Mittwoch, 26. Februar 2014

"Grand Budapest Hotel" [GB, D 2014]


Vorerst prototypischer Wes-Anderson-Schwank, hysterisch wie zum Spießrutenlauf, in bizarr-sentimentales, teutonisches Süßigkeitenpapier gewickelt, symmetrisch, hibbelig, noch hibbeliger; schließlich hüpft "Grand Budapest Hotel" nach oben und unten, nach rechts und links, und Szenenabläufe werden von keinen Grenzen mehr behindert, sondern verschlingen und verknüpfen einander in einem Flechtwerk. Wer allerdings gedacht hätte, Anderson ruhe sich auf einem Stil aus, auf den Erfolgen künstlerischer Stagnation, der hat diesen Film nicht gesehen, diesen infantilen, beherzt in Skurrilitäten verknallten Ensemblefilm. Anarchischer war Wes Andersons eigenwilliges Kino der Überdosis vermutlich nicht. Überfallartig kreuzt der Amerikaner Gemälderaubfilm, Gefängnisausbruchsfilm und ein Tableau an Streitkultur über Hotels und Hochwohlgesinnte, die irgendwie alle in einem Boot in die jeweils andere Richtung zu paddeln versuchen. In seiner Bewegungslust, wenn Arme und Beine und Körper vorwärts preschen (aber auch dabei manchmal abgehackt werden), verzeichnet "Grand Budapest Hotel" seinen trashigsten, zugleich aber auch nostalgischsten Gestus: Charlie-Chaplin-Slapstick erweitert Anderson erstmals und montiert mit Hilfe dessen schrägste Playmobil-Verfolgungsjagden, die in einer überkünstelten James-Bond-Schneeactioneinlage zusammenfließen (Blofeld: Zuhälter Willem Dafoe). "Grand Budapest Hotel" ist hierbei dem logischen Umkehrschluss zufolge eine radikale Steigerung artifizieller Anderson-Unterhaltung, bei der unzählige wohlbekannte, (vereinzelt zu) kurz vorbeischauende Gesichter dazu anwesend sind, die richtigen Schalter (oder Typen) an den richtigen Stellen umzulegen – und loszulegen. 

6 | 10

Montag, 24. Februar 2014

"Silver Linings" / "Silver Linings Playbook" [USA 2012]


Spielfreudig verwebter (Robert De Niro), zwangsneurotischer Festivalschlock. Großflächig angepriesen: Kampf-, Dampf- und Tanzwalze Jennifer Lawrence (einfach unerträglich) und Rampensau Bradley Cooper (einfach unerträglich). Ihre zwei Mondgesichter haben mich monatelang abgeschreckt. Da aber David O. Russell mittlerweile als jemand gilt, der nur noch geile Scheiße macht (aus welchen Gründen auch immer), musste ich die geile Scheiße früher oder später ja doch über mich ergehen lassen. Es kam, wie es kommen musste. "Silver Linings" nervt, ist dusselig-doof und braucht für ein schlechtes Gefühl, für eine abweisende Regung, für ein bisschen negativen Menschenschmalz keinen aufrichtigen Schauspieler, der sich Authentizität, Spontanität und Teilnahme bewahrt, sondern einen, der den Stinkefinger an die Fensterscheibe donnert und auf Furienmodus blitzschnell flüchtet. Das ist David O. Russell, das sind seine Charaktere. Längst keine Menschen mehr, keine Menschen aus der Nachbarschaft, sind sie festgebunden am Stilisierten: Karikaturen, Widerlinge, Schreihälse, feilschend um das temperamentvollste Argument, um die ermüdendsten Endloserwiderungen und um das Beklopptsein an sich. So richtig Mensch ist "Silver Linings" irgendwie nicht, eher süßholzgeraspelter Puderzucker in vertrauter Routine, abgeschmeckt mit fetzigen Montagen und selbstbesoffener Cleverness, die sich am Ende selbst in die Klapse einweist. Ein vergiftetes Gute-Laune-Aphrodisiakum, ungefähr so kalt wie Hundeschnauze. Ich habe die DVD wirklich erlöst zurückgegeben. 

4 | 10

Mittwoch, 19. Februar 2014

"Die Taverne von Jamaika" / "Riff-Piraten" / "Jamaica Inn" [GB 1939]


"Die Taverne von Jamaika" (deutscher Alternativtitel: "Riff-Piraten") ist Daphne-du-Maurier-Schauertheater, wie es sein sollte: flüsterleise, schattenfixiert, vage. Angsterfüllt. Der Sturm spült die Wellen an die Klippen des Ufers, an dem sie brechen – wie schallgedämpftes Feuerwerk hört sich das meist an. Und mitten in einer englischen Grafschaft, verlassen, abgestorben und isoliert, durchsetzt von Erde, Schlick und Geröll, liegt ein verrufenes, verwunschenes, rustikal gearbeitetes Landhaus, eine "Räuberhöhle" (mit einer Hoffnungsspendendes und Verderbendes in sich vereinenden Hitchcock-Treppe zum Schatz), ein Nest stinkender, unrasierter Gauner, Schmuggler und Mörder, tief verstrickt in Diskussionen, Anteile und Stammtischgejohle. In den ersten Minuten evoziert Hitchcock atmosphärische Kälte allein aus der verwinkelt-expressiv gefilmten Kulisse, die, etwa wie in "Nummer Siebzehn" oder "Rebecca", nicht auf ikonografische Horrorcodes verzichtet. Als einem nie überflüssiger Weitschweifigkeit unterworfenen, beziehungsvertrackten Kostüm-, Versteck- und Abenteuerschinken (drollig: die dilettantische Studioherkunft) schrulligster Verkomplizierungen zählt dieser Film zu den kurzweiligsten, wiewohl altmodischsten Hitchcocks, dessen tragisch-konfliktbeladene Note aufgrund des manipulativen Zuschauervorwissens über bestgehütete Geheimnisse eigens verführt, berührt und schmerzt, wenn sie wissen, dass sie, die unglücklichen Helden, ihr Unheil nicht abwenden werden. Ins Gedächtnis brennend derweil: Charles Laughtons unwiderstehliche Eitelkeiten, der einen prall gefüllten, aufgedunsenen Rechtsverdreher gebührend großtuerisch verzerrt und auch im Untergang über allen thronen muss. Ein archaischer, passgenauer Groschenheft-Hitchcock. 

6 | 10

Freitag, 14. Februar 2014

"Endlich sind wir reich" / "Rich and Strange" [GB 1931]


Alfred Hitchcock und seine Frau, seine künstlerische Aushilfskraft Alma Reville bestreiten einen Liebesurlaub, der… Halt, Moment. Fred (Henry Kendall) und Emily (Joan Barry) begeben sich auf eine Luxusjacht, und schlussendlich muss ihre Liebe gegen Angriffe von außen standhaft bleiben. Beides, Autobiografisches und Fiktives, vermischen einander in "Endlich sind wir reich", den Arthaus gnädigerweise mit dem Bonusfilm "Champagne" in Deutschland zur Verfügung gestellt hat. Ulkig: Von der Verzahnung der Stummfilmästhetik mit dem Tonfilm spürbar irritiert, schiebt der Film, eine mitunter regelrecht unterkühlte Liebesneckerei der zueinander kaum passenden Hauptdarsteller, zahlreiche deplatzierte, den Sachverhalt erklärende Texttafeln vor alle Schauplatz- und gröberen Szenenwechsel. Somit ist "Endlich sind wir reich" ein essayistisches Bilderalbum, zugeschüttet mit charmanten Gags (chinesische Plünderer zweckentfremden eine langgezogene ausgestopfte Katze als Dschunkenschmuck), unterdrückten, makabren Gefühlen (vgl. "Vertigo" etc.) und kunstversessen ausgestellten Tricks (die Sätze eines Buches werden einzeln hervorgehoben). Hitchcocks Montage hinterlässt allerdings einen mit "Champagne" ebenbürtig schalen Nachgeschmack, zu durcheinander der Stil, zu ausgefranst die Handlung. Zähflüssige und leidlich unterhaltsame Einzelgeschichten wechseln sich ab, und der Film generiert selten ein harmonisches Gleichgewicht, ein erzählerisches, übergreifendes Moment. Hier gilt ebenso: eine hauchdünne Skizze, eine Vorbereitung, ein Werk, in das sich reinschauen lässt, aber an dem der Zahn der Zeit genagt hat. 

4 | 10

Mittwoch, 12. Februar 2014

"Champagne" [GB 1928]


"Champagne" gilt laut eigenen Aussagen als Hitchcocks "Tiefpunkt". Keine Geschichte habe er, dieser Stummfilm, der einen Mittelweg einschlägt zwischen komödiantischer Ausgelassenheit und dekadentem Upper-Class-Drama. Zurückgeworfen wird eine lebenslustige Nutznießerin des Reichtums (wahrhaftig schön: Betty Balfour) aus dem Reich der Höhergestellten in das Elend der Armut. Und alles, was sie anfasst, zerfällt. "Champagne", womöglich ist er nicht der schlechteste Hitchcock, aber man merkt ihm an, dass Hitchcock genervt war vom (umgeschriebenen) Stoff. Umständlich skizziert er eine von drei Parteien belagerte Zicken- und Neurosenrivalität, deren auf den Zufall hin starr konstruierte Wechselwirkungen und unlängst eingerostete Weltanschaulichkeit mit einem Film einhergeht, der ohne Belang seinem die ultimative "Wendung" hervorzaubernden Happy End entgegen stottert. Als würde das Hitchcock mit hochgezogenen Schultern abfilmen – und einfach ertragen müssen. Um die Liebelei aufzupeppen, stilisiert sich "Champagne" allerdings als junge, klapprige Demovariante zwangloser Hitchcock-Fabulierlust, deren Stilelemente der Brite im Laufe seines Schaffens vertiefen sollte: der Kamerablick durch ein Glas (vgl. "Ich kämpfe um dich") sowie die generelle Informationsübermittlung in Blicken, Kreisbewegungen und Überschneidungen; darüber hinaus spielt Nahrung eine übergeordnete Rolle, selbstgemachtes Essen vielmehr, das die Metaphorik hervorhebt, sich einer unvorbereiteten Hilflosigkeit ausgesetzt zu sehen, wenn etwa der Backteig auseinanderfällt. Sonst verhakt sich Hitchcocks "Tiefpunkt". Abgeschmackt und tendenziell anstrengend.

4 | 10

Montag, 10. Februar 2014

Freitag, 7. Februar 2014

Dokumentation: "William S. Burroughs: A Man Within" [USA 2010]


In "William S. Burroughs: A Man Within" heißt es, dass sie aufschauen zu ihm, die Unangepassten, Unausstehlichen, die individuell herausgeputzten Revoluzzer und die in ihrer hermetisch abgeriegelten Welt isolierten Sonderlinge. Burroughs war selbst einer von ihnen, ein charismatischer Opa mit Stock, ein Vordenker, Fixer, Punk und Schmierfink von popkultureller Bedeutung. Er schrieb vulgäres, burleskes, groteskes Zeug in gewitzten Kombinationen, von Aliensex und Insektendrogen, von Transformationen und Metaphysik, postmodern, durcheinander und aberwitzig. Einen vergleichbar verspielten Formgedanken verfolgt dieses üppige Porträt über ihn, über einen Mann, der seine gegenüber seinen Weggefährten rigoros abgeriegelte Liebe in der Kunst kanalisierte und mit Traditionen abrechnete, die in der gutbürgerlichen Bohème als Obszönität verunglimpft wurden. Regisseur Yony Leyser tackert erhellendes bis seltenes Interviewmaterial mit Burroughs aneinander, Videomaterial, Showmaterial, Tagebücher, außerdem rekapitulieren Freunde, Bekannte und Kollegen ihre Erinnerungen. Zusammengenommen ergibt das ein abenteuerlich vermischtes Bild, das der Lektüre Burroughs merkwürdigerweise nicht fern ist: Abrisse und Fetzen aus Blickwinkeln und Sequenzen, die kurz, aber prägnant, geistreich, aber nicht prätentiös, gefühlsbetont, aber nicht cholerisch einen Lebensinhalt in einer Etappenlogik fassen. Aber auch nach Leysers fleißig recherchierter Seelendokumentation, in der ein Mann freiheraus einem System unerwartete Impulse  gab, bleibt die Marke Burroughs ein Geheimnis in einem unergründbaren Geheimnis. Shotgun Art?

6 | 10