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Freitag, 14. Juli 2017

"Final Portrait" [GB 2017]


Künstlertristesse hier, Künstlertristesse da: "Ich will fertigwerden, aber ich kann es nicht!" Stanley Tucci hat einen Film darüber gedreht, ein Kammerspiel, einen asymmetrischen Clash zweier Unfertiger. Die Leinwand verhält sich nicht so, wie der Künstler es will. Aus jedem Frame schreit es aus Geoffrey Rush: "Scheiße!" Wegstreichen, neu anfangen. Weiß, schwarz. Zeichnungen verbrennen, Geld verstecken. Rush spielt Rush in buchstäblich gewohntem manieriertem Leiden. Ist damit gleichzeitig Alberto Giacometti gemeint, dieser in sich gekehrte, reflektierte, grüblerisch philosophierende und theoretisierende Praktiker? Nur unzureichend. Das Aufgeplusterte Rushs muss stattdessen ein Gegengift zur wahrlich steifen (!) Sitztherapie Arnie Hammers darstellen, der Modell sitzt für ein Porträt, ein Giacometti-Porträt. Das nie fertig wird. Tuccis Film spielt mit derlei Zeitverzögerungen und -spaltungen, fiebert um einen perpetuierenden Herstellungsprozess, der die Wichtigkeit dessen sekundiert, warum Porträtmalerei Giacometti unbefriedigt lässt: Ein Abbild ist ein Abbild, nichts Sehbares, sondern Einsehbares. Wie an anderen Stellen (Giacomettis französische Teilzeitfreundin, gespielt von Clémence Poésy, überdreht über das Erträglichkeitsmaß hinaus) verklickert "Final Portrait" dies auch dem letzten Zuschauer, denn an, zum Beispiel, mehreren Gesichtspartien Hammers vermag sich die Kamera partout nicht sattzusehen. Das altmodische, charmant-überlebte Szenenbild gleichwohl ist ein Trumpf Tuccis, der sich dem quälend Künstlerischen lautmalerisch anschleicht. Bis zur Raserei. In urzeitlichem Ambiente.   

5 | 10

Freitag, 7. Juli 2017

"Transformers: The Last Knight" [USA 2017]


Bilderschlamm, die Fünfte. Und wieder: "Nichts". Rein gar nichts. Maßlos im Selbstbedienungsladen Michael Bay: Sonne, Pathos, Zersplitterung. Ging es im "Transformers"-Franchise immer um eine Variante des Durchhaltens, des Durcharbeitens, selten um den Akt des Durchschauens als solchen, sind die Momente, wohin die Spurensuche aller zwei Jahre zielt, rar gesät, von allen "Transformers"-Filmen (oder "Transformers"-Reagenzglasbrühen) vielleicht am spärlichsten. Die Hubschrauber-Shots, die Optimus-Prime-Theatralik, die Mark-Wahlberg-Verdutztheit – sämtliche Michael-Bay-Zusatzstoffe implodieren in "Transformers: The Last Knight". Seit jeher. Was nicht implodiert, ist die Hingabe zum Material. Wahlberg und Anthony Hopkins (adrett gekleidet, sardonisch kommentierend) sind die einzigen ordnungsstiftenden Instanzen in diesem ekstatisch-ermüdenden Brennofen, der über das Ritterzeitalter (mit einem versoffenen Merlin), Havanna (sowieso sinnlos) und den Zweiten Weltkrieg (im Anschluss an eine Uhr, die Hitler getötet hat) willkürlich brettert. Zeitweise versucht Bay, im Rahmen altehrwürdigen englischen Charmes die Geschlechterverteilung zu dekonstruieren, wenn er eine zunächst schlagfertige Professorin (Laura Haddock) die Rolle des Pin-up-Girls gibt. "Dekonstruktion", ein anspruchsvolles Wort. Dieses hält bei Bay auch nicht lange stand. Alsbald liegen sie sich in den Armen, die toughe Akademikern und der begriffsstutzige Held wider Willen. "Transformers: The Last Knight" zieht eine Bilanz. Michael Bay weiß nicht mehr, was er erzählen, vor allem, was er darin noch zeigen soll.  

4 | 10

Mittwoch, 4. Februar 2015

"Der große Crash - Margin Call" [USA 2011]


Derivate, Kredite, Verkauf – in der Hauptstadt digital verwässerter Macht, in gläsernen, unangreifbaren Türmen, Keimfreiheit, Spülmittel und karge Fassaden, wird ein Wirtschaftssystem gelenkt, aber nichts davon ist verständlich, nicht die Beträge, ihre Grenzen, nicht der Klick auf den blinkenden, übersättigten Bildschirm, nicht die unheimlichen Fremdwörter, Abrissbirnenworte, die gegen Minderwertigkeit helfen. Nicht ihre gierigen Vollstrecker, Bürohengste, Sklaven, Vieheintreiber und Henker. Kraftlose Künstler. Hedonistische Alltagssnobs, die auch bloß um ihre Existenz, Loyalität und ein Gewissen bangen. Ein Blick über die Skyline, aber da ist nichts, was nicht bekannt wäre: Eine trotz Zahlenüberschuss konstant entschleunigte, erschöpfend entmenschlichte Lebenschoreografie, die von höherer Mathematik abhängt. Wenn der Boss (Jeremys Irons überstrahlt seine Gefolgschaft, greift sich jedoch etwas Unheimliches, Endgültiges) zum Referat über die globalen Zusammenhänge ansetzt, die J. C. Chandor – wie im später entstandenen "All is Lost" – auf der Stauung der Bewegung zur höchstmöglich inneren (An-)Spannung erweitert, heute, wo alles nach vorn gepeitscht wird, der chaotische Daten- und Informationsstrom wuchert, dann spricht er von banalen Erkenntnissen. Auch für ihn ist die Maschinerie zu komplex, zu schlau und folgt einer zu brutalen, nackten Logik. Für das Leiden anderer geben die Zahlen keine Auskunft. Sam Rogers (Kevin Spacey) klebt an ihnen nicht fest genug, er wird klickend abgestoßen.

7 | 10

Freitag, 11. Juli 2014

"Transformers: Ära des Untergangs" / "Transformers: Age of Extinction" [USA 2014]


Sie laufen über schlaff gespannte (Alien-)Seile zur kristallerleuchteten Fassade des Wolkenkratzers, Mark Wahlberg, Tochter, Freund. Nicht hinabstürzen, sachte einen Schritt vor den anderen setzen. Obwohl der monumental abkatografierte Raum für Michael Bay, im vierten Ableger der "Transformers"-Reihe (Zielgruppe: äh) mehr denn je, zerstört werden und sich das Bild zersetzen muss mit schillernden Funken und sich überschlagenden Stoffüberresten, ist diese Szene anders: Sensation aus fragilen Bewegungsmustern. Aber bei Bay funktioniert diese (ja, leider: dialogzugepflasterte und deshalb spannungsgehemmte) Szene nicht, und "Transformers: Ära des Untergangs" funktioniert nicht gänzlich als unersättlicher Bilderstürmerfilm, weil Bay wieder glaubt, epochal erzählen zu müssen, sich an viel zu vielen Zwischenstopps aufhält und nicht seiner Werbeclipdramatisierung glauben will, die, nebst schmachtenden Rocksongs und salbungsvollem Familienpathos, dazu erbaulicher Sonnenlichtschatten, eine sinnlich-inszenierungslebendige, romantisch-staubige Amerika-Ikonografie einebnet. Ungeachtet eines unnötigen Neustarts, der sich aber angesichts der bodenständigeren, vergnügten Besetzung (Großmaul Stanley Tucci) als auch einer Abschwächung jener fetischisierten Zoten tatsächlich frischer anschaut (erst dritte oder vierte Großaufnahme: der Arsch Nicola Peltz' im Einstellungswinkel), kopiert Bays letzte Franchise-Abhandlung allerdings die unansehnlichen Ablagerungen der Trilogie, wenn Fantasielust Überwindung kostet, dort zu bleiben, wo man sich freiwillig hineingeworfen hat: in der Überlappung der Überladung, im Materialmatsch allerorts ausbrechender Fetzen. Ein Monster, das bezwingt werden will.

4.5 | 10

Mittwoch, 17. Juli 2013

Spielberg-Retro #15: "Terminal" [USA 2004]


Essen nur noch per Kleingeld, das aus einem Automaten purzelt, und der Weg zur Freiheit hinter den Schaufenstern hängt davon ab, welcher Stempel, der grüne oder der rote, das Einreiseformular verschönert oder verschlechtert: Das ist ein Flughaufen in seiner gespenstischen Routine, ein uneinnehmbarer Regierungsersatz, in dem ein Menschengedränge wie nach Drehbuch aneinander vorbeirauscht, um als lebendes Dokument wieder herauszustürzen, in dem tonnenweise kryptische Zahlen und verschlüsselte Botschaften auf merkwürdig wirren Informationstafeln das Schicksal lenken, ein Ort der Erwartung und des Wartens, der Bewegung, der Begegnung, des Innehaltens, des schweifenden, frustrierten Blickes, dort , wo das namenlose Miteinander das Individuelle des Einzelnen erdrückt. Flughäfen können deprimierend sein. 

Doch Spielbergs "Terminal" gibt sich nicht sehr tadelnd, nicht sehr deprimierend, und als direkter stilistischer Nachfahre von "Catch Me If You Can" übt er sich im Austausch dafür in der Konzeption eines tendenziell romantisierenden Lebensgefüges, umringt von der Freude an der Lockerheit – trotz der Hölle bürokratischer Paragraphenwut in einem Einwandererland. Nicht nur "Catch Me If You Can" verstand sich als gelöste Groteske, auch "Terminal" reflektiert den komödiantischen Schalk folgerichtig, die Trivialität ebenso wie das Pathos des freien Willens. Mittendrin die Traumhochzeit zweier Angestellter, ein, natürlich, unbelehrbarer Sicherheitsdirektor (Stanley Tucci), Napoleon und ein osteuropäischer, unverkrampfter, aufgewühlter Spaßvogel und Heimatloser (Tom Hanks), der kein Wort versteht, dem Geheimdienst zufolge jedoch keiner vom Geheimdienst ist, da mit Crackern und Ketchup und Senf bewaffnet. 

Soviel zur echten Flughafentristesse, aber die Klasse seines inoffiziellen Vorgängers kann Spielberg dagegen nicht halten, zu gelangweilt handelt er die absehbaren Muster einer Feel-Good-Beglückung im feindlichen Territorium ab, die bewusst das Hysterische sucht, das witzige Getöse durch fremdländische Kommunikationsklischees. Indem sich Viktor Navorski (Hanks) regelmäßig an seiner stupiden Naivität stößt, unterstreicht der Film die zum Haare raufenden Situationen seines Scheiterns und Gewinnens fortwährend derart infantil, dass Navorski fast zur amerikanischen Vorurteilsblaupause des an und für sich sowieso begriffsstutzigen Ausländers verkommt. Eine ideologisch durchaus kritisierbare Parodie.

Langweilig für ein Komplettierungswerk, für eine vergnügliche Fingerübung gerät "Terminal" dabei aber niemals, sondern spielt sein Hollywood-Programm bis zum Ende durch. Besonders sein reizender Charme zwischen Vitalität und Verlorenheit wickelt den Zuschauer warm ein, und den ersten Lippenkuss mit Werbepüppchen Catherine Zeta-Jones (die allerdings nicht viel zu melden hat) kleidet Kaminski in funkelnden Lichtschein. Es spricht für sich selbst und steht symbolisch für den Film, dass "Terminal" dennoch in der Masse der Spielbergs untergegangen ist. Zumindest erinnert man sich an ihn nicht (gern). 

5 | 10

Freitag, 9. September 2011

"Captain America - First Avenger" [USA 2011]


Das macht oft Spaß: Wie Joe Johnston seine nerdige Adaption auf Zelluloid eines kultigen Stars-and-Stripes-Propaganda-Comics mit Retropinseln streicht (darunter die bewusst aufs Schmalzigste heruntergebrochenen Captain-America-Paraden mit zeitgenössischen Schrifteinblendungen) und sich als Resultat ebenso Jungs als Männer und Männer als Jungs fühlen dürfen, insbesondere dann, wenn ein Nazi durch den Flugzeugpropeller gehäckselt wird und eine saubere Linie Blutschwall in der Luft schwebt. Cool! "Captain America – First Avenger" ist irgendetwas von der nicht ganz ernsthaften Version des Zweiten Weltkriegs, in der die Uniform tragenden Nazis von teuflischen Nazis in industriell-mechanischen Schutzpanzern abgelöst werden, "Heil, Hydra!" bei hochgereckten Gesten schreien und mit Laserstrahlen Radau machen, angeführt von einem, natürlich: das wurde beibehalten und referenziert, geisteskranken Führer (Hugo Weaving), dem die Schamesröte ins Gesicht geschrieben steht.

Johnston macht in keiner einzigen Szene einen Hehl daraus, ein charmantes B-Movie auf den Spuren Indys, teutonischer Fantasymythen, Haudraufkloppereien und trashiger Reizüberflutung zusammengezimmert zu haben. Es gilt, sich an die alten Zeiten zurückzuerinnern, wenn die neuen vor lauter Schnickschnack nicht mehr erträglich sind. Das ungeheure (eben propagandistische) Pathos verformt Johnson zur süffisanten Steilvorlage, um es in kitschige Nostalgie zu tränken und von der überdimensional heroisch vorwärtsdrängenden Silvestri-Musik zu untermalen, während die Humorfeuerwerkskörper meist appetitlich unaufdringlich zwischen den Zeilen angezündet werden. So unaufdringlich, dass die Kritik es gar nicht mitbekommen hat (Humorlosigkeit, Frevel!). Ungeachtet aller Lorbeeren spielt Chris Evans (von der knochigen Bohnenstange zur muskelbepackten Bockwurst) in der Hauptrolle dennoch seltsam langweilig, blass; der Superheld mit dem Schild ist eine langweilige, eine blasse Figur, die selten hadert oder von der dunklen Seite bekehrt wird, sie ist geleckt und bleiern.

In der Vergangenheit erweckten jene Comiccharaktere am meisten Interesse, die vor allem mit der Ambivalenz des eigenen Ich zu kämpfen hatten, was Johnston seiner Figur verweigert. Passend dazu, dass die dramatischste Dramatik undramatisch im Sinne von möglichst schnell übergangen wird (zum Beispiel der Tod des besten Freundes), wodurch sich der Superheld keineswegs mit seinem Scheitern auseinandersetzen kann und der Film zugleich tiefere Schichten von sich abblockt (nach dem schulterzuckenden Motto: "kann ich eh nichts machen, weiter geht's"). Er hastet stellenweise wie ein 100-Meter-Läufer über den Parcours hinweg, ohne die Kameralinse auf die Mitläufer zu justieren. Gleiches Schicksal für Hugo Weaving: eine diabolische Rolle, die kaum Profil gewinnt, sondern eher für die genreimmanenten Zwecke verheizt wird. Tommy Lee Jones (zerfurcht, kauzig, toll) und Hayley Atwell (süß, schlagfertig, toll) können da nur bedingt helfen. "Captain America – First Avenger" fehlt es an dem entscheidenden Spritzer Esprit, um sich über die First-Class-Kollegen hinwegzusetzen, de facto dem, ja: Unamerikanischen.

6 | 10