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Montag, 16. Januar 2017

Die imposanten 7: Erstsichtungen 2016, Gold

  #7 
    »DER SPIEGEL«    
»SERKALO«
(UdSSR 1975 | Andrej Tarkowskij) 


#6
    »NASHVILLE«    
(USA 1975 | Robert Altman) 

KRITIK


  #5
    »DIE WARRIORS«    
(USA 1979 | Walter Hill) 


 #4
    »HIROSHIMA, MON AMOUR«    
(F, J 1959 | Alain Resnais) 


#3
»DER SCHMALE GRAT«
    »THE THIN RED LINE«    
(USA 1998 | Terrence Malick) 


#2
»DIE KUNST ZU GEWINNEN - MONEYBALL«   
(USA 2011 | Bennett Miller) 


 #1
   »NIGHT ON EARTH«   
 (USA 1991 | Jim Jarmusch) 

KRITIK

Mittwoch, 11. Mai 2016

"Nashville" [USA 1975]


Eine US-Flagge züngelt, wellen- und stoßförmig. Musik lodert, wellen- und stoßförmig. "Nashville" atmet, wellen- und stoßförmig. Dieser Film lebt, er ist ein Monument loser Liebe und mächtigen Meeresrauschens, er ist nicht weniger als die Mikroskopie eines übersättigten Biotops – Robert Altmans New-Hollywood-Evergreen reißt kreuz und quer auseinander, indem er die mit vergleichbaren Mitteln operierende Bindfädenliteratur Don DeLillos offenlegt: Was scheinbar selbstverständlichen Automatismen objektivierter Geschichtsschreibung untergeordnet ist, verwandelt sich in seinen eigenen Mythos, in einen Mythos ausgerupfter Fusseln, der Geschichte nicht mehr "aufdröselt", sondern "verheddert", von Fussel zu Fussel, bis ein Wollknäuel lospoltert. Über 20 Charaktere schillern in "Nashville". Gestrandete, Verlorene, Entwurzelte, entwurzelt zwischen den Szenen. Komödianten und Komödienschreiber, Sänger und Sängerinnen, Talentierte und Talentlose. Ein Stelldichein in einer durchkommerzialisierten Welt beiläufigen Wettstreits. Altman demaskiert eine überkünstelte, trivialpolitische und instrumentalisierende Industrie, die ihre Fäden längst im Privatleben zieht: Unterhaltsam ist, wer es erst werden will, während das, was uns alle angeht, an uns vorbeifährt. Der Betäubung der Gefühle, die in der zwischenmenschlichen Konfliktlösung obsolet geworden sind, setzt Altman die Musik entgegen. Seine Figuren gehen auf in dieser einem Wundpflaster gleichenden Glückspampe, erblühen, schweben in einer Seifenblase. "I'm easy." Manchmal reichen zerfließende Blicke – und die Schwerelosigkeit vor dem Zerplatzen hinein ins ungewisse Blau.   

7 | 10

Freitag, 18. März 2016

"Buffalo Bill und die Indianer" / "Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull's History Lesson" [USA 1976]


Wenn Buffalo Bill, der heroische Indianerjäger auf monumentalen Wandgemälden als Erinnerung an einstige Heldentage, ein trunksüchtiger, verlotterter, indisponierter Showmaster mit unechten Haaren ist (Paul Newman) und jene blutrünstige, reaktionsschnelle Rothaut, sein großer Star Sitting Bull (Frank Kaquitts), einer in sich schweigenden, lethargischen Elendsgestalt im transzendenten Dämmerschlaf ähnelt, wird einmal mehr offenkundig, dass es zur Entzauberung uramerikanischer Mythen und zur Verzerrung ihrer historischen Wahrheit(en) nicht sehr viel braucht, als die Lüge über die Illusion, sprich: das gleichermaßen Unechte wie Entstellte, aufrechtzuerhalten. In Robert Altmans spitzzüngigem "Buffalo Bill und die Indianer", in seinem Charakter handelt es sich durchaus um einen weiteren verzweigten Altman-Ensemblefilm, lebt ein Reigen an Westernarchetypen den Traum einer satirisch überzeichneten Geschichtsschreibung aus, die auf einer akribisch kartographierten Bühne nach Programm individuell verfälscht und ausgestochen wird. Die Codes des Westerns demontiert Altman, und statt einer Verneigung vor den Cowboys gehen die Indianer als respektable Persönlichkeiten hervor, als die fantasiereicheren Entertainer einer Show, die auf dem Selbstbetrug einer Branche fußt. Das fortwährend zweigeteilte Gesicht William Codys (Newman), eine Hälfte hat sich in der Schwärze der Nacht verflüchtigt, ist hierfür ein Symbol, die Entwertung des Geschäfts zu konkretisieren, das nur dann weiterläuft, wenn man bereit ist, seine Aufrichtigkeit der Maske zu opfern.

6 | 10

Montag, 15. September 2008

"Gosford Park" [GB, USA, D 2001]


Agatha Christie trifft auf Robert Altman. Krimithriller begegnet Charakterstudie. So oder so ähnlich könnte man Altmans "Gosford Park" elegant umschreiben. Mit ironischem Augenzwinkern und scharfem Auge für das Wesentliche gibt uns der Regisseur darin einen höchst lehrreichen, analytischen und bissigen Einblick in eine verflossene, in eine uns fremd erscheinende Welt, die von koketten Aristokraten und ihren treu ergebenen Dienern beherrscht wird. Ein im sozialen Kontext eingewobenes Sittengemälde, in nur einem einzigen Haus, einem riesigen Landsitz im anfangs verregneten England stattfindend, in dem sich nach und nach eine furchtbare Tragödie sich dem Zuschauer offeriert. Und genau an dem Punkt weidet sich die treffsichere Dokumentation der Klassensysteme Englands in den 30er Jahren zu einem mysteriösen Krimi aus.

Ein Krimi, der es dennoch nie schafft, sich in den Fokus des Geschehens zu mogeln. Der Mord gilt mehr oder weniger als Nebensächlichkeit, als Hilfe für die Charaktere, die den narrativen Rahmen bilden, und ihre sich immer mehr zuspitzenden Verflechtungen untereinander. Auch die Frage nach dem Mörder scheint keine wirkliche Priorität zu haben, nur am Ende wird eben jene Identität des Verbrechers gelüftet – beiläufig, wohlgemerkt. Typische Krimielemente wie Spannung und Ermittlung werden zudem erheblich vernachlässigt. De facto hat das dies praktisch wenig bis gar nichts mit Agatha Christies ereignisreichen Groschenromanen zu tun, deren Enden stets eine aufregende Pointe beherbergen. Des Weiteren wird der Zuschauer nach bester Altman-Manier mit ausgeprägter Dialogvielfalt konfrontiert, mit sich überlappenden Gesprächsfetzen, die man mal hier und da mitbekommt, um sie im nächsten Augenblick wieder zu vergessen.

Es ist wie ein Blick durch ein Schlüsselloch, dieser "Gosford Park". Ein Blick mittels Andrew Dunns ruheloser Kamera, die selbst an verdächtigen Gegenständen, etwa an Küchenmessern, kleben bleibt. Da treffen zwei extreme Gegensätze aufeinander, in diesem Schloss. Die Dienerschaft und ihre Herren. Und trotzdem moralisiert Altman nicht, bei weitem nicht. "Gosford Park" ist keine Moralfibel im eigentlichen Sinne. Altman erhebt niemals den obligatorischen Zeigefinger, er lässt den Zuschauer einfach teilhaben, an diesem skurrilen Szenario, mit noch skurrileren, uns ungewöhnlich erscheinenden Verhaltens- und Sichtweisen der einen sozialen Schicht zur anderen. 

Angesichts der hohen Lauflänge verliert sich Altmans satirische Dramagroteske nichtsdestotrotz an einigen Stellen in allerlei ausschweifendem Gedöns und büßt dadurch reichlich an Schwung ein. Ein möglicher Kandidat für den Mainstream, für die breite Masse an Zuschauern ist der Film als Resultat also eher nicht. Abgesehen davon bedeutete "Gosford Park" für den Regie-Altmeister die Reise nach England zu seinen allerersten Dreharbeiten in eben diesem Land. So setzt Altmans als oftmals betitelte Komödie auf eine erstaunliche, überdurchschnittliche Riege an englischen Schauspielern, darunter Maggie Smith, Kristin Scott Thomas, Helen Mirren, Ryan Philippe, Stephen Fry und schließlich Clive Owen, die sich fast alle im Gewand eines antiquierten Kostüms wiederfinden.

"Gosford Park" als Abgesang auf eine längst vergangene Epoche ist vollgestopft mit einem Netz aus Intrigen, Rachegelüsten, Hass, Gesellschaftskritik, Witz und Intelligenz. Von einem durchweg brillanten Drehbuch von Julian Fellowes und einem erlesenen Cast unterstützt, zeigt Altmans virtuos gefilmter, ungemein atmosphärischer Film eine teils spöttische und insgesamt sehr vielschichtige Sicht auf die Grausamkeit hinter der glänzenden Fassade einer "feinen" Gesellschaft. Nicht nur für Fans kultivierter Filmkunst ein Muss, sondern auch für jeden anspruchsvollen Cineasten ist dieser komplexe Ensemblefilm mit einem Hauch (!) Agatha Christie Pflichtprogramm.

7 | 10