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Freitag, 18. März 2016

"Buffalo Bill und die Indianer" / "Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull's History Lesson" [USA 1976]


Wenn Buffalo Bill, der heroische Indianerjäger auf monumentalen Wandgemälden als Erinnerung an einstige Heldentage, ein trunksüchtiger, verlotterter, indisponierter Showmaster mit unechten Haaren ist (Paul Newman) und jene blutrünstige, reaktionsschnelle Rothaut, sein großer Star Sitting Bull (Frank Kaquitts), einer in sich schweigenden, lethargischen Elendsgestalt im transzendenten Dämmerschlaf ähnelt, wird einmal mehr offenkundig, dass es zur Entzauberung uramerikanischer Mythen und zur Verzerrung ihrer historischen Wahrheit(en) nicht sehr viel braucht, als die Lüge über die Illusion, sprich: das gleichermaßen Unechte wie Entstellte, aufrechtzuerhalten. In Robert Altmans spitzzüngigem "Buffalo Bill und die Indianer", in seinem Charakter handelt es sich durchaus um einen weiteren verzweigten Altman-Ensemblefilm, lebt ein Reigen an Westernarchetypen den Traum einer satirisch überzeichneten Geschichtsschreibung aus, die auf einer akribisch kartographierten Bühne nach Programm individuell verfälscht und ausgestochen wird. Die Codes des Westerns demontiert Altman, und statt einer Verneigung vor den Cowboys gehen die Indianer als respektable Persönlichkeiten hervor, als die fantasiereicheren Entertainer einer Show, die auf dem Selbstbetrug einer Branche fußt. Das fortwährend zweigeteilte Gesicht William Codys (Newman), eine Hälfte hat sich in der Schwärze der Nacht verflüchtigt, ist hierfür ein Symbol, die Entwertung des Geschäfts zu konkretisieren, das nur dann weiterläuft, wenn man bereit ist, seine Aufrichtigkeit der Maske zu opfern.

6 | 10

Mittwoch, 5. März 2014

"Die Farbe des Geldes" / "The Color of Money" [USA 1986]


Michael Ballhaus folgt den Stoßbewegungen, den einzulochenden Kugeln, Explosion auf Explosion, und ein publikumsintensives Raunen wogt durch die Reihen, wenn eine Kante, eine winzige Unaufmerksamkeit, ein unabsichtlicher Drall das Loch, die Tasche, die Siegerstraße in unerreichbare Ferne rückt. Und der Spielball stoppt. Und das Glück bremst. Mit dem Glück ist es nie leicht. Martin Scorseses "Die Farbe des Geldes", innerhalb seines Œuvres gewiss kein Film, der als Essenzwerk größtmögliches Prestige verbucht, funktioniert hauptsächlich als dramaturgisch nachdenkliche, oft meditierend am Pooltisch beobachtende Weiterführung zum Klassiker "Haie der Großstadt", der in Kombination mit ebendiesem jenen rauen, spröden Realismus (Drehbuch: Richard Price) recycelt, bei dem das Gewonnene Verlust bedeutet. Ein thematisch klassischer Scorsese über schnittig untermalte, zerstörerische Liebesbeziehungen in einem konservativen Patriachat, dessen Inhalt aber von keiner rhythmisch auf Hochgeschwindigkeit regulierten Form unterminiert wird. Tom Cruise ist als unbedarfter, eitel gestikulierender Jungspund und Trottel zu sehen, dem noch keine Haare auf dem Sack gewachsen sind, während sein Mentor Paul Newman tonangebend, grüblerisch und nuancenreich den Klängen der Ballstafetten lauscht. Ein alter und junger Pionier, die auf die Veränderungen einer abgeklärteren und abgezockteren (Sport-)Show entgegengesetzt, manchmal hemmend, manchmal euphorisch reagieren. Wie im (allerdings) besseren "Haie der Großstadt" ist Billiard Leben, mit Abzweigungen und Hindernissen. 

6 | 10

Donnerstag, 15. April 2010

Aktion Lieblingsfilm: "Haie der Großstadt" - Billard als Metapher für das Leben


"The Hustler", der auf dem gleichnamigen Roman von Robert Tevis basierende englische Originaltitel, deutet überaus offensichtlich an, dass jener von Robert Rossen inszenierte "Haie der Großstadt" keine sich in narrativen Standardformen suhlende Zockerparabel per se ist, auch nicht der Billardfilm schlechthin. Vordergründig geht es nicht darum, die Bälle mit dem Queue zu stoßen, sondern – ganz im Sinne der emblematischen Übersetzung des Titels – um Menschen, die für Leib und Seele alles verkaufen. Das Billardspiel als solches repräsentiert lediglich den Rahmen für Rossens Bebilderung einer psychischen Deformation seiner Hauptfigur.

"Haie der Großstadt" zeigt die Gewinner und Verlierer – und inwiefern beide Pole sich miteinander ergänzen, wie das eine das andere am Leben erhält. Nach einem fast halbstündigen, virtuosen Billard-Marathon-Match (im Film wird über einen Tag gespielt) – so geschnitten, gefilmt, dass man gern glauben darf, Billard war nie spannender – konstruiert Rossen seine, sich in den klaustrophobischen Billardhallen Amerikas manifestierende Tragödie vom großen Scheitern, vom großen Absturz Eddie Felsons (Paul Newman), dessen spielerische Niederlage in Wirklichkeit eine seelische ist.

Dass der Film in erster Linie differenziert seine Figuren auszuleuchten vermag, Figuren aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten, dass er ebenso jene gefährliche Spielsucht reflektiert beziehungsweise hinterfragt, ohne zwingend zu verurteilen, lässt sich allein schon für Eddie Felson beweisen. Dieser Eddy ist ein leidenschaftlicher Spieler, jähzornig, aber leidenschaftlich. Allerdings weitet sich seine Leidenschaft regelmäßig zur krankhaften Leidenschaft aus. Dieser Mann will siegen, immer, auch wenn es ausweglos erscheint, selbst wenn er gar geschlagen ist.


Ein größenwahnsinniger Poser, das ist er, dieser Eddie Felson. Ein guter Spieler, der mit den Bällen umgehen kann, der mit dem Gegner umgehen kann, ihn derart täuschen, um ihm eine Menge Geld zu entlocken: zweifellos, aber auch ein hemmungsloser Trinker. Für ihn gibt es nichts außer Pool, dem daraus resultierenden Geld und Whiskey. Alles andere – Nebensache. Seine Freundin – kann warten; so kalt wie er ist, lässt er sie sogar zu Grunde gehen. Schwächen – werden elegant retuschiert und nach außen gekehrt. Kennt Eddy überhaupt den Begriff?

Einer Billardkugel ähnlich wird Eddy ins Netz gestoßen und nicht wieder freigegeben, ins Netz von Bert Gordon (beängstigend gefühlsarm: George C. Scott), dem zwielichtigen, erbarmungslosen Geschäftsmann, dem Hai in der Großstadt, der Eddy ausnutzt um des Profites wegen, und nur darum. Als sich Eddy schließlich befreien kann aus den Klauen Gordons, ist es bereits zu spät: Seine Freundin Sarah verliert den Kampf gegen sich selbst. Liebe und Macht stehen sich diametral gegenüber. Eddy muss sich entscheiden.

Und Eddy entscheidet sich für die richtige, wahre Seite. Erst jetzt wird ihm bewusst, wie sehr er Sarah geliebt, wie sehr er sie zerstört hat. Sein erneutes Match gegen seinen Erzrivalen, Minnesota Fats, präsentiert sich allenfalls äußerlich als die obligatorische (bereits vorher zugunsten von Eddy entschiedene) Revanche, als im Kern vielmehr um psychologische Reinigung und Wiedergutmachung. Eddy hätte sowieso nichts verlieren können. Eddy hat schon alles verloren.


Dieses feinfühlige Drama hinterlässt beim Zuschauer definitiv Spuren, weil es oftmals unter die Haut geht. Getragen von nuancierten Darstellern und deren mannigfaltigen Charakteren, avanciert "Haie der Großstadt" zur vielschichtigen Metapher. Paul Newman ist sowohl der Star, von dem der Film lebt, als auch der Star, mit dem der Film fällt. Newman meistert die Angelegenheit, einen unsympathischen wie narzisstischen Egomanen (zu beobachten in der Anfangsszene, als Eddy krampfhaft einen besonders kunstvollen Stoß meistern will) dennoch sympathisch und menschlich darzustellen, mit Bravour und Ausdrucksstärke. Hervorzuheben auch Jackie Gleason, der zwar nur am Billardtisch glänzen darf/muss, dafür sind seine wenigen Auftritte umso bemerkenswerter.

Wenn man so will, ist Gleason nicht nur Eddys Konkurrent um den besten Spieler der Welt, sondern das komplette Gegenteil im Charakter. Er hat all' das, was Eddy nicht hat: innere Ruhe, Konzentration, Erfahrung, Besonnenheit, Taktik. Besonders beim Spielen. Nach zig Stunden ist Eddy betrunken, müde und kaputt, unfähig, noch einen Ball zu stoßen. Ganz anders Fats: er trinkt genau dasselbe, aber sein Plan ist ein anderer. Fats geht – sobald sich der Stress ankündigt – in Ruhe ins Badezimmer, wäscht sich seine Hände, sein Gesicht, er kommt wieder zurück an den Tisch, er sieht wie neugeboren aus, kein Anflug von Schweiß und Erschöpfung, da kann Eddy nur staunen. Weiter geht's.

Piper Laurie verkörpert Sarah Packard dagegen komplex und derart intensiv, dass es schwer fällt, mit dieser Frau nicht zu leiden. Die Leistung, sämtliche Emotionen derart virtuos auf die Leinwand zu schmettern, von tiefgreifender Verzweiflung über latent aufflammende Freude – und man muss sie lange suchen, bis man sie im resignierten Gesicht Sarahs zu finden glaubt – bis hin zur besoffenen Trinkerin.

Eine ebenso präzise wie atmosphärische Milieustudie über die ganz alltägliche Geld- und Erfolgssucht, die ihre Schatten auswirft, lange bevor die Erkenntnis über das Verlangen triumphiert. Universelle These eines scheinbar klassisch strukturierten, gleichwohl moralischen Sportlerfilms, der seine Moral allerdings subtil denn plakativ unters Publikum streut: Siege für sich allein garantieren noch lange keinen Erfolg, Macht ebenso wenig, denn Opfer wird es andernfalls immer geben, einsame Verlierer, die auf der Strecke bleiben. Du brauchst vor allem eines: Charakter. Wir hoffen, dass Eddy seine Lektion gelernt hat. Frame, Set and Match, Robert Rossen!


unbearbeiteter Originalartikel