Wenige beleben Geister beiläufiger als Christian Petzold. Seine Geister schweben nicht, sondern schwelen und fahren stundenlang durch das, was erst noch Moderne werden muss oder gar noch Vormoderne ist. So auch Matthias Brandt und Maryam Zaree. Über das Land, über die Autofahrten, in denen sich Brandt und Zaree (wie in einem schlechten Krimi) dialogisch befragen, legt sich ein trübes Samuel-Barber-Requiem, es sind Hanns von Meuffels‘ allerletzte Fahrten. Früher war er ein eifriger, hippeliger Ermittler, eifrig und hippelig wie seine ihm zugeteilte Assistentin Nadja (Zaree). Nachdem die Trennungskrise kam und mit ihr die eingepackten Umzugskartons, folgt die Sinnkrise. Der "Fall" um ein (anfänglich) familiäres Beziehungsdrama rumort doppeldeutig in den fahlen Flächen dieser Figur, in denen Petzold Miniaturen zerstreuter Erschöpfung inszeniert: Der Ermittler kämpft gegen ein Dampfbügeleisen und eine SIM-Karte, die unter Anstrengung in sein neugekauftes Smartphone gezwungen werden muss, wohingegen der Kaffee langsamer köchelt als sonst. Platz hat der alte Hanns von Meuffels lediglich in einer expressiven Performance, sich in den Tathergang einzufühlen. Die Tatorte sind mindestens ausdruckslos, höchstens gestellt, die Liebe unter Schmerzen an die Haut getackert. Dennoch lebt "Polizeiruf 110: Tatorte" von seiner verschwiegenen Schönheit – den anderen, das verletzte Tier, zu tragen, bedarf einer Kraft, vergleichbar mit einem Schuss.
Posts mit dem Label Christian Petzold werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Christian Petzold werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 22. Dezember 2018
Mittwoch, 11. April 2018
"Transit" [D, F 2018]
Wenn Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt, dann erinnert sie uns fatalistisch an die Erschütterungen einer grauen Vorzeit – Narben, die nimmer verheilen, verheilen wollen. Christian Petzold verschiebt das Vergangene nicht in das Historische, entmündigt es nicht mit einem Schlussstrich. Das ist das Übergreifende seines Films "Transit". Er verlegt stattdessen den gleichnamigen Exilroman von Anna Seghers in das heutige (Exil-)Marseille, und damit ist "Transit" zwar eine Geschichte über Geflüchtete und Flüchtende, aber keine historisch gebundene Erzählung Geflüchteter und Flüchtender während des Zweiten Weltkriegs. Petzold erweitert, "universalisiert" quasi Seghers' gefühliges Stück Zeitgeschichte zu einer aktualisierten Parabel der Unsichtbarkeit inmitten der Bedrohung. Geschichte ist in "Transit" narrative Identität, Wiederherstellung und Dekonstruktion von Zeit gleichermaßen – für Petzold ist jener historische Spielfilm abgeschlossen, der von Kolorit und Kokolores benebelt scheint und nicht danach fragt, warum wir uns dieser Zeit immer wieder stellen und wie sie unser Heute prägt, ja im Hier und Jetzt fortlebt.
Franz Rogowski spielt Georg, der an die Hinterlassenschaften des (toten) Schriftstellers Weidel gelangt und sich fortan in (s)einer Geschichte bewegt – in seinem Leben, in seiner Biografie, in seiner Zeit. Und diese Zeit ist gleich gegenüber der vergangenen Zeit. Georg, ein Aussätziger "minderen Rechts", taumelt darin, läuft Gefahr, aufgesammelt und abgeschoben zu werden. Immer der Blick nach draußen und nach hinten, durch das Fenster, über die Schulter. Er wartet auf das Schiff, um mit diesem nach Mexiko zu entkommen. Die Parallelen zwischen der nackten Existenz im Faschismus und der nackten Existenz in vorübergehenden Auffangstationen, die kurzzeitig Asyl gewähren, sind frappant: Obwohl Rogowski seine Figur mit einer sensiblen und außerweltlichen Müdigkeit überzieht (seine Stimme knarzt in den letzten Tönen der zu spät Gestrandeten), explodieren die Geräusche, Fanale des Bruchs und willkürlichen Einbruchs, umso schwerer. Das Blaulicht, aggressiv unterstützt es dessen durchdringende Sirenen. Georg wartet in einer existenzialistischen Nebengasse der Ungewissheit, in einem biopolitischen Raum passiver Entmachtung.
Nichtsdestotrotz blühen die Geschichten dort, in Marseille. Georg hört sie ständig, Geschichten von einer eleganten Hundebesitzerin (Barbara Auer), von einem Dirigenten (Justus von Dohnányi), der Tag um Tag die geforderten zwölf Passbilder abzählt. Das Mittel gegen die Verlorenheit – es sind die Geschichten, die reinen und reinigenden, jene, die die Zeit überbrücken, ablenken, sich anvertrauen. "Transit" ist ein literarischer Film, denn auch dessen auktorialer Erzähler übt sich in Wörtern auslassender, vergänglicher Annäherung. Als Georg durch Zufall die Identität Weidels annimmt, gelangt er in eine Position, selbst zu einer Geschichte, zu einem Mysterium zu werden. Worin sich Petzold von anderen deutschen Filmemachern unterscheidet, liegt in seinem außergewöhnlichen Blick, der niemals die wachen Wahrheiten von Poesie und Empfindung untergräbt. Egal, ob Georg Pizza isst, mit einem neuen kleinen Freund (Lilien Batman) das Standbein beim Fußball übt, ein Radio repariert oder ein Lied der Kindheit gebrochen anstimmt – in "Transit" betonen die Dinge das Derzeitige, das erlebt werden muss, ehe es sich löst und verschwindet.
Wenn "Transit" über das Warten erzählt, während das Schokoladeneis schmilzt, dann erzählt der Film gleichzeitig über die Ungeduld und Raserei, nicht mehr warten zu können. Paula Beer spielt Marie, die Ehefrau Weidels. Wo Georg die Strömungen der Niederlage(n) stumm erträgt, bewegt sich Marie vergessen durch die Zeit, nicht nur ein Schritt nach dem anderen, sondern Schritte überspringend. Sie wirbelt, macht Halt, fragt, drängt – sinnlich. Georg verliebt sich in sie, wohingegen sie auf ihren Mann wartet, ausharrt, es nicht mehr erträgt. Soll Georg ihr die Wahrheit sagen? Soll Marie mit Georg abreisen? Die Diskrepanz zwischen Täuschung und Verlangen mündet in einem unauflösbaren moralischen Konflikt, der einige andere Petzold-Filme zuvor (wie "Phoenix") charakterisierte. Die Heimat, was auch immer das sein mag, ist fremd geworden in diesem Film, da sie sich von Ort zu Ort weiterträgt, kurzfristig anbrandet, dann wieder zergeht. Voller menschlicher Anteilnahme, umhüllt Petzold das, was wir fühlen, in verwunschene Magie. Ein Meisterwerk.
8 | 10
Freitag, 30. Dezember 2016
Jahresfavoriten 2016
#10
»PETER HANDKE - BIN IM WALD. KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE...«
(Corinna Belz)
#9
»POLIZEIRUF 110: WÖLFE«
(Christian Petzold)
Mittwoch, 30. Dezember 2015
Jahresfavoriten 2015
#10
»REALITY«
»RÉALITÉ«

#9
»POLIZEIRUF 110: KREISE«
(Christian Petzold)
#7
»VICTORIA«
(Sebastian Schipper)
Freitag, 26. Dezember 2014
Jahresfavoriten 2014
#10
»(K)EIN BESONDERES BEDÜRFNIS«
»THE SPECIAL NEED«
(Carlo Zoratti)
#9
»ES WERDE STADT!«
(Dominik Graf)
#8
»MAPS TO THE STARS«
(David Cronenberg)
#7
»THE LEGO MOVIE«
(Phil Lord, Chris Miller)
Freitag, 29. August 2014
"Phoenix" [D 2014]
[...] Umstandslos glaubt man ohnedies diesem
zackig arrangierten Film, seiner fasslichen, nie verkrampften
Gefühlsseligkeit und prosaischen Sachlichkeit, Lautstärke nach Maß
auszugleichen. Gestützt auf die Priorisierung der Berliner Schule,
auf das Gezielte und Detailfeste, erzählt Petzold einen einstweilen
geschlossenen Ausschnitt breiterzählerischer (NS-)Historie in Form einer
saloppen Kriminal- und Verkleidungsparabel, die im Schwelgen von
unlesbaren Gesichtern und deren zaghaften Blickschichten eine meditative
Wirkung erzielt. Dabei ist Nelly (Hoss) das Gespenst im Körper, der
nicht ihrer ist, Kind einer Generation, die gebrochen, zerstört und
entmenschlicht durch verschlissene, zerlumpte, brüchige Landesüberreste
wandert und sich an dem klammert, was nicht nur alten, entschwundenen
Erinnerungen, sondern annäherungsweise ihrem ursprünglichen Ich
entspricht. Ihre Maske, das aufgesprungene, bandagierte Gesicht, an ihr
traut sich die Kamera nicht heran, windet sich; "Phoenix" ist ein
stilles, passiv-sinnliches Liebesspiel, das sich selten öffnet und zu
uns spricht, um sich nicht zu laben am Schrecken. [...]
weiterlesen
Abonnieren
Posts (Atom)































