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Mittwoch, 5. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #9: "Coffee and Cigarettes" [USA 2003]


Überall dieser stechende Kontrast, dieser leitmotivische Schachbrettkontrast. Schwarz und weiß. Schwarz auf weiß. Weiß auf schwarz. Man könnte auch sagen: Kaffee mit Milch. Oder: Kaffee und Kippen. Und genau darüber handelt "Coffee and Cigarettes", über Musik und Medizin, Physik und Verwandtschaften, vorrangig jedoch über die Philosophie eines ungesunden Mittagessens, die in elf absonderlich-abenteuerlichen Tableaus besprochen und zu einem Ritual erhoben wird. Rituale, davon gibt es einige in dieser anekdotischen Sammlung tröstlicher Komik, zum Beispiel das Zuckerscheppern, das Tassenanstoßen, das transzendente Verlieren und kausale Überleiten während einer gefühlt trivialen, naturnahen Alltagsunterhaltung. "Coffee and Cigarettes" darf ausgiebig schwatzen, zuhören, wieder schwatzen, wenn das Wort ausnahmslos jene haben, denen nie das Wort erteilt wird – und jene, die groß sein wollen, aber partout klein beigeben (müssen). Ein paar zusammengetragene Bonmots: japanische Vier-Dollar-Erbsen, der perfekt temperierte Kaffee, Cate Blanchett in einer diametralen Doppelrolle, Alfred Molina und Steve Coogan vergleichen mit bedächtigem Zweifel Lebensstammbäume. Und ein Dialog ohne offensichtlichen Zweck in trauter Unsicherheit. Das ist Jarmuschs Spiel mit uns, er spielt "Ich bin der Welt abhandengekommen" und drückt die richtigen Knöpfe auf einer verrauchten Jukebox, wodurch das Sinnentleerte globale, schicksalslenkende Bedeutung erfährt, bei Kaffee, Koffein, Zigaretten, Nikotin, an einem Tisch mit einem Muster, Schwarz und Weiß.

6 | 10


Originaltext

Mittwoch, 31. August 2016

Jarmusch-Retro #4: "Mystery Train" [USA, J 1989]


Was genau umwickelt drei einander kreuzende Episoden wankelmütigen Glücks? Typen, die, verloren im Weltall, in Memphis pilgern, vegetieren, träumen. Der Klebstoff, das Miteinander zu kitten: der Song "Blue Moon", ein Hotel, ein Pistolenschuss. Durch die Nacht. Durch die Träume. In Amerika. In Memphis. "Mystery Train" erweist sich als Memphis-Film schlechthin, porträtiert farbkräftig wie ausgesprochen nostalgisch eine Stadt antiker Mythen, die ihren Mythos nichtsdestotrotz erhalten konnten, den Geist von Elvis, den Trotz von Geschichten. In Memphis wuchern sie, die Geschichten, überschlagen, wiederholen sich. Geschichten von Elvis-Geistern, die per Anhalter chauffiert werden, Geschichten von linken Kioskverkäufern und weißen Billardkugeln, die zwar Schwarz berühren, aber sich irrtümlicherweise selbst einlochen. Steve Buscemi und Tom Noonan sind lediglich zwei dieser am Rande der Bordsteinkante kauernden Nachtschwärmer, die dem "Mystery Train" entstiegen sein müssen – verirrt in diese Räuberdichtung trüben Lichts und verwischenden Lippenstifts. "Mystery Train" gehört zu den allerschönsten Jarmusch-Paradoxa: Um aufzusteigen, müssen wir absteigen. Es reicht allerdings, sich in den löchrigen Ledersessel zu werfen, um den inneren Raum zu reinigen, mit Fotos von Dingen zu schmücken, die wir vergessen. Sorgfältig komponiert, weicht Jarmusch nicht von seinem Weg ab, in der Zufälligkeit des Erzählten, Erzählenden, Gesagten und Sagenden Kausalitäten zu entwerfen, die Geistern den Körper zurückgeben.

7 | 10


Originaltext

Freitag, 20. Mai 2016

"The Big Lebowski" [USA, GB 1998]


Sam Elliott erzählt die Geschichte über den Dude (falls wir Kurzformen mögen). Würde er sie jedes Jahr mit der ihm eigenen unverkrampft gesäuselten Cowboy-Melancholie erzählen – jedes Jahr würden wir uns vor Lachen kugeln, vor Tragik schluchzen und vor Faulheit kiffen. Denn: Der Dude (Jeff Bridges) ist der Dude ist der Dude, Vertreter einer Postmoderne, der nichts mehr heilig ist, weil sie selbst ihre Identität verloren hat. Religionen, Regeln, sterbliche Überreste. Eher: Religionsausverkauf, Bowling, das Haar schminkende Asche. Vietnam beim Kaffeelunch. Zirkusartisten. Verwechslungen. Die Coens sind die Coens sind die Coens, nur sie durften den Dude erschaffen, diesen chilligen, verflucht-fluchtenden Teilzeitbär. Die Coens überführen das Heilige in das Profane und transzendieren das Profane zum Heiligen; bei ihnen ist Leben vor allem Gefühl zwischen den Zeichen und Niederschlägen kurzatmiger Erfahrungen. Mit allem nehmen es die Gebrüder auf, sie dekonstruieren die große Erzählung, lenken, kommentieren und brechen sie in Episoden akuter Ideenfülle, voller Bonmots am Rande: David Huddleston kalauert sich pointensicher zu einem der irrsinnigsten (Coen-)Geschöpfe ("Penner!"), wohingegen Roger Deakins den Bowlingkugeln traumtänzerisch nachjagt. Das Lebensgefühl des Duderinos vereinigt sich mit dem Lebensgefühl hinter den Kulissen, den Geschichten über die Geschichte hinaus und warum wir sie brauchen, von Sam Elliott erzählt zu bekommen.

8 | 10

Freitag, 12. Dezember 2014

"Armageddon - Das jüngste Gericht" / "Armageddon" [USA 1998]


[...] Seine Wirkung entfaltet "Armageddon" [...] energisch bei mir, [...] mich [...] inständig darüber zu freuen, trunkenen, dick und fett umrandeten Kitsch zu genießen, der für all jene verschlossen bleiben wird, der entweder ein Rationalist, ein Motorenliebhaber oder ein Türsteher ist. [...] Momente haben sich hier eingefunden und verewigt, irisierende Momente des Auteurs der Infantilität, die für mich ein Indikator dafür sind, dass der Film niemals sein B-Feuer verliert, sondern mit jeder Sichtung dem schlechten Geschmack grässlich schönere A-Seiten abgewinnt: Steve Buscemis Ritt auf dem Nuklearsprengkörper, Will Pattons Versöhnung mit seiner Ex, das Kennedy-Plakat nach der gelungenen Zivilisationsmission, der unzurechnungsfähige Wild-West-Russe (Peter Stormare) und die Übergabe des Bruce-Willis-Abzeichens an Billy Bob Thornton vor einem strahlenden Himmelsblau, das durch die Fanfarenstöße der Militärflugzeuge das Elementare der salbungsvollen Bay-Bekehrung zur Vaterlandsreligion bekanntlich ein letztes Mal hochgradig geschwollen unterstreicht. Aber wie abgöttisch brennend, wie flehentlich erstickend das alles, und wie glaubwürdig zur eigenen Verblödung stehend, die doch nur diese eine feuchtwarme Träne will. Was ihr aber gelingt. Mit Abzeichen und Fanfarenstoß. Ein Scheiß. Ein Meisterscheiß. [...]


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Mittwoch, 19. November 2014

"Barton Fink" [USA, GB 1991]


[...] In welche Schublade [...] gehört dieser mysteriöse, irrsinnig selbstreflektorische Film weggeschlossen? Er verrät uns scharenweise cleveres Bekennerzeug über die zu schreibende Geschichte und deren abhängige Erzählhaltungen, die Glaubwürdiges, Sozialinteressiertes und Wahrhaftiges fabulieren, simplifizieren, weiterdenken; über den Schmerz, der ihr und dem Schöpfer innewohnt, ein ermattender Schmerz, den jeder kennt, der schreibt und flüchtet. Auch die Coens, gerade die. Ein autobiografisches Offenbarungsmanifest? Auch, aber für jeden. Mehr als eine schnittige, karikatureske Hollywood-Persiflage vertraut sich "Barton Fink" den Niederungen des gutherzigen, allgemeingültigen Menschendramas in einer künstlerischen und persönlichen Selbstdarstellung an, die an der Rezeption des Dagegenhaltens und des Festkrallens an Verpflichtungen den Teufel (John Goodman?) hereinbittet, während Barton Fink einsieht, dass er nicht der einzig Dumme ist – mit dem Barton-Fink-Gefühl, dem Feuerstrahl gestalterischer Energie, die Massen auf Kommando ins Kino zu geleiten. Joel und Ethan Coen hingegen haben dieses Gefühl auf Leinwand verewigt, obwohl sie dafür lediglich zu tippen brauchten, empfindlich, zaudernd. Dieses Gefühl, dass wir, wenn wir schreiben, fabulieren, simplifizieren, weiterdenken, uns erinnern müssen, an ein süßes Mädel mit Hut, an einen Sandstrand – und an die Wellen, die ihn schäumend umspülen.


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Freitag, 28. März 2014

"Art School Confidential" [USA 2006]


Die Frage der Fragen: Was ist eigentlich Kunst wirklich? Der "narkotisierende Moment der kreativen Erfüllung"? Die Vormachtstellung der Männlichkeit? Oder wüste Speichel- und Arschleckerei? Im kunterbunten, frech-frivolen (Kunst-)Universum Terry Zwigoffs mühen sich wandelnde Klischeeersatzteillager (selbstverständlich involviert: der schwule Modeguru) dabei ab, einen befriedigenden Sinn in jener Frage zu finden. Bezeichnenderweise in einem Etablissement selbstgefälliger Schulterklopfer vor dem (künstlerischen) Kniefall, dass das unbedingt, was auch immer geändert werden muss, gut benotet werden sollte. Was die nicht wissen, die sich anbiedernden Marionetten der Vermarktungsindustrie: Das berühmt gewordene Konterfei auf den Hochglanzmagazinen, die Zukunftsperspektive, das Geldverdienen ist im Zeichnen von geometrisch streng ausbalancierten Dreiecken zu finden. Nur eine der vergnüglichen Pointen dieser mit peinigendem Spott ätzenden, eloquenten Branchensatire, die frohgemut zwischen Krimifarce, Geek-Groteske (selbstverständlich involviert²: das "Apocalypse Now"- und "Reservoir Dogs"-Poster), unerfüllter Schulliebe und verlockenden Geschäftsbanalitäten nicht immer frei von abgedroschenen Klischees und aus der Geschichte kurzerhand entschwundenen Figurenhüllen jongliert, aber bisweilen geistreich die Hybris koketter Damen (selbstverständlich involviert³: Anjelica Huston) und prahlerischer Herren ironisiert. Für ein Lächeln über Wahrheiten, für den selbstreflektierenden Quatsch ist sich "Art School Confidential" folgerichtig nie zu schade – für seine dumm aus der Babywäsche schauende, dann exzessiv saufende Jungfrau (Max Minghella) aber leider auch nicht. Das ist Kunst.

6 | 10

Sonntag, 11. Dezember 2011

"Die Insel" / "The Island" [USA 2005]


Eine blitzblank gewaschene Sportartikelwerbung. Verzichten wir nichtsdestotrotz auf die Floskel zu Beginn einer Filmbesprechung eines Films aus der Feder Michael Bays, dem – manche würden jetzt schreien – v-ö-l-l-i-g n-a-c-h-v-o-l-l-z-i-e-h-b-a-r-e-n Bay-Bashing, auch wenn man sich – polemisch überspitzt – doch so richtig schämen sollte ob dieser Verschwendung von Buchstaben für einen Regisseur mit einem Hirn aus Blech. Denn wie sollte sein Baustofffetisch sonst zu erklären sein? Ups, wir wollten verzichten. Also dann weiter. "Die Insel" kam direkt nach Bays sadomasochistisch unterhaltsamem "Bad Boys II" (es hieß, der Film sei menschenverachtend), und heute, nach Bays übergeschnappten Spielzeuggrotesken, scheint "Die Insel" irgendwie nicht ins Schema zu passen, Fremdkörper, Ausreißer; ein Film, der sich heimlich ins Œuvre Michael Bays hinein geschlichen hat, um den Beweis zu liefern, dass der Mann auch einmal einen dezent klugen Film gemacht habe, anstatt mehrere für eine materialistisch affine Generation an Matchbox-Konsumenten. Bay zückt die frisch gekaufte Schrotflinte aus dem Waffenladen, will gleich schwermütige Philosophie treffen. Das kann ganz schnell Platzpatrone sein, ist es aber nur teilweise, weil der Film zumindest am Anfang einen rundum souveränen Eindruck einer pseudoapokalyptischen Kontaminationslüge schindet, einen geschmeidigen Weg über den fetten Krawall zu gehen, die Kamera still zu halten, die Kamera ein paar Sekunden lang auf ein Gesicht blicken zu lassen, ihre Emotionen einzurahmen, man kann hier sogar einem Dialog ohne Unterbrechung und ohne Funken lauschen, Michael Bay, wirklich du? Dass Bay reihenweise Nebendarsteller verheizt (Michael Clarke Duncan, Steve Buscemi) oder lustige Sachen sagen lässt (Scarlett Johansson wirkt auch sonst reichlich blass), wo's nachdenklich sein sollte, stört nicht weiter angesichts anderer charismatischer Schauspieler einerseits (Sean Bean, Djimon Hounsou), und des ungezügelten Unterhaltungswertes des Drehbuchs andererseits, das in später umso mehr an Konzentrationslager gemahnende Bilder von Gaskammern ethischen Fragen nach der Instrumentalisierung des menschlichen Lebens in Konservendosen nachstöbert, den Wert der Freiheit und Individualität in Gefangenschaft bemisst und das Klonen als eine Art makabre Supermarktlagerbestellung reißbrettsachlich schildert.

Bay klaut hierbei und nebenbei sehr viel aus Genreklassikern – Obi-Wan Kenobi wird gegen Ende auf dem Höhepunkt des Rezitierens versuchen, ganz "Star Wars"-mäßig ein Kraftfeld außer Betrieb zu setzen –, wenngleich jene Idee, die dahinter steckt, in ironischen bis schwer packenden Einzelszenen gewillt ist, sich darin einzuschnüren. Dazu zählt die Begegnung mit dem stets sympathischen Ewan McGregor mit seiner "Lebensversicherung" (Ewan McGregor²), während sich ihr Gespräch in parallelen Entgegnungen humoristisch entlädt. Oder überhaupt die zaghaften und ganz, ganz oft sehr, sehr witzigen Annäherungsversuche derjenigen, die sich in einer für sie fremdartigen, neuen Welt beisammen finden müssen, denen das Leben als solches Zutritt verschafft hatte. Dementsprechend verkleidet sich Michael Bay als ein anderer Regisseur eine Stunde lang, ehe dann endlich die wüste Zerstörungsorgie bis zum Schluss alles wegbombt, was als Alibi dessen herhalten durfte, womit Bay spannend begonnen hatte. Dann scheppert's und raucht's und knallt's in aberwitzigen Breitbildaction-Pieces sinnbetäubend (Logo), Kinetik und Kameradrehung pur, da ist er zuhause, in der Technik, der Michael Bay, als ob dem Script in beständiger Regelmäßigkeit die Ideen ausgehen würden. Das sieht zwar spitze aus und hört sich auch prima an, treibt aber die dramaturgische Unentschlossenheit Bays auf die Spitze, sich nicht zwischen der Grundidee und dem Explosiven entschieden, sondern beides ebenso unbefriedigend durcheinander gemischt wie unbefriedigend auserzählt zu haben (McGregors Alpträume sowie neurologische Gedächtnisfortschritte scheinen uninteressant). Doch wie bereits in "The Rock" und "Armageddon" verfehlt Bays exorbitant geschmierter Pathos von des Sonnenuntergangs warmen Strahlen für seitwärts angeleuchtete Figuren und melodramatisch aufgetragenen Theatralikgesten von zeitlupenartigen Blicken der Protagonisten, die der Kamera überlebensgroß begegnen (sie werden meist allesamt von unten gefilmt), durchaus nicht ihre intendierte Wirkung, emotional zu manipulieren, hinsichtlich des Showdowns, der mit der Ethno-Musik Steve Jablonskys ergreifend verschmilzt, gar mitzureißen.

6/10