Freitag, 10. August 2018

"Papillon" [USA 1973]


Dem Impetus eines Blockbusters wird "Papillon", wenngleich unumstrittener Klassiker, gerecht. Im Vergleich zu dem Blockbuster, der heute unter diesem Etikett (respektive Warnhinweis) die Kinos weitgehend verseucht, liegt im Blockbuster "Papillon", bei aller organisatorischen Ausstattungsleistung, allerdings ein ethischer, Genregrenzen transzendierender Zwischenton verborgen, eingemauert in jene dicken Schichten eskapistischer Südseebetäubung, bei der die Bejahung an das Entsetzen gebunden wird. Ganz 70er-Jahre-Kino, daher vollumfänglich beißende Systemkritik, getarnt als Bestandsaufnahme institutioneller "Humanisierung" des Strafvollzugs, reflektiert Franklin J. Schaffner unweigerlich die Machtstrukturen eines nach wie vor autoritären Ungleichgewichts. Der filmische "Klassiker" überdauert ohnehin, es muss gar einen weiteren Grund haben, warum wir uns "Papillon" noch heute weiterhin ansehen. Nach diesem Grund zu suchen – dafür müssen wir nicht wie Papillon (Steve McQueen) eine aufreibende, an den Kräften zehrende Inselexpedition auf uns nehmen. Der Grund ist leicht zu ermitteln und geradezu unscheinbar: Die Ergriffenheit hinsichtlich hoher, nicht zu überkletternder Werte, die diesem Klassiker der Freiheit eingeschrieben sind, dauert fort, und mit ihnen die Universalität der Einfühlsamkeit, um die Mauern, die zweifellos fürchterlichsten und unmenschlichsten, zu durchbrechen. 

Aber nicht nur das, auch die exotisch-tropische Melodie Jerry Goldsmiths hinterlässt eine Zuversichtsspur des Entgegenstemmens und Bangens. Wie ein eleganter, abrollender Nähfaden kräuselt sich diese Musik quer durch totales und – abseits des Strandes – totes Land. Franklin J. Schaffner ist altmodischer Routinier genug, um aus "Papillon" einen Film naturalistischen Urprinzips zu machen: Regen, Schlamm, Krokodile und Insekten lassen mutmaßen, wo Papillon und Louis Dega (Dustin Hoffman) gelandet sind. Ihre enge Bindung zueinander beruht auf der sich insofern erhöhenden Chance zu überleben, dass ihre jeweils schwindende Kraft zu zweit potenziert wird. Ihr Verhältnis ist gekennzeichnet von einer tragikomischen Intimität, über die das Schicksal rollt – und sie steckenbleiben in einem morschen Boot. Papillon will die Freiheit unter allen Umständen konfrontativ erzwingen; das unterscheidet ihn von Dega, der an seine reiche Frau und seinen Anwalt glaubt. Für Dega ist die Teufelsinsel keine Leidensstation, die als Durchgangsstation ertragen werden muss, um sie zu überwinden. Zum Schluss – nach unvermuteten Enttäuschungen gegenüber der Frau, von der er glaubte, dass sie ihn liebt – hat sich Dega ein Zuhause erwirtschaftet, ein Refugium der Schöpfung; er ist frei und gestalterisch, aber nicht mehr ungewiss und desillusioniert in seinem Tun.


Der Film sagt uns deshalb, dass das Ertragen mindestens genauso kräfteverschleißend sein kann, wie das Loslassen. Eine unbehagliche Stille breitet sich über weite Teile der Handlung aus, ein poetisches Paradoxon allein dort, wo Papillon seine erste Einzelhaft antritt: Er durchschreitet seine Zelle, eine Streichholzschachtel, und zählt seine Schritte, holt sich die mit schmutzigem Wasser und noch schmutzigerer Suppe notdürftig gefüllten Eimer ab und steigert sich – zittrig, hungrig, völlig entkräftet – in einen Fieberwahn hinein. Bei Dunkelheit und reduzierter halber Ration kartografiert Schaffner eine Betonhölle, in der kleinste, als Affront empfundene Geräusche zur Verlängerung der Einzelhaft führen können. Vermieft und beengend muss Papillon die Zeit absitzen, obwohl sie sich permanent zu dehnen scheint, über Jahre und Jahrhunderte. Schaffners humanistisches Anliegen wird besonders hierin deutlich: Zusammengeschrumpft auf ein Bündel primitiver Bewegungsreflexe sowie tierischer Instinkte, kann der rechtsunmündige Einzelne nicht ohne Weiteres gegen eine Macht bestehen, die ihn in eine akribisch reglementierte und disziplinierte Sozialmoral einpfercht. Auf psychische Brechung denn körperliche Züchtigung zielt das Strafen in der Strafkolonie Französisch-Guayana ab; geometrisch exakt arrangierte Massentableaus entmenschlichen den Strafgefangenen zum Anschauungsobjekt, zum dekorativen Element unter einer wehenden französischen Flagge. 

Kontemplativ ist der Film jedoch auch an anderer Stelle, was nicht nur eine Einengung des Raums zur Folge hat, sondern in dessen Horizontalität gipfelt. Papillons und Degas durch den Ausbruch aus der Strafkolonie begünstigte, episodisch strukturierte Reise führt sie über ein Lepradorf (und eine ikonische Zigarre) bis zu einem Strand, an dem sich Indianer eine frühzeitliche, naturverbundene, insbesondere ausgelassene Perlenwelt erschaffen haben. In den buntesten, heißesten und stürmischsten Farben zeigt uns Schaffner die Psyche ihrer Utopie, und dazu greift er nicht auf den Dialog, auf die Eindeutigkeiten des Ausgeformten, zurück. Die Verständigung zwischen Papillon und den Indianern ist, Gegenteiliges bewirkend, eine zutiefst vertraute, jenseits des Gesprochenen auf sich selbst verweisende, antiquarische und symbolbeladene Sprache. Papillon merkt das dann, wenn er das Motiv seines Schmetterlingstattoos auf die Brust des Häuptlings (Victor Jory) übertragen soll und dafür selige Blicke erntet, die aus den Tiefen der Zeit, jetzt, zu dieser Stunde, für alle Stunden, einen Traum konservieren. Folglich ist "Papillon" stellenweise äußerst musisch, lyrisch und selbstvergessen, und es sind diese musischen, lyrischen und selbstvergessenen, ahistorischen Furchen, die zu aufregenden Vernarbungen und spannenden Dissonanzen beitragen. Sie allegorisieren eine moralische Anklage in einem vergehenden Paradies, das sich wieder finden wird.

7 | 10

Freitag, 3. August 2018

Gesehenes - Juli 2018


"The Leftovers" //9
(USA 2017 | Season 3; Blu-ray)

"The Keepers" //8
(USA 2017 | Ryan White; Netflix)

"Juventus Turin - Der Rekordmeister" //5
(USA 2018 | Season 2; Netflix)

"Dirty Money" //7
(USA 2018 | diverse; Netflix)

"Electric Dreams" //4
(GB, USA 2017 | Season 1; Prime Video)

TV-Folge: "Better Call Saul" - 3x10 | "Lantern"
(USA 2017 | Peter Gould; Netflix)

Kurzfilm: "Aschenputtel" //6
(D 1922 | Lotte Reiniger; YouTube)

Kurzfilm: "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" //5
(D 1926 | Lotte Reiniger; YouTube)

Kurzfilm: "Papageno" //7
(D 1935 | Lotte Reiniger; YouTube)

Kurzfilm: "Hänsel und Gretel" //6
(GB 1954 | Lotte Reiniger; YouTube)

Kurzfilm: "Die drei Wünsche" //6
(GB 1954 | Lotte Reiniger; YouTube)

Kurzfilm: "Little Songs of the Chief Officer of Hunar Louse" //5
(GB 1985 | Keith Griffiths, Stephen Quay, Timothy Quay; YouTube)

Kurzfilm: "The Comb" //3
(GB, F 1991 | Stephen Quay, Timothy Quay; YouTube)

Kurzfilm: "Tales from Vienna Woods: Stille Nacht III." //3
(GB 1993 | Stephen Quay, Timothy Quay; YouTube)

Kurzfilm: "How to Operate Behind Enemy Lines" //6
(USA 1943 | John Ford; Netflix)

Kurzfilm: "Divide and Conquer" //5
(USA 1943 | Frank Capra, Anatole Litvak; Netflix)

Kurzfilm: "Tunisian Victory" //5
(USA, GB 1943 | Frank Capra, Hugh Stewart, John Huston; Netflix)

Kurzfilm: "Die Schlacht um San Pietro" //6
(USA 1945 | John Huston; Netflix)

Kurzfilm: "Know Your Enemy - Japan" //6
(USA 1945 | Frank Capra, Joris Ivens; Netflix)

Dokumentation: "Nazi-Konzentrationslager" //7
(USA 1945 | George Stevens; Netflix)

Dokumentation: "Raiders!" //5.5
(USA 2015 | Jeremy Coon, Tim Skousen)

 Dokumentation: "Les Bleus" //6
(F 2016 | David Dietz, Sonia Dauger, Pascal Blanchard; Netflix)

Dokumentation: "The Sunshine Makers" //2
(GB 2017 | Cosmo Feilding-Mellen; Netflix)

"Das siebente Siegel" //7
(S 1957 | Ingmar Bergman; TV)

"Die Jungfrauenquelle" //7
(S 1960 | Ingmar Bergman; YouTube)

"Die Stunde des Wolfs" //6
(S 1968 | Ingmar Bergman; YouTube)

"The Shallows" //5
(USA 2016 | Jaume Collet-Serra; Netflix)

"The Commuter" //5
(USA, GB, F 2018 | Jaume Collet-Serra; Prime Video)

"Network" //9
(USA 1976 | Sidney Lumet; Blu-ray)

"Blue Velvet" //9
(USA 1986 | David Lynch; Blu-ray)

"Last Action Hero" //7
(USA 1993 | John McTiernan; Blu-ray)

"Solaris" //3
(USA 2002 | Steven Soderbergh; Netflix)

"Hitchcock" //3
(USA 2012 | Sacha Gervasi; Netflix)

"Train to Busan" //6
(ROK 2016 | Yeon Sang-ho; Netflix)

"Sweet Virginia" //5
(CDN, USA 2017 | Jamie M. Dagg; Netflix)

"Calibre" //6
(GB 2018 | Matt Palmer; Netflix)

"Tau" //3
(USA 2018 | Federico D'Alessandro; Netflix)

"Beirut" //5
(USA 2018 | Brad Anderson; Netflix)

"Das Vermächtnis des Weißwedelhirschjägers" //5.5
(USA 2018 | Jody Hill; Netflix)

"How It Ends" //4
(CDN, USA 2018 | David M. Rosenthal; Netflix)

"Criminal Squad" //5
(USA 2018 | Christian Gudegast; US-Unrated-Fassung/Verleih-Blu-ray)

"Operation: 12 Strong" //3
(USA 2018 | Nicolai Fuglsig; Prime Video)

"Ant-Man and the Wasp" //4
(USA 2018 | Peyton Reed; 3D/Kino)

Mittwoch, 1. August 2018

"Ant-Man and the Wasp" [USA 2018]


Nachdem er eine Fußfessel verpasst bekam, muss sich Ant-Man (Paul Rudd) wider Willen mit zeitvertreibendem Krimskrams in den eigenen vier Wänden arrangieren. Langeweile satt – paradigmatisch für ein Sequel, das uns ein Antikonzept zum Multimillionendeal präsentiert: Ant-Man ist ein kleiner Romantiker, ein netter Kumpel, ein gewitzter Aushilfsdaddy. Mehr nicht. Häusliches Abhängen. Aber das reicht. Entsprechend familiär und ballsicher wirkt die Kleinfamilie um Rudd, Evangeline Lilly und Michael Douglas (nach wie vor). So familiär und ballsicher, dass die Fußnote um Hannah John-Kamen und Laurence Fishburne glatt stört. Peyton Reed stützt sich in "Ant-Man and the Wasp" auf kontrolliertes Chaos, auf auswendig gelernte und praktisch angewendete Marvel-Paragrafen, in denen neben dem (redundanten) Schnellfeuergewehrwitz und dem (noch redundanteren) Überlastungsdialog (Dampfplauderer Michael Peña wird im Leben kein Schauspieler mehr) notgedrungen ein, zwei, drei Bösewichte auf Abruf bereit stehen, obwohl die psychedelische Suche nach der unverhofft wiederaufgetauchten Mutter (Michelle Pfeiffer) den Film hätte allein tragen können. Maßgeschneiderte Hingabe ist das nicht mehr. Dafür fehlt der Fortsetzung originelles Spielzeugspielen. Die Gags erschöpfen sich an einem MacGuffin, der, vergrößert und verkleinert, an den unmöglichsten Orten verschoben, auseinandergezerrt wird, wohingegen die verruchte Schmierigkeit Walton Goggins den Freundlichkeitskitsch amerikanischer Durchschnittsbefindlichkeit immerhin dezent durchkreuzt. Alternative: "Tarantula" im (großen) Kino schreiend bestaunen.

4 | 10

Mittwoch, 25. Juli 2018

"Taking Off" [USA 1971]


Der Alptraum der amerikanischen Spießergesellschaft – es dürfte dieser verknöpfte Vater (Buck Henry) sein, der beim Strip-Poker seine Kleider verlor und fortan, zur Bespaßung seiner kreischenden Gäste, auf dem Tisch torkelt. Nackt. Besoffen. Überhaupt nicht verlegen. Und das, obwohl er oder sie, die Eltern, alles unternommen haben, ihr Kind (Linnea Heacock) vor "revolutionären Umtrieben" zu bewahren. "Taking Off" spielt hier: in der Brandung halluzinierender Gewalt an der Grenze eines Generationenkonflikts, elterliche Versäumnisse politisch einzufordern. Doch Miloš Formans nichtsdestoweniger humanistische Film lässt sich nicht als beinharter Sozialkommentar begreifen, sondern als spleenige, wahrlich ungezwungene Anarcho-Komödie, bei der Musik mindestens genauso wichtig ist, wie das Bekenntnis zu ihr. Dazu schneidet Forman ein Casting zu pointierten Gesangsminiaturen um, während sich allein gelassene Eltern Hilfe versprechen von einer Selbsthilfeorganisation, die das Rauschgiftrauchen anleitungssicher vermittelt. "Schweben", "fliegen" – das sind dabei kommentierte Attribute, die allerdings öfters in "Taking Off" fallen, um jene Bewusstseinsverschiebung blumig zu romantisieren, die eine Gesellschaft ergriffen hat, eine Gesellschaft, die sich der Autorität entzieht, um selbst Autorität zu werden. Es ist dieser schmale Grat, auf dem Forman eine Geschichte aus Geschichten aus Gesichtern ansiedelt. Erwachsene und deren Kinder blicken sich darin an, und in diesen Blicken treffen sich Liebe und Beschämen, Würde wie Erniedrigung.


6 | 10

Mittwoch, 18. Juli 2018

Eindrücke #20

"Türkische Früchte"
"Turks fruit"
(NL 1973 | Paul Verhoeven)











Paul Verhoeven wurde heute 80 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Sonntag, 15. Juli 2018

Fernsehtipps Film (16.07. - 22.07.2018)


MONTAG, 16.07.2018

"Tollkühne Flieger"
[00:00 Uhr, NDR]
(USA 1975 | George Roy Hill)

"Der Mann, der niemals lebte" [00:10 Uhr, Sat. 1]
(USA 2008 | Ridley Scott)

"Music of the Heart" [02:10 Uhr, ARD]
(USA 1999 | Wes Craven)

"Die Kinder der Seidenstraße" [02:35 Uhr, SWR]
(AUS, CHINA, D, USA 2008 | Roger Spottiswoode)

"Die Nacht des Jägers" [20:15 Uhr, Arte]
(USA 1955 | Charles Laughton)

"Mörderland" [21:45 Uhr, Arte]
(E 2014 | Alberto Rodríguez)

"Der Gott des Gemetzels" [23:30 Uhr, MDR]
(F, D, PL, E 2011 | Roman Polanski)

--------------------

DIENSTAG, 17.07.2018

"Don Mariano weiß von nichts" [00:05 Uhr, HR]
(I, F 1968 | Damiano Damiani)

"The Reef" [22:00 Uhr, Tele 5]
(AUS 2010 | Andrew Traucki)

"Der Zauber von Malèna" [22:10 Uhr, Servus TV]
(USA, I 2000 | Giuseppe Tornatore)

"Mad Max" [22:20 Uhr, Pro 7 Maxx]
(AUS 1979 | George Miller)

"Mandela: Der lange Weg zur Freiheit" [22:45 Uhr, ARD]
(GB, SAFR 2013 | Justin Chadwick)

"The Green Inferno" [23:45 Uhr, Tele 5]
(USA, CHILE 2013 | Eli Roth)

--------------------

MITTWOCH, 18.07.2018

"Indochine" [20:15 Uhr, Arte]
(F 1992 | Régis Wargnier)

"Shaft - Noch Fragen?" [22:20 Uhr, Kabel]
(USA, D 2000 | John Singleton)

"Am Ende der Kindheit" [23:40 Uhr, Arte]
(POR, F 2015 | João Salaviza)

-------------------- 

DONNERSTAG, 19.07.2018

"17 Mädchen" [00:30 Uhr, BR]
(F 2011 | Delphine Coulin, Muriel Coulin)

"O Brother, Where Art Thou?" [20:15 Uhr, Servus TV]
(GB, F, USA 2000 | Joel Coen)

"Die Hände meiner Mutter" [23:00 Uhr, ZDF]
(D 2016 | Florian Eichinger)

"Enklave" [23:20 Uhr, Arte]
(SRB, D 2015 | Goran Radovanović)

"Das fliegende Klassenzimmer" [23:30 Uhr, HR]
(BRD 1954 | Kurt Hoffmann)

"Die unerschütterliche Liebe der Suzanne" [23:40 Uhr, WDR]
(F 2013 | Katell Quillévéré)

"God's Own Country" [23:55 Uhr, RBB]
(GB 2017 | Francis Lee)

--------------------

FREITAG, 20.07.2018

"The Music Never Stopped" [02:10 Uhr, ARD]
(USA 2011 | Jim Kohlberg)

"Pacific Rim" [20:15 Uhr, Pro 7]
(USA 2013 | Guillermo del Toro)

"Daylight" [20:15 Uhr, RTL II]
(USA 1996 | Rob Cohen)

"Cleaner - Sein Geschäft ist der Tod" [22:25 Uhr, 3sat]
(USA 2007 | Renny Harlin)

"Train to Busan" [22:30 Uhr, RTL II]
(KOR 2016 | Yeon Sang-ho)

"Frühstück bei Tiffany" [23:45 Uhr, BR]
(USA 1961 | Blake Edwards)

--------------------

SAMSTAG, 21.07.2018

"Twister" [20:15 Uhr, RTL II]
(USA 1996 | Jan de Bont)

"Mr. Collins' zweiter Frühling" [20:15 Uhr, Servus TV]
(USA 2015 | Dan Fogelman)

"The Happy Film" [21:45 Uhr, 3sat]
(USA, GB, F, Ö, INDO 2016 | Stefan Sagmeister, Ben Nabors, Hillman Curtis)

"Traffic - Macht des Kartells" [22:10 Uhr, Servus TV]
(USA, D 2000 | Steven Soderbergh)

--------------------

SONNTAG, 22.07.2018

"Burn After Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?" [00:50 Uhr, ARD]
(USA, GB, F 2008 | Ethan Coen, Joel Coen)

"Das Böse unter der Sonne" [20:15 Uhr, Tele 5]
(GB 1982 | Guy Hamilton)

"Im Herzen der See" [20:15 Uhr, Sat. 1]
(AUS, USA 2015 | Ron Howard)

"Der Ghostwriter" [22:20 Uhr, Sixx]
(GB, F, D 2010 | Roman Polanski)

rot: besondere Empfehlung vom Autor des Hauses; teils sehr selten oder gar erstmals im TV

[Angaben ohne Gewähr]

Samstag, 14. Juli 2018

"Die Jungfrauenquelle" / "Jungfrukällan" [S 1960]


Wer sich an Wes Cravens Erstlingswerk "Das letzte Haus links" (1972) erinnert, erinnert sich an eine latent märchenhafte Vorstadtidylle, die in Ingmar Bergmans "Die Jungfrauenquelle", zwölf Jahre früher, ein theologisch erstarrtes Zwangssystem verkörpert. Craven nahm in seinem einst unerhört brutalen und im Zuge dessen hochpolitischen Exploitationfilm Bezug auf Bergmans an den Rändern magisch durchwalteten Klassiker. In beiden Filmen zertrümmern die Filmemacher romantische Vorstellungsillusionen von Familie und Heiligkeit, während der Unschuld und dem Märchen in Wahrheit Schmutz und Abscheulichkeit anhaften. Die Widerlegung des Paradieses resultiert allerdings aus deren rudimentärer Verherrlichung – die Kinder (Birgitta Pettersson in Gestalt eines strohblonden Engels) werden in eine "symbolische Ordnung" (Jacques Lacan) religiöser Normen hineingezwängt. Bergmans Film spielt, als der letzte des schwedischen Meisterregisseurs nach "Das siebente Siegel" (1957), im Mittelalter, wo die innerfamiliären Aufgaben unmissverständlich klar verteilt sind. Unter den besorgten Augen der Mutter Märeta (Birgitta Valberg) und den schalkhaft blitzenden und blinzelnden Augen des Vaters Töre (Max von Sydow) bestimmt Gott ein Leben in Hingabe und Besonnenheit. Die frostige Frömmigkeit, die vielen Filmen Bergmans inhärent ist, erleuchtet in "Die Jungfrauenquelle" einen Widerschein zwischen Neugier und Unterordnung. 

Die alte Legende will es jedoch, dass das (weltliche) Unglück auf leisen Sohlen herangeschlichen kommt. Um Kerzen zur Kirche zu bringen, müssen der Engel Karin (Pettersson) und ihre, dem Gegenteil gemäß: dunkelhaarige, Adoptivschwester Ingeri (Gunnel Lindblom) die umliegende Landschaft und schließlich den Wald durchqueren. Mit den nachfolgenden Ereignissen fragt Bergman nach dem Leiden des Seins – dem Leiden im Angesichts des von Gott gewollten Guten. Karin wird von zwei Ziegenhirten (Axel Düberg, Tor Isedal) vergewaltigt und getötet. Diese sparsam-effektive Sequenz inmitten sinisteren Gestrüpps wie grobgehauener Steine, übertrifft selbst heute gängige und weit direktere Darstellungen filmischer Gewalt. Die Natur, mehrdeutig gemeint, und Karin verhalten sich zueinander antithetisch. Auf das rau abgeschabte Leben in der Wildnis, einer in ihrer Summe hochgradig überlebensdurchwirkten, entwässerten Vereinsamung, wurde Karin nicht vorbereitet. Ihr "poröses Selbst" (Charles Taylor) – Naivität, Hörigkeit, Geisterbewusstsein – meint philanthropische Freundlichkeit in den Wegelagerern zu erkennen, denen sie begegnet, ein Spiel, ein Scherz allen voran. Ihre dunklen Absichten erkennt Karin nicht. Beschirmt und bescheint von elterlicher Gewissenszuweisung, kann Gott ihr in ihrer Blindheit nicht helfen. Obwohl Bergman sein Wort an Gott richtet, ihn befragt und hinterfragt, hinterfragt er nicht alleinig dessen Moral. 

Das unterscheidet "Die Jungfrauenquelle" von "Das letzte Haus links". Bergman verhandelt existenziellere Seinsbefindlichkeiten gegenüber Werten, die (auch) an einen Kontext gebunden sind und dementsprechend sprunghaft sich ändern. Die Werteordnung der Familie, wie sie uns Bergman vorgestellt hat, gerät ins Wanken – die Familie macht zufällige Bekanntschaft mit jenen drei Vagabunden, einschließlich einem kleinen Jungen (Ove Porath), dem die Zärtlichkeit ins Gesicht geschrieben steht. Das Geheimnis der drei Besucher fliegt auf, und Bergman zeigt auf, dass die Bedürfnisse der Empfindungen nicht von den Bedingungen Gottes aufgefangen werden können. Die Bilder, die der Filmemacher im Vorfeld der Rache dafür findet, sind diabolisch: die letzte Reinigung, die Baumfällung, die Selbstkasteiung, ein unerschrockener Blick, das Messer in den Tisch gestoßen. Auch wenn Vater Töre den Geboten Gottes untersteht, ist sein Bemühen der Heilsversprechung und Vervollkommnung ein schmaler Ast, der dann bricht, wenn die Rache ihn zum Menschen macht, zu einem des Zorns, der Wut, der Affekte. "Die Jungfrauenquelle" erweist sich als ein Film der Disparität, bei dem das Leben und Leiden, immer wieder, seit jeher, das Lieben durchbricht. Dahingehend ist Bergman ganz der Psychologe, der die "Grenzerfahrungen" (Karl Jaspers) des Menschen betastet, die schweren wie die magischen, die absehbaren wie die unverhofften. 

7 | 10

Heute wäre Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden.

Freitag, 6. Juli 2018

Gesehenes - Juni 2018


"The Leftovers" //8.5
(USA 2014 | Season 1; Blu-ray)

"The Leftovers" //10
(USA 2015 | Season 2; Blu-ray)

"Peaky Blinders" //3
(GB 2013 | Season 1; Netflix)

"Trump: An American Dream" //6
(GB 2017 | diverse; Netflix)

"Bobby Kennedy for President" //6
(USA 2017 | Dawn Porter; Netflix)

"Evil Genius: The True Story of America's Most Diabolical Bank Heist" //7
(USA 2018 | Barbara Schroeder; Netflix)

TV-Folge: "Westworld" - 2x07 | "Les Écorchés"
(USA 2018 | Nicole Kassell)

TV-Folge: "Westworld" - 2x08 | "Kiksuya"
(USA 2018 | Uta Briesewitz)

TV-Folge: "Westworld" - 2x09 | "Vanishing Point"
(USA 2018 | Stephen Williams)

TV-Folge: "Westworld" - 2x10 | "The Passenger"
(USA 2018 | Frederick E.O. Toye)

"Westworld" //4
(USA 2018 | Season 2)

Kurzfilm: "Morderstwo" //5
(PL 1957 | Roman Polanski; YouTube)

Kurzfilm: "The Last Trick" //6
(CSSR 1964 | Jan Švankmajer; YouTube)

Kurzfilm: "Picknick mit Weismann" //6
(Ö 1969 | Jan Švankmajer; YouTube)

Kurzfilm: "Miracle of Flight" //5
(GB 1975 | Terry Gilliam; YouTube)

Dokumentation: "Le K Benzema" //6
(F 2017 | Florent Bodin, Damien Piscarel; Netflix)

"Matrix" //7
(USA, AUS 1999 | Lana Wachowski, Lilly Wachowski; Blu-ray)

"Matrix Reloaded" //3
(USA, AUS 2003 | Lana Wachowski, Lilly Wachowski; DVD)

"Matrix Revolutions" //4
(USA, AUS 2003 | Lana Wachowski, Lilly Wachowski; DVD)

"Sicario" //4.5
(USA 2015 | Denis Villeneuve; Blu-ray)

"Sicario 2" //2
(USA 2018 | Stefano Sollima; Kino)

"Sein oder Nichtsein" //8
(USA 1942 | Ernst Lubitsch; Blu-ray)

"Papillon" //7
(USA 1973 | Franklin J. Schaffner; DVD)

"Die 120 Tage von Sodom" //8
(I, F 1975 | Pier Paolo Pasolini; DVD)

"The King of Comedy" //8
(USA 1982 | Martin Scorsese; Prime Video)

"Delicatessen" //6
(F 1992 | Jean-Pierre Jeunet; Blu-ray)

"12 Monkeys" //7
(USA 1995 | Terry Gilliam; DVD)

"Welcome to the Jungle" //3
(USA 2003 | Peter Berg; Prime Video)

"Schräger als Fiktion" //7
(USA 2006 | Marc Forster; Netflix)

"The Founder" //5
(USA 2016 | John Lee Hancock; Verleih-DVD)

"Fremd in der Welt" //2
(USA 2017 | Macon Blair; Netflix)

"The Ritual" //5
(GB 2017 | David Bruckner; Netflix)

"Hungrig" //1
(CDN 2017 | Robin Aubert; Netflix)

"Cargo" //6.5
(AUS 2017 | Ben Howling; Yolanda Ramke; Netflix)

"Good Time" //6
(USA 2017 | Benny Safdie, Josh Safdie; Verleih-DVD)

"Paradox" //1
(USA 2018 | Daryl Hannah; Netflix)

Freitag, 29. Juni 2018

"Good Time" [USA 2017]


Die Großstadt, immer die Großstadt. Er kränkelte – Prostataprobleme – und kutschierte aufgehende Sternchen. Ob in "Cosmopolis" oder in "Maps to the Stars": Für David Cronenberg war Robert Pattinson nicht länger einer, den man süß finden muss. Beflügelt, gelenkig, lebhaft manövrierte er sich durch das Kraftfeld einer zerhackten, ästhetisierten, ökonomischen Zeichenzirkulation. Zum Mann, zu einem Geschäftsmann war er geworden, und aus dem larmoyanten Teenieschwarm erwuchsen maskuline Zwischenabstufungen der Gesetzt-, aber auch der Gereiztheit. Der Robert Pattinson in "Good Time" hat diesmal keinen Anzug an, er fährt keine Limousine, das Haar ist nicht sorgsam geschnitten. Eher zerzaust ist es, später blondiert. Seine Figur Connie Nikas bereist New York für eine Nacht, wie einst Frank Pierce New York für einige Nächte bereiste – getrieben, gespenstig, von Verdichtung zu Verdichtung, von der Meditation zur Glut und wieder zurück. Die neonversifften 80er Jahre, das urbane Kino Michael Manns, das eruptive Kino Walter Hills standen Pate für Benny und Josh Safdie, die zu einem Film fanden, der, indem er sich über die Zeit hinwegsetzt, diese gleichzeitig neu verbaut. "Good Time" funkelt in grellsten Farbspektren, Energiewellen gleich, die ein New York City anleuchten und es zum Vibrieren bringen. In den unscheinbarsten Details – ein Blick in den Kühlschrank, ein Blick in eine fremde Wohnung – wimmelt es von Leben, von Stadtidentität. 

Die Bilderwelten streifen diesbezüglich das Allerdringendste; "Good Time" ist ein säuberlich montierter Film ohne eine Ausschweifung zu viel oder zu wenig. Der vordergründige Plot – und mehr als ein "Plot", ein Signal angedeuteten Erzählens, wird man darin nicht erkennen können – setzt sich aus einem Brüderpaar (Pattinson, Benny Safdie) zusammen, das sich bei dessen letztem Coup, einem Banküberfall, in der Folgeneinschätzung verhebt. Um die Kaution aufzutreiben, flüchtet der eine in die Nacht, während der andere zu überleben gewillt ist. Der Zuschauer heftet sich fortan an die Fersen Connies. Welche Energie, Raserei, welche Geschwindigkeit steckt in "Good Time", wenn Pattinson, sichtbar übermüdet, aufgeputscht und aufgeweicht, einen Raum, einen Lebens- wie Sozialraum, nach dem anderen bezwingt, in dem die Gefahr von einem Klopfen, einem Rufen, einem Bellen ausgeht, immer das große Geld, die große Chance im Sinn. In schwarzfinsteren, lichtgrantigen Versteckspiel- und Suchszenarien, exemplarisch auf einem geschlossenen, vereinsamten Vergnügungsparkgelände, gewinnt "Good Time" eine tranceartige, pochende Sensibilität, die friedlich zum Stillstand kommt: Connies behinderter Bruder Nick löst sich schlussendlich von den Fesseln, mitgezogen zu werden. Er geht aus freiem Willen unter Iggy Pops musikalischem Salz- und Wassergemisch das Therapiezimmer auf und ab. Zeit für eine Erkenntnis in einem sicheren Raum.

6 | 10

Mittwoch, 20. Juni 2018

"Cargo" [AUS 2017]


Unter sämtlichen mediokren Netflix-Eigenproduktionen stachen zuletzt zwei Filme heraus, die eine künstlerisch gewagtere "Eigenständigkeit" gegenüber einem sonst fabrikmäßig bearbeiteten und sich nach George A. Romero redundant auf die Schulter abklopfendem Genre bewiesen. Wo "Hungrig" eine Gruppe zufällig vermischter, spleeniger Überlebender zeigte, die Landstriche, bestehend aus abseitigen Wäldern und Wiesen, durchstreifen, um sich vor einer Horde Zombies zu schützen, die Stühle auftürmen und sich davor innig finden, abstrahieren Yolanda Ramke und Ben Howling in "Cargo" eine vergleichbare Ausgangsprämisse willentlich zu einem familiären Fatalismus im australischen Outback. "Hungrig" war, aller enigmatischen Entschleunigung zum Trotz, vor allem ein Genrevertreter, der auf Genrevertreter verwies; der Film zelebrierte nicht nur postmodernen Schlächterwitz, sondern gefiel sich in dieser Rolle, flintenschwingend cool und karikaturesk, oft maßstabsgetreu, selten menschlich zu sein. Ramke und Howling hingegen interessieren sich für jene, die zwar überlebt haben, aber paradoxerweise nicht überleben werden. Der menschliche Spannungsreichtum in "Cargo" – angesichts eines unwirtlich geöffneten Raums – ist mickrig, schmächtig. Kein triumphaler Rausch treibt die Figuren an. Ihre Leidenschaften wurden trockengereinigt und entwertet in einer sandigen Zeit: "alles älter als Mensch und voller Geheimnis."

Diese aus Cormac McCarthys Meisterwerk "Die Straße" zitierte letzte Zeile passt zu "Cargo". Hier wie dort ist das Band stark, das zwischen einem Vater und seinem Kind eine Verbundenheit existenzieller Unbedingtheit und damit einen Rückzugsort ausdrücklicher Empfindung repräsentiert. Hier wie dort ist das Kind weit mehr als ein Kind. Es ist Metapher und Symbol, ein Fanal am Firmament, das Hoffnung verspricht oder, mindestens, andeutet. In "Cargo" heißt dieses Kind Rosie (Lily Anne McPherson-Dobbins, Marlee Jane McPherson-Dobbins), dessen Vater heißt Andy (Martin Freeman). Andy trägt Rosie beherzt im Rucksack, und währenddessen gedeihen die kleinen Wunder in der Beziehung beider, im Liebesplausch, im Vertrösten (mit Parfum), im Spiel und im Spaß. Die Situation, in der sie sich befinden, ist todernst: Rosie hat ihre Mutter (Susie Porter) verloren und Andy, letzter Verbliebener eines entzweigerissenen Familientorsos, hat nach einer Bisswunde 48 Stunden Zeit, seinem Kind eine Überlebenschance einzuräumen, ehe auch er sich "verwandelt" – in ein Ding schleimigen, verwesenden Schlurfens. Was "Cargo" auszeichnet, ist demzufolge die Perspektive, wie ein existenzialistisches Vorwärts ausschließlich unter der Empathie reziproken Nutzens gelingen kann. Die "Zombies" (oder "Infizierte") müssen dabei Fragmente sein, und sie sind folglich unberechenbare Kreaturen, Versuchsgegenstände, an denen sich menschliches Verhalten ableitet. 

"Cargo" gesellt sich insofern zu der Riege an Zombie- und Infiziertenfilmen, die zugleich soziologische Analyse sind, weil sich dessen Figuren an der Peripherie des Ausdrucks und Austauschs bewegen. Denn wo, wenn nicht in der Landschaft Australiens, verlieren sich Norm- und Moralsysteme in der Unendlichkeit der Weite, wenn nicht in Australien? Ramke und Howling entpolitisieren ein verwaistes Land und eine öde Westernwüstensiedlung, zurückgeworfen auf Träume und Hochstimmungen naturarchaischer Klischees. Die Menschen bilden zwei Gruppen, eine mit Infiziertenarmband, eine ohne. Daraus schöpft der Film seine Eindringlichkeit – in der suizidalen Entscheidung, bevor das Grab höchstselbst ausgehoben wird. Mag die Kausalkette der Protagonisten fast konstruiert mit der verhängnisvollen Suche nach einem Rasierer (!) unvermeidlich auf ihr Schicksal zusteuern, so verlieren die Regisseure zu keiner Zeit Andys Odyssee über Stationen unweit des Flusses aus dem Auge, Stationen wie ein Krankenhaus und eine Militärbasis, die allesamt von Zersetzung und Auszehrung, von einer Melancholie der Vereinzelung, künden. Wenn Andy Vic (Anthony Hayes), einem Jäger und Sadisten, begegnet, entwickelt sich der Film für kurze Momente zu einem reißerischen und grob kapitalismuskritischen Thriller. Eine Entwicklung, die "Cargo" gar nicht nötig gehabt hätte, weil sich der Thrill gerade in der Anteilnahme entzündet.

6.5 | 10