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Freitag, 15. Juli 2016

"Goldenes Gift" / "Out of the Past" [USA 1947]


Einöde, Provinznest und Stadthektik, wo die Menschen klein, die Schilder umso größer sind. Kalifornien, New York, Mexiko, Acapulco, wieder zurück nach San Francisco: Die Vielfalt der auf der Landkarte verzeichneten Orte heimlich geschmiedeter Träume kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich in diesem Film verloren fühlt. Man weiß nicht, wohin man gehört. Ist es hier oder dort, da oder nebenan, jenseits des Himmels, der Horizontlinie etwa? Zeit spielt eine gewichtige Rolle in Jacques Tourneurs von Engeln und Teufeln beseeltem Werk der Schwarzen Serie, aber wir wissen eigentlich nie, wo wir uns befinden. Rastlos sprinten wir, zwanghaft flüchtend vor innerer Leere und deren urban-mediterranen Haltestellen, doch die Zeit vergehe hierbei: Robert Mitchum erzählt es unnachahmlich lakonisch und kantig, als er in ihr wartet – wie ein verglühender Zigarettenstummel, wie ein Fahrstuhl in die Tiefe mit der Gewissheit, irgendwann irgendwo kopfüber anzukommen. Ein Fensterausblick der San-Francisco-Skyline ähnelt in einer jener irritierenden Momentaufnahmen einem gespenstischen, expressionistischen Ölgemälde, das gar nicht der impressionistischen Gegenwart entsprungen sein kann. [...]


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Freitag, 20. September 2013

"Berüchtigt" / "Notorious" [USA 1946]


So inflationär wie jedes Leinwandpaar mittlerweile vorschnell als "Traumpaar" gilt, so exakt trifft es auf Ingrid Bergman und Cary Grant in "Berüchtigt" zu. Truffaut liebte "Berüchtigt" und tatsächlich ist "Berüchtigt" eine Wegmarkierung essentiellster Hitchcock-Motivfülle, einer seiner besten Filme, ein stetiger Strom, in dem Bild und Schnitt einander mit Taktstock bedingen. Und Bergman und Grant spielen traumhaft. Er, der mürrische, beklommene Verehrer. Sie, die unerschrockene, von Alkohol und Gift und Liebestrunkenheit angesäuselte Agentin. Beide sind wie Spielbälle, die von einer beruflich unvereinbaren Liebe hin- und hergeworfen werden. Sie sprechen wenig; es ist eine Art ruppige, nüchterne, aber bedeutungsgeladene Poesie. Sie finden sich in einer antiquierten Agentengeschichte wieder, die Hitchcock mit Hilfe sparsam ausgesuchter Schauplatzwechsel bescheiden auf wenige Figuren beschränkt (Claude Rains spielt einen allzu diskreten, unglückseligen Gauner, der einer für ihn auf mehrfache Weise viel zu großen Frau nacheifert und die befreiende Emanzipation von seiner bestimmenden Mutter erzwingt).

Insbesondere auf zwei Männer konzentriert sich der Film, die in die gleiche Frau verliebt sind und deren leidenschaftliches Verlangen gleichzeitig um drei Gegenstände (eine Weinflasche mit Uran, Schlüssel und Kaffeetasse) in sich abwechselnden Weitwinkel- und Nahaufnahmen kreist. Der politische Subtext verkleinert sich währenddessen derart lakonisch per zuschlagender Tür, dass "Berüchtigt" auch stichhaltige Ursachen- und Folgenforschung über einen MacGuffin verkörpert, der, obwohl er vorgibt, wesentlich zu sein, schlussendlich aussagelos vorrangig das Inventar vervollständigt. Der ausgedehnte Suspense – das Gelingen des Einbruchs in den Weinkeller resultiert aus den verbliebenen Flaschen Champagner auf der Party – kennzeichnet trotz der späteren Unüberlegtheit Devlins (Grant), die Scherben der heruntergefallenen Weinflasche unter das Regal zu kehren und einen Wasserfleck unübersehbar übrig zu lassen, ausgetüfteltes Spannungskino, das sich auf zukünftige historische Weltereignisse als prophetisch erweisen sollte. Truffaut lobte die "fantastische Reinheit" des Films. Ich lobe seine geheimnisvolle Menschlichkeit.

8 | 10

Freitag, 31. Mai 2013

"Mr. und Mrs. Smith" / "Mr. & Mrs. Smith" [USA 1941]


"Mr. und Mrs. Smith" verbucht aus drei hauptsächlichen Gesichtspunkten einen VIP-Platz in Alfred Hitchcocks Œuvre.  Einerseits nahm Hitchcock bereits 1941 mit seiner ersten und letzten amerikanischen Komödie (hier: Screwball-Komödie) die erst in der nachfolgenden Generation sich vollständig verfestigende Erkenntnis vorweg, wonach der Master of Suspense über ein unbeirrbar reichhaltiges Gesamtwerk unterschiedlicher Couleur – vom dunklen Krimi zur leichten Komödie – verfügt. Andererseits war "Mr. und Mrs. Smith" eine der einzigen Hitchcock-Regiearbeiten, mit dessen Drehbuch (Norman Krasna) Hitchcock alles andere als einverstanden war, weil er  sich mit keiner Figur und ihren jeweiligen Marotten identifizieren konnte und deshalb das Drehbuch nicht entscheidend verfeinerte, sondern meist in seiner Ursprungsfassung beließ.

Vor allem aber konterkariert "Mr. und Mrs. Smith" beliebte Hitchcock-Rezeptionsmuster, die darauf hinauslaufen, dass wir erst einen Hitchcock mit eingebürgerten Hitchcock-Strömungen "gut" finden und im Gegenzug von den untypischen Hitchcocks ohne explizite Hitchcock-Motive eher die Finger lassen, als wäre die bloße Erwähnung des alteingesessenen Hitchcock-Stils (was immer auch darunter zu verstehen ist) ein Qualitätskriterium, das es zu wahren gilt.

Exemplarisch funktioniert "Mr. und Mrs. Smith" vielleicht nicht über die gesamte Zeit, so doch aber über einen großen Zeitraum als feurig-furioses Eheschlachtfeld zwischen eitler Machtbesessenheit und neurotischer Eifersucht, das heute nicht weniger als altbackenen Normen innerhalb der staatlich unterschriebenen Zweisamkeit huldigt: Sobald gestritten wird, schließt sich das Paar gemeinsam im Schlafzimmer ein, was in Extremfällen mehrere Tage dauern kann. Und falls der Streit nicht beigelegt werden kann oder ein neuer entflammt, hat die Gattin das Recht, ihren Gatten blindlings hinauszuschmeißen.

Insgesamt erinnert der Film weder formal noch narrativ an Hitchcock, an Kriminalität, an Depressivität, an Psychologie und an Soziologie, höchstens seinen situationsbedingt unnachahmlich absurden Humorstempel kann Hitchcock hier und da – etwa in der Szene mit der Klospülung oder der amüsanten Sanierung des 100-Dollar-Edelrestaurants zum 75-Cent-Schuppen – aufdrücken. Dass Hitchcock Neuland betrat, ist trotzdem in der einen oder anderen Szene deutlich zu beobachten und stützt die dramaturgische Unsicherheit des Drehbuchs. Wenn der Film sein Gewicht in eine abwechslungsreiche Schneelandschadt verlagert und dort endet, ist es ein viel zu überhastetes, fast schon grotesk überstürztes Ende (nach 90 Minuten Terror, Enttäuschung, Gewissenlosigkeit benötigt der Frieden einen unfreiwilligen Stolperer); anscheinend wollte Hitchcock den Film schnell zu Ende inszenieren, damit er sich wieder auf sicherem Terrain fühlen darf.

Seinen beiden Schauspielern gönnt er im Verhältnis gesehen faire Momente, in denen sie sich behaupten dürfen. Carole Lombard gibt die von Hitchcock auf ihre Person zugeschnittene, vulkanartige Naturgewalt sichtlich souverän, während Robert Montgomery den bis zur Unkenntlichkeit verzweifelten Verlierertyp (auch gegenüber seinem besten, dem zugleich angehimmelten Freund, Gene Raymond)  zumeist halbwegs vergnüglich meistert, obgleich der ursprünglich vorgesehene Cary Grant möglicherweise ein würdigerer Kontrahent gewesen wäre. Hitchcocks süffige ménage à trois ist klein, kurzweilig, unspektakulär, aber nicht derart klein, kurzweilig, unspektakulär, als dass wir nicht einen Blick riskieren könnten – trotz Hitchcock ohne Hitchcock.    

6 | 10