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Freitag, 30. Dezember 2016

Jahresfavoriten 2016

#10
    »PETER HANDKE - BIN IM WALD. KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE...«    
(Corinna Belz)


#9
»POLIZEIRUF 110: WÖLFE«
(Christian Petzold) 


#8
»WIENER-DOG«
(Todd Solondz)


#7
»THE LOBSTER«
(Giorgos Lanthimos)


 #6
»DER BUNKER«
(Nikias Chryssos)


#5
    »TONI ERDMANN«    
(Maren Ade

KRITIK


#4
»NOCTURNAL ANIMALS«
(Tom Ford)

#3
     »PATERSON«     
(Jim Jarmusch) 


#2
»THE HATEFUL EIGHT«
(Quentin Tarantino)

KRITIK


#1
 »THE REVENANT« 
(Alejandro González Iñárritu)

KRITIK

Freitag, 9. Dezember 2016

"Nocturnal Animals" [USA 2016]


Gäbe es keine originellen oder vielmehr einzigartigen Geschichten mehr, da alles bereits erzählt wurde, was bliebe übrig außer Geschichten über Geschichten, Geschichten, die auf Geschichten verweisen und – Geschichten in Geschichten? Der "Tod des Autors", poststrukturalistisch gesprochen, belagert Tom Fords metaleptisch erzählten Konstruktionsbogen "Nocturnal Animals". Den Fiktionsfantasien Paul Austers ähnlich, verzahnt Ford (hier: zwei) Geschichten, eine flächengleißende Kunstsatire und einen rauen Hardboiled-Krimi zu Existenzkonflikten nimmerschlafender Nachtgestalten. Mit Hilfe von präzisen Match Cuts transportiert der Film jene Kraft von identitätsstiftenden Geschichten, die immer auch autobiografisch sind und unter die Maske der Normalität blicken: auf die Nacktheit der Gewalt, der Gedanken, des Fleisches, auf das, was abgeschminkt, entreinigt wurde. "Nocturnal Animals" zu beschreiben, fällt schwer angesichts seiner technisch gedachten Regie. Wo der Krimi das übliche Prozedere eines Genrefilms wiederholt (Michael Shannon spielt, selbstverständlich, seinen ikonischen Griesgram), erzählt die Kunstsatire von Selbstbehauptung, Lossagung und kulturellem Werteverfall. Im Vergleich zu "The Neon Demon" – beide Filme nähern sich stilistisch an – benötigt Ford aber keine ostentativen Metaphern, die schreien: "Ich bin provokant!" Ein Schnitt von einem geschminkten auf ein ungeschminktes Gesicht innerhalb der Geschichtsebenen oder tanzende (Rubens-)Körper vor einer amerikanischen Flagge – das sind originelle Symbolismen, derer sich Ford bedient, um in die Wildnis des Erzählens zu entschwinden. 

6.5 | 10

Freitag, 6. November 2015

"James Bond 007 - Spectre" [GB 2015]


[...] Die [...] Hüftsteifheit, aus absolutem Ernst, theatralischer Zusammenhangswut und zähneknirschender Kontrolle den Frohsinn an der Verschwendung auszulassen, die auch "Skyfall", den Vorgänger, einstweilen überlagerte, kulminiert in "Spectre" vollends. Freilich bewegte sich das James-Bond-Franchise stets im Wandel der Zeit, aber in keinem Beitrag überträgt sich diese These tatsächlich eingängiger als auf "Spectre". Der Film ist ein unangenehmer Streber seiner Konvention, ihm fehlt deutlich der visuelle Geist Roger Deakins', die freche Ironie Roger Moores und die gallige Technikpoesie Lewis Gilberts abseits allen Digitalmatsches, ihm fehlen Impulse der Auslassung, ihm mangelt es an kreativer Eigenleistung. An Stelle dessen wirkt Daniel Craigs charakterliche Altersmüdigkeit [...] und Sam Mendes' inszenatorische Biederkeit, gezwungenermaßen einen weiteren Bond-Film aufgedrückt bekommen zu haben, wie die Ausreden vor einer Lüge, anstatt im Strandurlaub zu entspannen, eher in einem Kurort für Rentner abzusitzen. "Spectre" liefert Emotionen in einer Sparverpackung, ist dabei aber so kreuzbrav nach Maßstab getrimmt, dass man ihm seltsamerweise weder böse noch nachtragend sein kann. [...]


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Donnerstag, 29. November 2012

Die Bond-Retro; geschüttelt, nicht gerührt #8


»CASINO ROYALE«
(GB, USA, D, CZ 2006; Regie: Martin Campbell)

Unleserlich viel ist über "Casino Royale" geschrieben wurden, darüber, dass mit Einzug Daniel Craigs gleichzeitig das animalisch Ungestüme und das draufgängerisch Rustikale seit Sean Connery und Timothy Dalton ein Comeback feiere, darüber dass dieses Comeback insbesondere eine seit Jahrzehnten in beständiger Regelmäßigkeit durchgewrungene und sukzessive debilere Filmreihe genauso entschlacke wie vielschichtiger den heutigen globalen Herausforderungen verzahne. Und "Casino Royale" ist, aller Liebe zu Connery, Moore und Dalton zum Trotz, jener Bond-Film, der die glitzernste Oberfläche poliert, unter der sich aber auch unwiderlegbar ein inhaltsreiches Pensum an Kraft, Tiefenschärfe und Gerissenheit verbirgt. So narrativ ausgeklügelt, so pathetisch Bond an die Entmystifizierung herangeführt wird, so folgerichtig, so gewandt geschrieben ist sein tragischer Werdegang zur mystischen Doppelnull, der ihn auf schmerzhafte Weise an seine existenzielle Verletzlichkeit erinnert, bis die Doppelnull mit einer Sieben ergänzt wird und Bond von nun an leibhaftig Bond sein darf. Artistisch im körperlichen Action-Szenenaufbau, erzählt "Casino Royale" in seinen meisten körperlosen Augenblicken eine heißblütige Kammerspielgeburtsprozedur ausschließlich über Gesichter, über verschwitzte, über verschmitzte, über die Gesichter mit Leberflecken, Abnormitäten und jenen, die undurchdringbar scheinen, über die grinsenden Gesichter und die lächelnden, lauernden, blutigen. Wenn sich ein Gesicht auf das andere lautlos konzentriert, dann ist das ein beunruhigender Ausdruck von Poesie.


»EIN QUANTUM TROST«
»QUANTUM OF SOLACE«
(GB, USA 2008; Regie: Marc Forster)
 
Jedes Gefühl erwürgt sich selbst, jede Emotion schnappt nach Luft, die Intimität der Figurenpsychologie zerfällt in bedeutungslose Fragmente, die es zulassen, dass sich nur noch die Überreste einer abgewürgten Bewusstseinsregung zu einem Schutthaufen ballen. "Ein Quantum Trost" schaut ständig auf die Omega-Armbanduhr, hat partout keine Zeit, prescht voran, neben sich und der Spur. Bond rennt, schlägt, schießt, klettert, springt, reflektiert, Kopf nach unten, akzeptiert, Kopf nach oben. 100 Minuten lang, 100 Minuten kurz. 100 Minuten voller hochenergetischer Aktion, die Hälfte ein abstoßendes Plagiat des "Bourne Ultimatums", zerschnitten, auseinandergerissen, kaputtzerkleinert, und dessen Seele gleich mit – "ein Film mit aufdringlichem Geschmack, der an seiner eigenen Koketterie für alle Mitmenschen zur Belästigung wird." Das waren meine Worte zu Ridley Scotts "Hannibal", das sind meine Worte zu Marc Forsters unkenntlich rebellisch-stilisiertem "Ein Quantum Trost", der – Ironie hin oder her – den innigsten Bond-Film mit dem ästhetisch quadratischsten, dem emotional klobigsten und vor allem dem verbeultesten fortsetzt. So dramaturgisch verbeult wie der Aston Martin am Ende einer Autoverfolgung. Zum Weinen, zum Lachen, zum freundschaftlichen Austausch: keine Zeit, keine Zeit zu nichts, nur Zeit fürs Rudiment, für die Zuckungen, für das Posen; insbesondere für einen Daniel Craig, der seine Tom-Ford-Anzüge in die Kamera wedelt. Ein Maxum Trostlosigkeit.      


  »SKYFALL«
(GB, USA 2012; Regie: Sam Mendes

Ziemlich genau die zweite Hälfte ist es endlich, an der Christopher Nolan keinen Einfluss mehr zu haben scheint, seine festgekrallten Finger öffnen sich und "Skyfall" bremst die dahinratternde inhaltliche Scheinbedeutsamkeit der ersten, etwas drucklosen und totgequatschten ersten Hälfte ohne einen erschlagenden Moment, ohne ein Bond-Girl, das nicht steif lächelnd im Weg steht. Wenn Javier Bardem allerdings irgendwann den Film an sich reißt, über seine fratzenhaften Gesichtslandschaften – dies geschieht mit einer Mixtur aus bisexueller Heiterkeit und zappeliger Bockigkeit –, dann jedoch überwiegt ein Subtext, der auf eine penibel ausgearbeitete Bildebene trifft. Und es ist auch die hypnotische Bildebene, die sich irgendwann vollständig in jene Einheiten aufspaltet, die Daniel Kleinman im organisch-blutigen Vorspann kontrastiert: Das innerfamiliäre Finale gerinnt zum unsichtbaren, zum versteckten Ringkampf der Silhouetten und der Schatten um die Mutter der Betrogenen, der altmodischen und der hochmodernen Zeit, der Bond-Vergangenheit, der Bond-Zukunft und deren Bedeutung im Weltzusammenhang. Es sind die Figurenlichter, die ins Schwarz gestoßen werden, kein transparent-fluoreszierendes Farbenmeer, nur ein lichterloher Hintergrund; Schwarz vor Rot, ein Ringkampf in der Hölle. Der Sieger? Das Messer. Der Verlierer? Der Computer. Die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Bond fliegt wieder in die Vergangenheit, obwohl er sich nicht gegen die Psychoanalyse wehren konnte. Nach 50 Jahren.

Gesamtwertungen: 7 | 10     3 | 10     6 | 10