit bedächtigem Zweifel Lebensstammbäume. Und ein Dialog ohne offensichtlichen Zweck in trauter Unsicherheit. Das ist Jarmuschs Spiel mit uns, er spielt "Ich bin der Welt abhandengekommen" und drückt die richtigen Knöpfe auf einer verrauchten Jukebox, wodurch das Sinnentleerte globale, schicksalslenkende Bedeutung erfährt, bei Kaffee, Koffein, Zigaretten, Nikotin, an einem Tisch mit einem Muster, Schwarz und Weiß.

6 | 10


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Mittwoch, 26. Februar 2014

"Grand Budapest Hotel" [GB, D 2014]


Vorerst prototypischer Wes-Anderson-Schwank, hysterisch wie zum Spießrutenlauf, in bizarr-sentimentales, teutonisches Süßigkeitenpapier gewickelt, symmetrisch, hibbelig, noch hibbeliger; schließlich hüpft "Grand Budapest Hotel" nach oben und unten, nach rechts und links, und Szenenabläufe werden von keinen Grenzen mehr behindert, sondern verschlingen und verknüpfen einander in einem Flechtwerk. Wer allerdings gedacht hätte, Anderson ruhe sich auf einem Stil aus, auf den Erfolgen künstlerischer Stagnation, der hat diesen Film nicht gesehen, diesen infantilen, beherzt in Skurrilitäten verknallten Ensemblefilm. Anarchischer war Wes Andersons eigenwilliges Kino der Überdosis vermutlich nicht. Überfallartig kreuzt der Amerikaner Gemälderaubfilm, Gefängnisausbruchsfilm und ein Tableau an Streitkultur über Hotels und Hochwohlgesinnte, die irgendwie alle in einem Boot in die jeweils andere Richtung zu paddeln versuchen. In seiner Bewegungslust, wenn Arme und Beine und Körper vorwärts preschen (aber auch dabei manchmal abgehackt werden), verzeichnet "Grand Budapest Hotel" seinen trashigsten, zugleich aber auch nostalgischsten Gestus: Charlie-Chaplin-Slapstick erweitert Anderson erstmals und montiert mit Hilfe dessen schrägste Playmobil-Verfolgungsjagden, die in einer überkünstelten James-Bond-Schneeactioneinlage zusammenfließen (Blofeld: Zuhälter Willem Dafoe). "Grand Budapest Hotel" ist hierbei dem logischen Umkehrschluss zufolge eine radikale Steigerung artifizieller Anderson-Unterhaltung, bei der unzählige wohlbekannte, (vereinzelt zu) kurz vorbeischauende Gesichter dazu anwesend sind, die richtigen Schalter (oder Typen) an den richtigen Stellen umzulegen – und loszulegen. 

6 | 10

Freitag, 8. Februar 2013

"Und täglich grüßt das Murmeltier" / "Groundhog Day" [USA 1993]


Duschen, schlafen, 06:00 Uhr aus dem Schlaf gerissen, Kaffee, Murmeltier, eins, zwei drei, und Action! Von vorn. Und wieder von vorn. Von vorn, tagein, tagaus. Wieder. Und wieder. Von vorn – der 2. Februar. Achtung Konsens: Bill Murray spielt die beständige Monotonie eines sich endlos überlappenden Zeitparadoxons verselbstständigender Alltagsverrichtungen schon gnadenlos, gnadenlos wunderbar, ein wunderbar gnadenloses Arschloch. Er verfängt sich in einer Zeitschleife und weiß sie allerdings baldigst zu nutzen. In dem Moment, als er tun kann, was er will, und lassen kann, wozu er Lust hat, ohne nachträglich betraft zu werden, tut er das, was er nun einmal gern tun würde. Verlockend.

Er dressiert sogar Menschen. Wenn sie ihm nicht gehorchen, wartet er auf den nächsten Morgen, um die erfolgversprechenderen Kniffe effektiverer Techniken besseren Wissens am menschlichen Versuchsobjekt anzuwenden. Er dressiert die Liebe der Liebe willen, um endlich geliebt zu werden und richtig zu lieben. Phil Connors (Murray) wurde aus seinem Leben herausgeschmissen, damit er sich selbst erkennt, seine Unzulänglichkeiten reflektiert und Schranken öffnet und Verkrustungen löst und Verbitterungen eingesteht, und der Zynismus zur Ironie bekehrt werden soll, vielleicht zur Ernsthaftigkeit, zur Läuterung, zur kryptischen Läuterung 06:01 Uhr, am 3. Februar.

Dass Harold Ramis' mit ätzender Lakonie überzogener "Und täglich grüßt das Murmeltier" den existenziellen Unterbau zugunsten von zielgruppenorientierten Genreformeln abzufedern gezwungen ist, ist wiederum ebenso logisch wie bedingt tragisch. Dieser Findungstrip ist trotz dem ein oder anderen aufgesetzten Kalauer zu Beginn (wo es noch nicht mitreißt, geschweige denn rundläuft) so oder so ein spielfreudig-selbstreflexives, atemloses Panorama viel zu schnell viel zu oft verstreichender Zeit, aber auch geradezu sanft schwingendes Drehbuchkino aus Wirken, Einwirken und Bewirken je nach Perspektive, Blickwinkel, Figur und deren Verschrobenheiten wie Launen.

Skurrile Typen (Larry! Ned!), geballter Witz (Phiiil!), scharfsinniger Humor (Banküberfall mit Ansage! Massensuizid!), eine hintersinnige Botschaft (habe ein Auge auf deine Mitmenschen!) und 'ne Menge turbulente Erheiterung in den sonst tristen Komödienalltag. Zerstörung und Reinigung für die Liebe und ein bisschen Nettsein. Da musste ein Happy End sein. Wobei: Wenn jetzt einer stirbt, dann stirbt er wirklich, dann lässt sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen, dann ist die Tragik keine Tragik für den Moment mehr. Happy End? Ähm.  

6.5 | 10

Donnerstag, 16. August 2012

"Zombieland" [USA 2009]


In der Tat, dieser fesche, dieser hippe, dieser blutbesudelte "Zombieland" geizt keineswegs mit infantil-brachialem Nonsens, aber "Zombieland" – und das ist schwer in Ordnung – jongliert gekonnt jene Bewegungen aus, die den Nonsens nicht zu Boden fallen lassen. Und eigentlich – und das ist das Beste – umschmeichelt Ruben Fleischers Regiedebüt ja "Shaun of the Dead", er ist sozusagen die amerikanische Nachbaukonstruktion zum britischen Prototyp, um – und das ist das Allerbeste – dessen Schwachstellen aufzudecken, gar zu stopfen.

Experimentierfreudige Genreparodien scheinen langsam en vogue zu werden, doch wo "Shaun of the Dead" noch exorbitant zitatlastig zu Werke ging und an Romero festklebte, dabei fortwährend (ergo: zweite Hälfte) in seiner genretypischen Formelhaftigkeit und monotonen Humorlosigkeit sich genau dem bediente, was er zu parodieren versucht, wirkt "Zombieland" entschieden eigenständiger, gescheiter zusammengezimmert, alles in allem homogener. Fleischer inszeniert weder eine Hommage an einen bestimmten Regisseur noch eine Parodie an ein bestimmtes Interessengebiet, sondern stellt eigene Regeln innerhalb eines eigenen Weltentwurfs auf, die er beachtet, kommentiert, analysiert, paraphrasiert und dekonstruiert, je nach Belieben, während er sie popkulturell in buntes Geschenkpapier einwickelt, so bunt wie die Ideenfülle des darin Verpackten.

Leicht fällt es, dieses Gebräu aus kontinentübergreifender Zombieinvasion, einfühlsamer Romantik und postapokalyptischem Roadmovie zu mögen, geschweige denn zu akzeptieren. Fleischer stellt den adoleszenten Verlierertypen in den Mittelpunkt, Wuschelkopf und Baseballschläger (Jesse Eisenberg). Den uramerikanischen Desperado, Schnellfeuergewehr und die Erinnerung an den Sohn (Woody Harrelson). Die widerspenstige Zicke (Emma Stone). Die nörglige Göre (Abigail Breslin). Alles Rollenbilder von gestern halt, die das umsetzen, was man von ihnen erwartet, die jedoch so frisch wirken, als seien sie erstmals für diesen Film geschrieben wurden.


Einer ungeheuren Spielfreude gleich, metzelt sich dieses launenhafte, unübersehbar feministische Gespann durch eine im wahrsten Sinne des Wortes gemeinte Achterbahnfahrt stillschweigend dämmernder Zombieattacken, die wahre Gefühle untereinander auslösen. Und es ist nicht immer das Adrenalin, die Glücksgefühle nach einer gewonnenen Schlacht. Auch Empathie, Respekt. Liebe. Die postmoderne Visualisierung steht der Geschichte selten im Weg. Fleischer vertraut neben allerlei musikalisch klassisch hinterlegten Zeitlupen auf verschnörkelte Einblendungen in Gestalt jener Regeln, die dem Film Gewicht verleihen. Äußerst selbstironisch kommentieren sie sich permanent dort, wo die Situation(en) es erforder(n)t. Als Jesse Eisenberg gegen Ende den Entschluss fasst, für die Rettung seines Mädchens und damit für die Rettung der Liebe eine seiner wichtigsten Regeln zu brechen ("Spiele nicht den Helden"), kulminiert der Witz, sich nicht an Genremechanismen per se zu laben.

Weiterhin bekommt jede Figur ihre in den Plot eingeschobene Rückblende. Somit werden Verhaltensmuster nachvollziehbar. Das ist simpel gedacht, aber häufig sind die simpelsten Mittel die effektivsten, wenn man ihnen nicht ihren vermeintlich langen Bart vorhält. Dass es endlich einmal einen Zombiefilm gibt, der zivilisationskritische Ansätze ausspart, um den (lebenden) Menschen dabei über die Schulter zu schauen, wie er sich nicht auffressen lässt und beinah gegen sich selbst kämpft, ohne hintergründigen Gedanken, ohne Subtext, ohne alles, nur der Unterhaltung willen, dann liegt darin der beißende Sarkasmus Richtung Publikumsverarsche.

Beispiel: Ein in seiner Grausamkeit schier nicht zu begreifendes Selbstmordkommando mutiert binnen weniger Augenblicke zur professionellen Betrügerei zweier tougher Weiber. Und das sattsam Genrebekannte zum Unvorhersehbaren. Man könnte dem Film höchstens seine kontinuierlich ungelenkeren CGI-Shots mit viel unschönem CGI-Blut vorhalten, ebenso wie die etwas lange Sequenz des ohnehin etwas vor sich hin plätschernden Mittelteils in Bill Murrays Eigenheim, die den rasanten Verfolgungstenor erheblich schmählert. Doch allein ebenjener vorangegangene Murray-Auftritt reicht aus, um einiges zu übertünchen. Der ist nämlich so wunderbar Metaebene, der feiert ein Comeback der Filmleiche der Filmleiche, um sie hinterrücks zu erschießen. Motto: It's "Bill Fucking Murray!"

Letztendlich bleiben – und das ist das Allerallerbeste – sentimentale Gedanken anonymer Gestalten übrig, die gar nicht so dumm sind, wie sie der Zuschauer gern empfingen würde. Beides. Anarchie kann manchmal ganz schön befreiend sein. Und selbst für eine süße Leckerei lohnt es sich allemal zu kämpfen, wenn die Welt dadurch ein Stück weit bedachtsamer in sich hineinlauscht.       

6 | 10