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Freitag, 10. Mai 2013

Spielberg-Retro #8: "Hook" [USA 1991]


Um Hook in "Hook" geht es gar nicht. Der Filmtitel ist paradox, er führt in die Irre und Spielberg ist der Wüterich, der, statt dass er Hook porträtiert, dem Staunen des entwickelten, angestrahlten Bonbons verfällt, dem Bonbon Nimmerland, knallbunt, dauerfröhlich, chemiesüß. Wundersam und quietschig wie höchstens "1941" (höchstens!) transferiert Spielberg Peter Pan (ein dauertelefonierendes Arschloch) in seine bröckelnde Erwachsenenwelt, um ihn mit seiner Kindheit bekannt zu machen. Entführte Kinder, durchtriebene Piraten, Harlekins im Schlabberlook: eine Überladung folgt der nächsten, aber was heißt schon Überladung in Disneyland, dem Ort der Erbauung und der exorbitanten Verschwendungssucht des amerikanisierten Kapitalismus, wenn es als Naturgesetz gilt? 

Hier ist die hypnotisierende Überladung mit den pappigen Plastik-Studiokulissen gleichzusetzen, mit einem ebenso zappeligen Robin Williams wie einem fieberhaften Dustin Hoffman im Kampf um das Ticken der Uhr, der Zeit, des Überdauerns unserer Helden aus dem Geschichtenbuch, die einen sadistischen, hassenswerten Antihelden brauchen – diese Helden müssen ihre Notwendigkeit unterstreichen in einer Welt, die das Vergangene vergisst. Diese Helden müssen wohl oder übel den Haken des abgeschlagenen Armes schütteln. 

Überladung bedeutet hier, mit unverkrampftem Vulgärsprech den Konkurrenten in die (beleidigenden) Knie zu zwingen (es lebe der Anwalt), eine wüste Essensschlacht zu veranstalten, körpererotischen Elfen zuzuhören, Eierkanonen zu basteln, Baseball zu spielen. Und mittendrin das Kindergesicht, es schaut andächtig dem Reigen einer Lebensfreude nach, die nur im Kopf existiert. Dieser Film zwingt, das auf Budenzauber konditionierte Kind herauszulassen, sehr blauäugig, sehr prägnant, vor allem aber sehr gewitzt. Und das ist so mystisch wie ein Glöckchen, und es beweist, dass wir niemals erwachsen werden dürfen, einen bestimmten Film, Ausdruck unserer fantastischen Gedankenwelt im Kopf, jederzeit schätzen zu können. Denn immer wieder könnte es plötzlich da sein, das dunkel gesprochene, das eindringliche Wort "Hook" neben offenen Fenstern und flatternden Vorhängen. 

7 | 10

Montag, 15. September 2008

"Gosford Park" [GB, USA, D 2001]


Agatha Christie trifft auf Robert Altman. Krimithriller begegnet Charakterstudie. So oder so ähnlich könnte man Altmans "Gosford Park" elegant umschreiben. Mit ironischem Augenzwinkern und scharfem Auge für das Wesentliche gibt uns der Regisseur darin einen höchst lehrreichen, analytischen und bissigen Einblick in eine verflossene, in eine uns fremd erscheinende Welt, die von koketten Aristokraten und ihren treu ergebenen Dienern beherrscht wird. Ein im sozialen Kontext eingewobenes Sittengemälde, in nur einem einzigen Haus, einem riesigen Landsitz im anfangs verregneten England stattfindend, in dem sich nach und nach eine furchtbare Tragödie sich dem Zuschauer offeriert. Und genau an dem Punkt weidet sich die treffsichere Dokumentation der Klassensysteme Englands in den 30er Jahren zu einem mysteriösen Krimi aus.

Ein Krimi, der es dennoch nie schafft, sich in den Fokus des Geschehens zu mogeln. Der Mord gilt mehr oder weniger als Nebensächlichkeit, als Hilfe für die Charaktere, die den narrativen Rahmen bilden, und ihre sich immer mehr zuspitzenden Verflechtungen untereinander. Auch die Frage nach dem Mörder scheint keine wirkliche Priorität zu haben, nur am Ende wird eben jene Identität des Verbrechers gelüftet – beiläufig, wohlgemerkt. Typische Krimielemente wie Spannung und Ermittlung werden zudem erheblich vernachlässigt. De facto hat das dies praktisch wenig bis gar nichts mit Agatha Christies ereignisreichen Groschenromanen zu tun, deren Enden stets eine aufregende Pointe beherbergen. Des Weiteren wird der Zuschauer nach bester Altman-Manier mit ausgeprägter Dialogvielfalt konfrontiert, mit sich überlappenden Gesprächsfetzen, die man mal hier und da mitbekommt, um sie im nächsten Augenblick wieder zu vergessen.

Es ist wie ein Blick durch ein Schlüsselloch, dieser "Gosford Park". Ein Blick mittels Andrew Dunns ruheloser Kamera, die selbst an verdächtigen Gegenständen, etwa an Küchenmessern, kleben bleibt. Da treffen zwei extreme Gegensätze aufeinander, in diesem Schloss. Die Dienerschaft und ihre Herren. Und trotzdem moralisiert Altman nicht, bei weitem nicht. "Gosford Park" ist keine Moralfibel im eigentlichen Sinne. Altman erhebt niemals den obligatorischen Zeigefinger, er lässt den Zuschauer einfach teilhaben, an diesem skurrilen Szenario, mit noch skurrileren, uns ungewöhnlich erscheinenden Verhaltens- und Sichtweisen der einen sozialen Schicht zur anderen. 

Angesichts der hohen Lauflänge verliert sich Altmans satirische Dramagroteske nichtsdestotrotz an einigen Stellen in allerlei ausschweifendem Gedöns und büßt dadurch reichlich an Schwung ein. Ein möglicher Kandidat für den Mainstream, für die breite Masse an Zuschauern ist der Film als Resultat also eher nicht. Abgesehen davon bedeutete "Gosford Park" für den Regie-Altmeister die Reise nach England zu seinen allerersten Dreharbeiten in eben diesem Land. So setzt Altmans als oftmals betitelte Komödie auf eine erstaunliche, überdurchschnittliche Riege an englischen Schauspielern, darunter Maggie Smith, Kristin Scott Thomas, Helen Mirren, Ryan Philippe, Stephen Fry und schließlich Clive Owen, die sich fast alle im Gewand eines antiquierten Kostüms wiederfinden.

"Gosford Park" als Abgesang auf eine längst vergangene Epoche ist vollgestopft mit einem Netz aus Intrigen, Rachegelüsten, Hass, Gesellschaftskritik, Witz und Intelligenz. Von einem durchweg brillanten Drehbuch von Julian Fellowes und einem erlesenen Cast unterstützt, zeigt Altmans virtuos gefilmter, ungemein atmosphärischer Film eine teils spöttische und insgesamt sehr vielschichtige Sicht auf die Grausamkeit hinter der glänzenden Fassade einer "feinen" Gesellschaft. Nicht nur für Fans kultivierter Filmkunst ein Muss, sondern auch für jeden anspruchsvollen Cineasten ist dieser komplexe Ensemblefilm mit einem Hauch (!) Agatha Christie Pflichtprogramm.

7 | 10

Sonntag, 27. Juli 2008

"Eine Leiche zum Dessert" / "Murder by Death" [USA 1976]


Der Titel des Films ist fast genauso ironisch wie genial. In diesem treffen sich die fünf besten Detektive zu einem abendlichen Dinner, das von einem seltsamen Mister Twain (Truman Capote) in seiner technisierten "Bruchbude" ausgetragen wird, sich in Wahrheit jedoch als Vorwand für ein mörderisches Spiel entpuppt. Anlass für eine der komischsten Komödien aller Komödien. Eine kauzige Komödie, die ihren Witz vor allem aus den skurrilen Charakteren, ihren Beziehungen zueinander und allerhand abstrusen Situationen destilliert. Dabei ist "Eine Leiche zum Dessert" eine Parodie, eine Persiflage an die alten Krimiklassiker berühmter Romanschriftsteller, nimmt sich deren Klischees an und überzeichnet sie konsequent in einer ebenso makabren wie schrägen Handschrift – ein Fest zum Festtag "bizarrer Banalitäten".

Seien es manipulierte, knarrende Türen, das Schreien einer Frau als Türklingel, Zuckerwatte als Spinnweben, Ratten, Nebel oder das typisch stürmisch-gewittrige, trotzdem künstlich inszenierte Wetter viktorianischer Spukhäuser: Regisseur Robert Moore und Drehbuchautor Neil Simon sind sich für nichts zu schade und ziehen beinah alles durch den Kakao, was angesichts der vielen kleinen Details und des ohnehin übermäßigen Unterhaltungsfaktors für eine mehrmalige Sichtung reizvoll ist. Sinn hat die Handlung mit absichtlich eingestreuten Plausibilitätslücken (der Schlussreigen sich überlappender Identitäten!) jedenfalls nicht, aber das ist auch gut so, entlarvt die Geschichte damit doch satirisch den häufig effektheischenden Sinngehalt jener kriminalistischen Schmuddelliteratur, für die die fünf Detektive im Film symbolisch stehen.

Einen nicht unwesentlichen Teil dafür, dass sich der Film seinen raubeinigen Charme bis heute beibehielt, verdeutlich hauptsächlich der pointiert besetzte Cast voller illustrer Persönlichkeiten, der mit einigen bekannten Stars aufwarten kann. Darunter Alec Guinness, Peter Falk, Peter Sellers und David Niven, die allesamt zwar herrlich durchgedrehte Figuren mimen, dem Zuschauer dennoch liebenswürdig, lebendig und greifbar erscheinen. Truman Capote als kleinwüchsiger, kahler und charismatischer Antagonist sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben; er ist für dieses Dinner verantwortlich und fühlt sich außerdem berufen, der beste Detektiv aller Zeiten zu sein. Peter Falk ist währenddessen der komödiantische "Hauptgang", wie er nach einem misslungenen Attentat süffisant feststellt. Er karikiert einen windigen, in den Slums aufgewachsenen Privaträcher namens Sam Diamond (eine Anspielung an den echten Sam Spade aus "Die Spur des Falken"), der aufgrund seiner trockenen Lakonie und dreisten Direktheit, seines, mehr noch: ungehobelten Temperaments, manche Lachsalve im falschen, steifen Moment der Andacht heraufbeschwört. 

Weiterhin unvergessen: der blinde Butler (Alec Guiness) im Zusammenspiel mit der taubstummen und nicht Englisch sprechenden, lesenden Köchin (Nancy Walker) und Inspektor Sidney Wang alias Peter Sellers (obschon im Humorverständnis platter, "überflüssiger" als alle anderen) mit dem werten Herr Mark Twain. Der Witz aus der letzteren Paarung ergibt sich daraus, dass Wang in seinen bruchstückhaften Sätzen nie Artikel oder Pronomen benutzt und es deshalb zu konfusen Verständigungsproblemen dank mangelhafter Grammatikkenntnisse kommt. Ein immer aktuelles, zeitloses Problem. Frisch und spritzig eben. "Eine Leiche zum Dessert" ist mehr als nur Dessert, sondern magenausfüllende Delikatesse.

7 | 10