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Freitag, 9. Dezember 2016

"Nocturnal Animals" [USA 2016]


Gäbe es keine originellen oder vielmehr einzigartigen Geschichten mehr, da alles bereits erzählt wurde, was bliebe übrig außer Geschichten über Geschichten, Geschichten, die auf Geschichten verweisen und – Geschichten in Geschichten? Der "Tod des Autors", poststrukturalistisch gesprochen, belagert Tom Fords metaleptisch erzählten Konstruktionsbogen "Nocturnal Animals". Den Fiktionsfantasien Paul Austers ähnlich, verzahnt Ford (hier: zwei) Geschichten, eine flächengleißende Kunstsatire und einen rauen Hardboiled-Krimi zu Existenzkonflikten nimmerschlafender Nachtgestalten. Mit Hilfe von präzisen Match Cuts transportiert der Film jene Kraft von identitätsstiftenden Geschichten, die immer auch autobiografisch sind und unter die Maske der Normalität blicken: auf die Nacktheit der Gewalt, der Gedanken, des Fleisches, auf das, was abgeschminkt, entreinigt wurde. "Nocturnal Animals" zu beschreiben, fällt schwer angesichts seiner technisch gedachten Regie. Wo der Krimi das übliche Prozedere eines Genrefilms wiederholt (Michael Shannon spielt, selbstverständlich, seinen ikonischen Griesgram), erzählt die Kunstsatire von Selbstbehauptung, Lossagung und kulturellem Werteverfall. Im Vergleich zu "The Neon Demon" – beide Filme nähern sich stilistisch an – benötigt Ford aber keine ostentativen Metaphern, die schreien: "Ich bin provokant!" Ein Schnitt von einem geschminkten auf ein ungeschminktes Gesicht innerhalb der Geschichtsebenen oder tanzende (Rubens-)Körper vor einer amerikanischen Flagge – das sind originelle Symbolismen, derer sich Ford bedient, um in die Wildnis des Erzählens zu entschwinden. 

6.5 | 10

Mittwoch, 22. April 2015

"Avengers - Age of Ultron" [USA 2015]


Thor (Chris Hemsworth) guckt trocken und kalauert pfiffig, wenn niemand es meistert, seinen göttlichen Hammer zu heben. Dieser Gag taucht variantenreich in "The Avengers – Age of Ultron" auf, mitsamt einem besoffenen Stan Lee, und kulminiert im (sträflich unterrepräsentierten und  beizeiten allein Fangelüste befriedigenden) Neuzugang Vision (Paul Bettany) – für ihn kein Problem. Der sprudelnde Joss-Whedon-Smalltalk, die süffige Schelmerei: Das kennt man auch vom ersten Teil. Wo dieser seinerzeit Temperament und Taufrische ausstrahlte, evoziert Whedons Sequel allerdings jene willentlich abnickende Routine einer ähnlichen Nummer im gleichen Zirkus, die sich abgenutzt hat. "The Avengers – Age of Ultron"  ist ernst- und sprunghafter, professioneller und abgeklärter zugunsten des nicht mehr existenten, spontanen Schwachsinns. Ohne die verführerische, schmalphilosophische James-Spader-Stimme wäre der schrottreife (Robot-)Antagonist Ultron ohnehin eine weitere Marvel-Bankrotterklärung eines Films, der abgeschliffene Helden preist, aber ihnen keine Kontroversen beimischt, die allerspätestens im allumfassenden Finalduell des ersten Marvel-Ostblockblockbusters (hier eben: mit rauchigem Ostblock-Showdownflair) weggewischt werden, ehe sich der nächste bauernschlaue Gegner nach dem Abspann süffisant vorstellt. Das ausschweifend-verschrobene Ensemble funktioniert ungeachtet von Überfülle und Namedropping aber veritabel (Hulk!), die agilen Actionsequenzen gefallen überwiegend (Hulkbuster!), der karikatureske Anteil erdet die CGI-Hölle wiederum viel zu selten – irgendwie haben die Avengers vergessen, coole Clowns in einem coolen Entspannungswirrwarr zu sein. 

5 | 10

Mittwoch, 14. Mai 2014

"Godzilla" [USA 2014]


Nichts simplifiziert "Godzilla", diesen maßgeschneidert-modernisierten Monsterclash, so sehr wie Alexandre Desplats rasendes, aber kontinuierlich lästig werdendes Crescendo von Einwegmusik: die Lustbefriedigung im pinselfetten Bild. Immer wenn Gareth Edwards das animalische Bild, das zersetzende, zugleich aber auch von makabrer Schönheit flankierte Untergangsbild über die Leinwand zieht (Bonmot am Rande: Edwards aufgesetzte Michael-Bay-Affinität zu akkurat fotografierten Fluggerätschaften), wenn die Kamera zur Seite schwenkt, sich nach oben zittert, panisch andauernd in Ritzen, Lücken und Schlitze vorstößt, wenn das Inferno dadurch zum (zurückgedrängten) Überrest abgemildert wird, dann ist "Godzilla" interessanterweise ein Film, der erfinderisch genug ist, eine speziellere, verdichtete Perspektive klassischen B-Monstertrashs einzunehmen, während sich dessen Naturgewalten in verkleinerten Sichteinheiten auswickeln. Aber "Godzilla", und das war vornherein verständlich, ist selbstverständlich kein Drehbuchfilm und sollte auch keiner sein. Die Geschichte, die der Film versucht zu bebildern, erfüllt trotzdem alle Vorlagen des (megaschrecklichen) Stumpfsinns: unbelehrbare, diskussionsresistente Militärdeppen, indiskutable Schauspielverelendung und eine riesen Portion familiäre Glückseligkeit, die mit einem feuchten Froschschmatzer im Sportstadium besiegelt wird. Was zur Hölle? Echt? Dumm? "Godzilla" trägt dies alles derart innbrünstig mit weißen Knöcheln auf, dass einem die Guilty-Pleasure-Qualitäten des quietschvergnügt-schrillen Emmerich-Films ernsthaft fehlen. Ach ja: Godzilla, der jetzt für alle Zeiten tragische, entmystifizierte Held wider Willen, warum verdrückte er keine Träne?    

4.5 | 10