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Freitag, 28. März 2014

"Art School Confidential" [USA 2006]


Die Frage der Fragen: Was ist eigentlich Kunst wirklich? Der "narkotisierende Moment der kreativen Erfüllung"? Die Vormachtstellung der Männlichkeit? Oder wüste Speichel- und Arschleckerei? Im kunterbunten, frech-frivolen (Kunst-)Universum Terry Zwigoffs mühen sich wandelnde Klischeeersatzteillager (selbstverständlich involviert: der schwule Modeguru) dabei ab, einen befriedigenden Sinn in jener Frage zu finden. Bezeichnenderweise in einem Etablissement selbstgefälliger Schulterklopfer vor dem (künstlerischen) Kniefall, dass das unbedingt, was auch immer geändert werden muss, gut benotet werden sollte. Was die nicht wissen, die sich anbiedernden Marionetten der Vermarktungsindustrie: Das berühmt gewordene Konterfei auf den Hochglanzmagazinen, die Zukunftsperspektive, das Geldverdienen ist im Zeichnen von geometrisch streng ausbalancierten Dreiecken zu finden. Nur eine der vergnüglichen Pointen dieser mit peinigendem Spott ätzenden, eloquenten Branchensatire, die frohgemut zwischen Krimifarce, Geek-Groteske (selbstverständlich involviert²: das "Apocalypse Now"- und "Reservoir Dogs"-Poster), unerfüllter Schulliebe und verlockenden Geschäftsbanalitäten nicht immer frei von abgedroschenen Klischees und aus der Geschichte kurzerhand entschwundenen Figurenhüllen jongliert, aber bisweilen geistreich die Hybris koketter Damen (selbstverständlich involviert³: Anjelica Huston) und prahlerischer Herren ironisiert. Für ein Lächeln über Wahrheiten, für den selbstreflektierenden Quatsch ist sich "Art School Confidential" folgerichtig nie zu schade – für seine dumm aus der Babywäsche schauende, dann exzessiv saufende Jungfrau (Max Minghella) aber leider auch nicht. Das ist Kunst.

6 | 10

Dienstag, 16. April 2013

"Choke - Der Simulant" / "Choke" [USA 2008]


Palahniuk zu verfilmen ist schwer, seine Offenheit, seinen Schmuddel, seine Verlässlichkeit, auf jeder Seite mindestens drei prophetische Zitate zu bringen, die man sich im Großformat problemlos an die Wand kleben könnte. Palahniuks maschinengewehrschnell beschriebene Welt, ihren teuflischen Witz und ihre Alltäglichkeit, ihre Perversität, Widerlichkeit und Morbidität erlauben einen Blick in ganz persönliche, innere Wahrheiten einer jeden Bürgerschicht, die vor der Außenwelt sorgfältig abgeschlossen ist. Der Leinwandadaption "Choke" des Palahniuk-Romans "Der Simulant" fehlt in diesem Sinne weitgehend das, was "Fight Club" bewusstseinserweiternd machte, nämlich die Deutung eines Stoffes, das bildhafte Mehr, die Grenzüberschreitung. Eine arrangierte Vergewaltigung, ein mit pechschwarzem Pudding verschmierter Mund, Bier aus "Schneckenfallen", entblößte Brustfantasien und nicht zuletzt Palahniuk-übliche Albernheiten wie die "Heilige Vorhaut" haben es zwar in die verfilmte Geschichte eines zynischen Sexgierigen geschafft, der in Kneipen und Restaurants gern einen baldigen Erstickungstod vortäuscht. Aber solche Absurditäten sind die Ausnahme, und irgendwie wirkt "Choke" nie wahnsinnig genug, als dass er Palahniuk selbst das Wasser reichen könnte. Trotz eines spielfreudigen Sam Rockwell im Dauererregungszustand bettet der Film seine Psychosen in eine größtenteils kreuzbrave, glänzende Indie-Nerd-Dramödie ein, die gar kein unanständiges Paralleluniversum darzustellen bereit ist, sondern nur unsere Realität zerstreuter, ja langweiliger porträtiert. Es lebe der Orgasmus, wo auch immer. 

5 | 10

Samstag, 9. Juli 2011

In aller Kürze: "The Royal Tenenbaums" [USA 2001]


Würde das eindeutig-uneindeutige Attribut "normal" auf Familien, wie du und ich sie möglicherweise haben, zutreffen, die Tenenbaums wären garantiert nicht normal. Vorgetäuschte Krebserkrankung zur angepeilten Familienvereinigung angesichts zahlreicher Versäumnisse und Erschießung des Sohnes beim Ballerspiel mit echtem Schrot, obgleich im selben Team (begnadet diametral zu seinen diabolischen Schurkenrollen: Gene Hackman), voyeuristisches Stalker-Interesse am neuen Liebhaber (ein schwarzer, alter Sack; Danny Glover) seiner Noch-Ehefrau (Anjelica Huston), zwei literarisch wie sportlich anfangs phänomenal in die Höhe geschossene, später literarisch wie sportlich phänomenal in die Tiefe gefallene Jungs (Luke Wilson, Owen Wilson), ein paranoider zweiter Sohn (Over-Acting-Deluxe: Ben Stiller), der seine Söhne wiederum zu Weltmeisterschaftssprintern züchtigen will, um nach einem Feueralarm inklusive Hund unbeschadet aus dem imaginär brennenden Heim zu stolzieren (sie müssen dafür 16x pro Woche trainieren), eine seit 22 Jahren kettenrauchende, neunfingrige, aber Theaterstücke schreibende und sich täglich acht Stunden im Badezimmer einschließende, depressive Tochter (umwerfend: Gwyneth Paltrow), von der jeder annimmt, dass sie nie einen Glimmstängel gesehen hat. Es musste so kommen: Was folgt, ist die tägliche XXL-Dosis Familienmisere, das wilde Chaos introvertierter Gestalten und ihren persönlichen Differenzen zueinander, das mit Schlaglöchern übersäte Katastrophengebiet zwischenmenschlicher Beziehungslandschaften, die verzweifelte Suche nach dem Sinn des Lebens bei unerfüllter Liebe, Vergangenheitsbewältigung, Vergebung, Enttäuschung. Schicksal. Dicht versponnen, spielfreudig geschauspielert und doch auf eigenartige Weise liebenswürdig, das ist Wes Andersons dritter Spielfilm, ein pointierter Ensemblefilm, wo die Komik mit der Elegie einhergeht, mit schubkarrenweise Stars und pompösem Exterieur aus bunten Kulissen, poppigen Kleidern sowie erlesenen Kompositionen.

Anderson organisiert den Film selbstreflexiv wie ein Theaterstück in Kapiteln, einschließlich Pro- und Epilog. Die Fülle an popkulturellen Anspielungen, musikalischem Rundumschlag quer durch die Epochen und überbordender Fabulierkunst sieht es vor, jede einzelne Figur zunächst mit Zwischenüberschrift und Voice-over vorzustellen, bevor die Handlung beginnen kann. Dabei neigen "Die Royal Tenenbaums" nicht zu einer pathologisch-vielschichtigen, religiös unterfüttetern Analyse komplexer Unzulänglichkeiten lose verknüpfter Charaktere im Stile eines "Magnolia", Andersons Ansatz ist mehr ein satirischer, ohne seine skurrilen Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Anderson karikiert seine exzentrische Sippschaft zwar genüsslich, aber nie zur Karikatur ihrer selbst. Man identifiziert sich, man erkennt sich wieder, nichtsdestotrotz. Der Witz zündet häufig, ist nie zu doll und nie zu Konsens, er ist sanft und lakonisch und manchmal sogar richtig wohltuend in der Kunst des Zurücknehmens infantiler Schenkelklopfer, es ist der unverbrauchte Anderson-Humor, oft ist ein einziger lustiger Satz ausschlaggebend, ein einziges lustiges Wort ("Verpissen wir uns."), ein einziger lustiger Meinungsaustausch. Die Regieideen sind vielseitig, sind nie zu artifiziell, nie auf ihre bloße Schrägheit reduziert. Und immer, wenn man versucht ist zu glauben, Anderson laufe Gefahr dann doch in die verkitschte Kerbe aufgesetzter Rührseligkeiten zu schlagen (so, als Eli Cash, verkörpert von Owen Wilson, sich unter Tränen freiwillig zur Drogenklink einweisen will), immer, wenn man also zu glauben scheint, der Film sei naiver als er vorgibt, ist der Film in Wahrheit intelligenter als der Rezipient selbst: Cashs sentimentales Versprechen diente als Lüge für die Flucht. Fernab des kleineren Mankos der tatsächlich viel zu abrupten Katharsis Royal Tenenbaums (kurioserweise am unmoralischsten und gleichzeitig am verletzlichsten, dieser Royal Tenenbaum) vermittelt Anderson den wiederhergestellten Familiensegen nicht euphorisch als einseitige Erkenntnis, sondern hoffnungsvoll als Chance, weil es schwer ist, den inneren Schweinehund urplötzlich vollständig zu überwinden. Fehlt nur noch Aimee Mann. Wise Up! Save Me! Oder gleich beides. Wäre ihm der andere Anderson nicht zuvor gekommen.

7/10

Mittwoch, 9. Februar 2011

"Seraphim Falls" [USA 2006]



Durch eisige Berg-, sonnige Tal- und ausgetrocknete Wüstenterritorien abwechslungsreich konzipierte, narrativ unmissverständlich auf den Punkt inszenierte und von John Toll meditativ bebilderte Neo-Western-Hetzjagd quer durch die halbe Bürgernachkriegszeit. Mann gegen Mann, zwei Getriebene, zwei Traumatisierte, die von ihren eigenen Obsessionen angetrieben werden, der eine blind vor Vergeltung, der andere wahnsinnig vor Kälte, Hunger und Durst. Ein hasszerfressener Liam Neeson gegen einen verwahrlosten Pierce Brosnan aus schönsten Südkoreazeiten seines letzten James-Bond-Abenteuers. Zunächst operiert die in schneebedeckten Bergen verankerte Dezimierung Colonel Carvers (Neeson) angeworbener Crew aus skrupellosen Kopfgeldjägern jedweden Alters (interessant: Hayes, gespielt von Michael Wincott) durch Ex-Offizier Gideon (Brosnan), in die der Zuschauer ohne einleitenden Ballast blind hineingeworfen wird (Rückblendenfetzen charakterisieren durchgängig die Protagonisten), nach schematisch abgesteckten Genremechanismen maskuliner Survival-Thriller, wenn Blutstropfen eine verräterische Funktion erfüllen, wenn sich Gideon auf Bäumen versteckt, notdürftig versorgt, abwartet, Unterschlupf gewährt bekommt und mit Hilfe selbst gebastelter Fallen seine Gegner auf Distanz zu halten versucht. Ehe Regieneuling David Van Ancken danach höchst eigenwillig, aber zutiefst stimmig einen unkonventionelleren Weg beschreitet, den des Surrealen, halluzinatorischer Traumzustände, den der Metaphysik und faszinierende Nebenfiguren des Todes (Wes Studi, Anjelica Huston) zwischen dem großen Duell beider Kontrahenten installiert. Überaus hingebungsvoll gespieltes, psychologisches und geschickt geschriebenes Genreminimalhandwerk, nuanciert im Widerkäuen und Umdichten einschlägiger Westernmythen, gnadenlos im Ausloten körperlicher und geistiger Grenzerfahrungen.

7 | 10