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Freitag, 18. November 2016

"Exodus: Götter und Könige" / "Exodus: Gods and Kings" [USA, GB 2014]


Ein von abenteuerlicheren Rissen und Spalten durchzogenes Spätwerk wie das Ridley Scotts scheint gar nicht zu existieren. Und wenn, dann habe ich es noch nicht kennengelernt. Ein Spätwerk, so unbegreiflich wie schlagartig, das insbesondere in einem winzigen Augenblick liebenswürdiger Schwäche funktioniert: "Exodus: Götter und Könige" traf bei mir einen Nerv, als ich empfänglich war für derlei überkandideltes Pathosgeschnetzeltes. Diese ekstatisch-brennende Mitreißenergie, wo alles unter die Haut geht und selten etwas abperlt, ist schwer zu rekonstruieren – dies erklärt die vielen Verrisse. Aber Scott inszeniert Bilder. Bilder, die zwar von einem verstopften Soldatenernst geprägt sind, allerdings eine allgewaltige Wirkmächtigkeit aussenden, dass sie dem Thema biblischer Katastrophe(n) adäquat entsprechen. Sprunghaft nähert sich Scott der Transformation eines Mannes (Christian Bale), zurückgeworfen in die Rolle eines Auserwählten, in eine Geschichte des Leids und Leidens, und, gewiss, hat dieser Film wenig darüber zu sagen. Die Ellipse muss er sich anrechnen lassen, um zu übergehen. Oder doch eher, um gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen, die Löcher der Narration zu vergrößern, als zu stopfen? So oder so: Wie in "Königreich der Himmel" entmythologisiert und verweltlicht Scott auf druckvollste Weise Allerheiligen Stoff, ringt mit Gottes Plagen und dem Zorn einer schmissigen Räuber- und Gendarm-Inszenierung, die, ja: zeitweise, fetzt.   
6 | 10

Freitag, 20. Mai 2016

"The Big Lebowski" [USA, GB 1998]


Sam Elliott erzählt die Geschichte über den Dude (falls wir Kurzformen mögen). Würde er sie jedes Jahr mit der ihm eigenen unverkrampft gesäuselten Cowboy-Melancholie erzählen – jedes Jahr würden wir uns vor Lachen kugeln, vor Tragik schluchzen und vor Faulheit kiffen. Denn: Der Dude (Jeff Bridges) ist der Dude ist der Dude, Vertreter einer Postmoderne, der nichts mehr heilig ist, weil sie selbst ihre Identität verloren hat. Religionen, Regeln, sterbliche Überreste. Eher: Religionsausverkauf, Bowling, das Haar schminkende Asche. Vietnam beim Kaffeelunch. Zirkusartisten. Verwechslungen. Die Coens sind die Coens sind die Coens, nur sie durften den Dude erschaffen, diesen chilligen, verflucht-fluchtenden Teilzeitbär. Die Coens überführen das Heilige in das Profane und transzendieren das Profane zum Heiligen; bei ihnen ist Leben vor allem Gefühl zwischen den Zeichen und Niederschlägen kurzatmiger Erfahrungen. Mit allem nehmen es die Gebrüder auf, sie dekonstruieren die große Erzählung, lenken, kommentieren und brechen sie in Episoden akuter Ideenfülle, voller Bonmots am Rande: David Huddleston kalauert sich pointensicher zu einem der irrsinnigsten (Coen-)Geschöpfe ("Penner!"), wohingegen Roger Deakins den Bowlingkugeln traumtänzerisch nachjagt. Das Lebensgefühl des Duderinos vereinigt sich mit dem Lebensgefühl hinter den Kulissen, den Geschichten über die Geschichte hinaus und warum wir sie brauchen, von Sam Elliott erzählt zu bekommen.

8 | 10

Mittwoch, 19. November 2014

"Barton Fink" [USA, GB 1991]


[...] In welche Schublade [...] gehört dieser mysteriöse, irrsinnig selbstreflektorische Film weggeschlossen? Er verrät uns scharenweise cleveres Bekennerzeug über die zu schreibende Geschichte und deren abhängige Erzählhaltungen, die Glaubwürdiges, Sozialinteressiertes und Wahrhaftiges fabulieren, simplifizieren, weiterdenken; über den Schmerz, der ihr und dem Schöpfer innewohnt, ein ermattender Schmerz, den jeder kennt, der schreibt und flüchtet. Auch die Coens, gerade die. Ein autobiografisches Offenbarungsmanifest? Auch, aber für jeden. Mehr als eine schnittige, karikatureske Hollywood-Persiflage vertraut sich "Barton Fink" den Niederungen des gutherzigen, allgemeingültigen Menschendramas in einer künstlerischen und persönlichen Selbstdarstellung an, die an der Rezeption des Dagegenhaltens und des Festkrallens an Verpflichtungen den Teufel (John Goodman?) hereinbittet, während Barton Fink einsieht, dass er nicht der einzig Dumme ist – mit dem Barton-Fink-Gefühl, dem Feuerstrahl gestalterischer Energie, die Massen auf Kommando ins Kino zu geleiten. Joel und Ethan Coen hingegen haben dieses Gefühl auf Leinwand verewigt, obwohl sie dafür lediglich zu tippen brauchten, empfindlich, zaudernd. Dieses Gefühl, dass wir, wenn wir schreiben, fabulieren, simplifizieren, weiterdenken, uns erinnern müssen, an ein süßes Mädel mit Hut, an einen Sandstrand – und an die Wellen, die ihn schäumend umspülen.


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Mittwoch, 29. Oktober 2014

"Plötzlich Gigolo" [USA 2013]


[...] Die entzückende Serie "Hung" hat es vorgemacht, wie schräger als schräg und gleichfalls subversiv dieser testende Teilzeitgigolo funktioniert, der, um sich in Zeiten wankender Marktregulierung, ein befriedigungskompetentes Hobby sucht, das pro Schuss – und nicht zu knapp – ein von Hand zu Hand flatterndes Trinkgeld provoziert. Aber Turturros zahmes, jazzig einlullendes, bierernstes Tamtam, das sich anfühlt wie ein formverwandter Woody-Allen-Prologfilm zum Woody-Allen-Hauptfilm? Ohne Woody Allen selber womöglich gar nicht lustig, giftig, gallig. Denn der quirlige Versteher auskomplizierter Anekdoten wird nie seine kindgerechte Strebsamkeit verlieren (schon gar nicht vor einem jüdischen Gericht). [...] 


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Mittwoch, 5. März 2014

"Die Farbe des Geldes" / "The Color of Money" [USA 1986]


Michael Ballhaus folgt den Stoßbewegungen, den einzulochenden Kugeln, Explosion auf Explosion, und ein publikumsintensives Raunen wogt durch die Reihen, wenn eine Kante, eine winzige Unaufmerksamkeit, ein unabsichtlicher Drall das Loch, die Tasche, die Siegerstraße in unerreichbare Ferne rückt. Und der Spielball stoppt. Und das Glück bremst. Mit dem Glück ist es nie leicht. Martin Scorseses "Die Farbe des Geldes", innerhalb seines Œuvres gewiss kein Film, der als Essenzwerk größtmögliches Prestige verbucht, funktioniert hauptsächlich als dramaturgisch nachdenkliche, oft meditierend am Pooltisch beobachtende Weiterführung zum Klassiker "Haie der Großstadt", der in Kombination mit ebendiesem jenen rauen, spröden Realismus (Drehbuch: Richard Price) recycelt, bei dem das Gewonnene Verlust bedeutet. Ein thematisch klassischer Scorsese über schnittig untermalte, zerstörerische Liebesbeziehungen in einem konservativen Patriachat, dessen Inhalt aber von keiner rhythmisch auf Hochgeschwindigkeit regulierten Form unterminiert wird. Tom Cruise ist als unbedarfter, eitel gestikulierender Jungspund und Trottel zu sehen, dem noch keine Haare auf dem Sack gewachsen sind, während sein Mentor Paul Newman tonangebend, grüblerisch und nuancenreich den Klängen der Ballstafetten lauscht. Ein alter und junger Pionier, die auf die Veränderungen einer abgeklärteren und abgezockteren (Sport-)Show entgegengesetzt, manchmal hemmend, manchmal euphorisch reagieren. Wie im (allerdings) besseren "Haie der Großstadt" ist Billiard Leben, mit Abzweigungen und Hindernissen. 

6 | 10