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Freitag, 29. Januar 2016

Serien: "Die Sopranos" - Staffel 5 [USA 2004]


[...] Das veränderte Figurentableau – Tony lebt getrennt von seiner Familie, unterdessen nimmt sein Sohn (Robert Iler) den Platz des Hausarschlochs ein und die von finanziellen Engpässen gebeutelte Carmela beginnt eine Liebesbeziehung – experimentiert dabei mit den Statuten, die sich die Serie errichtet hat und schafft quasi neue. Die Autoren spielen frei auf, testen Eigentümliches, bezirzen und variieren das Wunderliche in Vorausschau auf die Finalstaffel: erträumt-verschränkte Kurzgeschichtenartefakte fahrender Toter und schokoladenzerlaufender Kugeln (5×11: "Ein endloser Traum"), die subjektiven Beobachtungen eines Normalos im Gangsteralltag (5×09: "Altes Leid, junges Glück"), ein schwerwiegender Gedanken-Blowjob (5×05: "Gefährliche Spiele") und ein durch die Nacht wandelnder Onkel Junior (Dominic Chianese) als von Alzheimer geplagtes Totengespenst (5×03: "Wo ist Johnny?") karikieren eine Variante der nicht mehr konstant reglementierten Disziplin gegenüber dem Handeln anderer. "Die Sopranos" schielt nebenbei manchmal zum Brüchigen, zu dem, was noch gesteuert, überblickt werden konnte. [...]

Mittwoch, 27. Januar 2016

Serien: "Die Sopranos" - Staffel 4 [USA 2002]


Die Zeit – abgelaufen für Ralphie (Joe Pantoliano). Alles wegen einem boshaften Scherz und der Eigeninvestition Rennpferd. In "Täter: unbekannt" (4×09) bringt das vierte Jahr "Die Sopranos" zwei Schlüsselhandlungsstränge bereits nach der Hälfte der Zeit zu einem vorläufigen, insgeheim ungeheuerlichen, auflodernden Wendepunktende. [...] Nach getaner Arbeit erwacht Tony im Club. Allein. Die Atmosphäre ist aufgeladen. Unsichtbare Blicke. Die Atmosphäre ist vergiftet. Sinnbildlich. Mag anhand der Sopranos-Kinder (Jamie-Lynn Sigler, Robert Iler) nach wie vor die Tücken des Erwachsenenlebens untersucht werden und sich Onkel Junior (Dominic Chianese) einem Gerichtsprozess stellen, dessen Ausgang festgeschrieben steht, isoliert sich Tony instinktiv weiter – die Tiefs in der Gruppe, die in machtpolitische Interessenlagen aufgesplitterte "Familie", nehmen zu, Tonys Führungs(un)tauglichkeit angesichts seiner orthodoxen Unberechenbarkeit wird angezweifelt. Aus dem "traurigen Clown", der im Spiegel zurückblickt, schöpft Tony mehr als zuvor das klimatische Substrat einer Staffel, die in der ehelichen Destruktion versinkt, im lebensfeindlichen Scharmützel. [...]

Freitag, 12. Juni 2015

Serien: "Die Sopranos" - Staffel 3 [USA 2001]


[...] Dessen kleinkrimineller Sohn Jackie (Jason Cerbone), die gedeihende Liaison mit Meadow auf und neben dem College, dazu Tonys Sohn (Robert Iler), der an dem alles verwüstenden "Soprano-Gen" leidet – die Serie betätigt sich mittlerweile dort, wo sie den alttestamentarischen Tagesplan der Mafia als gegeben ansieht, um sich der Struktur in der Struktur hinzugeben. Die familiäre Situation verkompliziert sich, weil all' diese Kinder lernen, dass Tonys selbstbetrügerische Moral nicht ein festes Regelwerk erfüllt, sondern von Fall zu Fall, von Kultur zu Rasse, interpretiert wird. Onkel Juniors (Dominic Chianese) tränenerweichende Abschluss-Songperformance spricht hierbei die ideale Sprache, Emotionen als Abschirmung vor Argumenten zu missbrauchen. Gleichgerichtet zur melancholischen Schwermütigkeit (3×02: "Lebe wohl, kleine Livia") und eskalierenden Treffsicherheit (zum ersten Mal genehmigt sich "Die Sopranos" eine funktional doppelt verträumte Weihnachtsfolge), lässt es sich das Team um David Chase nicht nehmen, lakonisch den Ausfallschritt berechnend zu vollführen. "Verschollen im Schnee" (3×11), wahrscheinlich allergrößte "Die-Sopranos"-Unterhaltung, mag einen unglaublichen Witz erzählen. Zwei "Arschgeigen", die sich im Wald verlaufen haben, frieren, schlürfen Ketchup-Päckchen und jagen einen unsterblichen Killerrussen. Wie allerdings in dieser Stunde hochklassigen Temperaments eine archaische Machthierarchie auf ein Bild einer wärmenden Decke zusammenfällt (oder: eines tödlichen Durchfalls), nährt die grassierende Fragilität von unzeitgemäßen Rollenzuweisungen in der "Generation Universalfernbedienung".

Freitag, 5. Juni 2015

Serien: "Die Sopranos" - Staffel 2 [USA 2000]


[...] Die Pulverfässer neben ihm vervielfältigen sich folglich, von einer kulturell verstörenden Italienreise (2×04: "Bella Italia") zu zwei fabelhaften Neuzugängen der Serie. Tonys ähnlich unbesonnene Schwester Janice (Aida Turturro) und der frisch aus dem Knast entlassene Proletenschläger Richie (David Proval) geben ein Paar ab, das an der (Schmerz-)Grenze zum Desaster funktioniert. Das alte Eisen alter Schule hat in dieser kapitalistisch prinzipientreuen Ökonomie keinen Platz mehr, wo Geschäftliches in abhörsicheren Geschäften (oder Krankenzimmern) abgewickelt wird, der Körper vom Kopf Signale empfängt und der Neffe aller Neffen (Michael Imperioli) parallele Einnahmequellen auskundschaftet. Christopher verdingt sich als Nachwuchsdrehbuchautor für Jon Favreau, während Carmela (Edie Falco) die Seitensprünge ihres Mannes unter unterdrückten Tränen erträgt und Dr. Melfi (Lorraine Bracco) selber eine Therapie benötigt. Andernfalls verfällt sie einer Alkoholsucht. "Die Sopranos" richtet das Blickfeld nicht mehr unumwunden auf Männliches und Machohaftes, sondern stöbert in der Rollenumkehr des Weiblichen und mutmaßlich Schwächeren nach einer Kausalität zwischen Reagieren und Regiertwerden, ohne den schwarzen, unvorbereiteten Witz zu vernachlässigen (so steckt Onkel Junior "sechs Stunden" lang mit seiner Hand im Abfluss fest). Die Ereignisse fliegen an Tony und an uns vorbei – wie die Landschaftsornamentik im Intro. Dass hierbei nichtsdestoweniger die Übersicht und das straffe Erzählnetz erhalten bleibt, ist durchdachte Meisterschaft.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Serien: "Die Sopranos" - Staffel 1 [USA 1999]


Ja, diese Szene: wie Tony Soprano (James Gandolfini) angesoffen durch zwei Zimmer wankt und sich schwunglos aufs Sofa plauzt, der "Moralist" in "Moralisten" (1×09). Die Todesstrafe hat er abgelehnt, aber sich sicher auch. Tony ist fettig, fertig und repressiv. Alles, was er betatscht, zerrinnt. Tony Soprano ist wahrhaftig Frankenstein. Sein Problem, in einem Patriachat zu leben, das klammheimlich von einem Matriarchat unterwandert wird, von seiner Ehefrau (Edie Falco), seiner Tochter (Jamie-Lynn Sigler) und seiner Mutter (Nancy Marchand), bildet den Fokus, auf den sich die erste Staffel der erfolgsgekrönten HBO-Serie "Die Sopranos" ansiedelt. Tonys Männlichkeit läuft Gefahr, ihre Potenz zu verlieren, wenn die Enten in seinem Pool mit seinem Penis im (Alp-)Traum davonfliegen. Dann die psychotischen Anfälle, die verkrümmten Wahrnehmungsstörungen, die rauschhaften Wallungen – Tony balanciert zwischen zwei sozialen Gesichtern und Milieus, zwischen Geschäft und Gemeinschaft, Mafia und Mutterschaft, Gaunerei und Geheimnis. Der entschleunigte Rhythmus ungezählter Winkelzüge kaschiert, dass es in dieser Serie rumort, weil es in Tony rumort und gärt; der innere Kraftaufwand, jedem eine abweichende Geschichte zu erzählen – diskret, aber einwirkend. Tony gleicht einem Pulverfass, das antithetisch strukturiert ist zum Tempo der Dramaturgie, die gelegentlich einschläft und gelegentlich per Donner erwacht – bevor die verschütteten Unerklärlichkeiten und Kulturdiskrepanzen implodieren (1×13: "Hart und herzlich"). [...]

Freitag, 13. März 2015

Serien: "Entourage" - Staffel 2 [USA 2005]


Staffel zwei kopiert eine Parallele zur vorangegangenen, aber kürzeren: Die aller heiter-aufgekratzten Gelassenheit ausweichende Frage, ob familiär unterfütterte Freundschaft früher oder später darunter leiden muss, wenn Vincent "Vince" Chase (Grinsemaul Adrian Grenier) von der Institution einer Industrie Zucker in den Arsch geblasen bekommt, befördert sich erst in den letzten, dezidiert tragikomischeren Episoden zum Knotenpunkt einer Serie, die Substanz aus Spott bezieht – zurückhaltend geradezu. Dafür hangelt sich "Entourage" diesmal am stringenten Konstruieren eines motivischen Erzählgedankens entlang. Während sich Vince mit seiner einstmals Angebeteten Mandy Moore (Mandy Moore) herumplagen muss, kommt erschwerend hinzu, dass ein Superheld, für den er sich nicht hält, in einem bombastisch Umsatz generierenden Superheldenfilm den Superhelden spielen muss. Für pralle Säcke Geld. Von James Cameron! Im Schatten Camerons verwurzelt, zieht "Entourage" nun auch um – in ein nebenlinienhaftes Panoptikum komplizierterer Wechselbeziehungen, die diktatorisch ihren Blickwinkel verschieben, falls die Technik (des menschlichen Miteinanders) aussetzt. Kotztütengroßartig: Malcolm McDowell. Dass unsere Dorftrampel und Möchtegern-Frauenversteher trotzdem noch Zeit erübrigen können, Hugh Heffner zu besänftigen, für chinesische Red-Bull-Werbespots Kloppe zu lernen, auf dem Sundance Film Festival vier Stunden Egozentrikerkunst durchzustehen und auf der Comic-Con ihrer verflossenen Vergangenheit nachzujammern, unterstreicht: Erneut ist "Entourage" (im episodischen Fragment) quietschend komisch und erfolggekrönt (am prophetischen Plakat). Cameron halt.

7 | 10

Mittwoch, 11. März 2015

Serien: "Entourage" - Staffel 1 [USA 2004]


Einen Spaltbreit offen. Mehr nicht. Dahinter schrille Begeisterung, Moneten, Mösen. Reißende Beglückwünschung in einem Geschäft, dem sich "Entourage" widmet. Schlüssellochartig. Pragmatisch-ungehorsam. Im Showbusiness und in einer Stadt, deren Verfehlungen das Entertainment manövriert, stoßen, schwatzen und kalauern sich vier aufreizend-aufstrebende Jungstars um den Aufstieg des Fotos auf der Titelseite einer neuen, goldschillernden Filmvorstellung: "Vince" (jeden Tag ein Stich), "E" (überlegt sich jeden Stich), "Turtle" (nie ein Stich) und "Drama" (eine entbehrliche Fernsehmumie). Kunsttheoretischer Philosophieunterricht mit Gary Busey (1×06: "Der alte Mann und der Strand"), Szenenberatschlagung über einen Blowjob mit einem psychotischen Scorsese-Kurosawa-Plagiator (1×07: "Die Szene"), schmachtende Telefonanrufe mit Scarlett Johansson (1×08: "New York") – wie "Entourage" einen metaironischen Kosmos an fiktivem Nonsens, überzeichneten Mutmaßungen und biografischem Firlefanz einbindet, um ein repetitives Alltagsgeschäft auszuloten, ist mit der nötigen Kleinigkeit Biss porträtiert. Obschon Staffel eins nicht loslegt, sondern Chancen und Hintertürchen testet. Aufgepäppelt in acht Episodenstreiche (aber offenkundig mehr Stichen), baut der Beginn einer ebenso voyeuristischen wie glühenden Milieu-Sitcom einen Handlungsausschnitt auf den nächsten. Im Hollywood der Schleifen, Kreise und Wiederholungen wartet "Entourage" mitsamt seiner hedonistischen Protagonisten auf den Anruf des Agenten (unvergleichlich keck: Jeremy Piven), der den Fortgang der Zukunft entscheidet. Zitternd, lüstern. "Entourage" ist vorerst verspielte Unmenschlichkeit auf der Jagd nach Eingespieltem.

7 | 10

Montag, 26. Mai 2014

Serien: "Game of Thrones" - Staffel 3 [USA 2013]


[...] Staffel drei führt weiter, vertieft zugleich und bereitet vor, die dramaturgischen Endlosschleifchen, das Taktieren und Traktieren mit Schlauheit und Schwanz [...]. Mit der allerersten Szene zeichnet die Staffel hierfür eine zutreffende Metapher: Samwell "Sam" Tarly (John Bradley) humpelt und quält sich durch eine schneeverwüstete Eislandschaft. Orientierungslos. Suchend. Forschend. Die horizentrale Struktur der Serie, deren Nebenlinien sich marionettenhaft auf einen Punkt, auf die Hauptstadt Königsmund, konzentrieren, täuscht darüber hinweg, dass "Game of Thrones" – und zwar nicht zu knapp – im Zeichen hitzigen Krieges ironischerweise in einen meditierenden Dämmerschlaf versinkt, bestehend aus Nichtigkeiten und Detailausschmückungen [...]. Diesmal hat es den Handlungsstrang um Theon Graufreud (Alfie Allen) erwischt: ein abgekoppeltes Anhängsel, redundanter Leerzeilenfüller, und vor allem verstecken sich darin die Manierismen des Senders HBO für zeigefreudige Sexploitation sowie ausgestellte Brutalität. Graufreud, gefoltert wird er von einem mysteriösen Knaben (eingängig psychotisch gespielt von Iwan Rheon).

Dessen in der letzten Folge "Mhysa" gelüftete Identität dürfte allerdings kaum überraschen, um unzählige Minuten voller expliziter Einstellungen und makabrer Scherze (die Assoziation zwischen Theons später abgehacktem "Spielzeug" und einer von seinem Peiniger verspeisenden Wurst wird bewusst bedient) vollends zu legitimieren. Was die Staffel dort an Schärfe verliert, gewinnt sie anderswo an Scharfsinn. Es ist der geschliffen geschriebene Roadmovie- und Screwball-Appeal verschiedenartig gepolter Zweierpärchen, die zwar einen verbalen Privatkrieg gegeneinander führen, sich aber notgedrungen (ebenso körperlich) zusammenraufen müssen. [...] 


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Mittwoch, 18. April 2012

Serien: "The Pacific" [USA 2007-2009]


Dokumentierende Kameramänner stürzen sich ins Schlachtengetümmel, stolpern vorbei an Gliedmaßen, fürchterlich entstellten Leichen und dem infernalischen Grauen, sind ganz nah am Soldaten, am Verschleißmaterial; die Kameralinse wird von Blutspritzern, Fleischfetzen und aufwirbelnden Granateneinschlägen verschmiert, wird von zittrigen Händen gehalten, wird beiläufig geschwenkt, notgedrungen mitgeschleppt. Manchmal sieht man nicht viel, manchmal viel zu viel.

Auch die HBO-Miniserie "The Pacific" macht sich der aus subjektiver Sicht ästhetisierten Radikalität der Kriegsdialektik zunutze, die davor in der Serienschwester "Band of Brothers" und im großen Filmbruder "Der Soldat James Ryan" verstörte, weil Leben und Tod Russisch Roulette spielten, während die bis tief in den menschlichen Geist verwurzelte Ohnmächtigkeit des Kindes im Soldaten darüber sinnierte, warum ich hier bin und was ich da eigentliche mache. Dass "The Pacific" – einmal mehr hochbudgetiert produziert von Steven Spielberg und Tom Hanks – nicht an "Band of Brothers" heranreicht (dafür sind die Figuren zu lasch), dürfte nicht die größte aller Angriffsflächen darstellen, ist die Serie doch zweifellos imstande, entscheidende, gewichtigere Qualitäten fernab des proamerikanischen Gestus der auf den Spezialeffekt sich selbst entlarvenden Ryan-Suche aufzuzeigen und damit gegebenfalls ein paar schwächere Makulaturen zu kaschieren.

Mögen die einzelnen Folgen in ihrer Erzähldichte nicht immer jene Souveränität der vorangegangenen adaptieren – "The Pacific" kommt zunächst schwer in Fahrt, bevor man sich erst allmählich darauf einlassen kann; aus dem typischen Strandleben errichtet die Serie zunächst solche Abziehmotive, wie man sie zur Genüge gesehen hat –, so geht es kontextübergreifend auch hier abermals um die Dekonstruktion des angeblichen Glorious War, aus dem mit jedem Dahinscheiden eines jeden Soldatenlebens bestürzende Sinnlosigkeit erwächst. Entlang dreier Einzelschicksale an verschiedenen Fronten beschreibt die Serie ebenso stichpunktprobenartig wie mit beispielloser viehischer Brutalität einen Mikrokosmos im Makrokosmos, umgeben vom Widerspruch und der beißenden Ironie, in einem idyllischen, wunderschönen Dschungel irgendwann hässlich sterben zu müssen. Das ist das zugleich Lähmende wie Fatalistische am hierzulande wenig beachteten Pazifikkrieg unter den Geschichtsinteressierten.

Die drei Protagonisten, allesamt einfache Männer, deren jämmerliche Kriegsvorstellungen von schlechten Filmen kontinuierlich an der Realität zerbrechen, bestehen aus einem ehemaligen Zeitungssportreporter (James Badge Dale), einem angehenden Helden (Jon Seda) und einem mit Herzproblemen gegeißelten Melancholiker (Joseph Mazello). Sie alle eint die gemeinsame Sehnsucht nach der Heimat und der Liebe; etwas Fernes also, was im Krieg kompromisslos ausgepresst wird. Dort bist du froh, wenn du einen weiteren Tag erleben darfst. Dort bist du froh, wenn du einen zusätzlichen Überlebensstrich in dein Tagebuch kritzeln kannst. Dort bist du froh, wenn du lebst. Nur leben, nichts weiter. An der vorbeifliegenden Kugel baut sich im Krieg die allmächtige Hoffnung des Menschen auf Leben auf.

Aller liebevoll gestalteten Ausstattung zum Trotz, die in ihrer zweitweise aus dem Computer stammenden Wucht schlicht mitreißt: "The Pacific" ist vor allem dann am schwächsten, wenn die Basilone- und Leckie-Geschichte (Seda, Dale) nicht ohne ehrenwertes Hans-Zimmer-Pathos des Gefallenen für sein Vaterland auskommt (Basilone), ist dann am schwächsten, wenn die Serie sich zwar ausführlich in Romanzen verstrickt, aber nur das Einmaleins jedweder Beziehungsklischees sehr, sehr abgegriffen, sehr, sehr langatmig verhandelt (beide). Ist dann am schwächsten, wenn sie Schlachten zum überladenen Videospiel überzieht. Hier war "Band of Brothers" ergiebiger, klüger, abwechslungsreicher. Ressourcenschonender.

Dauerhaft beeindruckt dagegen die Sledge-Geschichte (Mazello) inmitten des sich zwischen Spott und Spaß wieder und wieder nie eindeutig positionierenden, tristen Soldatenlebens. Die Geschichte symbolisiert den Wandel des Unschuldigen zum schuldbeladenen Zombie seiner selbst, hin zur bedingungslosen Entfremdung gegenüber allem und jedem. Keine Katharsis, keine Reinigung, keine Erlösung. Auf den starren, verletzlichen, intimen Sledge-Blicken, deren Augen leer in die Ferne schweifen, schlummert die Gewissheit eines Traumas. Nur einmal, in der emotionalen Okinawa-Folge, entdeckt Sledge so etwas wie Mitgefühl. Er nimmt eine (japanische) Frau in den Arm, die im Begriff ist, ihre letzten Atemzüge zu vollziehen, um endlich Rettung im Tod zu erfahren. Davor hatte es Sledge abgelehnt, den Abzug seiner Waffe zu betätigen. Er konnte es nicht. Für einige Sekunden scheint die Stimme des Krieges zu schweigen.

6 | 10