Dass der Film in erster Linie differenziert seine Figuren auszuleuchten vermag, Figuren aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten, dass er ebenso jene gefährliche Spielsucht reflektiert beziehungsweise hinterfragt, ohne zwingend zu verurteilen, lässt sich allein schon für Eddie Felson beweisen. Dieser Eddy ist ein leidenschaftlicher Spieler, jähzornig, aber leidenschaftlich. Allerdings weitet sich seine Leidenschaft regelmäßig zur krankhaften Leidenschaft aus. Dieser Mann will siegen, immer, auch wenn es ausweglos erscheint, selbst wenn er gar geschlagen ist.

Ein größenwahnsinniger Poser, das ist er, dieser Eddie Felson. Ein guter Spieler, der mit den Bällen umgehen kann, der mit dem Gegner umgehen kann, ihn derart täuschen, um ihm eine Menge Geld zu entlocken: zweifellos, aber auch ein hemmungsloser Trinker. Für ihn gibt es nichts außer Pool, dem daraus resultierenden Geld und Whiskey. Alles andere – Nebensache. Seine Freundin – kann warten; so kalt wie er ist, lässt er sie sogar zu Grunde gehen. Schwächen – werden elegant retuschiert und nach außen gekehrt. Kennt Eddy überhaupt den Begriff?
Einer Billardkugel ähnlich wird Eddy ins Netz gestoßen und nicht wieder freigegeben, ins Netz von Bert Gordon (beängstigend gefühlsarm: George C. Scott), dem zwielichtigen, erbarmungslosen Geschäftsmann, dem Hai in der Großstadt, der Eddy ausnutzt um des Profites wegen, und nur darum. Als sich Eddy schließlich befreien kann aus den Klauen Gordons, ist es bereits zu spät: Seine Freundin Sarah verliert den Kampf gegen sich selbst. Liebe und Macht stehen sich diametral gegenüber. Eddy muss sich entscheiden.
Und Eddy entscheidet sich für die richtige, wahre Seite. Erst jetzt wird ihm bewusst, wie sehr er Sarah geliebt, wie sehr er sie zerstört hat. Sein erneutes Match gegen seinen Erzrivalen, Minnesota Fats, präsentiert sich allenfalls äußerlich als die obligatorische (bereits vorher zugunsten von Eddy entschiedene) Revanche, als im Kern vielmehr um psychologische Reinigung und Wiedergutmachung. Eddy hätte sowieso nichts verlieren können. Eddy hat schon alles verloren.

Dieses feinfühlige Drama hinterlässt beim Zuschauer definitiv Spuren, weil es oftmals unter die Haut geht. Getragen von nuancierten Darstellern und deren mannigfaltigen Charakteren, avanciert "Haie der Großstadt" zur vielschichtigen Metapher. Paul Newman ist sowohl der Star, von dem der Film lebt, als auch der Star, mit dem der Film fällt. Newman meistert die Angelegenheit, einen unsympathischen wie narzisstischen Egomanen (zu beobachten in der Anfangsszene, als Eddy krampfhaft einen besonders kunstvollen Stoß meistern will) dennoch sympathisch und menschlich darzustellen, mit Bravour und Ausdrucksstärke. Hervorzuheben auch Jackie Gleason, der zwar nur am Billardtisch glänzen darf/muss, dafür sind seine wenigen Auftritte umso bemerkenswerter.
Wenn man so will, ist Gleason nicht nur Eddys Konkurrent um den besten Spieler der Welt, sondern das komplette Gegenteil im Charakter. Er hat all' das, was Eddy nicht hat: innere Ruhe, Konzentration, Erfahrung, Besonnenheit, Taktik. Besonders beim Spielen. Nach zig Stunden ist Eddy betrunken, müde und kaputt, unfähig, noch einen Ball zu stoßen. Ganz anders Fats: er trinkt genau dasselbe, aber sein Plan ist ein anderer. Fats geht – sobald sich der Stress ankündigt – in Ruhe ins Badezimmer, wäscht sich seine Hände, sein Gesicht, er kommt wieder zurück an den Tisch, er sieht wie neugeboren aus, kein Anflug von Schweiß und Erschöpfung, da kann Eddy nur staunen. Weiter geht's.
Piper Laurie verkörpert Sarah Packard dagegen komplex und derart intensiv, dass es schwer fällt, mit dieser Frau nicht zu leiden. Die Leistung, sämtliche Emotionen derart virtuos auf die Leinwand zu schmettern, von tiefgreifender Verzweiflung über latent aufflammende Freude – und man muss sie lange suchen, bis man sie im resignierten Gesicht Sarahs zu finden glaubt – bis hin zur besoffenen Trinkerin.
Eine ebenso präzise wie atmosphärische Milieustudie über die ganz alltägliche Geld- und Erfolgssucht, die ihre Schatten auswirft, lange bevor die Erkenntnis über das Verlangen triumphiert. Universelle These eines scheinbar klassisch strukturierten, gleichwohl moralischen Sportlerfilms, der seine Moral allerdings subtil denn plakativ unters Publikum streut: Siege für sich allein garantieren noch lange keinen Erfolg, Macht ebenso wenig, denn Opfer wird es andernfalls immer geben, einsame Verlierer, die auf der Strecke bleiben. Du brauchst vor allem eines: Charakter. Wir hoffen, dass Eddy seine Lektion gelernt hat. Frame, Set and Match, Robert Rossen!
unbearbeiteter Originalartikel