Dienstag, 31. Januar 2012

Gesehenes - Januar '12


"Lost" [Season 6 / USA '10] - 6,5/10; gesamt: 8/10

"Im Angesicht des Verbrechens" [D '10 / Dominik Graf] - 5/10

"Six Feet Under" [Season 1 / USA '01] - 8/10

"Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung" [USA '99 / George Lucas] - 6/10

"Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger" [USA '02 / George Lucas] - 7/10

"Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith" [USA '05 / George Lucas] - 7/10

"Star Wars: Episode IV - Eine neue Hoffnung" [USA '77 / George Lucas] - 7/10

"Star Wars: Ep. V - Das Imperium schlägt zurück" [USA '80 / Irvin Kershner] - 6/10

"Star Wars: Ep. VI - Die Rückkehr der Jedi-Ritter" [USA '83 / Richard Marquand] - 9/10

"Die Maske des Zorro" [D, USA '98 / Martin Campbell] - 6,5/10

"Die Legende des Zorro" [USA '05 / Martin Campbell] - 3/10

"Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" [USA, IS '08 / Eric Brevig] - 3,5/10

"Ein einsamer Ort" [USA '50 / Nicholas Ray] - 4/10

"Die Firma" [USA '93 / Sydney Pollack] - 6/10

"Lucky # Slevin" [USA '06 / Paul McGuigan] - 0/10

"James Bond 007 - Man lebt nur zweimal" [GB '67 / Lewis Gilbert] - 6/10

"The Others" [S, F, I, USA '01 / Alejandro Amenábar] - 3/10

"Vier Brüder" [USA '05 / John Singleton] - 6/10

"Mad City" [USA '97 / Constantin Costa-Gavras] - 6/10

"Rächer der Unterwelt" [USA '46 / Robert Siodmak] - 5/10

"The Tree of Life" [USA '11 / Terrence Malick] - 5,5/10

"Conan" [USA '11 / Marcus Nispel] - 4/10

"Mad City" [USA 1997]


Eine leicht schnippisch-gehässige Mediensatire mit spannungsarmer Thriller-Tendenz über den inszenierten Affenzirkus Fernsehen, der keine Wahrheiten informativ aufbereitet, sondern von gespreizten Märchenerzählern so lange zurecht erzählt wird, bis die Quote eingefahren ist, der Sender seine hauseigene Meinung unters Volk verteilt und die Zuschauergeschworenen entweder für oder gegen den von der Kamera ins Auge gestochenen Angeklagten sprechen. Das Fernsehen ist der Rummelplatz willkürlicher Verleumdungen, abgerissener Bürgerrechte und gekünstelter Realitäten, dort werden wir nie die Wahrheit hören, wir sollten die Apparate abschalten, wenn wir denn könnten. Diesmal mutiert Max Brackett (John Travolta) zum begehrenswerten Objekt der voyeuristischen Begierde, zum Mittelpunkt öffentlicher Meinung, jener stinknormale Max Brackett aus der stinkdurchschnittlichen Arbeiterklasse, der ja eigentlich nur mit 'ner Knarre als harmlosem Druckmittel seinen ehemaligen Arbeitgeber (Blythe Danner) dazu bewegen wollte, das Kündigungsschreiben rückgängig zu machen, um Frau und Kind weiterhin ernähren zu können. Er arbeitete als Wärter in einem Museum und appelliert an die guten Seiten im Menschen, der Solidarität, der Menschlichkeit, dem Verständnis gegenüber einem vom Volk. Weit gefehlt. Klappt nämlich nicht, also schaltet Brackett auf stur und verriegelt sämtliche Ein- und Ausgänge, kidnappt unfreiwillig 'ne Horde Halbwüchsiger, Dynamit in der Tasche und gibt dem sich auf der Toilette zufällig versteckenden Live-Reporter Sam Bailey (elegant-nüchtern: Dustin Hoffman) schließlich ein Exklusivinterview, Imageaufpolierung eben. Man sollte wenigstens positiv über ihn reden, wenn man ihn schon nicht so genau versteht, das Wichtigste. Aus diesem durchaus streitsüchtigen Stoff verwebt Constantin Costa-Gavras eine ungewöhnliche, aber auch eine köstlich ironische Konfliktbeziehung zwischen Journalist (Täter?) und Täter (Opfer?), deren grundlegende Medienschelte als Folie dient, auf der sich Brackett diffusen gesellschaftlichen Auffassungen ausgesetzt sieht, die unaufhaltsam und überdies grotesk wahllos ins Gegenteil schwanken, je nachdem, welches Wort er spricht und welche Sätze er wie authentisch aus welcher moralischen Position heraus der zusammengekauerten Meute jedweder Couleur unterjubelt (um einen Rassisismusvorwurf zu entkräften, lässt er ein farbiges Kind frei).

Costa-Gavras schockt nicht wie Sidney Lumet in dessen meisterhaft geschriebenem "Network" insofern, als dass "Mad City" neben dem etwas flacheren Zeigefingerkommentar spärlich Differenzierung zulässt und böse Berichterstatter eben nur als böse Berichterstatter deklariert. Ob obendrein ein geltungsbedürftiger Typ, der den kompletten Schlamassel erst angerichtet hat, ohne Umschweife zum ebenso idealistischen Heilsbringer wie tüchtigen Gegner seiner Hand, die ihn stets gefüttert hat, prompt die Seiten wechselt, sei ebenfalls anzuzweifeln. Und dennoch es ist vor allem der Souveränität der beiden Hauptdarsteller zu verdanken, die kurzweilig unterhalten und genau das ein Stück weit aufwiegeln, was narrativ nicht immer einwandfrei ins Nachvollziehbare trifft. Obwohl – natürlich – John Travolta John Travolta spielt, den man sich auch im wirklichen Leben als Max Brackett vorstellen kann, vermag Travolta seiner Figur eine gefährliche Ambivalenz aus karikiertem Taschengangster, stotterndem Großkind und nervenschwachem Familienmensch einzuspeisen, die in ihrer zum Schreien komischen Interaktion (Forderungen!) mit dem Hoffman-Charakter auch Tiefe hervorbringt. Es kommt heraus, dass Brackett nach der medialen Ausschlachtung (er ist fortan ein "Star") im Grunde eine eigene Angelshow hätte, so als ob Fernsehen Zerstörung und Glück zugleich bedeute. Eine Handvoll vollauf pointierte Drehbuchideen nutzt der Film für sich selbst, wenn sich heimlich ein Kamerateam zum Krankenhausfenster des angeschossenen schwarzen Arbeitskollegen seilt und er sich voller Bestürzung im TV spiegelt. Zu bedenken geben hingegen die Funktionsmechanismen dubios-sinnentstellter Zusammenschnitte von Reaktionen der näheren Brackett-Angehörigen für eine Reportage. Bailey bester Freund wird später in genau dieser Weise zusammenhanglos recycelt, damit sich die Brackett-Sympathie wieder wenden soll ("Den kenn' ich überhaupt nicht."). Merke: Nur diejenigen Wörter werden verwendet, die einem speziellen Kontext verwertbar scheinen. Zum Schluss beschwört das Drehbuch das Unvermeidliche herauf. Es musste kommen. Der Sprengstoff musste noch irgendwie zur Aktion berufen werden. Danach das übliche Chaos. Interviewer und Interviewte, Geier, Aasfresser, hungrig, bereit zum Raubzug. Und bitte kein Blut wegwischen, wir sind im Fernsehen, Kamera… ab!

6/10

Freitag, 27. Januar 2012

"Die Firma" / "The Firm" [USA 1993]


Herr Anwalt im halbseidenen Gewerbe, das sich außen seriös, innen nebulös gibt, und alsbald Opfer des Verfalls moralischer Sitten – und im widersprüchlichen Kreuzfeuer von Ideal, kriminelle Machenschaften trotz Eid aufzudecken, und Ethos, das Gesetz für die zwielichtige "Firma" so zu biegen, dass es nicht bricht. Was tun, was nicht? Anwälte gegen ihren Arbeitgeber. Gutgläubigkeit gegen Abgeklärtheit. David gegen Goliath. Es ist das Grisham-Sujet. Literarisch bekannt, mehrfach filmisch verarbeitet. Und zu oft zu trocken gebraten, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, Sauce darüber zu gießen. "Die Firma" zählt allerdings insofern zu den besseren Grisham-Empfehlungen, als dass sie in ihrer präzis-unaufgeregten (obwohl kein Grisham-Plädoyer oder eine einzige Szene im Gerichtssaal stattfindet), hauptsächlich aber auch windungsreich-dichten Konstruktion beileibe nicht durchgängig fesselt, jedoch – am wichtigsten – zunächst fesselt, was den staubigen Tenor besagter Trockenerzeugnisse widerlegt, der bisweilen zu ersticken droht. Sidney Pollack adaptiert den verschachtelten Verschwörungsstoff vor gemütlich-heimeligen Innenaufnahmen rundheraus ebenso souverän wie besonnen im Dienste des Machbaren des Drehbuchs und Umänderns der Vorlage, Subtilität heißt das dann wohl, kein überflüssiger Haken, der da hineingehört. Mitunter in Überlänge (Cayman Island), Konvention (die Fußverfolgungen, das Ende gerät im Vergleich zum politisch unkorrekten Romanhöhepunkt außerdem 'ne Prise zu konstruiertem wohlfühl-Eierkuchen) und zähen Liebesquatsch verklausuliert, statt der Hierarchie des Anrüchigen Tribut zu zollen (die als Handlungsmotor dienenden Todesfälle werden zügig eingetauscht), ist "Die Firma" ein Stück unterhaltsame Spannungsdramaturgie mit prachtvollem Liebesklavierthema (Dave Grusin, Lyle Lovett). Wenn Pollock nicht gerade parallel schneidet, klebt er – und das ist völlig verständlich – an seinen Schauspielern, die zwei Händevoll flapsigen Sarkasmus schenken: Mitchs (Tom Cruise) geflüstertes, für den Zuschauer ungehörtes, Geständnis ins Ohr Abbys (knuddelig: Jeanne Tripplehorn), wenn diese im Anschluss daran ins Gebüsch davonrennt, um den unwissentlich installierten Abhörmechanismen zu entkommen und sich in vertrauter Atmosphäre endlich ungestört auszusprechen. Cruise (<3), Hackman (latent melancholisch und doch Idealist!), Harris ("Kacke!"), Busey (unorthodox), Hunter (noch unorthodoxer), Bell (Jigsaw), Sorvino und Viterelli (das Klischee-Mafiapaar) sind die Stars, denen man dabei zuschaut, wie sie sich gegenseitig belauern und herauszureden versuchen. Bloß keine Kopie vergessen!

6/10

Montag, 23. Januar 2012

"Mission: Impossible" [USA, D, CH 1996|2000|2006


"Mission: Impossible"

Nett gemeinter Agentenflick, angestaubt mit Röhrenmonitoren und Disketten, "fun" & "pleasure" also, der "Kobra, übernehmen Sie" zum Hollywood-Popcorn-Mythos verarbeitet, aber Gefahr läuft, wie übrigens die anderen Teile auch, seine Schlüsselszenen konzentrierter zu studieren, als deren Füllmaterial als Verbindung dazwischen. Die stufenweise Liquidierung des IMF-Teams zu Beginn, der legendäre Langley-Einbruch ins CIA-Hauptquartier und die Hochgeschwindigkeits-Zug-Verfolgung am Ende repräsentieren so knallig wie dicht Brian De Palmas überstilisierte (Kamera-)Jagd nach den wahren Bildern inmitten von falschen Lügen, schräg gefilmten Gesichtern und geliehenen Identitäten, die nicht mehr auseinanderhaltbar scheinen, de facto das Entrümpeln des Seins im Schein. De Palma weiß offensichtlich erfahrungsgemäß ganz genau, wie man Einbruchssequenzen größtmöglich erfinderisch ineinander klappt, und davon saugt der Film offenkundig seinen Reiz der Unterhaltung willen. Wenn er jene Liquidierung, durch die Ethan Hunt (Tom Cruise) schlussendlich unfreiwillig flüchten muss, als Choreografie dirigiert, die zwischen den einzelnen Arbeitsschritten der jeweiligen Personen schneidet, wenn er beim CIA-Raub in einer spinnennetzförmigen Innenarchitektur (Hunt ist im Prinzip das Insekt darin) Spannung aus Schweißtropfen suggeriert und die daraus resultierende Anspannung, omnipräsent unter einer festgelegten Lautstärke hantieren zu müssen, direkt aufs Publikum überträgt, das so still wie möglich zu sein hat. Diese Sequenz verkörpert fraglos das Highlight, De Palma verschließt sie mit einer amüsanten Pointe. Wohingegen der Showdown das auskitzelt, was später in Substanzlosigkeit mündet: der Transformation Hunts zur Rambo-Karikatur und dem Selbstproduzieren des Egos, weil er dachte, es sei eine Selbstverständlichkeit, er habe den Film auch produziert. Daneben gibt's 'nen Zoom von der Totale des Zuges zur Nahaufnahme des Zugfensters, Elfman-Noten und allerlei technischen Krimskrams, auf dem man bloß nicht herumkauen sollte. Den Einzelszenen mit Schmackes hat De Palma fortwährend allerdings nichts Festes, das heißt: einen übergeordneten Spannungsbogen nebst einer mannigfaltigen Konfliktdynamik innerhalb der Gruppe, entgegenzusetzen, außer oberflächlichen Alibi-Stoff gewitzt aufgelegter, aber strikt fad entwickelter Stars rein zu quetschen, der so doof wie plemplem die langbärtigsten Handlungswendungen bei allem scheinbaren Intellekt aus dem Apple Powerbook schüttelt – dem Chef des Teams (straight: Jon Voight) kommt die Rolle des fiesen Obermackers gelegen, jedwedes Detail akribisch zu planen, um eine fette Stange Geld einzusacken. Natürlich! Und an eine Sicherung in den Lüftungsschächten des scheinbar sichersten Gebäudes der USA wurde erst recht nicht gedacht. Das prominente Autoren-Trio (Koepp, Towne, Zaillian) scheint in "Mission: Impossible" zuweilen seltsamerweise der Kreativität überdrüssig – und allmählich der Konfusion unterstellt.


"Mission: Impossible II"

Obwohl das Spektakel augenscheinlich von Anfang an auschoreographiert war, existierte Gerüchten zufolge kein Drehbuch, erst unmittelbar während der Dreharbeiten wurde die Geschichte häppchenweise (vielleicht auch notdürftig?) zusammengeflickt, unabhängig davon, dass John Woo vom Studio aus seinen anfänglichen Dreistundenfilm zusätzlich auf zwei runter kürzen musste. Das ist kein Problem, solange man es nicht spürt. Woos Problem liegt aber nun einmal gerade darin, dass man sie tatsächlich fühlt, diese unterschwellige Empfindung der Unvollständigkeit der Idee, die zur Ideenlosigkeit verkommt, dieser Riecher von Unzufriedenheit, der durch die Handlung flattert. "Mission: Impossible 2" wirkt mehr noch als sein Vorgänger um seinen Kern herum konzipiert – dem Kern der Action, dem geräucherten Fisch im Sushi, dessen Ummantelung aus erkaltetem Reis, also einer mehr oder minder ungenießbaren Rahmennarrative, besteht. Woo vermengt asiatischen Heroic-Bloodshed-Zeitlupenästhetizismus mit erschlagender Distinguiertheit zum formschönem Poem schwerelos tanzender Körper im Raum, mal definiert als Todesbedrohung, dann wieder als Todestransportmittel, das in letzter Konsequenz gar nicht mehr Agentenfilm sein kann, wo das Miteinander und das Gegeneinander zählt, sondern vielmehr ein reines melodramatisches Actiondrama über die Liebe und einen Typen, also auch wieder so etwas wie ein egokitzelndes Werbegeschenk für Tom Cruise, ohne dass er dafür einem Geheimnis auf die Schliche kommen muss. Er muss zerstören, bloß zerstören, nämlich eine Bio-Waffe, er muss reagieren, nicht viel agieren, mitmachen, nicht vormachen, mit wehenden, mit fettigen Haaren – und dabei möglichst gut aussehen. Es sei dahingestellt, inwieweit das manische Recherchieren nach den pathosbesoffensten Panoramen (Sonnenuntergänge und Kletterpartien umschließen einen kleinen Teil derer, die von dem Ästhetikdrang seines Machers regelrecht betäubt scheinen) der Geschichte zuspielt und nicht eher dem Manierismus anheimfällt, da jede Geste möglichst übergroß.

Gewiss weiß die bedingt wendungsreich aufgezogene Geschichte allenfalls rudimentär mitzureißen, speziell das kitschige Gebalze aus Erotik und Leidenschaft (kontrastiert von Feuer) ermüdet, speziell verreißt Woo die Figuren und deren Tragik (ein Mindestmaß Amüsement für den stets putzigen Ving Rhames nebst zerschossener Designerkleidung). Alles eben kaum tiefschürfend, alles zu schnell, alles, ja unvollständig, weil alles der Action zuarbeitet, sie begründet. Maximal die aus dem ersten Teil adaptierte Maskengeschichte, die im zweiten Teil vermehrt Anwendung findet und mit fast redundanten Konturen gezeichnet ist, erweist sich als geeignetes Instrument, der Geschichte Doppelbödigkeit und zugleich dem Woo-Motiv der Doppelidentitäten Ausdruck zu verleihen, wenn es im brachialen Showdown den falschen mit mehreren Kugeln erwischt, eine Szene, die zeigt, wohin die Figurenkonstellation des "Chinatown"-Autors Robert Towne hinführen könnte. "Mission: Impossible II" stimuliert emotional dennoch insofern, als dass Woos Handwerk trotz eines bleiernen Musikthemas Hans Zimmers über das halbgare Drehbuch und die harmlosen Schurken hinwegzutäuschen versteht – siehe Brian De Palma. Woo ist Profi wie Perfektionist, die Actionsequenzen sind entsprechend unglaubliche Ornamente (Funken schlagen für gewöhnlich, Fahrzeuge zerscheppern durch einen anfahrenden Zug oder werden auf einer Brücke weggesprengt), die Kamera wechselt beständig ihre Perspektiven, der Ton greift sich die Emotionen der Protagonisten und der Szenenaufbau aus fragmentarischen Bewegungen gleicht einstudierten Balletttänzen – so als sich Nyah (Thandie Newton) und Ethan (Cruise) in Sevilla erstmals begegnen und die Sequenz symbolträchtig mit einem spanischen Stepptanz codiert wird. Auch als die obligatorischen Tauben fliegen und Ethan Hunt elegant seinen Widersachern entkommt und Zimmer zwischenzeitlich Ethno einspielt: Das ist Ästhetik, die ergreift, und die aus "Mission: Impossible II" noch lange keinen richtig schlechten Film macht.


"Mission: Impossible III"

Philip Seymour Hoffman, bitte für das nächste Mal längere Auftritte in einem Agentenfilm einplanen oder gleich direkt die Hauptrolle des Geheimagenten spielen. Beleg: "Mission: Impossible" hat endlich einen irrsinnig-fülligen, zwischen Auric Goldfinger und Blofeld changierenden, Geistesgestörten gefunden, der selbst davor nicht zurücksteckt, Unschuldige für einen MacGuffin zu töten, den niemand zu erklären bekommt. Und der Ethan Hunt (Tom Cruise) hinsichtlich dessen Paroli zu bieten vermag, als dass er ihn durch seine egozentrische Boshaftigkeit gar überflügelt, weil Owen Davian (so der Rollenname Hoffmans) die reichlich interessantere Figur von allen uninteressanten Nebenfiguren ist, die diesen dritten Teil bevölkern (Ausnahme Laurence Fishburne, ebenfalls füllig, sowie Simon Pegg, ebenfalls irrsinnig, irrsinnig quasselig). Und weil Hoffman schlicht der wuchtigere Schauspieler ist. "Mission: Impossible III" startet ungewohnt dramatisch. Der Anfang des Beinah-Endes des Beinah-Todes – effektiv. Das musikalische Titelthema hingegen – leider ähnlich kraftlos wie im Vorgänger, der Actiongranate John Woos, die hier, wenn auch nicht unbedingt in ausladender Choreographie, ohnehin im Bereich Adrenalinausschüttung, Schweißhaushalt und Herzklopfgeschwindigkeit ausgebremst wird. Es passiert fortlaufend viel in J. J. Abrams' Version der Filmreihe, wahrscheinlich viel mehr, als in den beiden vorherigen Teilen zusammengenommen, viele Bewegungen, oft verknüpft mit den unbewussten Reflexbewegungen und physischen Schutzmechanismen im Todeskampf, klettern, rasen, rennen, vor allem die Bewegung der Bewegung der Filmreihe, wenn sich Hunt mit Drahtseilen von einem Ort zum anderen schwingt. Es sei angemerkt, dass er sich diesmal in Shanghai von einem Wolkenkratzer zum nächsten austobt.

Zudem rückt Abrams den einige Jahre vorher sträflich vernachlässigten Einheitsgedanken des Teams näher an die menschlicheren Figuren, deren Fehleinschätzungen das Verzweifeln über einen gestorbenen Agenten aufs Nachhaltigste forcieren. Allgemein ist das sowieso ziemlich nervenaufreibend-anregendes Mainstream-Genrekino, es kommt zumindest dem näher, was von einer Reihe namens "Mission: Impossible" zu erwarten wäre. Indem das Drehbuch nahezu pausenlos retardierende Hochspannungsszenen ("Ich zähle bis 10…"), apokalyptische Actionpassagen (Brücke) und gründlich getaktete Heist-Spielereien installiert (Vatikan, wo endlich das Gimmick der Latexmasken nachvollziehbar zu werden scheint), bleibt ein Gähnen bewusst unterdrückt, da es nämlich keine Chance dazu bekommt, da es aber auch keinen wirklichen Grund dafür gibt, sich der Unterhaltung zu entledigen. Einzig die zugleich mit mehr geforderter Menschlichkeit einhergehende Metaebene, welche zuvorderst die Frage aufwirft, ob ein Leben als Agent mit einem Familienleben vereinbar sein könnte, bleibt mau in ihrer psychologischen Ausformulierung, da doch stets im Rahmen der Drehbuchmöglichkeiten. Auch das Finale ist samt abgenagter Maulwurf-Wendung wenig spektakulär, sondern geradezu idiotisch (Reanimierung), die Schlussszene dick aufgetragen und immer, wenn Abrams meint, während der Hatz für eine Weile inne zu halten und den Zwischentönen zu lauschen (zum Beispiel als die Aktion der Hasenpfote nicht gezeigt wird, beste Idee), gelingt es dem Film nie, seine Protagonisten emotional zu grundieren. Zum Schluss: Wie sähen die Actionsequenzen aus, wenn sie nicht verwackelt wären? John Woo? James Cameron? John McTiernan? Peter Hyams? Nicht auszudenken.

5/10 | 5/10 | 6/10

Mittwoch, 11. Januar 2012

"Halloween H20" / "Halloween H20: Twenty Years Later" [USA 1998]


Der Ansatz war sicherlich das richtige Manöver, der bislang inkohärentesten Genrereihe neues, unverbrauchtes Leben nach fünf mehr oder weniger unbeholfenen Fortsetzungen einzuhauchen, wodurch sich Slasher-Spezialist Steve Miner dazu entschied, sich im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden bequem zu machen, ergo: Bodenständigkeit gegen Grusel-Karikatur einzutauschen. Er opferte zwar Dr. Sam Loomis, Michaels Kinderpsychater (Donald Pleasence), konnte allerdings mit Jamie Lee Curtis, der tapferen Scream Queen, die in ihrer ersten Szene in "Halloween H20" ihrem Beinamen alle Ehre macht, jenes Aushängeschild gewinnen, das durch John Carpenters Suspense-Subjektivismus schlagartig berühmt (und berüchtigt) wurde. Nach 20 Jahren Trauma ist das Trauma für sie immer noch nicht verarbeitet, Miner lenkt den Film in genau diese zwischenmenschliche Gasse, um sie als Projektionsfläche dessen begreifbar zu artikulieren, alle vermeintlichen Vorahnungen und paranoiden Ängste der Laurie Strode (Curtis) jäh unterstreichen zu müssen, sobald der erneute Überlebenskampf gegen ihren Bruder mit der Maske und dem Messer beginnt. Miner adaptiert bestürzenderweise alles, was an den Klassiker von 1978 erinnern könnte, und das ist sein grundlegendes Problem. Obgleich sich der Regisseur vermutlich das Ziel gesetzt hat, keinen Aufguss, sondern ein ernstzunehmendes Sequel in die Wege zu leiten, wirkt "Halloween H20" nichtsdestotrotz wie ein Aufguss, ein undichter Miner-Aufguss des dichten Carpenter-Originals. Nicht nur, dass Miner den gleichen voyeuristischen Scheineinlagen infolge gleich gebliebener Szenarien folgt (Schule – Myers wird durchs Fenster erblickt), oder dass er dem Final Girl (also Laurie), wie bei Carpenter, das letzte Aufbäumen gegen einen grobschlächtigen Wahnsinnigen zugesteht, nachdem sie unschuldige Kinder, ihre Freunde in gewisser Hinsicht, der Sicherheit wegen wegschickt. Er kopiert obendrein den verstörenden Filmanfang im Myers-Haus, wenn auch anderweitig im Tenor, so doch frappierend passgenau (nebenbei beginnt die Kamera verdächtig einzuschwenken, als ob sie blitzartig mit der Plansequenz aus dem ersten Teil loslegen würde), und zeigt unter anderem fallendes Herbstlaub (dito), bevor dann irgendwann Myers gegen diejenigen schlitzen darf, die sich von der Zivilisation abgeschottet zu haben scheinen (touché). Hommage hin oder her, das pingelige Nachstellen konterkariert in erster Linie frische Ideen des breitgefächerten Variationsspielraums eines Killers und seiner zu ermordenden Schwester sowie einen Kübel unvorhergesehene Bedrohlichkeit eklatant. Miner ist sich zudem offenkundig nicht bewusst, dass seine plattesten Erschreckmomente – Laurie sieht in bekannten Personen stets Myers in Halluzinationen –, nett umschrieben, Buh-Momente aus dem Discounter sind. Erst in der gefühlsmäßigen Schlussszene wird sich Miners der schicksalsschweren Spannweite einer solchen Konstellation wenige Frames bewusst, davor verschwendet das Drehbuch unnötige Zeit damit, sich selbstreflexiv-hipp der 90er anzuschmiegen, um auf der Straße des Williamson-Teenie-Slashers mitzufahren. Belege? In einer Szene wird "Scream 2" geschaut, in einer anderen wird das "Psycho"-Auto gezündet, allein, einen Mehrwert verbucht es nicht, ganz im Gegenteil: das "Meta" hinter der "Ebene" verschwindet so schnell, wie es hervor krauchen will, es bleibt ein Gimmick des Gimmicks willen. Ausschließlich LL Cool J als angehender Schmuddelautor und der Ottman-Score streuen ein Quäntchen Ironie in dieses ohnehin ironiefreie Treiben aus wichtigtuerischem Metaverschnitt und ödem Plagiat. Buh? Buh!

3,5/10

Montag, 2. Januar 2012

"Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" / "Journey to the Center of the Earth" [USA, IS 2008]"


Seichter Unterhaltungstrash für die Kleinen (also für mich) plus sofabequemer Kuschelattitüde, der seine in illuminierten Farbvermischungen veredelte 3D-Technologie vorn anführt, um weiter hinten irgendwie 'ne Story gezwungenermaßen mitzuschleifen, um das halt reinwaschen zu können, was da so angestrengt augenreizend leuchtet. Da ist es auch nicht sonderlich verwunderlich, dass zur Effektverstärkung extra viele Sachen direkt in die Kamera fliegen (sogar T-Rex-Rotze). Aus Trash-Aspekten heraus ein nach Jules Verne grobschlächtig gestrickter Leinwandtransformationsversuch, der fleischfressende Pflanzen, hungrige Piranhas und tosende Wasserfälle künstlich wiederauferstehen lässt. Sieht dämlich aus, aber mit dem Film kann man selbst als Erwachsener schadenfreudigen Spaß haben, weil der Spaß aus dem genährt wird, womit Eric Brevig garantiert nicht gerechnet hat: Immer, wenn "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" lustig sein will, ist sie unlustig (Piranha-Baseball), aber immer wenn sie ernst sein will, ist sie wiederum lustig (dor Sohn is' weg). Bis auf kleinere Ausnahmen, versteht sich ("Er hatte Recht… Er hatte Recht. Er hatte Recht!"). Und mit Physik sollte man nicht ernsthaft versuchen zu argumentieren, wenn schon die unnatürlich kurze Reise zum Mittelpunkt der Erde tausende Kilometer im freien Fall anscheinend nicht körperanstrengend genug ist, sobald es noch soweit reicht, eine gepflegte (Schrei-)Unterhaltung zu führen. Oder dass der T-Rex wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge schneller sei, aber man doch stets gemütlich vor ihm herrennen darf. Brendan Fraser gibt den weinerlichen Mumien-, äh Weltenjäger, das Drehbuch ist jedoch zu schlecht, um ihn in Szene zu setzen. Das Trio vervollständigt sich mit einer Nervensäge und Pappnase (Josh Hutcherson), und der gewohnt hübschen Blondine, dem Love Interest (Anita Briem), der Liebe für den ersten Blick, während es Gefahr auf Gefahr regnet, aber nie gefährlich dramatisiert wird. Alles andere wie gehabt (nach Abenteuerfeeling riecht's bestenfalls gegen Ende im Rahmen der Magnetsteine und dem Geysir), es sei denn, der Film gebärdet sich bei Eintritt vollkommener Planlosigkeit – und das geschieht überraschungslos häufig – lieber als der zweite Tempel des Todes (Mienenschacht ohne Fußnote) und als eine Art Rohschnitt-Artwork-Konzept James Camerons "Avatar".

3,5/10

Sonntag, 1. Januar 2012

Gesehenes - Dezember '11


"Lost" [Season 3 / USA '06/'07] - 8,5/10

"Lost" [Season 4 / USA '08] - 6,5/10

"Lost" [Season 5 / USA '09] - 7/10

"Sympathy for Mr. Vengeance" [ROK '02 / Park Chan-wook] - 4,5/10

"Oldboy" [ROK '03 / Park Chan-wook] - 4/10

"Lady Vengeance" [ROK '05 / Park Chan-wook] - 5/10

"Mission: Impossible" [USA '96 / Brian De Palma] - 5/10

"Mission: Impossible II" [USA '00 / John Woo] - 5/10

"Mission: Impossible III" [USA, D, CH '06 / J. J. Abrams] - 6/10

"Die Insel" [USA '05 / Michael Bay] - 6/10

"High Fidelity" [USA, GB '00 / Stephen Frears] - 4/10

"Monster's Ball" [USA '01 / Marc Forster] - 5/10

"Kurzer Prozess - Righteous Kill" [USA '08 / John Avnet] - 1,5/10

"Sudden Death" [USA '95 / Peter Hyams] - 6/10

"Thor" [USA '11 / Kenneth Branagh] - 4/10

"Final Destination 5" [USA '11 / Steven Quale] - 5,5/10

"State of Play - Stand der Dinge" [USA '09 / Kevin Macdonald] - 4/10

"Mulholland Drive - Straße der Finsternis" [USA, F '01 / David Lynch] - 7/10

"Halloween H20" [USA '98 / Steve Miner] - 3,5/10

Mittwoch, 28. Dezember 2011

"Sudden Death" [USA 1995]


"Sudden Death" unterstreicht sein selbstbewusstes DVD-Cover dreifach fett: Action, Speed, Overdrive. Klein gedruckt: Raserei und Herzstillstand. Aber das nur als Witz. Und "Sudden Death" bestätigt: Peter Hyams ist ein versierter Handwerker, der mit bis in die Zehenspitzen bewaffneter Kinetik unwahrscheinlich körperbetonte, aber im Gegensatz zu heute nie zu aufdringliche Parkinson-Bilder aufeinander schichtet, wo Action Leidenschaft, Räumlichkeit Dynamik und Spannung Quintessenz bedeutete. Ein Rausch von früher, so in etwa, als würden Donnerschläge im Zickzack-Karussell rotieren und zerschmettern, wahrlich – Action-Kino durch und durch. Strukturell weitgehend den "Stirb Langsam"-Treppen schweißgebadet hinaufsteigend, weil "Stirb Langsam" ja eh so ein cooler Film ist, sind die Parallelen beider nicht nur erzählerisch nahezu deckungsgleich. Ein lädierter Familienvater gegen zwei Hände Terroristenscheiße in einem abgeriegelten Gebäude bombenbedrohter Atmosphäre, das von ebenso verzweifelten Geiseln wie polizeilichen Grünschnäbeln dilettantisch zusammengehalten wird. "Stirb Langsam" durchleuchtete zusätzlich psychologisch einen verletzlichen, barfüßigen, ätzend lakonischen Durchschnittstypen, was insgeheim zum Kultstatus beitrug, während "Sudden Death" die Psychologie des Angstszenarios indes in vollem Bewusstsein durchbricht, um sich reiner Genre-Aktion eines unverwundbaren Einzelsuperhelden zuzuwenden, mittels allerlei Küchen- und Hauswerkzeugen feindliche Gegner augenblicklich zu zermalmen. Wuchtig und nicht zu kurz.

Raffiniert wird's, wenn Hyams (auch für die großartige Kameraarbeit verantwortlich) repetitive Motive zur kontrollierten Adrenalinsteigerung umwirbt, wenn in einer Art und Weise vier Bilder wiederkehrend montiert werden, die ein Höchstmaß an Unruhe evozieren: das Eishockey-Spielgeschehen, die zwei Kommentatoren, McCords Sohn Tyler (mit Wasserspritzpistole bewaffnet: Ross Malinger) und, wichtig, einen Überblick über die restliche Zeit eines jeden Drittels, nach denen entweder ein Geldbetrag überwiesen oder, bei Nichtgelingen, als Konsequenz desselbigen eine Geisel erschossen wird. Bisweilen lässt sich zudem – dies forciert Hyams' handwerkliche Akkuratesse – eine Plansequenz beobachten (Eröffnungsszene), und wie Hyams das Getöse allgemein in Größenwahn taucht – draufgängerisch-gierig mit wahnwitzigem Helikopterstunt – lässt keine Ideenfülle offen und pochende Herzen in Ruhe. Hierbei verdichtet der Film dramaturgisch den direkten Verlauf des Spiels. "Sudden Death" beginnt ruhig (Kontrahenten-Belauerung) und endet fiebrig (Kontrahenten-Schlacht), je weiter das Spiel fortschreitet und je mehr sich Offensive und Defensive vertauschen müssen, den endgültigen Sieg an sich zu reißen. Denn vorher stand es Unentschieden, sowohl zwischen den Pittsburgh Penguins und den Chicago Blackhawks, als auch zwischen Darren Francis Thomas McCord (Jean-Claude Van Damme) und Joshua Foss (Powers Boothe).

Dank ersterem mutiert "Sudden Death" nicht zur Alleinunterhalterposse, sondern geht wieder mit "Stirb Langsam" konform, dem sympathischen Helden einen ungemütlichen Widersacher entgegen zu setzen, der durchaus ungewohnt radikal mordet, sarkastisch entlarvt und über Amerikas Bigotterie lacht, ein ehemaliger Geheimdienstler im ständigen Verhöhnen geheimdienstlicher Standardpraktiken; Powers Boothe einschließlich manikürten Nägeln und 10.000 (pardon, 15.000!) Dollar-Uhr geradeheraus entfesselt. Aus ihm produziert das Drehbuch Galgenhumor, zum Beispiel als das Feuerzeug so aussieht wie ein Bombenzünder. Oder aus Van Dammes zerknautschtem Gesichtsausdruck, als er vor einem Eishockey-Spieler steht, über den er vor seinem Sohn unter vier Augen lästerte und sich nun bösen Blicken ausgesetzt sieht, indem herauskommt, was nicht herauskommen sollte. Köstlich! Und unfreiwillig köstlich präsentiert sich die Geschichte in ihren skurrilen Wendungen, obgleich niemand ernsthaft geglaubt hätte, ein Van Damme-Streifen wäre ungefähr so was wie ausgefuchst entwickelt. Auch hier ist er's nicht. Parallel zur etwas angestrengten McClane-Pose Van Dammes, der in den direkten verbalen Schlagabtauschen mit Boothe nicht selten von dessen Präsenz zerdrückt wird, begreift der Film ebenfalls etwas aufgesetzt die Van Damme-Figur als beinhartes Universalgenie für die unersetzbare Rettung in der Not, als Bombenentschärfer (fies: die simplen Sprengsätze sind genau da versteckt, wo sie Van Damme vermutet), als Hochseilakrobat (!), als Feuerwehrmann, als Handwerker, als Eishockeytorwart (unsinnigste Szene), als… als John McClane, der ordentlich auf die Fresse gibt, als… Familienvater! Der er freilich nur sporadisch ist.

6/10

Sonntag, 11. Dezember 2011

"Die Insel" / "The Island" [USA 2005]


Eine blitzblank gewaschene Sportartikelwerbung. Verzichten wir nichtsdestotrotz auf die Floskel zu Beginn einer Filmbesprechung eines Films aus der Feder Michael Bays, dem – manche würden jetzt schreien – v-ö-l-l-i-g n-a-c-h-v-o-l-l-z-i-e-h-b-a-r-e-n Bay-Bashing, auch wenn man sich – polemisch überspitzt – doch so richtig schämen sollte ob dieser Verschwendung von Buchstaben für einen Regisseur mit einem Hirn aus Blech. Denn wie sollte sein Baustofffetisch sonst zu erklären sein? Ups, wir wollten verzichten. Also dann weiter. "Die Insel" kam direkt nach Bays sadomasochistisch unterhaltsamem "Bad Boys II" (es hieß, der Film sei menschenverachtend), und heute, nach Bays übergeschnappten Spielzeuggrotesken, scheint "Die Insel" irgendwie nicht ins Schema zu passen, Fremdkörper, Ausreißer; ein Film, der sich heimlich ins Œuvre Michael Bays hinein geschlichen hat, um den Beweis zu liefern, dass der Mann auch einmal einen dezent klugen Film gemacht habe, anstatt mehrere für eine materialistisch affine Generation an Matchbox-Konsumenten. Bay zückt die frisch gekaufte Schrotflinte aus dem Waffenladen, will gleich schwermütige Philosophie treffen. Das kann ganz schnell Platzpatrone sein, ist es aber nur teilweise, weil der Film zumindest am Anfang einen rundum souveränen Eindruck einer pseudoapokalyptischen Kontaminationslüge schindet, einen geschmeidigen Weg über den fetten Krawall zu gehen, die Kamera still zu halten, die Kamera ein paar Sekunden lang auf ein Gesicht blicken zu lassen, ihre Emotionen einzurahmen, man kann hier sogar einem Dialog ohne Unterbrechung und ohne Funken lauschen, Michael Bay, wirklich du? Dass Bay reihenweise Nebendarsteller verheizt (Michael Clarke Duncan, Steve Buscemi) oder lustige Sachen sagen lässt (Scarlett Johansson wirkt auch sonst reichlich blass), wo's nachdenklich sein sollte, stört nicht weiter angesichts anderer charismatischer Schauspieler einerseits (Sean Bean, Djimon Hounsou), und des ungezügelten Unterhaltungswertes des Drehbuchs andererseits, das in später umso mehr an Konzentrationslager gemahnende Bilder von Gaskammern ethischen Fragen nach der Instrumentalisierung des menschlichen Lebens in Konservendosen nachstöbert, den Wert der Freiheit und Individualität in Gefangenschaft bemisst und das Klonen als eine Art makabre Supermarktlagerbestellung reißbrettsachlich schildert.

Bay klaut hierbei und nebenbei sehr viel aus Genreklassikern – Obi-Wan Kenobi wird gegen Ende auf dem Höhepunkt des Rezitierens versuchen, ganz "Star Wars"-mäßig ein Kraftfeld außer Betrieb zu setzen –, wenngleich jene Idee, die dahinter steckt, in ironischen bis schwer packenden Einzelszenen gewillt ist, sich darin einzuschnüren. Dazu zählt die Begegnung mit dem stets sympathischen Ewan McGregor mit seiner "Lebensversicherung" (Ewan McGregor²), während sich ihr Gespräch in parallelen Entgegnungen humoristisch entlädt. Oder überhaupt die zaghaften und ganz, ganz oft sehr, sehr witzigen Annäherungsversuche derjenigen, die sich in einer für sie fremdartigen, neuen Welt beisammen finden müssen, denen das Leben als solches Zutritt verschafft hatte. Dementsprechend verkleidet sich Michael Bay als ein anderer Regisseur eine Stunde lang, ehe dann endlich die wüste Zerstörungsorgie bis zum Schluss alles wegbombt, was als Alibi dessen herhalten durfte, womit Bay spannend begonnen hatte. Dann scheppert's und raucht's und knallt's in aberwitzigen Breitbildaction-Pieces sinnbetäubend (Logo), Kinetik und Kameradrehung pur, da ist er zuhause, in der Technik, der Michael Bay, als ob dem Script in beständiger Regelmäßigkeit die Ideen ausgehen würden. Das sieht zwar spitze aus und hört sich auch prima an, treibt aber die dramaturgische Unentschlossenheit Bays auf die Spitze, sich nicht zwischen der Grundidee und dem Explosiven entschieden, sondern beides ebenso unbefriedigend durcheinander gemischt wie unbefriedigend auserzählt zu haben (McGregors Alpträume sowie neurologische Gedächtnisfortschritte scheinen uninteressant). Doch wie bereits in "The Rock" und "Armageddon" verfehlt Bays exorbitant geschmierter Pathos von des Sonnenuntergangs warmen Strahlen für seitwärts angeleuchtete Figuren und melodramatisch aufgetragenen Theatralikgesten von zeitlupenartigen Blicken der Protagonisten, die der Kamera überlebensgroß begegnen (sie werden meist allesamt von unten gefilmt), durchaus nicht ihre intendierte Wirkung, emotional zu manipulieren, hinsichtlich des Showdowns, der mit der Ethno-Musik Steve Jablonskys ergreifend verschmilzt, gar mitzureißen.

6/10

Montag, 5. Dezember 2011

Gesehenes - November '11


"Lost" [Season 2 / USA '05/'06] - 7,5/10

"Alien 3" [USA '92 / David Fincher; Special Edition] - 4/10

"Sieben" [USA '95 / David Fincher] - 7/10

"The Game" [USA '97 / David Fincher] - 5/10

"Fight Club" [USA '99 / David Fincher] - 8/10

"Panic Room" [USA '02 / David Fincher] - 6,5/10

"Zodiac - Die Spur des Killers" [USA '05 / David Fincher; Director's Cut] - 10/10

"Der seltsame Fall des Benjamin Button" [USA '08 / David Fincher] - 6/10

"The Social Network" [USA '10 / David Fincher] - 6/10

"Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" [USA, D '08 / Bryan Singer] - 5/10

"X-Men Origins: Wolverine" [USA, NZ, AUS '09 / Gavin Hood; Kinofassung] - 2/10

"Party Monster" [USA '03 / Fenton Bailey, Randy Barbato] - 0,5/10

"Elf Uhr nachts" [F, I '65 / Jean-Luc Godard] - 4/10

"Ein (un)möglicher Härtefall" [USA '03 / Ethan Coen, Joel Coen] - 4,5/10

"Die Welle" [D '08 / Dennis Gansel] - 6/10

"Children of Men" [USA, GB '06 / Alfonso Cuarón] - 6/10