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Montag, 13. Januar 2014

"Geheimagent" / "Secret Agent" [GB 1936]


Mehr Schmackes, mehr Verblüffung hätte "Geheimagent" vertragen können, in dem sich jeder, ob unbewusst oder bewusst, eine falsche Identität verschafft. Eine dick aufgetragene Liebesgeschichte (Madeleine Carroll spult ihr schales Programm als sittenstrenge Zicke ab) musste Hitchcock aus unerfindlichen Gründen genauso angezogen haben wie ein Vergnügungspark an Albernheiten in diesem sonst lebendigen, aufwändig getricksten und nie zu ernst geratenen Spionage- und Kriegsradau. Das Duo aus John Gielgud (ein versunken schauender Gentleman) und Peter Lorre (ein nonchalanter, unverschämter "Mexikaner") repräsentiert in seinem heiteren, bisweilen doppelsinnigen Zusammenspiel der Kulturen hingegen die Quintessenz eines Werks, das als eines der einzigen Hitchcock-Buddy-Movies gesehen werden kann. Von einem toten Orgelspieler, dessen weihevolle Musik wie eine böse Vorsehung in den verlassenen Hallen einer Kirche nachhallt und wogt, bis zu einem Hund, der den durch ein Fernglas parallel gezeigten Tod seines Herrchens auditiv eindringlich betrauert, verspricht "Geheimagent" Hitchcock-Schwank, aber auch erlebnisreich variierende Requisiten: Schneeberge, Züge, eine Schokoladenfabrik, verlorene, sinnverzerrende Knöpfe. Belangloses eben, das sich innerhalb der nächsten Ereignisse als folgenschwer erweist. Die moralische Schwarzseherei, trotz Krieg einen Auftragsmord zu begehen, verglüht, denn viel bedeutender sind die verschlüsselten Briefe (auf Schokoladenpapier!), mit denen "Geheimagent" bezaubernd zum Publikum kommuniziert. So bezaubernd, dass ein angehängtes Kitschbonbon das Ende besiegeln muss. 

5 | 10

Freitag, 27. September 2013

"Die 39 Stufen" / "The 39 Steps" [GB 1935]


Ausgelöst durch einen MacGuffin, dessen illusorische Bedeutsamkeit lediglich die Handlung vorantreibt, versteht sich "Die 39 Stufen" als junger Entwurf des Lieblingssujets Hitchcocks, in zahlreichen Umformungen dem Mann auf der Flucht mit der Kamera zu folgen. Zugleich festigte der Film seinerzeit Hitchcocks Prinzip, Wahrscheinlichkeit auszustreichen, um halsbrecherische, ja auch naive Zufälle ebenso willkürlich wie furios aufeinanderzustapeln, die mit Hilfe eines elliptischen Schnitts und rasend-rhythmischer Orts- sowie Szenenübergänge eine Art inszenatorische Symphonie entstehen lässt. "Die 39 Stufen" im Bereich von Räuberpistole, Groschenheft und Sleaze kommt allerdings weit weniger aufregend, dringlich und nervenstark daher als jene thematisch abgewandelten Filme, die Hitchcock kontinuierlich perfektionierte: "Saboteure" etwa oder, hier zur Vollendung getrieben, "Der unsichtbare Dritte". In etwas mehr als kompakten 80 Minuten beeindruckt der Film hingegen als aufputschendes, humoristisch zweideutiges Spektakel rar gesäter Höhepunkte, sobald der Schrei vor einer Leiche in das Geräusch des schnaufenden Zuges dringt. Nicht nur eine ablenkende Wahlkampfrede, sondern auch das sich den Hitchcock-Meriten treubleibende, ausgefallene Finale, in dem der Held in der Menge isolierter und gefährlicher lebt als allein, gehören jedoch ganz dem Regisseur. Demgegenüber bleibt die (wiewohl bittersüße) Screwball-Comedy gezwungen, die Hauptdarsteller stereotypes Zweckmittel und der Antagonist reduziert sich auf seine körperliche Deformierung. Überhastet im wahrsten Sinne des Wortes. 

5 | 10