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Freitag, 30. Mai 2014

"Downhill" [GB 1927]


Für den zu Unrecht angeklagten Internatsschüler Roddy (mimosenhaft, gleichzeitig aber auch tolldreist: Hitchcocks unheimlicher Mieter Ivor Novello) geht es abwärts, nach unten, downhill. Im Fahrstuhl kennt er nur die Taste "down", vor der Treppe hingegen bleibt er stehen, bevor er Stufe um Stufe nimmt, um gänzlich aus dem Bild zu verschwinden und seiner kümmerlichen Existenz zu entfliehen, dem Verbrechen, das er nicht begangen hat, dem Vater (mit monströs dehnbaren Augen und granithartem Mundstrich ist er ein Spiegelbild einer Todesfratze: Norman McKinnel), dem er nie ein Sohn war. Als Echo jener signifikanten Licht-und-Nebel-Bilderstürmerei aus Hitchcocks ambitioniertem Vorgängerwerk "Der Mieter" beteiligt sich "Downhill" ebenso an einer den Seelenzustand abbildenden Codierung, am visuell stichprobenartigen Austesten und Grundieren einer für den Regisseur zwar allzu fundamentalen Prämisse (wenn Unschuld mehr und mehr in die Isolation kippt), die jedoch – wie häufig bei Gehversuchen in Richtung ausentwickeltem Formgefühl – von zündenden erzählerischen Ideen eingeschränkt unterstützt wird. So ist "Downhill" bieder, unstet und mechanisch, ein treffendes Beispiel für das Stummfilmwerk Hitchcocks, im Vergleich aber dennoch interessant(er) arrangiert (eine Kirchturmuhrüberblendung!) und immer mit dem Tick, im verschlingenden Raum psychedelisch ausladend, unvorhersehbare Wahrnehmungsmakel zu entwirren. Selbst in "Downhill" folgt der Peitsche allerdings das Zuckerbrot: ein familiär-wehmütiger Schluss ins Herz der (Studio-)Harmonie.

5 | 10

Mittwoch, 23. April 2014

"Easy Virtue" [GB 1928]


John (Robin Irvine) und Larita (Isabel Jeans) sind ein Paar. Sie hat Geheimnisse und seine Familie gräbt nach ihnen, den Verheimlichungen, Schönheitsfehlern und charakterlichen Schwächen des "leichten Mädchens", um es vom Vorzeigesohn fernzuhalten. Larita muss sich in einer Umgebung gramerfüllter Niedertracht durchsetzen, in der sie ein Anschauungsobjekt ist, für alle fürsorglichen Blicke magnetisch abstoßend  und schlecht. In "Easy Virtue" beschreibt Hitchcock die beiderseitige Entfremdung, sobald sich zwei soziale Schichten miteinander arrangieren müssen. Ein leichter, flippiger Stummfilm über die Falschheit der Bourgeoisie, der relevant ist, Hitchcocks künstlerisches Verständnis nachzuvollziehen, aber auch ein Grundriss, ein erster Bauplan, dessen Konstruktion keine Nachbearbeitung zuließ. So ungefähr ist es um "Easy Virtue" bestellt: ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, und man darf die Prämisse, die Hitchcock über die Jahrzehnte ausarbeitete, zu Recht antiquiert finden. Angesichts verschrobener Gesichtsgroßaufnahmen und verschachtelten Rückblenden (insbesondere in der eröffnenden Gerichtsszene, eine Art Prolog zu Hitchcocks Justizmelodram "Der Fall Paradin") kokettiert auch dieser ohne sonderlich auffallende Erklärwut werkelnde Rohbau mit einem experimentellen Überbau. Auch wenn Hitchcocks Stummfilme nicht gänzlich ihr Ziel treffen, so sind dennoch ihre Ideen, teils aus der Not heraus geboren, faszinierend. Hier: ein stummer telefonischer Heiratsantrag sowie eine Parallelmontage unseres küssenden Paars mit zwei sich romantisch annähernden Pferden. 

4 | 10

Donnerstag, 10. Oktober 2013

"Verdacht" / "Suspicion" [USA 1941]


Agent, "Katze", Werbefachmann: wundervoll, wenn Cary Grant bei Hitchcock vorbeischaut. Flink, abenteuerlich und komödiantisch nuanciert besiegt er das Böse, als ob er sich beim Schnüren der Schnürsenkel gleich an einer Tischkante wider Erwarten den Kopf verbeulen, sich aber dennoch aufrappeln und die Mundwinkel spitzbübisch zu einer Grimasse schneiden würde. Die Schnürsenkel wären immerhin gebunden. Cary Grant ist nicht von dieser Welt. Bis zu "Verdacht". Denn "Verdacht" konterkarierte sein Image als figurativ eindimensionaler Publikumsliebling mit dem zentimeterweiten Zahnpastalächeln, der die Frauen reihenweise ins Bett schubst. Übrig geblieben ist zwar der exzessive, charmante Playboy, der verschwenderische Nutznießer unter der Sonne des Mittelmeeres, der dekadente Draufgänger.

Neu dagegen ist Cary Grant als innerlich komplexer Bad Guy, als brillanter Lügner, als undurchsichtiger, zwischenmenschlich herber, grober Ganove, dem es gelingt, das Publikum anzuekeln, anzuflunkern, anstatt es durch eine erlösende Pointe in die Hände klatschen zu lassen. Berühmt wurde "Verdacht" aufgrund zweier aufeinanderfolgender Szenen. Guillermo del Toro ließ sich ausführlich über die einer ballettähnlichen Komposition entsprechenden Montage der in mehrfacher Hinsicht "letzten" Autoraserei enthusiastisch aus, während das (vielleicht vergiftete) Glas Milch in der expressionistischsten Sequenz (der ein gewaltiger Schatten Grants unheilschwanger vorausgeht) das Zentrum des Bildes auf ein leuchtendes Licht begrenzt, umgeben von trister, vieldeutiger Dunkelheit.

Aber nicht nur anhand dieser zwei Beispiele werden wir, die Zuschauer, aufs Glatteis geführt, wo wir auszurutschen drohen. Davor buchstabierte Joan Fontaine – über ihre Naivität möchte man heute nur schmunzeln – in einer Frühversion des Scrabble das Wort "Murder". Es folgt eine Vision, dass ihr Ehemann (Grant, der der Schulden wegen über Leichen zu gehen scheint) seinen besten Freund und Investor (alkoholgehemmt: Nigel Bruce) an einer Klippe herunterstößt. Vision einer Zukunftswirklichkeit? Oder einer Wunschfantasie? Spielt Cary Grant in der Tat den Bad Guy? Einbildung? Wahrheit? Lüge? Alle Indizien lassen einen Schluss zu, aber ist es deshalb richtig? Ein Doppelleben? Oder bloß der Einbruch einer fiktiven Groschenkrimihandlung in einen psychotischen Geist? Nur ein Hirngespinst?

Hitchcock sperrt den Zuschauer allein mitsamt seinen Verdächtigungen in ein Refugium mit gitterähnlichen Gegenstandsschatten ein. Warum annähernd jeder sich selbst als Genrefilmemacher bezeichnende Künstler Hitchcock vergeblich imitierte, ist in "Verdacht" ablesbar – die psychopathologische, beißende, fleischige Spannung definiert sich über Gesichter, auf denen wir das ablesen, was wir wissen wollen, über die Reaktion der Körpersprache. Cary Grants Gesicht verfinstert sich giftig, sobald herauskommt, dass der verstorbene Vater seiner Frau lediglich ein Porträt für das Ehepaar ins Testament schreiben ließ. Auch die herzlich gemeinte Umarmung nach dem Studioschluss ist verführerisch, ja trügerisch. Hier sprechen die überlegt arrangierten Bilder, um uns das zu geben, womit wir uns in unserer (gerechtfertigten?) Paranoia verlieren. Keiner konnte es stilsicherer. 

7 | 10