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Mittwoch, 8. Juni 2016

"Schwarzer Engel" / "Black Angel" [USA 1946]


[...] Aus der übergangslosen, bisweilen launenhaften Unausgewogenheit, nach [einer] ermordeten Frau zu ermitteln, womöglich den falschen hinrichten zu wollen und eigenhändig den richtigen zu fangen, während nebenbei ausgiebig getanzt und gesungen wird, vermittelt "Schwarzer Engel" eine bezaubernde Sogkraft zwischen verzweifelter Melancholie und feierlicher Ausgelassenheit in geschniegelten Nachtklubs (explizit auffällig: die Hitchcock-Treppe zur Erkenntnis). Nach der Vorlage von Cornell Woolrich, der auch den Text zu "Das Fenster zum Hof" geliefert hat, spinnt der Film einen zwar wahrlich nicht der Düsternis anheimgefallenen Film noir, aber dennoch einen dramatischen Spannungsentwurf, dessen mörderischer Quell ein Collier ist, das in Form eines Herzens menschliche Herzen wahrlich brechen lässt. [...]


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Montag, 20. Januar 2014

"Der Mann, der zuviel wusste" / "The Man Who Knew Too Much" [GB 1934]


Tomatenschlachten, Tortenschlachten, Steineschlachten – alles gesehen, alles wohlbekannt, alles reine Routine. Aber sich mit Stühlen und Mobiliar zu bewerfen, im Refugium einer verschwörerischen Geheimschaft (Peter Lorre verkörpert einprägsam einen Agitator, der auf die bewegenden menschlichen Momente ein Patent angemeldet hat) hinter dicken, eisenbeschlagenen Türmauern dürfte im Vergleich dazu nicht allzu häufig gefilmt worden sein. Zu "Der Mann, der zuviel wusste" drehte Hitchcock in seiner goldenen Phase der 50er Jahre zwar ein pompöseres, gleichfalls mit viel, viel mehr Fassadendekor ausstaffiertes Remake. Dennoch ist die auf den Punkt angereicherte Schnelle, schludrige Sprunghaftigkeit und Agilität des Originals aus den 30ern ein Unikat schlechten Budenzaubers, weil sich ein delikates Humorverständnis und politischer Smalltalk höchst belustigend, nein: federleicht fügen und nicht selten einander negieren. Sei es ein Versteck in einem horrortauglich tapezierten Zahnarztzimmer (Hitchcock entwickelt daraus traditionellen Suspense-Jux), das ikonografische Royal-Albert-Hall-Finale, in dem sich die Pistole des Attentäters andächtig phallusartig ins Bild stößt, oder die darauffolgende effektreiche Actioneinlage, die John Carpenters Belagerungseifer vorausbemerkt: Logik ist vollkommen tabu, dafür herrscht wüste Uneinheitlichkeit und hektisches Ausformen dessen, das zugleich Politposse wie Familienthriller ist. Übrigens auch hier, in der Eröffnungsszene in St. Moritz (!), wittert ein Hitchcock-Protegé, ein Tier, ein Hund (vgl. "Geheimagent", "Rebecca" etc.) die ersten menschlichen Abgründe. 

5 | 10

Montag, 13. Januar 2014

"Geheimagent" / "Secret Agent" [GB 1936]


Mehr Schmackes, mehr Verblüffung hätte "Geheimagent" vertragen können, in dem sich jeder, ob unbewusst oder bewusst, eine falsche Identität verschafft. Eine dick aufgetragene Liebesgeschichte (Madeleine Carroll spult ihr schales Programm als sittenstrenge Zicke ab) musste Hitchcock aus unerfindlichen Gründen genauso angezogen haben wie ein Vergnügungspark an Albernheiten in diesem sonst lebendigen, aufwändig getricksten und nie zu ernst geratenen Spionage- und Kriegsradau. Das Duo aus John Gielgud (ein versunken schauender Gentleman) und Peter Lorre (ein nonchalanter, unverschämter "Mexikaner") repräsentiert in seinem heiteren, bisweilen doppelsinnigen Zusammenspiel der Kulturen hingegen die Quintessenz eines Werks, das als eines der einzigen Hitchcock-Buddy-Movies gesehen werden kann. Von einem toten Orgelspieler, dessen weihevolle Musik wie eine böse Vorsehung in den verlassenen Hallen einer Kirche nachhallt und wogt, bis zu einem Hund, der den durch ein Fernglas parallel gezeigten Tod seines Herrchens auditiv eindringlich betrauert, verspricht "Geheimagent" Hitchcock-Schwank, aber auch erlebnisreich variierende Requisiten: Schneeberge, Züge, eine Schokoladenfabrik, verlorene, sinnverzerrende Knöpfe. Belangloses eben, das sich innerhalb der nächsten Ereignisse als folgenschwer erweist. Die moralische Schwarzseherei, trotz Krieg einen Auftragsmord zu begehen, verglüht, denn viel bedeutender sind die verschlüsselten Briefe (auf Schokoladenpapier!), mit denen "Geheimagent" bezaubernd zum Publikum kommuniziert. So bezaubernd, dass ein angehängtes Kitschbonbon das Ende besiegeln muss. 

5 | 10