Story:
In den malerischen Wäldern von Vermont wird ein toter Mann aufgefunden. Absolut untypisch für einen Mord fühlen sich gleich drei Personen für dessen Tod verantwortlich: Ein pensionierter Seebär, eine ältere Dame und ein junges, hübsches Fräulein. Gemeinsam für sich allein wird jetzt versucht, den Toten entsprechend heimlich loszuwerden und ihm seine letzte Ruhe zu gewähren. Doch Harry scheint nichts in seinem Grab halten zu können...
Kritik:
Für nicht wenige Menschen würde der unerwartete Fund einer Leiche womöglich schwere seelische Schäden nach sich ziehen, vielleicht sogar dafür sorgen, dass man für absehbare Zeit nicht mehr Herr seiner Sinne sein kann. In Alfred Hitchcocks Krimi-Komödie "Immer Ärger mit Harry" (1955) verhält es sich dann doch ein wenig anders, ein wenig "exotischer". Basierend auf Jack Trevor Storys Roman, war "Immer Ärger mit Harry" ein filmisches Experiment seines Regisseurs ("Das Fenster zum Hof"; "Psycho"), um hauptsächlich zu beobachten wie das Publikum auf besonders schwarzen, englischen Humor reagiert, der in der Handlung als wichtigstes Stilmittel interpretiert werden kann. Nicht gerade gut, würde sich bald herausstellen, schließlich wurde der Film vor allem von den Medien und den Zuschauern gnadenlos zerrissen und ging somit recht schnell unter. Wie im Falle des (Meister-) Werkes "Vertigo - Aus dem Reich der Toten" (1958), das erst Jahre später seinen ihm zustehenden Ruhm erhalten hatte, leider zu unrecht. Denn "Immer Ärger mit Harry" ist ein wahres Kleinod von einem Film. Er bringt insofern alles mit was einen echten Hitchcock ausmacht, und doch ist er aufgrund einiger Konventionen, die der Regisseur ad acta legt, kein typischer Hitchcock, fällt somit also stark aus der Bahn. Anstatt auf obligatorische Suspense-Elemente, darunter Thrill und die Suche nach einem Mörder, zurückzugreifen, lässt der Altmeister seine Protagonisten, die ausnahmsweise mal nicht nach Geld, Macht oder der Weltherrschaft streben, lieber reden und reden und reden. Statt einem düsteren, kalten und raffinierten Setting, liegt der Fokus auf einem ländlichen Sommer-Idyll, das von Robert Burks ("Der unsichtbare Dritte"; "Die Vögel") entsprechend heiter, fröhlich und in herbstlichen Farben kameratechnisch eingefangen und zum Teil mit durchaus skurrilen Einstellungen veredelt wurde. So verhält es sich auch mit Bernard Herrmanns´ ("Marnie"; "Taxi Driver") fröhlicher, durch und durch einladenden Partitur, die dem Charakter der bunten Landschaft in nichts nachsteht, und die den Anfang einer längjährigen, daher bedeutenden Zusammenarbeit mit dem Meisterregisseur markierte. Und doch ist "Immer Ärger mit Harry" etwas Besonderes. Im Kontext mit Hitchcocks Filmographie gar etwas Einzigartiges.
Das liegt in erster Linie an diversen, narrativen Situationen, aus denen dann bestimmte humoristische Einlagen hervorgehen. Makabre Situationen. Situationen, die von grotesken Wendungen leben. Man redet von einer Leiche, flucht und lästert über sie, wirft sie in die Badewanne, gräbt sie aus, nur um sie im nächsten Augenblick wieder zu begraben, als sei es das Natürlichste auf der Welt. Von irgendwelcher Trauer keine Spur. Das Ganze dann unter einem stets pragmatischen Blickwinkel liebevoll gezeichneter Charaktere, die sich fernab etwaiger aufregender Weltereignisse bewegen. Getragen wird der Film neben diesen morbiden Vorgängen vor allem durch eine ungeheure Dialogvielfalt. Dialoge, die von sarkastischen Seitenhieben und zynischen, ja, sogar sexuellen Anspielungen leben. Zweiffelos überrascht John Michael Hayes mithilfe eines jeden einzelnen, zugegebenermaßen trockenen Wortgefechts den Zuschauer, in dem er die dadurch ungemein amüsant werdende Story jedesmal in einem anderen Licht erscheinen lässt. Nur hier und mal da ist der manchmal aufkeimende Slapstick etwas zu viel des Guten, nur an dieser und an jener Stelle wirkt das Drehbuch zu kontruiert, was sich gerade im, obschon witzigen, Finale bemerkbar macht. Größte Sympathie findet sich aber definitiv in den Figuren wieder. Unmoralisch und beinah skrupellos hantieren sie mit dieser Leiche, plappern nebenbei gar über unwichtige Dinge. Über Harry, der einem in der Tat nichts als Ärger macht, aber auch über die landschaftliche Idylle und über menschliche Probleme. De facto alte, sich um nichts kümmernde, kleine, jedoch wirklich nette Zeitgenossen, die nicht zuletzt durch ein illustres Darstellerensemble - darunter John Forsythe ("Kaltblütig"; "Die Geister, die ich rief") als hoffnungslos unbegabter und erfolgloser „Künstler“ Sam Marlowe, Shirley MacLaine ("Ein Fressen für die Geier"; "Magnolien aus Stahl") als durchaus nett anzuschauende Jennifer Rogers oder der als Highlight fungierende Edmund Gwenn ("Unser Leben mit Vater"; "Formicula") als im wahrsten Sinne des Wortes glückloser Capt. Albert Wiles - glaubhaft funktionieren.
Fazit:
Letztendlich werden all jene enttäuscht werden, die sich von "Immer Ärger mit Harry" den für den Filmemacher typischen Spannungsreißer versprechen. Doch weit gefehlt. Hitchcock schert sich diesmal nicht um psychologische Abgründe, Schrecken, Gewalt, Tod und Kampf. Er zerstört seinen ursprünglichen Plan und kehrt seine Technik mit erschreckender Leichtigkeit einfach um. Dabei ist eine höchst vergnügliche, schwarzhumorige, unverwechselbar charmante und bissige, aber an keiner Stelle realistische Komödie vor malerischer, ja, leicht surrealer Kulisse herausgekommen, die nur einen kleinen, eher sanften Krimianteil in sich trägt, deren Komik vorzugsweise dem Understatement entspringt und alles in allem mehr als nur unterschätzt ist.
8,5/10


Schönes Review. IÄMH habe ich leider noch nicht gesehen, aber demnächst fang in ein Hitchcock-Special an (da meine Box aus England endlich eingetrudelt ist :D) und da werde ich mir den Film auch mal zu Gemüte führen. Dein Review macht jedenfalls Lust :)
AntwortenLöschenDann viel Spaß beim Sichten. Weißt schon, welche Filme sich unter diesem "Special" verbergen?
AntwortenLöschenNe, noch keine Ahnung. Ich weiß auch noch gar nicht, in welcher Form ich das mache.
AntwortenLöschenAch komm! 14 (Ich vermute du has dir dieselbe Box aus GB geordert wie ich) Monster-Reviews zu 14 Hitchcokcs und dann kannst du dich zur Ruhe setzen. ;-)
AntwortenLöschenDann glühen die Finger :P
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