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Mittwoch, 14. September 2016

Jarmusch-Retro #6: "Dead Man" [USA, J, D 1995]


William Blake (Johnny Depp) verkörpert den zivilisierten Buchhalter, der ersten Keimen von Industrialisierung beim Wachsen in einer wabernden Wildnis zusieht. Belagert von primitivsten Destruktionsprozessen der weißen Siedler, schreibt Jarmusch die historisch erkämpfte Freiheit um, den Mythos des amerikanischen Gründerlandes zu demaskieren, anstatt ihn "nur" zu entwurzeln. Dieser Mythos zieht, mehr als bildlich gesprochen, an den Zugfenstern vorbei, vorstoßend zu einer Dystopie, die kannibalistische Kopfgeldjäger und das Versprechen einer metaphysischen Weiterschreibung der Geschichte hervorbringt. "Dead Man" ist tendenziell als experimenteller (Anti-)Western zu verstehen, in dem eisige Lakonie schlussendlich die ihr innewohnende Wertlosigkeit überlagert – misstrauisch gegenüber der neuen Welt (der Technologisierung und Ökonomisierung), schippert Blake, seines Zeichens ein Vertreter jenes im Aufbruch befindlichen Kapitalmarktes, gen Natur zurück, der alten Welt, nachdem er von rohester Gewalt entmachtet wurde, die sich zyklisch trotzdem Bahn bricht. Dem Film gelingt es indes, nicht mehr nur "Reise" zu sein, sondern "Erlebnis" entlang des Fegefeuers: somnambul, schelmisch, bisweilen parodistisch (wie in einer zirkusartistischen Sexszene ersichtlich). Neil Youngs metallisch-zerfetzende Gitarrenrisse gemahnen daran, dass der Mensch "seine" (animalische) Natur nicht wegrechnen kann, wenn andere Zeiten anbrechen. Ungeachtet jener zirkulierenden biografischen Geschichten, die den Mensch empathisch im Sinngefüge verankert, ist dem natürlichen Lauf der Auslöschung bei gleichzeitiger Neuordnung keine Macht entgegenhaltbar.

6.5 | 10


Mittwoch, 23. Januar 2013

"Alien - Die Wiedergeburt" / "Alien: Resurrection" [USA 1997; Extended Edition]


Wir schreiben fast die Jahrtausendwende in unserer Zeitrechnung, und irgendwann da draußen schlüpfen sie noch einmal (unter Zwang), 200 Jahre nach dem letzten Gefecht. Nach einer Bande Weltraumschürfer, dem Militär und einer Bande Weltraumgefangener stolpert diesmal eine Bande Weltraumschürzenjäger in ein Raumschiff, dessen biologische Extremexperimente einen an und für sich autoritär gefestigten Ort in eine Schlangengrube verwandelt, voll an tropfendem Schmodder, abgebissenem Fleisch und verdrehten Genmutationen in vergilbten Einmachgläsern.

Das Konzept einer "Wiedergeburt" erschließt sich einem sofort, denn was liegt schon näher, als nach dem Tod die Regler noch einmal auf null zu stellen, um dahin und dorthin zu zeigen: Die bornierte Wissenschaft muss sich selbst nach drei gescheiterten Versuchen einmal mehr einem beängstigenden Fatalismus stellen, in diesem sensationell trashigen Film, der keine neue Tür öffnet, der vielmehr die vierte Handschrift des vierten Regisseurs auf der vierten Tür trägt, zwischen exzentrischer Flapsigkeit und satirischem Understatement oszilliert, der allzeit bereit ist, sich keinen Illusionen unterzuordnen, ein Franchise zu ergänzen, anstatt zu koppeln.

Jean-Pierre Jeunets vierte Reiberei gegen die unbezähmbaren Biester ist ein rückwärtsgewandter Schlachtspaß auf Droge, der seine drei Vorgänger als permanent ekstatisch vibrierenden, flirrenden Actionmarathon ebenso selbstreflexiv wie pointiert herbeizitiert (der Bordcomputer ist nunmehr männlich). Ob unter Wasser, in lichtzwinkernden Maschinenhallen oder mit dem Flammenwerfer auf dem Rollstuhl voran: Wenn der Whiskey als Bauklotz erst erwärmt werden muss und die Kamera in ihrer Bewegung durch hektische Situationen lieber sachte dahingleitet, dann wird die Liebe, die Lässigkeit eines Filmemachers spürbar, der jedes Fragment präzise auf dessen Ironie überprüft. Ein Bekenntnis zum Camp und Fake.

Dank einem muskelbepackten, sehr erotischen Darstellergespann (der heimliche Star dürfte der haarige General Perez sein, als er speziell nach seiner amerikanischsten aller amerikanischen Salutgesten entlarvenderweise ein Stück Hinterkopf betrachtet), das sich rotzfrech die Interaktionsregeln schenkt (Tarantino wäre erfreut, wenn jemand bei einer Fußmassage stöhnt), verfehlt Jeunet gerade jene erzählerische Mehrdimensionalität nicht, die erst ein emotionales Fundament errichtet, das als Konsequenz vor dem zerstörten Eiffelturm schlussendlich seltsam poetisch wirkt – sowohl ein Roboter (Call) als auch ein Alien-Mensch-Mischwesen (Ripley) sind in dieser dekonstruierenden Maßlosigkeit, in dieser abstoßenden Welt der gleichermaßen moralischen und materiellen Überreste, tatsächlich menschlicher… als der Mensch. 

6 | 10

Donnerstag, 6. September 2012

"Strange Days" [USA 1995]


Kathryn Bigelows lebhaft pumpende, kernige Millenniumsdystopie, deren darin vegetierende Seelen verlorene sind, die sich und ihre Erinnerung suchen, eine Erinnerung, die nur noch digital an ihr Dasein in Pixeln und Bildinformationen erinnert, in Discs vom Schwarzmarkt, umgeben von Plastik und Gebrauchsspuren. "Strange Days" ergießt sich im Tumult, in Desorganisation, im Sündenpfuhl der Farben, in überkochender Betriebsamkeit und polizeilicher Kriminalität, pulsiert im Rotlicht- und Discomilieu, bevölkert von den selbstmörderischsten Persönlichkeiten in grellem Fummel und noch grellerem Licht, jeder schreit, jeder tanzt, jeder hat seinen Spaß, auf dem Bürgersteig herrscht hingegen die höhere Gewalt einer Diktatur ohne weiße Weste, ohne weißen Ritter. Werbung, Feuer, Schüsse, Exekutionen – und mittendrin ein sentimentaler Loser, zerknautschter Fanatiker und blitzgescheiter Verkäufer (Ralph Fiennes), der jeder Schlägerei aus dem Weg geht, indem er einen Scheck als Alternative auszustellen bereit ist. Auch er sucht die Erinnerung, vor allem aber die Liebe. 

Die wichtigste und sicher interessanteste Ebene im Gesellschaftsentwurf des Drehbuchs (immerhin war ein gewisser James Cameron beteiligt), der implementierte Diskurs um Wahrnehmung und Bewusstsein, äußert sich in Gehirnstromaufzeichnungen, die reale Erlebnisse audiovisuell verarbeiten und per Apparatur an den Empfänger weiterleiten, sodass er nicht nur sehen, sondern auch fühlen kann, was die jeweilige Situation als Ausschnitt aus einem Leben eines Menschen an Emotionen evoziert. Bigelow stellt hierin zwar nicht die intellektuelle Weitsicht eines David Cronenberg unter Beweis, der den Medien in seinen Filmen "Videodrome" und "eXistenZ" mit vergleichbaren Besinnungstechnologien zwischen Körper und Geist auf den Grund ging – dafür nagt diese Facette zu oberflächlich an der Tiefe des Themas und beginnt sich fortwährend selbst aufzugeben, wenn der Film in ein althergebrachtes Thriller-Schema verfällt und sein Zentrum verliert. 

Doch sie bewirkt damit gleichzeitig auch, den Zuschauer direkt zu involvieren: In subjektiven Point-of-View-Shots (Kamera: Matthew F. Leonetti) während einer Flucht oder gar einer Vergewaltigung mutieren wir selbst zum voyeuristischen Beobachter, der nicht eingreifen kann und jene Dinge über sich ergehen lassen muss, die er in der Wirklichkeit als bloße unterschwellige Fantasie deklarieren würde. Überaus unheimlich, ungemein beweglich verdichtet "Strange Days" somit die Handlungsfreiheit mit der Hemmung aller Körperteile, obwohl es lediglich ein simpler Videofilm ist, der etwas zeigt und doch in all seiner abstoßenden Reinheit nachempfindet. 


Ein Videotape, auf dem ein Mord dokumentiert wurde, ist es dann auch, das den Auslöser für eine mal mehr, mal weniger spannende Hetzjagd innerhalb dieser leicht futurisierten Stadt verschiedener Parteien verkörpert. Offenkundig als Noir-Verweis strukturiert, manifestiert sich die Quintessenz der Handlung unter anderem darin, den Mörder zu finden, die Hintermänner auszuschalten und eine fallengelassene Frau von ihrem gegenwärtigen Zustand zu reinigen, eine den Weltschmerz hinausschmetternde Indie-Sängerin (in knappen Kleidern und knallroter Frisur: Juliette Lewis), die gefangen ist in paranoidem Beziehungshorror eines Schleimbeutels an Mann (schmierig-verpeilt: Michael Wincott), dem ein vergangenheitsbesessener Ex-Liebhaber detektivisch auflauert (ebenjener Ralph Fiennes).

"Strange" sind die Tage dank Bigelows inszenatorischem Gestaltungswillen bis zum Millennium tatsächlich, noch mehr allerdings sind es die darin festgetackerten Typen und deren verqueere Verbindungen zueinander. Dass der Protagonist mit einer taffen, gleichermaßen durchschlagskräftigen wie schützenden Afroamerikanerin (Angela Bassett) um die Häuser zieht, um einigen Arschlöchern und Vollidioten in den Arsch zu treten, entbehrt nicht einer gewissen Frische jenes Genres, bei dem der weibliche Partner entweder fragil ins Taschentuch rotzt oder permanent gerettet werden muss. Weiterhin zu entdecken: Tom Sizemore mit langen Haaren beziehungsweise Perücken sowie Vincent D'Onofrio und sein Partner William Fichtner als dem Gesetz unterstehende, psychotische Cops, die in grotesker Brutalität das am Leben erhalten, was sich Ordnung nennt.

Im zweifach aufgeteilten Showdown in unmittelbarer Nähe zur Millenniumsfeier hat indes jede Fraktion aus diesen Persönlichkeiten ihre Probleme zur gleichen Zeit auszutragen; während Lenny (Fiennes) um seine Liebe kämpft und eigentlich der "Gummibärenspur" seines langjährigen Freundes gefolgt ist (ein durchaus vorhersehbarer Mottenkisten-Twist), kämpft Mace (Bassett) gegen den rassistischen Polizeiapparat im Konfetti der gesteigerten Vorfreude auf eine neue Zeitenwende, die – und deshalb ist Kino eh nur Realitätsimitation, weniger nachgezeichnete Realität der Realität – per ausgiebigem Kuss eingeleitet wird, womit das alte, das dunkle Kapitel Anarchie höchstens zur digitalen Vergangenheit auf einem Datenträger schrumpft.

6 | 10

Mittwoch, 9. Februar 2011

"Seraphim Falls" [USA 2006]



Durch eisige Berg-, sonnige Tal- und ausgetrocknete Wüstenterritorien abwechslungsreich konzipierte, narrativ unmissverständlich auf den Punkt inszenierte und von John Toll meditativ bebilderte Neo-Western-Hetzjagd quer durch die halbe Bürgernachkriegszeit. Mann gegen Mann, zwei Getriebene, zwei Traumatisierte, die von ihren eigenen Obsessionen angetrieben werden, der eine blind vor Vergeltung, der andere wahnsinnig vor Kälte, Hunger und Durst. Ein hasszerfressener Liam Neeson gegen einen verwahrlosten Pierce Brosnan aus schönsten Südkoreazeiten seines letzten James-Bond-Abenteuers. Zunächst operiert die in schneebedeckten Bergen verankerte Dezimierung Colonel Carvers (Neeson) angeworbener Crew aus skrupellosen Kopfgeldjägern jedweden Alters (interessant: Hayes, gespielt von Michael Wincott) durch Ex-Offizier Gideon (Brosnan), in die der Zuschauer ohne einleitenden Ballast blind hineingeworfen wird (Rückblendenfetzen charakterisieren durchgängig die Protagonisten), nach schematisch abgesteckten Genremechanismen maskuliner Survival-Thriller, wenn Blutstropfen eine verräterische Funktion erfüllen, wenn sich Gideon auf Bäumen versteckt, notdürftig versorgt, abwartet, Unterschlupf gewährt bekommt und mit Hilfe selbst gebastelter Fallen seine Gegner auf Distanz zu halten versucht. Ehe Regieneuling David Van Ancken danach höchst eigenwillig, aber zutiefst stimmig einen unkonventionelleren Weg beschreitet, den des Surrealen, halluzinatorischer Traumzustände, den der Metaphysik und faszinierende Nebenfiguren des Todes (Wes Studi, Anjelica Huston) zwischen dem großen Duell beider Kontrahenten installiert. Überaus hingebungsvoll gespieltes, psychologisches und geschickt geschriebenes Genreminimalhandwerk, nuanciert im Widerkäuen und Umdichten einschlägiger Westernmythen, gnadenlos im Ausloten körperlicher und geistiger Grenzerfahrungen.

7 | 10