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Freitag, 23. Dezember 2016

"Carol" [GB, USA 2015]


Winterliche Wollust, eine sich anschmiegende Weihnacht: ein geeigneter Festtagsfilm. Oder Festtagskinofilm. Oder überhaupt: ein Fest. "Carol" hätte es verdient gehabt, einen Oscar zu gewinnen. Mindestens einen. Nicht für die beste Bildregie. Für die beste Blickregie. All' das, was zwischen einer in die Schranken weisenden, gesellschaftlich unmündigen Liebe steht, reduziert Todd Haynes zu Rhythmen des Abschätzens, des unbeobachteten Begehrens, des Blickes, der befreiende Sinnlichkeit, aber auch unterdrückte Besinnlichkeit zugleich ist, in entfremdeten Schutzbereichen, privaten Höhlen als Abschirmung vor den Höllen da draußen. Eine unendliche Bewegung gedeiht hier, eine in sich geschlossene Fluchtbewegung, die, ihr obliegt der Fluch des Unmöglichen, zum Anfang wiederkehrt – wie die als Leitmotiv sich eignenden Modelleisenbahnen. Die schönsten Bücher, die schönsten Filme, die schönsten Geschichten erschließen Räume zwischen dem Geschriebenen und Gesagten, metaphysische Räume, die im Ausdruck des Erspürens ein vollständiges Arsenal vielfältiger, lebendig werdender Gefühle aufbietet, um diese hautnah zu "erleben". "Carol" zählt zu diesen Geschichten. Seine Spiegelungen, die Spiegelungen von Cate Blanchett und Rooney Mara, deren Wallungen eher nichtige Wellen sind, können auf den ersten Blick nicht nachvollzogen werden. Umso gewichtiger erscheint der zweite Blick: "Carol" ist ein Kompendium vorsichtiger Liebe, bei dem Zeitdiagnose und das Verzahnen von Charakteren eine wirkungsvoll erfüllte (Erzähl-)Macht in Blickbildern aussendet.

7 | 10

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #9: "Coffee and Cigarettes" [USA 2003]


Überall dieser stechende Kontrast, dieser leitmotivische Schachbrettkontrast. Schwarz und weiß. Schwarz auf weiß. Weiß auf schwarz. Man könnte auch sagen: Kaffee mit Milch. Oder: Kaffee und Kippen. Und genau darüber handelt "Coffee and Cigarettes", über Musik und Medizin, Physik und Verwandtschaften, vorrangig jedoch über die Philosophie eines ungesunden Mittagessens, die in elf absonderlich-abenteuerlichen Tableaus besprochen und zu einem Ritual erhoben wird. Rituale, davon gibt es einige in dieser anekdotischen Sammlung tröstlicher Komik, zum Beispiel das Zuckerscheppern, das Tassenanstoßen, das transzendente Verlieren und kausale Überleiten während einer gefühlt trivialen, naturnahen Alltagsunterhaltung. "Coffee and Cigarettes" darf ausgiebig schwatzen, zuhören, wieder schwatzen, wenn das Wort ausnahmslos jene haben, denen nie das Wort erteilt wird – und jene, die groß sein wollen, aber partout klein beigeben (müssen). Ein paar zusammengetragene Bonmots: japanische Vier-Dollar-Erbsen, der perfekt temperierte Kaffee, Cate Blanchett in einer diametralen Doppelrolle, Alfred Molina und Steve Coogan vergleichen mit bedächtigem Zweifel Lebensstammbäume. Und ein Dialog ohne offensichtlichen Zweck in trauter Unsicherheit. Das ist Jarmuschs Spiel mit uns, er spielt "Ich bin der Welt abhandengekommen" und drückt die richtigen Knöpfe auf einer verrauchten Jukebox, wodurch das Sinnentleerte globale, schicksalslenkende Bedeutung erfährt, bei Kaffee, Koffein, Zigaretten, Nikotin, an einem Tisch mit einem Muster, Schwarz und Weiß.

6 | 10


Originaltext

Mittwoch, 20. März 2013

"The Gift - Die dunkle Gabe" [USA 2000]


Mystery meets Crime aus dem Splatter-meets-Comedy-Hause Raimi. Eine wahrlich teuflische Mischung, zumal Raimi die verästelten Bäume, geheimnisvollen Sträucher, absonderlichen Grünanlagen, peitschenden Regentropfen und donnernden Gewitterwolken, diesen unnahbaren Ort schwebender Dämonen und bizarrer Visionen, direkt aus dem Tanz der Teufel übernommen zu haben scheint, wodurch "The Gift" oft als wiederbelebter Retro-Horror wirkt, der seine Gruselatmosphäre dem effektiven Klischeekasten einschlägiger, wetterbedingter Genrezutaten entnimmt. 

Das Anhängsel "Horror" trifft es allerdings nicht richtig, es ist mehr ein zwischen quietschenden Türen und brüchigen Dielen leise umher tapsender Minimalhorror. Zunächst seziert Raimi die ebenso von Gewalt wie von Psychosen geprägte Gesellschaft einer eigentlich herzenswarmen Kleinstadt mit ihren Depressionen und jener leidenschaftlichen Hingabe zum Okkultismus, die gleichzeitig als Problemlöser gilt, umso besser man seine Zukunft kennt, um später zum waschechten Krimi, dem darin intendierten Kampf der Forensik gegen höhere Mächte, und schließlich zum Krimi moralischer Gewissensentscheidungen auszuholen. Puh! Viel Drehbuchstoff für einen straighten Genrefilm. 

Das Problem der Redundanz, das sich daraus ergeben könnte, befällt auch "The Gift". Nie weiß der Film, in welche Richtung er fahren soll, aus diesem Grund versucht er in jede Richtung parallel zu steuern und bekommt aufgrund seiner halsbrecherischen Themenfahrt gar nicht mit, dass über die diskussionswürdigsten Ecken des Plots – ein Unschuldiger in der Todeszelle beispielsweise – widerspruchslos gerumpelt wird, als gelte es, schnell zum nächsten Thema in möglichst kurzer Zeit zu lenken. Wäre da nicht auch noch die bleierne Eintönigkeit des Gezeigten. "The Gift" ist kriminalistisch vorhersehbar, gruselig platt und moralisch Mainstream, ist mancherorts langweilig, fast immer unspannend, und meist tröpfelt alles vor sich hin, ähnlich der gezeigten Wassertropfen in Zeitlupe.

Raimi schafft es nur unter größter Anstrengung zu fesseln, er schafft es folgerichtig nicht über die gesamte Laufzeit, aber zumindest in einigen Geistesblitzen morbider Einzelszenen denkt er ein Gefühl zu Ende. Die Gerichtssequenzen formen eins der Intensität, das neblige Finale im Wald hingegen das der irritierenden Manipulation, wenn der Zuschauer nicht weiß, welchen Täter er genau verdächtigen soll. Auch die Besetzung ist unumwunden treffsicher gewählt, ja souverän gespielt: Cate Blanchett – berechnend blass, kühl und zweifelnd; Keanu Reeves – rassistisch, jähzornig, ordinär, fanatisch aus allen Poren explodierend; Katie Holmes – männergeil, schlüpfrig, vulgär; Giovanni Ribisi, Hilary Swank – gutmütig, isoliert, hoffnungssuchend, den Geistern der Vergangenheit entkommend. Und dem (seelischen) Hinterwald.  

5 | 10