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Mittwoch, 5. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #9: "Coffee and Cigarettes" [USA 2003]


Überall dieser stechende Kontrast, dieser leitmotivische Schachbrettkontrast. Schwarz und weiß. Schwarz auf weiß. Weiß auf schwarz. Man könnte auch sagen: Kaffee mit Milch. Oder: Kaffee und Kippen. Und genau darüber handelt "Coffee and Cigarettes", über Musik und Medizin, Physik und Verwandtschaften, vorrangig jedoch über die Philosophie eines ungesunden Mittagessens, die in elf absonderlich-abenteuerlichen Tableaus besprochen und zu einem Ritual erhoben wird. Rituale, davon gibt es einige in dieser anekdotischen Sammlung tröstlicher Komik, zum Beispiel das Zuckerscheppern, das Tassenanstoßen, das transzendente Verlieren und kausale Überleiten während einer gefühlt trivialen, naturnahen Alltagsunterhaltung. "Coffee and Cigarettes" darf ausgiebig schwatzen, zuhören, wieder schwatzen, wenn das Wort ausnahmslos jene haben, denen nie das Wort erteilt wird – und jene, die groß sein wollen, aber partout klein beigeben (müssen). Ein paar zusammengetragene Bonmots: japanische Vier-Dollar-Erbsen, der perfekt temperierte Kaffee, Cate Blanchett in einer diametralen Doppelrolle, Alfred Molina und Steve Coogan vergleichen mit bedächtigem Zweifel Lebensstammbäume. Und ein Dialog ohne offensichtlichen Zweck in trauter Unsicherheit. Das ist Jarmuschs Spiel mit uns, er spielt "Ich bin der Welt abhandengekommen" und drückt die richtigen Knöpfe auf einer verrauchten Jukebox, wodurch das Sinnentleerte globale, schicksalslenkende Bedeutung erfährt, bei Kaffee, Koffein, Zigaretten, Nikotin, an einem Tisch mit einem Muster, Schwarz und Weiß.

6 | 10


Originaltext

Mittwoch, 14. September 2016

Jarmusch-Retro #6: "Dead Man" [USA, J, D 1995]


William Blake (Johnny Depp) verkörpert den zivilisierten Buchhalter, der ersten Keimen von Industrialisierung beim Wachsen in einer wabernden Wildnis zusieht. Belagert von primitivsten Destruktionsprozessen der weißen Siedler, schreibt Jarmusch die historisch erkämpfte Freiheit um, den Mythos des amerikanischen Gründerlandes zu demaskieren, anstatt ihn "nur" zu entwurzeln. Dieser Mythos zieht, mehr als bildlich gesprochen, an den Zugfenstern vorbei, vorstoßend zu einer Dystopie, die kannibalistische Kopfgeldjäger und das Versprechen einer metaphysischen Weiterschreibung der Geschichte hervorbringt. "Dead Man" ist tendenziell als experimenteller (Anti-)Western zu verstehen, in dem eisige Lakonie schlussendlich die ihr innewohnende Wertlosigkeit überlagert – misstrauisch gegenüber der neuen Welt (der Technologisierung und Ökonomisierung), schippert Blake, seines Zeichens ein Vertreter jenes im Aufbruch befindlichen Kapitalmarktes, gen Natur zurück, der alten Welt, nachdem er von rohester Gewalt entmachtet wurde, die sich zyklisch trotzdem Bahn bricht. Dem Film gelingt es indes, nicht mehr nur "Reise" zu sein, sondern "Erlebnis" entlang des Fegefeuers: somnambul, schelmisch, bisweilen parodistisch (wie in einer zirkusartistischen Sexszene ersichtlich). Neil Youngs metallisch-zerfetzende Gitarrenrisse gemahnen daran, dass der Mensch "seine" (animalische) Natur nicht wegrechnen kann, wenn andere Zeiten anbrechen. Ungeachtet jener zirkulierenden biografischen Geschichten, die den Mensch empathisch im Sinngefüge verankert, ist dem natürlichen Lauf der Auslöschung bei gleichzeitiger Neuordnung keine Macht entgegenhaltbar.

6.5 | 10


Freitag, 7. Februar 2014

Dokumentation: "William S. Burroughs: A Man Within" [USA 2010]


In "William S. Burroughs: A Man Within" heißt es, dass sie aufschauen zu ihm, die Unangepassten, Unausstehlichen, die individuell herausgeputzten Revoluzzer und die in ihrer hermetisch abgeriegelten Welt isolierten Sonderlinge. Burroughs war selbst einer von ihnen, ein charismatischer Opa mit Stock, ein Vordenker, Fixer, Punk und Schmierfink von popkultureller Bedeutung. Er schrieb vulgäres, burleskes, groteskes Zeug in gewitzten Kombinationen, von Aliensex und Insektendrogen, von Transformationen und Metaphysik, postmodern, durcheinander und aberwitzig. Einen vergleichbar verspielten Formgedanken verfolgt dieses üppige Porträt über ihn, über einen Mann, der seine gegenüber seinen Weggefährten rigoros abgeriegelte Liebe in der Kunst kanalisierte und mit Traditionen abrechnete, die in der gutbürgerlichen Bohème als Obszönität verunglimpft wurden. Regisseur Yony Leyser tackert erhellendes bis seltenes Interviewmaterial mit Burroughs aneinander, Videomaterial, Showmaterial, Tagebücher, außerdem rekapitulieren Freunde, Bekannte und Kollegen ihre Erinnerungen. Zusammengenommen ergibt das ein abenteuerlich vermischtes Bild, das der Lektüre Burroughs merkwürdigerweise nicht fern ist: Abrisse und Fetzen aus Blickwinkeln und Sequenzen, die kurz, aber prägnant, geistreich, aber nicht prätentiös, gefühlsbetont, aber nicht cholerisch einen Lebensinhalt in einer Etappenlogik fassen. Aber auch nach Leysers fleißig recherchierter Seelendokumentation, in der ein Mann freiheraus einem System unerwartete Impulse  gab, bleibt die Marke Burroughs ein Geheimnis in einem unergründbaren Geheimnis. Shotgun Art?

6 | 10