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Freitag, 25. Mai 2018

"Zelle R 17" / "Brute Force" [USA 1947]


Wie schon in Kafkas dystopischer Erzählung "In der Strafkolonie" gelingt es "Zelle R 17", Dualismen politisch brisant auszuformulieren, die in Beziehung gesetzt werden zu einer jeweils individuellen und apodiktisch vertretenen Rechtsauffassung. In Gestalt des angehenden Gefängnisdirektors Capt. Munsey (Hume Cronyn), dem schnell daran gelegen war, das Abraham-Lincoln-Porträt seines Vorgängers gegen ein Selbstporträt auszutauschen, sowie in Gestalt des allzeit beschwipsten Gefängnisarztes Dr. Walters (Art Smith) verlagert Jules Dassin ein Essay über gerechte Bestrafung in den Subtext: Nicht unbedingt die bleihaltigen Exploitation-Anleihen oder die sich längst verselbstständigende Sentimentalität gegenüber dem "Draußen" machen aus "Zelle R 17" einen angestrengt unangestrengten Film, sondern dessen Pulverfass entlang eines verqueren Sozialdarwinismus, der herausgefordert wird von Anklagen liberalerer Rechtspraxis. Burt Lancaster wirkt ideal besetzt, derartige Ideen zu tragen. Sein Körper bewegt sich aufreizend vorsichtig, quälend zeitlupenhaft gar, aber auch fest, widerstandsfähig, die Wohlgeordnetheit und die Zwänge zur Anpassung ethisch, später körperlich zu hinterfragen. Mit vergleichsweise plakativen Mitteln – atmosphärischem Dauerregen zu Beginn, der an den Gitterstäben abläuft – erinnert Dassin an eine bessere Zeit, gleichfalls an diese Zeit, in der ein müder Haufen ein letztes Mal menschlich alle Register zieht. Dieses Verständnis humanistischen Verstehens mag dick aufgetragen sein, aber es beschert diesem (ein wenig vergessenen) Film innere, ergreifende Überzeugung.

7 | 10

Freitag, 18. März 2016

"Buffalo Bill und die Indianer" / "Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull's History Lesson" [USA 1976]


Wenn Buffalo Bill, der heroische Indianerjäger auf monumentalen Wandgemälden als Erinnerung an einstige Heldentage, ein trunksüchtiger, verlotterter, indisponierter Showmaster mit unechten Haaren ist (Paul Newman) und jene blutrünstige, reaktionsschnelle Rothaut, sein großer Star Sitting Bull (Frank Kaquitts), einer in sich schweigenden, lethargischen Elendsgestalt im transzendenten Dämmerschlaf ähnelt, wird einmal mehr offenkundig, dass es zur Entzauberung uramerikanischer Mythen und zur Verzerrung ihrer historischen Wahrheit(en) nicht sehr viel braucht, als die Lüge über die Illusion, sprich: das gleichermaßen Unechte wie Entstellte, aufrechtzuerhalten. In Robert Altmans spitzzüngigem "Buffalo Bill und die Indianer", in seinem Charakter handelt es sich durchaus um einen weiteren verzweigten Altman-Ensemblefilm, lebt ein Reigen an Westernarchetypen den Traum einer satirisch überzeichneten Geschichtsschreibung aus, die auf einer akribisch kartographierten Bühne nach Programm individuell verfälscht und ausgestochen wird. Die Codes des Westerns demontiert Altman, und statt einer Verneigung vor den Cowboys gehen die Indianer als respektable Persönlichkeiten hervor, als die fantasiereicheren Entertainer einer Show, die auf dem Selbstbetrug einer Branche fußt. Das fortwährend zweigeteilte Gesicht William Codys (Newman), eine Hälfte hat sich in der Schwärze der Nacht verflüchtigt, ist hierfür ein Symbol, die Entwertung des Geschäfts zu konkretisieren, das nur dann weiterläuft, wenn man bereit ist, seine Aufrichtigkeit der Maske zu opfern.

6 | 10

Freitag, 28. August 2015

"Gewagtes Alibi" / "Criss Cross" [USA 1949]


Grantig dreinschauender, straff alle Ingredienzien abgrasender Noir aus der Hochphase jener Ära, in der sich granitbullige Gesichter verziehen, wenn deren Augen einen vorherbestimmten Weg erhaschen, der an einer in die Nacht des Sterbens steuernde Gabelung angelangt ist: "Criss Cross". Hätte er ihm bloß nichts erzählt. Und sie sich nur nicht gebückt. Burt Lancaster, von Robert Siodmak wiederholt als irreales, formverlorenes Objekt herausgestellt, das Räume verbarrikadiert und hindurch schwebt (vgl. "Die Killer"), verkörpert einen zurückgekehrten Transportfahrer, der die Liebe zu seiner (Ex-)Geliebten (bitter, aber schmerzgepeitscht: Yvonne De Carlo) aufrechterhält, indem er mit einem stadtbekannten Halunken (Dan Duryea) gemeinsame Sache, ein obskures Geschäft, macht. Halb angetrunkenes Melodram, halb galliger Heist (feuchtfröhlich: die Planung eines Überfalls beim Kartenspielen und Schnittchenessen), gipfelt "Gewagtes Alibi" im Dunstschleier als übergeordnetes, auch architektonisches Motiv – modernistische Gebäude, geneigte Winkel, verfolgende Schatten (die Krankenhaussequenz ist ein Studentenvorführbeispiel ökonomisch arrangierter Paranoia). Siodmak verlässt sich ein weiteres Mal auf eine eben nicht zum Selbstzweck angereicherte Rückblendenstruktur, die die zeitlose Beständigkeit von Liebe vergegenwärtigt und schlussendlich doch kein anderes Ende kennt als deren Endlichkeit. Hollywood-Kino von früher: dezent poetisch, aber ausgeprägt dämmerig und in seiner Hochstimmung eine (berauschte) Erotik ausstrahlend, die herausbricht, bevor sie sich – hier in einer hypnotischen Tanzszene – desillusioniert auflöst.  

6 | 10

Mittwoch, 21. Januar 2015

"Die Killer" ("Rächer der Unterwelt") / "The Killers" [USA 1946]


[...] Die zwei Auftragsmörder (Charles McGraw, William Conrad), die "Killer", haben nicht mehr als zwei gemeinsame Auftritte, die umso destruktiver eine Schneise dunkeldämmriger Verwüstung schlagen. Der Protagonist gleichwohl – Burt Lancaster, "der Schwede", ein Berufsboxer – hat dagegen mehrere Runden zu absolvieren, und sie formten ihn zu einem gestandenen Schauspieler; zu einem Star, der in diesem verzwickten, systematisch nach unten sackenden Film noir einen unverhofften Höhenflug bekam. [...] In ihm gärt das Verlangen des Nichts, so wie in seinem Leben der Körper als Abprallmasse gradweise zerbricht. Robert Siodmak hätte keine abgründigere, trübere Endballade über die Tugend des Film noir und seiner ewigen Finsternis choreografieren können, denn Ole Anderson (Lancaster) ist ein Wrack, weil er akzeptiert hat, dass ihn kein Rettungsschiff birgt. Anderson ist am Ende seiner Freiheit angelangt, das Mädchen weggelaufen, das Geld verloren, der Oberkörper nackt enthüllt: Burt Lancasters ausgiebige Virilität, gekoppelt an das Pech und die Entmutigung, vor einer Entscheidung zu flüchten, packen ihn an der Schulter – und drücken. Er wird müde, die Augenlider bibbernde Schlitze, er wartet auf den Henker. Er weiß, dass er sterben wird. [...]


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Mittwoch, 25. August 2010

In aller Kürze: "Der Gefangene von Alcatraz" / "Birdman of Alcatraz" [USA 1962]



Unaufgeregt, frei von jeglichen aufgesetzten Sentimentalitäten sowie trotz seines Appellcharakters niemals anbiedernd, aber dennoch in hochemotionalen Momenten erzählt John Frankenheimer vom apathischen Verzweifeln hinter kalten Gefängnismauern. Burt Lancaster spielt in einer bestechenden, weil mehrdimensional konzipierten Leistung den zweifachen Mörder Robert Stroud, der mehr als die Hälfte seines Lebens in Einzelhaft, in Monotonie zwischen Ungeziefer und kahlen Wänden, verbringt, ehe unbekümmerte Vogelgesänge für die herbeigesehnte Erlösung sorgen. Obgleich die Geschichte einen realen Hintergrund besitzt, erweist sich "Der Gefangene von Alcatraz" allerdings weder als Dokumentarfilm noch als Biographie. Stattdessen skizziert der Film in beklemmenden Bildern Strouds Verwandlung vom jähzornigen Egomanen zum Rehabilitierten zum leidenschaftlichen Vogelkundler zum idealistischen Einzelkämpfer, der einem ganzen unmenschlichen Justizapparat gegenübertritt, während der Zuschauer ihn beim würdevollen Altern zusieht und dabei ein Gnadengesuch nach dem anderen abgelehnt wird. Frankenheimer singt ein Hohelied auf universelle Rechte Gefangener, tangiert essentielle Werte und Normen, propagiert Freiheit, Humanität und Menschenwürde in einer zutiefst finsteren Welt, deren Verständnis von Recht allerhöchstens desolat erscheint und von sadistischen Fanatikern mit permanenten Rachegedanken bevölkert wird. Und er zeigt grenzenlose Freundschaft in Extremsituationen, etwa wenn Stroud in einer der ergreifendsten Szenen eine Katharsis durchlebt und sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten bei einem Mitmenschen, bemerkenswerter Weise einem Gefängniswärter (Neville Brand), entschuldigt, weil beide menschlich vom jeweils anderen behandelt werden wollen. Exzellente Nebenrollen (Thelma Ritter, Karl Malden, Betty Field, Telly Savalas) sowie Elmer Bernsteins atmosphärische Musik komplettieren einen etwas anderen Knastfilm ohne obligatorische Ausbruchspläne, dafür mit einer Reihe deplazierter Actioneinlagen gegen Ende. Und unglücklichem deutschem Filmtitel.

8/10