Mittwoch, 20. Juni 2018

"Cargo" [AUS 2017]


Unter sämtlichen mediokren Netflix-Eigenproduktionen stachen zuletzt zwei Filme heraus, die eine künstlerisch gewagtere "Eigenständigkeit" gegenüber einem sonst fabrikmäßig bearbeiteten und sich nach George A. Romero redundant auf die Schulter abklopfendem Genre bewiesen. Wo "Hungrig" eine Gruppe zufällig vermischter, spleeniger Überlebender zeigte, die Landstriche, bestehend aus abseitigen Wäldern und Wiesen, durchstreifen, um sich vor einer Horde Zombies zu schützen, die Stühle auftürmen und sich davor innig finden, abstrahieren Yolanda Ramke und Ben Howling in "Cargo" eine vergleichbare Ausgangsprämisse willentlich zu einem familiären Fatalismus im australischen Outback. "Hungrig" war, aller enigmatischen Entschleunigung zum Trotz, vor allem ein Genrevertreter, der auf Genrevertreter verwies; der Film zelebrierte nicht nur postmodernen Schlächterwitz, sondern gefiel sich in dieser Rolle, flintenschwingend cool und karikaturesk, oft maßstabsgetreu, selten menschlich zu sein. Ramke und Howling hingegen interessieren sich für jene, die zwar überlebt haben, aber paradoxerweise nicht überleben werden. Der menschliche Spannungsreichtum in "Cargo" – angesichts eines unwirtlich geöffneten Raums – ist mickrig, schmächtig. Kein triumphaler Rausch treibt die Figuren an. Ihre Leidenschaften wurden trockengereinigt und entwertet in einer sandigen Zeit: "alles älter als Mensch und voller Geheimnis."

Diese aus Cormac McCarthys Meisterwerk "Die Straße" zitierte letzte Zeile passt zu "Cargo". Hier wie dort ist das Band stark, das zwischen einem Vater und seinem Kind eine Verbundenheit existenzieller Unbedingtheit und damit einen Rückzugsort ausdrücklicher Empfindung repräsentiert. Hier wie dort ist das Kind weit mehr als ein Kind. Es ist Metapher und Symbol, ein Fanal am Firmament, das Hoffnung verspricht oder, mindestens, andeutet. In "Cargo" heißt dieses Kind Rosie (Lily Anne McPherson-Dobbins, Marlee Jane McPherson-Dobbins), dessen Vater heißt Andy (Martin Freeman). Andy trägt Rosie beherzt im Rucksack, und währenddessen gedeihen die kleinen Wunder in der Beziehung beider, im Liebesplausch, im Vertrösten (mit Parfum), im Spiel und im Spaß. Die Situation, in der sie sich befinden, ist todernst: Rosie hat ihre Mutter (Susie Porter) verloren und Andy, letzter Verbliebener eines entzweigerissenen Familientorsos, hat nach einer Bisswunde 48 Stunden Zeit, seinem Kind eine Überlebenschance einzuräumen, ehe auch er sich "verwandelt" – in ein Ding schleimigen, verwesenden Schlurfens. Was "Cargo" auszeichnet, ist demzufolge die Perspektive, wie ein existenzialistisches Vorwärts ausschließlich unter der Empathie reziproken Nutzens gelingen kann. Die "Zombies" (oder "Infizierte") müssen dabei Fragmente sein, und sie sind folglich unberechenbare Kreaturen, Versuchsgegenstände, an denen sich menschliches Verhalten ableitet. 

"Cargo" gesellt sich insofern zu der Riege an Zombie- und Infiziertenfilmen, die zugleich soziologische Analyse sind, weil sich dessen Figuren an der Peripherie des Ausdrucks und Austauschs bewegen. Denn wo, wenn nicht in der Landschaft Australiens, verlieren sich Norm- und Moralsysteme in der Unendlichkeit der Weite, wenn nicht in Australien? Ramke und Howling entpolitisieren ein verwaistes Land und eine öde Westernwüstensiedlung, zurückgeworfen auf Träume und Hochstimmungen naturarchaischer Klischees. Die Menschen bilden zwei Gruppen, eine mit Infiziertenarmband, eine ohne. Daraus schöpft der Film seine Eindringlichkeit – in der suizidalen Entscheidung, bevor das Grab höchstselbst ausgehoben wird. Mag die Kausalkette der Protagonisten fast konstruiert mit der verhängnisvollen Suche nach einem Rasierer (!) unvermeidlich auf ihr Schicksal zusteuern, so verlieren die Regisseure zu keiner Zeit Andys Odyssee über Stationen unweit des Flusses aus dem Auge, Stationen wie ein Krankenhaus und eine Militärbasis, die allesamt von Zersetzung und Auszehrung, von einer Melancholie der Vereinzelung, künden. Wenn Andy Vic (Anthony Hayes), einem Jäger und Sadisten, begegnet, entwickelt sich der Film für kurze Momente zu einem reißerischen und grob kapitalismuskritischen Thriller. Eine Entwicklung, die "Cargo" gar nicht nötig gehabt hätte, weil sich der Thrill gerade in der Anteilnahme entzündet.

6.5 | 10

Freitag, 15. Juni 2018

Mittwoch, 13. Juni 2018

"Die unglaubliche Geschichte des Mr. C" / "The Incredible Shrinking Man" [USA 1957]


Paul Auster schwärmte in "Bericht aus dem Inneren" von einer seiner elementarsten Erfahrungen, er, der Filmeschwärmer, Wundersucher, Paul Auster, der, der mindestens genauso häufig Kino lebt wie Papier anhäuft. Auster erinnerte sich darin an einen Film, der sein Denken prägte, seine Persönlichkeit transzendierte – "Die unglaubliche Geschichte des Mr. C". Was mag der Auslöser sein, welches Wunder mag Auster erkannt haben? Es ist das Wunder, klein zu sein, kleiner zu werden, winzig klein. Und alles nebenher, oben, unten, rechts, links, gilt es zu überwinden. So führt Scott Carey (groß: Grant Williams) angesichts der (medizinisch unerklärlichen) Auswirkungen einer Giftwolke, in die er hineingeriet, einen kosmischen Überlebenskampf – gegen seine Hauskatze, ein Streichholz, Kellerüberschwemmungen sowie gegen eine Spinne um Nahrung. Auf den zweiten Blick scheint Scott Carey wahrlich der letzte Mensch zu sein, erst verwissenschaftlicht, dann existenziell allein, geworfen in eine Situation, die die Dinge auf den Kopf stellt. Was Auster hierin fand, liegt nicht nur an der tricktechnisch aufopferungsvollen Materialverzerrung: Tiere und Gegenstände wachsen buchstäblich über sich hinaus, werden bedrohlich, hypnotisch gar. Scott Carey wächst ebenso über sich hinaus, und obwohl die Dinge verloren, vergessen, unbedeutend scheinen, erinnert uns die Erinnerung an sie trotzdem an deren Wert im Universum verlorener, vergessener, unbedeutender Sterne.

6 | 10 

Freitag, 8. Juni 2018

Gesehenes - Mai 2018


"Five Came Back" //5
(USA 2017 | Laurent Bouzereau; Netflix)

"Dark" //6
(D 2017 | Season 1; Netflix)

TV-Folge: "Twin Peaks" - 1x01 | "Pilot"
(USA 1990 | David Lynch; Blu-ray)

"Twin Peaks - Der Film" //7.5
(USA, F 1992 | David Lynch; Blu-ray)

"Twin Peaks: The Return" //9
(USA 2017 | Season 3; Blu-ray)

TV-Folge: "Westworld" - 2x02 | "Reunion"
(USA 2018 | Vincenzo Natali)

TV-Folge: "Westworld" - 2x03 | "Virtù e Fortuna"
(USA 2018 | Richard J. Lewis)

TV-Folge: "Westworld" - 2x04 | "The Riddle of the Sphinx"
(USA 2018 | Lisa Joy)

TV-Folge: "Westworld" - 2x05 | "Akane No Mai"
(USA 2018 | Craig Zobel)

TV-Folge: "Westworld" - 2x06 | "Phase Space"
(USA 2018 | Tarik Saleh)

TV-Folge: "Haus des Geldes" - 1x01 | "Efectuar lo acordado"
(E 2017 | Jesús Colmenar; Netflix)

TV-Folge: "Sense8" - 1x01 | "Limbic Resonance"
(USA 2015 | Lana Wachowski, Lilly Wachowski, J. Michael Straczynski; Netflix)

TV-Folge: "Bloodline" - 1x01 | "Part 1"
(USA 2015 | Johan Reck; Netflix)

"Der Feuerwehrball" //5
(CSSR 1967 | Miloš Forman; YouTube)

"Taking Off" //6
(USA 1971 | Miloš Forman; DVD)

"Einer flog über das Kuckucksnest" //10
(USA 1975 | Miloš Forman; Blu-ray)

"Amadeus" //8.5
(USA 1984 | Miloš Forman; Director's Cut/Blu-ray)

"Larry Flynt" //7
(USA 1996 | Miloš Forman; DVD)

"Star Wars: Episode VII - Das Erwachen der Macht" //5
(USA 2015 | J. J. Abrams; Blu-ray)

"Star Wars: Episode VIII - Die letzten Jedi" //3
(USA 2017 | Rian Johnson; Blu-ray)

"Solo: A Star Wars Story" //5
(USA 2018 | Ron Howard; 3D/Kino)

"Zelle R 17" //7
(USA 1947 | Jules Dassin; Blu-ray)

"Rififi" //5
(F 1955 | Jules Dassin; DVD)

"Die unglaubliche Geschichte des Mr. C" //6
(USA 1957 | Jack Arnold; Verleih-DVD)

"Das Loch" //8
(F 1960 | Jacques Becker; Blu-ray)

"Der Untergang" //4
(D, I, RUS, Ö 2004 | Oliver Hirschbiegel; Kinofassung/Verleih-DVD)

"A Ghost Story" //6
(USA 2017 | David Lowery; Verleih-DVD)

"Detroit" //6
(USA 2017 | Kathryn Bigelow; Verleih-Blu-ray)

"Bright" //5
(USA 2017 | David Ayer; Netflix)

"Notwehr" //4
(CHINA, HK 2017 | John Woo; Netflix)

"The Cloverfield Paradox" //3
(USA 2018 | Julius Onah; Netflix)

Mittwoch, 6. Juni 2018

"Notwehr" / "Manhunt" [CHINA, HK 2017]


Eine weiterhin traurige Feststellung ist, dass das Kino keinen John Woo mehr braucht. Nach seinem Hongkong-Abschiedsbonbon "Hard Boiled" (Füllung: explosiv) und ein, zwei amerikanischen Achtungserfolgen ("Harte Ziele", "Im Körper des Feindes") sackte Woo ähnlich schwerfällig zu Boden wie jene zugeschossenen Körper, denen er ein Mausoleum baute. Ehemals Maestro selbstzerstörerischer Todesballette, verklammert Woo in "Notwehr" (von Netflix abgenickt) gelangweiltes Inventarausräumen mit dem letzten psychedelischen Flackern – ein Aufbäumen, ein finales Aufbäumen, glorreich zu scheitern. Tatsächlich existiert eine Unmenge an Filmen, die faszinierend scheitern, weil deren Brüche unendlich mehr preisgeben, als die glattesten Makellosen unter ihnen. "Notwehr" gehört nicht dazu. Die "Lust" ist Woo lange abhandengekommen. Die Zeit hat Woo überlebt, aber auch gezeichnet. Obwohl der Filmemacher in "Notwehr" den Glanz und die Glorie jüngerer Jahre zu konservieren gedenkt, meistert der Film gerade nicht den Sprung über einen selbstironischen Ermüdungschwitzkasten hinaus. Höchstens, mit zugedrücktem Auge, erwacht Woo pünktlich zum Showdown in einem Supersoldatenlabor, in dem allerhand Glas zu Bruch geht und die Funken auseinanderstieben. Bis dahin wartet der Zuschauer geschlagene 90 Minuten. In diesen 90 Minuten ist "Notwehr" derart mit Überlagerungsfetisch beladen, dass Erzähllästigkeit entsteht. 

Woo erzählt die ausgelatschte verschwörungswissenschaftliche Geschichte eines Anwalts (Hanyu Zhang), der neben einer Leiche erwacht und auf der Flucht fortan seine Unschuld zu beweisen versucht. Unfreiwillig zur Seite steht ihm ein auf Kindergeiseln spezialisierter Superbulle (Masaharu Fukuyama), der den Chow-Yun-Fat-Gedächtnispreis sicher haben dürfte. Während der Ermittlung wird er dabei von einer nicht ganz sichtbar verliebten Assistentin (Nanami Sakuraba) und einer ganz sichtbar verliebten Profikillerin (Ji-won Ha) behindert. Wo ein sinnlicher, sakraler, überlebenswichtig aufgeheizter Romantizismus unverzichtbarer Bestandteil der Filmgrammatik Woos war, wenn sich Weltlichkeit und Religiosität vor dem Beginn eines historischen Gladiatorenkampfes konzentrierten, gerät in diesem Film die Liebe (zur Waffe, zum Augenblick) vor allem zum spießig-niedlichen, verkrampften Flirt unter Kollegen. Der Zeitgeist verlangt es, dass Woo seinem Helden zusätzlich ein Trauma andichten muss. Die Kunstfigur, die Chow Yun-Fat einst etablierte – abgeklärt, abgezockt, abgehärtet – darf nicht mehr nur schießen und prügeln und sich einem Befreiungspathos fügen, sondern muss die Tendenz zum Sinn aufweisen. Die Skelettierung ästhetischer zeremonieller Embleme fordert auch an anderer Stelle ihren Tribut: Eine Taube behindert das Schussfeld und ermöglicht damit ein groteskes Ausweichmanöver. Die Parodie parodiert sich selbst. 

Impulsive Schnitte sind hierbei ein Zugeständnis an den postmodernen Actionfilm, der, die eigene Körperlichkeit verratend, ohnehin Gegenteiliges bewirkt und fast weich, aufgeweicht sich an den Standards adoleszent verkulteten Großmaulkinos orientiert. Die Physis der im Kugelhagel Tanzenden, Geschwindigkeitsdehnungen und wirbelnde Körper – in "Notwehr" ist Woo nicht imstande, eine einzige lebhafte Actionsequenz außerhalb des Finales unter Einbeziehung einer geschickten, traumtänzerischen Montage zu entfesseln. Das hat keinen Druck, Drang mehr, keine Kinetik, ist mehr denn je altersmüde Fassadenzerstückelung, bei der das Material aus Gummi besteht. Ungewohnt für Woo-Verhältnisse, zeigt sich, als Austausch dessen, vielmehr narratives Brachland, das von Unschuld zu Mord zu Medikamentenmissbrauch zu Frankensteins Monster allgewaltig zur Breite tendiert, so dass es nicht mehr allein dem nichtkontrollierbaren Superbullen gelingen kann, die Spannung zu lösen. Er muss sich mit dem Verdächtigen arrangieren, dem Feind, der Freund, Mensch, allerbester Freund wird. Die Brüderlichkeit ungleicher, in einander widersprechenden moralischen Überzeugungen wurzelnden, sozialen Außenseitern ist ein John-Woo-Motiv. Jetzt jedoch karikiert Woo das Gefühl beiderseitiger leidenschaftlicher Abhängigkeit insoweit, dass das Weltgewicht, das in den John-Woo-Klassikern einst über den gelähmten Blick Poesie freisetzte, auf Handschellen ohne Schlüssel liegt. Symbolisch.

4 | 10

Sonntag, 3. Juni 2018

Fernsehtipps Film (04.06. - 10.06.2018)


MONTAG, 04.06.2018

"Dünkirchen, Juni 1940"
[00:15 Uhr, NDR]
(F, I 1964 | Henri Verneuil)

"Herbert" [01:15 Uhr, ONE]
(D 2015 | Thomas Stuber)

"Mustang" [01:50 Uhr, Arte]
(TRK, F, D, KAT 2015 | Deniz Gamze Ergüven)

"Der weiße Hai" [01:55 Uhr, RTL II]
(USA 1975 | Steven Spielberg)

"Die Hexen von Salem" [21:55 Uhr, Arte]
(F, DDR 1957 | Raymond Rouleau)

"Spooks - Verräter in den eigenen Reihen" [22:15 Uhr, ZDF]
(GB 2015 | Bharat Nalluri)

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DIENSTAG, 05.06.2018

"Cloud Atlas" [00:00 Uhr, HR]
(D, USA, HK, SING 2012 | Tom Tykwer, Lana Wachowski, Lilly Wachowski)

"Operation - Broken Arrow" [00:40 Uhr, Kabel]
(USA 1996 | John Woo)

"The Program - Um jeden Preis" [20:15 Uhr, 3sat]
(GB 2015 | Stephen Frears)

"Der rosarote Panther kehrt zurück" [20:15 Uhr, Nitro]
(GB, USA 1975 | Blake Edwards)

"Der Postmann" [22:15 Uhr, Servus TV]
(I, F, B 1994 | Michael Radford)

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MITTWOCH, 06.06.2018

"Therapie" [00:25 Uhr, ARD]
(D 2016 | Felix Charin)

"Son of Saul" [00:25 Uhr, Arte]
(UNG 2015 | Laszlo Nemes)

"Unterwerfung" [20:15 Uhr, ARD]
(D 2018 | Titus Selge)

"Dallas Buyers Club" [20:15 Uhr, Arte]
(USA 2013 | Jean-Marc Vallée)

"Transfer - Der Traum vom ewigen Leben" [22:25 Uhr, 3sat]
(D 2010 | Damir Lukacevic)

"In der Lüge gefangen" [23:00 Uhr, RBB]
(USA 2010 | John Curran)

"Ein letzter Tango" [23:25 Uhr, WDR]
(ARG, D, I 2015 | German Kral)

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DONNERSTAG, 07.06.2018

"Mord mit kleinen Fehlern" [00:45 Uhr, Arte]
(USA, GB 1972 | Joseph L. Mankiewicz)

"Der längste Tag" [20:15 Uhr, Tele 5]
(USA 1962 | Ken Annakin, Andrew Marton, Bernhard Wicki)

"Im Todestrakt" [22:15 Uhr, Arte]
(SAFR, USA, D 2016 | Oliver Schmitz)

"GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia" [22:50 Uhr, Kabel]
(USA 1990 | Martin Scorsese)

"Sascha" [23:25 Uhr, WDR]
(D 2010 | Dennis Todorovic)

"Pawlenski - Der Mensch und die Macht" [23:45 Uhr, SWR]
(D 2016 | Irene Langemann)

"Die Flucht" [23:50 Uhr, Arte]
(TRK, D 2016 | Kenan Kavut)

"Steiner - Das Eiserne Kreuz" [23:55 Uhr, Tele 5]
(GB, BRD 1977 | Sam Peckinpah)

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FREITAG, 08.06.2018

"Fahrraddiebe" [01:25 Uhr, Arte]
(I 1948 | Vittorio De Sica)

"Die Unbestechlichen" [01:40 Uhr, Kabel]
(USA 1987 | Brian De Palma)

"Die letzten Tage der Emma Blank" [21:00 Uhr, ONE]
(NL 2009 | Alex van Warmerdam)

"Crossing Over - Der Traum von Amerika" [22:25 Uhr, 3sat]
(USA 2009 | Wayne Kramer)

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SAMSTAG, 09.06.2018

"The Fighter" [20:15 Uhr, Servus TV]
(USA 2010 | David O. Russell)

"Die nackte Kanone 33 1/3" [20:15 Uhr, Super RTL]
(USA 1994 | Peter Segal)

"Gorky Park" [22:20 Uhr, Servus TV]
(USA 1983 | Michael Apted)

"Panic Room" [23:05 Uhr, RTL II]
(USA 2002 | David Fincher)

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SONNTAG, 10.06.2018

"Drag Me to Hell" [00:25 Uhr, ZDF]
(USA 2009 | Sam Raimi)

"Dracula" [01:55 Uhr, ZDF]
(USA, GB 1979 | John Badham)

"Stirb Langsam 4.0" [02:05 Uhr, Sat. 1]
(USA, GB 2007 | Len Wiseman)

"RoboCop 2" [03:00 Uhr, RTL II]
(USA 1990 | Irvin Kershner)

"Ein Goldfisch an der Leine" [03:40 Uhr, ZDF]
(USA 1964 | Howard Hawks)

"Adieu, Bulle" [20:15 Uhr, Arte]
(F 1975 | Pierre Granier-Deferre)

"Juniors freier Tag" [20:15 Uhr, Disney Chan.]
(USA 1994 | Patrick Read Johnson)

"Soldier Blue - Das Wiegenlied vom Totschlag" [22:30 Uhr, Tele 5]
(USA 1970 | Ralph Nelson)

"Mr. Morgans letzte Liebe" [23:50 Uhr, ARD]
(D, B, USA, F 2013 | Sandra Nettelbeck)

rot: besondere Empfehlung vom Autor des Hauses; teils sehr selten oder gar erstmals im TV

[Angaben ohne Gewähr]

Mittwoch, 30. Mai 2018

"Solo: A Star Wars Story" [USA 2018]


Würde man eine Strichliste verlorener Dinge führen, die zurück ins Bewusstsein gelangen, so müsste man unangenehm viele Striche kritzeln. Beständig erinnern uns die Post-Lucas-"StarWars"-Filme an diese Dinge, die wir zwar gesehen haben, aber immer noch und immer wieder sehen. "Star Wars" ist zyklisch, alles wiederholt sich, kehrt um, kehrt zurück. Das muss nicht schlecht sein, aber ein Zuhause bleibt nur dann Zuhause, wenn wir es auch einmal zeitweise verlassen – und uns freuen, wenn wir wieder dort ankommen und uns ob unserer Erwartungen und Bedürfnisse nach Sicherheit und Geborgenheit wie in Watte einkuscheln. Nach "Solo: A Star Wars Story" ist die notwendigste Frage die: Wie oft noch? Dejarik. Thermaldetonatoren. Glückswürfel. Wie oft noch? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die anthologischen "Star–Wars"-Filme multiperspektivischere Betrachtungen anbieten und damit ein Universum in dessen unterschätzten Seitensträngen kommentieren. Schlau wird allerdings keiner aus "Solo: A Star Wars Story". Nicht aus der titelgebenden Figur, nicht aus dem, womit sie sich uns präsentiert. Das Paradoxe daran ist, dass dieser expositionspathologische Beitrag lediglich jene alten Erzählungen Han Solos zu belanglosen, kalten, vorhersehbaren Illustrationen verpinselt, die vorher, als man sie nur aus Dialogen und Handlungen kannte, größeres Gewicht besaßen. Aus diesem Grund hat Kathleen Kennedy, haben die Kasdans versagt. 

War Han Solo Mythos wie Typ, Schwätzer wie Romantiker, durchbrachen seine Marotten dennoch niemals ein Mysterium, das ihn erst deshalb zu einer irrlichternden Gestalt werden ließ. Der neue Han Solo (Alden Ehrenreich) stattdessen muss sich ein aufgepapptes Grinsen antrainieren, muss zu unmöglichsten Zeiten einen coolen Spruch rotzen und muss auf die Liebe hereinfallen. Alles wie gehabt, alles auf Anfang. Aber überzeugen will das nicht, kann es nicht. Ehrenreich ist routiniert, aufmerksam und voller Tatendrang. Es nervt nicht, ihm zuzuschauen, auch wenn das Vorbild so schwer zu erreichen ist. Glauben will man ihm Han Solo nur nicht, dafür mäandert sein Spiel zu abgeklärt, zu statisch, Dienst nach Vorschrift zu verrichten. Angesichts all' der Glätte schafft es Ehrenreich nicht, den Individualismus dieser ikonischen Weltenwanderfigur aufzunehmen und zu transformieren: ein spontanes Pathos, eingebettet in Tollkühnheit, Gammelei und Warmherzigkeit. Das war Han Solo. Vielleicht ist aber das der Han Solo Disneys: Ein Han Solo, der sich zähmen lässt, zahnpastarein grinst, das Chaos von sich weist und einfach da ist. Sein Name ist jedoch nicht Präsenz genug. Das beweist der Film hinlänglich. Vielleicht beweist er etwas anderes – dass Han Solo, ausformuliert als Protagonist, sichtlich langweiliger erscheint denn als Querkopfdenker, der zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sich süffisant auf das Gegebene beugt und fortgerissen wird.


Ein fortreißendes Moment verspricht dagegen das hochprofessionelle Schauspieltrio um ihn herum. Donald Glover, Paul Bettany und Woody Harrelson haben keine Mühe, sich zu behaupten. Mit ihnen überträgt sich ein Konzept fühlbaren Drecks, aber auch gefälliger Chuzpe auf eine zuvor steril-stilisierte "StarWars"-Attitüde, das in der Verschlagenheit, gleichfalls im Suff wie Sud rau, diffus und unnahbar daherkommt. "Solo: A Star Wars Story" hat insofern etwaige Parallelen mit "Rogue One: A Star Wars Story", wenn das Magische zugunsten des Überlebens eingedampft wird und in unübersichtliche, merklich "verweltlichte" Flucht- und Kriegszustände mündet. Aus den Figuren, die diesen Schmutz, Verfall umrahmen, aus Lando (Glover), Dryden (Bettany) und Tobias Beckett (Harrelson), hat der zur Produktion als Helfer in der Not hinzugestoßene Ron Howard gleichwohl keine Vision. Auf kaum konventionelleren Wegen zerteilt er den Fortlauf der Handlung, der es gebietet, dass die Nebencharaktere kaum emotionsloser angeordnet und wiederum kaum emotionsloser weggeschubst werden. Während Lando in einer schummrigen Glücksspielspelunke dem Film affektiertes Augenzwinkern einhaucht, beschränken sich die bösen Gesten des bösen Dryden auf Drohungen, die ein fleischliches Kopfwutmuster zur Folge hat. All' diese Typen, im Sinne des Typen Han Solos, der er einmal war, sind dennoch mehr Unverwechselbarkeit als jener Titeltyp. 

Ungeachtet der eher unausgefüllten Rollen Thandie Newtons und Emilia Clarks, wechselt Howard folgerichtig gröbere Szenenfragmente (gipfelnd in einem heroischen Minenaufstand) mörderisch rasant, wodurch der Film selbst über kontemplative Minuten der Trauer und einer Freundschaft brettert, die haarig, aber erst umso herzlicher auf Liebe beruht. Daher ist "Solo: A Star Wars Story" lieber ein dröhnender Lustapparat, übervoll mit Heist-Action (herausgehoben spektakulär auf einem Zug) und Creature-Irrsinn (innerhalb des geheimnisumwitterten Parsec-Ritts), verleimt zu karnevaleskem Rummel. Als die eigene Bedeutungslosigkeit verzweifelt kaschierender Blockbuster, von dem, Gegenteiliges ausschließend, überhaupt nichts Substanzielles bleibt, weder im Gedächtnis noch im Poesiealbum des Sternenkriegs, wird der Zuschauer in ihm für über zwei Stunden, teils ohne Zweifel schwungvoll, eingeladen, an einer Reise an deren Ursprung teilzunehmen, die von einer Schlammgrube aus Film- und Mythengeschichte schreiben sollte. Dass es sich die Kasdans nicht verkneifen konnten, wiederholt einen unausstehlichen Droiden zu implementieren, liegt in der Natur ihrer verqueren Albernheit: L3-37 (Phoebe Mary Waller-Bridge) ist als feministischer Metakommentar zu verstehen, der durch Spott und Infantilität sich aber schröpft denn schöpft. "Star Wars" sucht nach Zielen, Erkundungen und Fingerspitzengefühl. "Star Wars" ist zyklisch.

5 | 10

Freitag, 25. Mai 2018

"Zelle R 17" / "Brute Force" [USA 1947]


Wie schon in Kafkas dystopischer Erzählung "In der Strafkolonie" gelingt es "Zelle R 17", Dualismen politisch brisant auszuformulieren, die in Beziehung gesetzt werden zu einer jeweils individuellen und apodiktisch vertretenen Rechtsauffassung. In Gestalt des angehenden Gefängnisdirektors Capt. Munsey (Hume Cronyn), dem schnell daran gelegen war, das Abraham-Lincoln-Porträt seines Vorgängers gegen ein Selbstporträt auszutauschen, sowie in Gestalt des allzeit beschwipsten Gefängnisarztes Dr. Walters (Art Smith) verlagert Jules Dassin ein Essay über gerechte Bestrafung in den Subtext: Nicht unbedingt die bleihaltigen Exploitation-Anleihen oder die sich längst verselbstständigende Sentimentalität gegenüber dem "Draußen" machen aus "Zelle R 17" einen angestrengt unangestrengten Film, sondern dessen Pulverfass entlang eines verqueren Sozialdarwinismus, der herausgefordert wird von Anklagen liberalerer Rechtspraxis. Burt Lancaster wirkt ideal besetzt, derartige Ideen zu tragen. Sein Körper bewegt sich aufreizend vorsichtig, quälend zeitlupenhaft gar, aber auch fest, widerstandsfähig, die Wohlgeordnetheit und die Zwänge zur Anpassung ethisch, später körperlich zu hinterfragen. Mit vergleichsweise plakativen Mitteln – atmosphärischem Dauerregen zu Beginn, der an den Gitterstäben abläuft – erinnert Dassin an eine bessere Zeit, gleichfalls an diese Zeit, in der ein müder Haufen ein letztes Mal menschlich alle Register zieht. Dieses Verständnis humanistischen Verstehens mag dick aufgetragen sein, aber es beschert diesem (ein wenig vergessenen) Film innere, ergreifende Überzeugung.

7 | 10

Freitag, 11. Mai 2018

"Das Loch" / "Le Trou" [F 1960]


Aus der Zelle dringt das Hämmern, das Schlagen, das Kratzen. Jacques Becker verzichtete in "Das Loch" auf Musik. Wobei: Musik im Dienste suggestiver Illustration ist auch in diesem Klassiker französischen Entschleunigungshandwerks vorherrschend. Genau wie die Musik – in ihrer Abstraktion und zugleich Unmittelbarkeit ein getriebener Automatensound des sich Vorarbeitens, des sich Abarbeitens – ist "Das Loch" reines Kino. Abgerichtet auf einen Raum und fünf Figuren, die einander vertrauen, misstrauen und sich konspirativ beäugen, wandern sie, Typen der Enttäuschung, durch kahles, kaltes Verwinkelungsland bis zum Gully und erhaschen einen existenzialistischen Außenblick. Ganz gleich, dass sich eine Menge Erzählvignetten um diese fünf bilden, scharf beobachtete Randtableaus um das Essen etwa, wie es ankommt, pathologisch kontrolliert und hastig verspeist wird, ist der Blick der Kamera dokumentarisch ernst wie protokollarisch penibel: Jedes aufplatzende Stück Stein ist ein erbärmlicher Fortschritt angesichts der zu durchdringenden Dicke des Materials. Für einen archetypischen Knastreißer umgeht Becker das Prozedere jenes Genrefilms, der nicht selten den Verfall der Kultur in einem Mikrokosmos übersteigert. Anhand von fünf Inhaftierten, von denen einer (Marc Michel) einen moralischen Zwiespalt an den Zuschauer heranträgt, gehen die Dinge in Beckers Meisterwerk ihren Gang, entschlossen, unabwendbar – und doch vergeblich. Die Wärter werden weiterhin Gänge ablaufen. Nichts verändert sich je.

8 | 10

Mittwoch, 9. Mai 2018

Gesehenes - April 2018


"Berlin Alexanderplatz" //8
(BRD, I 1980 | Rainer Werner Fassbinder; Blu-ray)

"Legion" //4
(USA 2017 | Season 1; Verleih-DVD)

"Damnation" //5
(USA 2017/18 | Season 1; Netflix)

"Die Einkreisung" //6
(USA 2018 | Season 1; Netflix)

TV-Folge: "Westworld" - 2x01 | "Journey Into Night"
(USA 2018 | Richard J. Lewis)

Kurzfilm: "Tetra Vaal" //5
(CDN 2004 | Neill Blomkampf; YouTube)

Kurzfilm: "Alice in Joburg" //4
(GB 2005 | Neill Blomkamp; YouTube)

Kurzfilm: "Adicolor Yellow" //4
(GB 2006 | Neill Blomkamp; YouTube)

Kurzfilm: "Blade Runner: Black Out 2022" //5
(USA 2017 | Shinichirô Watanabe; Blu-ray)

Kurzfilm: "2036: Nexus Dawn" //4
(USA 2017 | Luke Scott; Blu-ray)

Kurzfilm: "Nowhere to Run" //4
(USA 2017 | Luke Scott; Blu-ray)

"Blade Runner 2049" //7
(USA 2017 | Denis Villeneuve; Blu-ray)

Dokumentation: "Hitler - Eine Karriere" //6
(BRD 1977 | Joachim Fest, Christian Herrendoerfer; Netflix)

"Bad Lieutenant" //6
(USA 1992 | Abel Ferrara; DVD)

"Mary" //4
(USA, I, F 2005 | Abel Ferrara; DVD)

"Welcome to New York" //6
(USA, F 2014 | Abel Ferrara; Blu-ray)

"Pasolini" //6
(F, B, I 2014 | Abel Ferrara; TV)

"Der große Diktator" //7
(USA 1940 | Charles Chaplin; Verleih-DVD)

"Sein oder Nichtsein" //8
(USA 1942 | Ernst Lubitsch; Blu-ray)

"Nackt unter Wölfen" //6
(DDR 1963 | Frank Beyer; Verleih-DVD)

"Tiger Girl" //6
(D 2017 | Jakob Lass; Verleih-Blu-ray)

"Die Verführten" //6
(USA 2017 | Sofia Coppola; Verleih-Blu-ray)

"The Party" //6
(GB 2017 | Sally Potter; Verleih-Blu-ray)

"Transit" //8
(D, F 2018 | Christian Petzold; Kino)

"Avengers: Infinity War" //2
(USA 2018 | Anthony Russo, Joe Russo; Kino)