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Freitag, 17. August 2018

"Sicario 2" / "Sicario: Day of the Soldado" [USA 2018]


Als Sequel spinnt "Sicario 2" eine Geschichte weiter, die ursprünglich, im ersten Teil, als Parabel angelegt war und nachdenklich, unbeantwortet endete. Roger Deakins' bleich und verschlossen eingerahmte Provinzwelten waren nicht starr – zu oft verflüssigten sich die verhärteten Gesichtskonturen Emily Blunts vor Glas und Sand und wurden milchig, ein Entgleiten von Kontrolle, vor allem von Übersicht. In diesen zellenähnlichen Zivilisationshalden, wo Kate Macer (Blunt) illegale Präventivoperationen ihrer Regierung legitimieren musste, konnte keiner einen Erfolg verbuchen, konnte keiner jemals gewinnen, da keiner jemals etwas sehen und herbeiführen konnte. Stefano Sollima indes stellt – zwischen Pflicht und Verlangen – ähnliche Fragen, wie sie Denis Villeneuve stellte, aber sein gestalterischer Gesamtentwurf erweist sich als bloß standardisierter Genrehobel, in dem es knallt und kracht. "Sicario 2" ist das Produkt seines Drehbuchautors Taylor Sheridan ohne ästhetische Eigensinnigkeiten, ein hohler Machotraum, geträumt von Jungs mit Knarren in der Blüte ihrer Pubertät, sachlich gefilmt und klar beantwortet, beträufelt mit simplifizierten Kriegs- und Nebenkriegsmustern. Auch wenn Villeneuves Vorgänger "Sicario" in der Figur des Alejandro Gillick (Benicio del Toro) mehr und mehr die Tendenz zu halbgaren, superheldenirren Lösungen aufwies, ist "Sicario 2" wiederum lediglich als rein irrer Superheldentrash zu gebrauchen. 

Kompromisslos erscheint das alles – Sprengstoffattentate in einem Supermarkt (zugegeben: abstoßend direkt eingefangen), Kindesentführungen, Folter. In Sollimas politisch wie moralisch grenzüberschreitenden Entgrenzungen herrscht unvermindert das Recht der Wölfe. Ein auf den ersten Blick abstrakter Subplot ist allerdings geblieben. In diesem wird der junge Miguel (Elijah Rodriguez) an die Codes und Rituale des Sicarios, eines Auftragskillers, schrittweise (klischeehaft) herangeführt. Auch andernorts menschelt es gezwungen: Die nicht weniger junge Isabel (Isabela Moner), toughe Tochter des Gangsterbosses, ringt dem sonst mit gefrorener Präzision operierenden Alejandro vertiefende Gedanken ab. Sollima vernäht dahingehend einige Fäden, dem vorrangig ein röhrender, röchelnder und rotierender Soundtrack (Hildur Guðnadóttir) Welttragik und Hochgefühle auf Kommando oktroyiert. Keine Überraschung ist es da, dass Josh Brolin darin Josh-Brolin-Terrain erkundet, das sich wandelt: Der Wolf schaut weg und rettet das Kind. Und so sind es die Bestien, die in "Sicario 2" gezähmt werden. Sie können, dürfen nicht sterben, ihr Antrieb sind jene, die Nummern, Nachtsichtkreaturen waren. Der tödliche Schuss, die Verletzung – Makulatur, auf ins nächste Level. "Sicario 2" handelt von Menschen, nicht von Tieren, aber indem Sollima die Wiederauferstehung, die physische wie die psychische, zulässt, inszeniert er ein hochgradig apolitisches Videospiel.

2 | 10

Freitag, 4. Mai 2018

"Avengers: Infinity War" [USA 2018]


Nach 18 Filmen und zehn Jahren hat sich genau genommen… nichts geändert. Oder doch: Scarlett Johanssons Haare. Blond sind sie jetzt. Aber sonst so? Serialisierung. Breite. Fülle. "Avengers: Infinity War" choreografiert Episoden und Episödchen, Stücken und Stückchen und Stückwerk. Sobald eine Figur abgearbeitet ist, wird die nächste verarbeitet. Zu Gags, Ironie, heiler Wiedergeburt. Im immergleichen Rhythmus. Auf das Schaffbare folgt das Geschaffene. Sobald der Film sein Ende findet, geht es in die Verlängerung. Das MCU – es ist sein Wahnwitz – endet nicht mit dem Tod. Stets verbirgt sich dahinter eine weitere Auferstehung, ein weiterer Verweis und die Eintrittskarte eines weiteren Erlebnisses, das vergänglich bleibt: Die nächsten zweieinhalb Stunden Filmmaterial sind, wenn nicht abgedreht, so aber wenigstens eine Festplattendatei. Deshalb bleibt der Schmerz, und "Avengers: Infinity War" handelt von Leiden, kein akuter, höchstens eine rötliche Druckstelle. Überall ist zu vernehmen, dass Disney und Marvel Eier und sich etwas getraut hätten. Was denn eigentlich? Dass Superhelden und Superheldinnen leiden dürfen, aber ihr Leiden leidensverdaulich bleiben muss? Was ist Leiden? Die Frage erübrigt sich, weil es danach sowieso mehr zu feiern gibt.

Dass der Film den Weltraum einbindet (für alle noch einmal: "SPACE"), ruft die Guardians auf den Plan. Die Feierstunde kann beginnen. Aber irgendwie scheint die Musik viel zu leise abgemischt. Anthony und Joe Russo haben ihren Film vollgestopft, bisweilen überfrachtet. Die Avengers, aber nicht nur die, werden auf ihre Fähigkeiten, etwas ganz Besonderes tun zu können, beschränkt: Doctor Strange (Benedict Cumberbatch) zaubert, Spider-Man (Tom Holland) krabbelt und schwingt, Hulk (Mark Ruffalo) will nicht Hulk sein und Steve Rogers (Chris Evans) ist Steve Rogers (allerdings mit Bart). Was eint dieses Sammelsurium an Individualisten? Der Kampf. Wenn Thor (Chris Hemsworth), Star-Lord (Chris Pratt) und Rocket (Bradley Cooper) über Autoritäts- und Muskelfragen debattieren, ergibt sich der Witz aus deren diametralen Selbsteinschätzungen. Das ist ein Witz, der nicht albern, der sogar den dunklen Zweifeln ein wenig Erdung beschert. Aber lakonisch, stofflich wird der Film eher sporadisch. Zwischen viel zu vielen Gefechten und viel zu vielen "Ich-erklär'-dir-jetzt-was-Dialogen" ist "Avengers: Infinity War" dort lähmend, wo Vergessenheit und Fluffigkeit Liebhaberattraktionen gebündelt bereithalten sollen. Viele MCU-Beiträge verstehen das Abenteuer als Wiederholschleife. 

Will man den hysterischen Reaktionen bewaffneter Schützer von Kultur und dem Kulturerbe Disney Glauben schenken, dann erkunde der Film monumentale geistige Fallhöhen mit dem ersten bösen Bösewicht Thanos (Josh Brolin). Ohne Zweifel: Thanos ist mächtig böse und mächtig stolz, physisch präsent und physisch unangreifbar. Mehr als ein Halunke, der im Überschätzen seiner Fähigkeiten existenzialistische Drehbuchmonologe raunt, ist er aber auch nicht. Im Gegenteil: Die Stauung von weinerlicher Melodramatik und, nicht zu vergessen, apokalpytischem Weltenendepathos, das sich in der Figur verkleistert, ist vor Schwülstigkeit nicht einmal mit Superkräften zu retten. Wenn die Russo-Brüder das pathetische Moment, was ein Film derartiger Dimension in der Tat benötigt, nicht antreiben, sondern sich auf Joss Whedon berufen, schicken sie Thor auf das Schlachtfeld, auf dem er sich heroisch ankündigt – eine mitreißende, eine unverkrampfte Sekunde schierer musikalischer Comicwichtigkeit zwischen dilettantisch getrickstem Pixelanarchismus, der idiotensicher in einem Mittelerde-Film von Peter Jackson Platz gehabt hätte. "Avengers: Infinity War" ist ein weiteres Häufchen Leergut von jener Kunst, nie ein Endstadium zu erreichen.

2 | 10

Mittwoch, 17. Februar 2016

"Hail, Caesar!" [GB, USA 2016]


Die menschliche Größe in den Augen nichtiger und gar unaussprechlicher Provinzlinge, sie fehlt ein wenig "Hail, Caesar!". "Arizona Junior" zum Beispiel, ein von seiner Pointendichte her vergleichbarer Film, hatte sie noch. Denn: Als George Clooney sich die Ehre gibt, über die Heiligenandacht Kino und die theologischen Wahrheiten, über die es erzählt, einen blumigen Monolog zu halten, wird dieser grundlegend herzenswahre und –nahe Befindlichkeitsbericht just zerstört – per… plattgedrücktem Gag. So nämlich ist "Hail, Caesar!", insbesondere das aus Starrascheln, Schwärmereien und Classical-Hollywood-Avancen gebaute Ausrufezeichen. Mit Ansage ohrenbetäubend, konfus und kategorisch albern. "Hail, Caesar!" gehört zu den seichte(re)n Arbeiten der Gebrüder, plündert resolut ein Coen-Chaos der Ideologien, Sprachen und Zeichen angesichts eines Entführungsfalles, durch das ein stoisch gelassener Josh Brolin stakst, in der Hoffnung, der lärmenden Kommunikation im "Saftladen" Studio Herr zu werden, während Alden Ehrenreich auch im mimisch anspruchsvollen Dramaschauspiel nicht von seinem Lasso und Pferdesitz absehen kann. Der Film pocht ungeheuerlich witzig auf Klatsch und Tratsch in den heiligen Hallen, wo Magie aufsteigt und – dank Roger Deakins' Tiefenwirkung – Menschen sich verlieren: Ralph Fiennes' Namensname, Channing Tatums ekstatische Musicalnummer in einer nachgebauten Hafenkneipe, eine Villa auf den Klippen nach "Der-unsichtbare-Dritte"- und "Zabriskie-Point"-Bauart. Die Coens wollten (sich) humorvoll ausstellen, lassen wir sie ruhig.

6 | 10

Mittwoch, 11. Februar 2015

"Inherent Vice - Natürliche Mängel" [USA 2014]


Ein sexuell-entgleitender Ausfallschritt in die Geschichte – "psychedelisch" fällt (zweifellos), verkittet mit "obsessiver Melancholie" (sehr wohl) in einer niederträchtigen Welt. Paul Thomas Anderson wird niemals einen schlechten, einen "nur" soliden Film abliefern. Aber nach dem unbequem themenverpackten "The Master" richtet er sich die Auszeit wie ein umnebelter Hippie ein, für die er die Erzählung verkrüppelt und verzieht. "Inherent Vice" hat nie von einem Beginn gehört, einem Mittelteil, einem Ende, einem Ergebnis; die Dekonstruktion der Erzählung schreit an der Hochkultur vorbei, dass diesmal Phallusgebäude, Phallusschokobananen und phallische Anzüglichkeiten einen idiotischen Paul-Thomas-Anderson-Bewusstseinslärm gebären, der mit der blitzgebildeten Thomas-Pynchon-Rhetorik eine verdrossene Komödie durchexerziert, einen Hauch des Nichts, einen pulpigen Ebenen-Sinnloskrimi, offen angelehnt an Howard Hawks' "Tote schlafen fest". Die Zeit (als Meer) spült diesen nichtsnutzigen Film mitsamt seiner "natürlichen Mängel" (unbefriedigender Bedürfnisse) an die Klippen der Bedeutungslosigkeit. Alles ist gleich, seitenverkehrt, abhanden, verblichen und ausgezehrt. Nebel, Voice-over, keine gehenden Menschen – "Inherent Vice" sitzt gelassen, die Stafetten des Anderson-Kinos zu parodieren, glucksend das abgehärmte Gesicht, uns, anstarrend: "Fuck". Ein satter, leerer, hungriger Film, gleichwohl einer, der in sentimentaler Romantik zur goldigen Menschenliebelei Andersons findet. "Magnolia" muss dabei aushelfen, das Lächeln des Seins in diesem elektrischen Moment an einen Schluss zu setzen, der dem Meer widersteht.

7 | 10

Mittwoch, 10. September 2014

"Sin City 2: A Dame to Kill For" / "Frank Miller's Sin City: A Dame to Kill For" [USA 2014]


[...] Dreimal. Dreimal eingepferchte Muster. Dreimal Tippen, dass der und der eh eines märtyrerhaften Todes sterben wird, indem er sich der Sozialunterschiede willen auflehnt. Abermals: fauchende Killer-Amazonen, abgewrackte Sittenwächter, neunmalschlaue Detektive. Alles beim Alten bei Robert Rodriguez. Sobald es die Geschichte nicht richtet, müssen es pralle Titten schaffen. Über pralle Titten braucht sich Eva Green keine Sorgen zu machen. In "Sin City 2: A Dame to Kill For" zieht sie einmal mehr blank, und Rodriguez wirkt wie vernarrt in ihre wollüstig eingeölten Kurven, den Arsch im Close-up, die Brüste hoheitsvoll darbietend, den nackten Körper beim Badespaß, immer wieder, den Sex getaucht in ätherische Jalousienschatten. Sie ist die dämonische Verführerin, die fleischliche, kreatürliche Femme fatale, verzehrend und tödlich, umringt von Dunst und begierigen Reizen. [...] Was ihre Kollegen, das übrige üppige Kulissenmaterial, nicht zu leisten imstande sind – ein fehlbesetzter Josh Brolin, der krampfhaft gegen sein Image des Schönwetterbuben spielt, eine Jessica "Scarface" Alba, die widerstrebend erheiternd gegen ihr Abonnement der Plastiktusse schießt, ein Joseph Gordon-Levitt und Mickey Rourke auf Mittagspausenmodus, ein Bruce Willis als einfältige Halluzinationsprojektion –, füllt sie aus. In einem Ensemble gravitätisch angekündigter A- und B-Stars schreiben ihr, der entzückendsten Neubesetzung, Rodriguez und Miller einige bezaubernde Szenen auf den, wortwörtlich, Leib, obwohl Sinnlichkeit und Künstlichkeit niemals ein langzeitiges Paar abgeben werden. [...]


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Mittwoch, 15. Oktober 2008

"No Country for Old Men" [USA 2007]


Wir hören einem mehr oder weniger leidenschaftslosen Monolog des in die Jahre gekommenen Ed Toms (Tommy Lee Jones) zu, der von seinem Leben als Cop berichtet. Nicht gerade ein Traumjob, stellt sich heraus. Wir werden Zeuge einiger wirkmächtiger, in Cinemascope ausgefüllter Bilder Roger Deakins'. Bilder von einer staubtrockenen Wüstenlandschaft. Einsam und verlassen, so unwirklich wie bedrohlich ist es, dieses Niemandsland in Texas. Es vergehen einzelne Sekunden, bis man einzelnen Menschen in dieser Einöde begegnet. Davon ist einer ein geheimnisvoller Killer, der nach seinen eigenen Prinzipien vorgeht. Nach seiner eigenen Philosophie. Bewaffnet mit einem Bolzenschussgerät, macht er sich auf die Jagd nach potenziellen Opfern und arbeitet dabei so präzise und tödlich. Seine Suche nach einem Mann, der einen Geldkoffer mit sich gehen ließ, entpuppt sich als eine der spannendsten und inszenatorisch eindrucksvollsten Verfolgungen der letzten (Kino-)Jahre.

Das sind sie also, die ersten Bilder des Werks "No Country for Old Men" der Gebrüder Coen. Und sie spiegeln etwas vortrefflich wider. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Coens mit belanglosem Kasperkino wie "Ein (un)möglicher Härtefall" und dem Remake "Ladykillers" herumgeschlagen haben. Allzu seicht war ihr Ausflug in die Komödiensparte. Jetzt sind sie zurück. Und wie. Mit einem Country-Western-Action-Thriller. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Pulitzerpreisträger Cormac McCarthy, erzählen die Regie-Brüder eine Geschichte über Drogen, Geld, Schicksal und schräge Existenzen, die aber wohl schon längst begriffen haben, dass sie scheitern werden. Sie erzählen über den klassischen Traum vom großen Geld, von Veränderungen.

Wie man jegliche Moralansichten verlieren kann, darüber erzählen sie ebenfalls, und schließlich entwerfen sie mit "No Country for Old Men" zudem eine Studie, eine Studie über Gewalt und über Abgründe der menschlichen Seele, der menschlichen Natur. Eine Geschichte, die bei den Academy Awards als bester Film des Jahres geehrt wurde – mit sensationellen vier Oscars in vier wichtigen Kategorien (Bester Film, Bestes adaptiertes Drehbuch, Beste Regie und Bester Nebendarsteller – Javier Bardem). Es scheint tatsächlich so, als ob die Brüder zu alter Stärke zurückgefunden haben. Mit einem fulminanten Comeback, das viele nicht für möglich gehalten hätten, kann sich ihr Neuzeit-Western nichtsdestotrotz zu den besten Kinofilmen des Jahres 2007 zählen. Doch der Reihe nach.


"No Country for Old Men" ist vor allem ein Film, der alle typischen Merkmale der Coens bündelt. Der Film beherbergt die wichtigsten Elemente früherer Produktionen und mixt ihn zu einer stimmigen Essenz zusammen; sozusagen ein Stelldichein mit den unverkennbarsten Schulterklopfern aus dem Coen'schen Universum. Die auffallendste Gemeinsamkeit dürfte er dabei wohl mit "Fargo" haben, nur dass hier an die Stelle des kalten, verschneiten Minnesotas eine weitere amerikanische Provinz, nämlich das heiße texanische Hinterland, getreten ist. Irgendjemand will wieder einmal irgendetwas, genauer gesagt Geld, mit allen verfügbaren Mittel in ebendieser Einöde wiederhaben. Selbst Mord und Totschlag können ihn dabei nicht abhalten. Des Weiteren haben sich Joel und Ethan Coen diesmal von einer tendenziell verschwachtelten Geschichte mit ungezählten Handlungssträngen zusehends entfernt. "No Country for Old Men" ist vielmehr stringent erzählt mit Hilfe eines hochgradig ökonomischen Erzählsystems. Bedienen tun die Brüder sich dabei von ikonischen Western-Referenzen, altbewährten narrativen Kniffen, ja ostentativ ausgestellten Kino-Klischees und spezifischen Krimi-Zutaten.

Das hilft aber nicht darüber hinweg, dass "No Country for Old Men" letztendlich mehr Fragen aufwirft als Antworten zu liefern. In dem Bezug sind es vor allem die Schlüsselstellen (Chigurh im Haus von Moss' Frau), die zwar subtil angedeutet werden, den Ausgang der Szenen aber dem Verstand des Zuschauers obliegen. Nur mit Blicken unter den Charakteren werden die besagten Szenen zusammengefasst. Für reichlich Gesprächsstoff wird wohl auch das Ende des Films sorgen. Ein äußerst seltsames, weil abruptes und mitten nach einem Monolog Ed Toms endender Schluss, den man direkt aus der literarischen Vorlage übernommen hat. Funktionieren tut diese Art von Epilog dramaturgisch auf alle Fälle, nur ist "No Country for Old Men" gen Antifinale spürbar schwächer. Dafür sorgt in erster Linie der viel zu früh angesetzte, dadurch irritierende Twist, sodass der Film langsam, ohne wirkliche Spannung und großartigen, zunehmend überflüssigeren Szenen, ausklingt und den Zuschauer quasi unsanft aus der Handlung wirft.

Dass "No Country for Old Men" aber nicht per se ein Film einer raffinierten Handlung, logischer Erklärungen oder fein gesponnener Handlungsfäden ist, dürften allen Coen-Fans klar sein. Dass er eher von seinen Protagonisten, der Atmosphäre, seiner Stimmung und seinen Dialogen lebt, ebenfalls. Und dann ist da noch die allseits bekannte Detailverliebtheit, die die Coens in ihrer erzählerisch gefestigten Zeit-Raum-Parallelwelt an den Tag legen. Jedes Versteck, jeder Hinweis, jedes noch so kleine, aber präzise Detail ist genauestens überlegt und vortrefflich in die Handlung integriert. Seien es Schleifspuren nach einem animalischen Kampf, Blutspuren, Papier oder Dialoge: Alle diese Dinge werden von den Brüdern bravourös und wohlüberlegt ins Bild gerückt – sogar mit einem nicht zu übersehenden ironischen Augenzwinkern.


Genau das wirkt gerade in der Darstellung der Gewalt wider Erwarten nach. "No Country for Old Men" erzählt über Gewalt und über Veränderung, die sich in ungeschönten Blutbädern andeutet. Trotzdem bringen es die Coens fertig, dem Zuschauer dabei stets ein kleines Schmunzeln aufgrund ihres unnachahmlichen zweideutigen Humors, der so trocken wie die Wüste selbst daherkommt, abzugewinnen. Wenn beispielsweise unser sogenannter Titelheld Moss (Josh Brolin) bei einer Verfolgung in einer aberwitzigen Sequenz hoffnungsvoll ins Wasser springt, ihn aber trotzdem ein schwimmender Hund auf den Fersen ist, so ist das der unverkennbar pechschwarze Humor der Gebrüder, die einige Gräueltaten teils arg ins Absurde, ins Groteske kippen, nur um den Zuschauer beim nächsten eruptiven Gewaltakt abermals gehörig zu erschrecken. Ja, man muss ihn mögen, den Coen'schen Humor. Die Gewalt im Allgemeinen, sie explodiert wie eine Bombe in diesem Film, keiner kann ihr entkommen, sie ist allgegenwärtig, dreckig, makaber und hässlich. In antithetischer Verbindung mit der wunderschönen Landschaft sind das nahezu apokalyptische Ausmaße. Es ist klar, die Coens machen in "No Country for Old Men" keine Gefangenen. Kompromisslos, aber effektiv zelebrieren sie einen Weg, der von Vernichtung gesäumt ist, bei denen keine strahlenden Helden das Schlachtfeld verlassen werden.

"No Country for Old Men" ist aber nicht nur eine ungewöhnlich harte Hatz, er ist auch ein handwerklich von offenherziger Könnerschaft geprägtes Katz- und Mausspiel. Roger Deakins, mit dem die Coens bereits einige gemeinsame Filme gemacht haben, hüllt das Werk in majestätisch-melancholische und bedrückende Bilder. Zusammen mit Roderick Jaynes' (ein Synonym der Coens) akzentuiert getimtem Schnitt ergeben sich als Folge dessen hypnotische Montagen, die zum Beispiel in den zwei Motelszenen hauptsächlich für eines sorgen: meisterlich inszenierte Gänsehaut- und Suspense-Momente. Überhaupt ist die gesamte Tonkulisse allenfalls spärlich und karg. Auf einen Score verzichten die Coens gänzlich, was bleibt, ist lediglich eine ungewöhnliche Ton-Schnitt-Abmischung, die ihre volle Wirkung durch die kaum fehlende Musik (nur im Abspann kann man Carter Burwells Partitur beiwohnen) aber vollends entfalten kann, und die manchmal den Zuschauer überaus zusammenzucken lässt. Auch die stillen Passagen, in denen so gut wie nichts passiert, zerbersten geradezu vor latenter Spannung und werden dem Eindruck der ruhigen, aber totbringenden, von den Regie-Brüdern raffiniert ausgewählten Landschaft mehr als nur gerecht, die im scharfen Kontrast zu dem steht, was in ihr wirklich geschieht.

Von der Figurenkonstellation her, die einmal mehr an "Fargo" erinnert, ist einer zugleich Herzstück und der nicht zu übersehende Star des Films: Javier Bardem, der für seine Rolle des Anton Chigurh völlig zurecht den Oscar entgegen nehmen durfte. Dieser Chigurh ist schon ein eigenartiger Typ von einem Profikiller. Eine herrlich schräge Persönlichkeit, die für die Coens geradezu prädestiniert ist, und die perfekt in ihre eigene kleine Welt passt. Obwohl die Brüder in "No Country for Old Men" fast gänzlich auf klassische Identifikationsfiguren verzichten, sie also auf keine wirklichen Archetypen zurückgreifen, mit denen man mitfiebert und daher auch nicht den emotionalen Draht zu jenen gar nicht mal so grundverschiedenen Charakteren findet, ist dieser ambivalente Anton Chigurh in gelegentlichen Abständen sogar der mit am menschlichsten Protagonist.


Auf der anderen Seite ist er aber auch ein dämonischer, beinah geistesgestörter, mit unglaublicher Wucht zuschlagender Soziopath, der vergebens nach irgendwelchen Regeln lebt, der eiskalt und sehr genau mordet nach seinem eigenen Gesetz. Der seine verursachte Blutspur zu genießen scheint und mit skurrilen Waffen alles abknallt, was ihn vor die Flinte kommt, um sein Ziel zu erreichen. Zu alledem entscheidet dieser wortkarge und mit kaltem Blick ausgestattete Anrachist aus einer einzigen Laune heraus, entscheidet über das Schicksal seiner Opfer mittels Münzwurf – so wie im denkwürdigen "Tankstellen-Dialog" –, die dadurch wenigstens eine halbe Chance haben, dem Tode zu entkommen; wenn überhaupt. Da ist es nur konsequent, dass er gegen Schluss selbst zum Opfer dieses zufälligen Schicksals wird. So einem bizarren Individuum möchte man auf keinen Fall im wirklichen Leben begegnen, gerade weil vor allem Bardems einnehmende Interpretation des mystischen Killers zwar bestimmte Wesenszüge einer Karikatur annimmt, sie aber niemals lächerlich oder aufgrund der gewöhnungsbedürftigen Frisur zu cool und glatt rüberbringt. Zusammenfassend ist er also ein amoralisch und sadistisch zugleich agierender Bösewicht, der einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Nummer zwei in der vergnüglichen Figurenzusammenstellung, die einer unabsehbaren Dreiecksbeziehung unter den wichtigsten Protagonisten ähnelt, wäre Josh Brolin alias Llewelyn Moss, der wohl einer Identifikationsfigur am ähnlichsten sieht. Wie einst der Autoverkäufer William H. Macy in "Fargo" sieht auch Moss seine große Chance in Form des Koffers mit dem großen Geld, um seine Finanzen entsprechend zu optimieren – und das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Fast schon bemitleiden kann man diesen Charakter. Halb blind, kaum noch auf den Füßen sicher stehend, rennt er mit fortlaufender Zeit immer mehr in sein Verderben. Ein Charakter, der durch Brolins elektrisierende Ausstrahlung und physische Präsenz funktioniert.

Um das Figurentriumvirat schließlich abzurunden, wäre noch Tommy Lee Jones als abgehalfterter, längst in die Jahre gekommener Sheriff Ed Tom Bell. In seiner Charakteristik ist er der heimliche, aber unübersehbar stille Held des Films, der zu wichtigen Geschehnissen immer zu spät zu kommen scheint, und der die darauffolgenden, beinah obskuren Situationen stets mit einer sorgenvollen und von Gestikulation so gut wie gänzlich befreiten Miene trocken kommentiert. Bell ist alles in allem müde von seinem Amt, zermürbt und abgeschlagen. Er ist es, der für das philosophische Gedankengut der Coens die Rechnung trägt. Und doch ist dieser Ed Tom Bell der uninteressanteste, weil eintönigste und "langweiligste" aller Charaktere, was aber nicht durch Jones' durchdringenden Blick hinwegtäuschen soll.


Mit ihrem Ausflug ins raue und grimmige Texas haben die Coens mit "No Country for Old Men" nach Cormac McCarthy wieder ein filigranes und vor allem auch der Ernsthaftigkeit verschriebenes, doppelbödiges Gesamtkunstwerk aus dem Boden gestampft. Ein durchweg fantastisch schwüler, minimalistischer und zugleich eindringlicher, sich von einigen Konventionen entfernender Neo-Western, der durch zynisch-elegische Bilder, lakonischen Wortwitz sowie einem Antagonisten für das Kultbuch böser Männer veredelt wird. Großes, kompromissloses Kino, das garantiert nicht nur für alte Männer geeignet ist.

8 | 10