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Mittwoch, 20. März 2013

"The Gift - Die dunkle Gabe" [USA 2000]


Mystery meets Crime aus dem Splatter-meets-Comedy-Hause Raimi. Eine wahrlich teuflische Mischung, zumal Raimi die verästelten Bäume, geheimnisvollen Sträucher, absonderlichen Grünanlagen, peitschenden Regentropfen und donnernden Gewitterwolken, diesen unnahbaren Ort schwebender Dämonen und bizarrer Visionen, direkt aus dem Tanz der Teufel übernommen zu haben scheint, wodurch "The Gift" oft als wiederbelebter Retro-Horror wirkt, der seine Gruselatmosphäre dem effektiven Klischeekasten einschlägiger, wetterbedingter Genrezutaten entnimmt. 

Das Anhängsel "Horror" trifft es allerdings nicht richtig, es ist mehr ein zwischen quietschenden Türen und brüchigen Dielen leise umher tapsender Minimalhorror. Zunächst seziert Raimi die ebenso von Gewalt wie von Psychosen geprägte Gesellschaft einer eigentlich herzenswarmen Kleinstadt mit ihren Depressionen und jener leidenschaftlichen Hingabe zum Okkultismus, die gleichzeitig als Problemlöser gilt, umso besser man seine Zukunft kennt, um später zum waschechten Krimi, dem darin intendierten Kampf der Forensik gegen höhere Mächte, und schließlich zum Krimi moralischer Gewissensentscheidungen auszuholen. Puh! Viel Drehbuchstoff für einen straighten Genrefilm. 

Das Problem der Redundanz, das sich daraus ergeben könnte, befällt auch "The Gift". Nie weiß der Film, in welche Richtung er fahren soll, aus diesem Grund versucht er in jede Richtung parallel zu steuern und bekommt aufgrund seiner halsbrecherischen Themenfahrt gar nicht mit, dass über die diskussionswürdigsten Ecken des Plots – ein Unschuldiger in der Todeszelle beispielsweise – widerspruchslos gerumpelt wird, als gelte es, schnell zum nächsten Thema in möglichst kurzer Zeit zu lenken. Wäre da nicht auch noch die bleierne Eintönigkeit des Gezeigten. "The Gift" ist kriminalistisch vorhersehbar, gruselig platt und moralisch Mainstream, ist mancherorts langweilig, fast immer unspannend, und meist tröpfelt alles vor sich hin, ähnlich der gezeigten Wassertropfen in Zeitlupe.

Raimi schafft es nur unter größter Anstrengung zu fesseln, er schafft es folgerichtig nicht über die gesamte Laufzeit, aber zumindest in einigen Geistesblitzen morbider Einzelszenen denkt er ein Gefühl zu Ende. Die Gerichtssequenzen formen eins der Intensität, das neblige Finale im Wald hingegen das der irritierenden Manipulation, wenn der Zuschauer nicht weiß, welchen Täter er genau verdächtigen soll. Auch die Besetzung ist unumwunden treffsicher gewählt, ja souverän gespielt: Cate Blanchett – berechnend blass, kühl und zweifelnd; Keanu Reeves – rassistisch, jähzornig, ordinär, fanatisch aus allen Poren explodierend; Katie Holmes – männergeil, schlüpfrig, vulgär; Giovanni Ribisi, Hilary Swank – gutmütig, isoliert, hoffnungssuchend, den Geistern der Vergangenheit entkommend. Und dem (seelischen) Hinterwald.  

5 | 10

Dienstag, 18. Dezember 2012

"Hellraiser I-III"


»HELLRAISER - DAS TOR ZUR HÖLLE«
(GB 1987; Regie: Clive Barker)

Umzug. Ein Bett soll in das neue Haus transportiert werden. Anstrengend ist es, es wird vor Kraftanstrengung gestöhnt, der Ehemann flucht. Parallel erinnert sich die Ehefrau an ihre heimliche Affäre mit dem Bruder ihres Mannes. Sex und Gewalt stehen in stillschweigender Vereinigung beisammen, das Stöhnen erstreckt sich über zwei surreale Momente völliger brutaler Gefangennahme übergangslos hinweg und ist nur noch ein einziger zusammengezogener Klagelaut. Der Schnitt kontrastiert die Pein im Angesicht der Lust, den Schmerz als Erfüllung dessen, was Liebe heißt. Clive Bakers "Hellraiser" wildert trotz dem (vorläufigen) Sieg der Jungfräulichkeit in den Untiefen sadomasochistischer Erlöserstrategien. Zugestellt mit biblischem Konfetti (ein Bruderkonflikt) und finsterem Ekel (ein schlapp herabbaumelndes Geflecht an Hautfetzen), schildert der Film in mythologischem Terror die verkaufte Seele als Ausverkauf der Menschlichkeit in einer lüsternen Welt. Barker gießt diesen Klassiker an Verdammnis in schiefe Kamerawinkel, allegorische Farben und suggestive Endlosmontagen, spielt mit dem gesamten Spektrum jener Ecken und Kanten, die sein zugedrückter Handlungsraum hergibt, während sowohl die ausgefallenen Kultmasken als auch manch' makabrer Gag (im Krankenhaus umfasst das TV-Programm sich entfaltende Pflanzenblüten) brodelnder Fantasterei keine Bevormundung aufzwingt. Clive Barker verkauft die Eintrittskarte zur Vorhölle, deren Willkommensschild nur eines bedeuten kann: Willkommen zur Geburt des neuen Fleisches, ewiger Narr.


»HELLBOUND - HELLRAISER II«
(GB 1988; Regie: Tony Randel; Unrated)
 
Wenige Stunden nach dem ersten Teil einsetzendes Großmannssucht-Sequel, das per Ansage ein unwiderstehliches Zeichen setzt. Denn Christopher Youngs sakral-pompöse Musik akzentuiert die einleitenden Schriftzüge, indem sie mit Donnerpeitschen und Gebrüll den Film nicht zum Film, sondern den Film zur Fortsetzung formt, wo ja alles etwas mächtiger sein muss. Den Haunted-House-Charakter behält sich Tony Randel pointiert bei, verlegt er doch den Schauplatz zur klinisch-bizarren Irrenanstalt, um einige bestialische Fleischesgelüste später (die Rasiermesserszene) die Besucher an der Höllenpforte noch einmal zu begrüßen und sie diesmal direkt hinein zu geleiten. Obgleich sich die erste Hälfte etwas zieht und den Originalstoff noch einmal mit Hilfe von Rückblenden unnötig aufwärmt, verliebt sich Randel kontinuierlich in sein architektonisches Tunnelsystem der Zenobiten, irgendwo zwischen illusorischer Escher-Klaustrophobie und apokalyptischer Jahrmarktseuphorie. Schwarzer Arzthumor, eine fleischige Lichtsetzung sowie ein Schwertransporter abgerissene Haut ballen sich zur magischen, vor allem ekstatisch-überschäumenden Deformationsvielfalt ohne Tabus, die, gemäß den Regeln eines Nachklapps, seine Gegenspieler zwar menschlich entmystifiziert, aber sich trotzdem die weitaus größeren Geheimnisse beibehält. Die Ideendichte ist beindruckend und kaum aufzuhalten: Wie das hervorströmende Blut eine nachgestellte Attrappe von Julias Zuhause in der Zenobiten-Welt ramponiert, spült der Film alles hinfort, was am Körper angewachsen ist. Wortwörtlich. Ein blutiger Todeskuss ans Genre ist das.      


»HELLRAISER III - HELL ON EARTH«
 (USA 1992; Regie: Anthony Hickox; R-Rated

Dritter Franchise-Blutnachschub, drittes hochtrabendes Endzeitintermezzo mit dem erneuten Versprechen, unsagbare Reichtümer in der Endlichkeit einer tristen Alltagsverbitterung zu suchen. Das einzige, was laut Pinhead, dem Verführer und Schlachtmeister, zähle, sei das Fleisch und dessen Formen. Wissen wir. Eingeladen zu einer entarteten Party im Neonflutlicht unweit von allerlei verschrobenen Objekten, die für einen ebenso entarteten Kunst- und Kulturgeschmack stehen, bläht sich "Hellraiser III" zum Abzählreim herunterbetenden, die meiste Zeit über jedoch wirklich sehr langweiligen und sehr, sehr pseudohippen Rockerlaufsteg auf, der seine missgestalteten Spielzeug-Zenobiten und seinen angestauten Höllenlärm in der menschenleeren Tristesse von Manhattans Innenstadt als karikatureskes Actionspektakel verkauft, das mit der Grundidee subtiler, spiritueller  Urbegierde nicht mehr viel gemein hat. Wurde der Titelantiheld bereits im Vorgänger stückweise einem vermenschlichten Hintergrund untergeordnet, latscht der dritte Teil umso plakativer auf Pinheads Martyrium, um in einigen sagenhaft doofen Kriegsrückblenden eine unfreiwillig burleske Seelenschau herauszuarbeiten, deren Schwerpunkt lediglich von kläglichen Figurenskizzen in Lack und Latex sowie vorhersehbaren Brachialschocks unterbrochen wird. Nichtsdestotrotz benennt sich Pinhead irgendwann als Jesus, wohingegen er mit Billardkugeln killt und sein erstes Opfer beim Sex beobachtet, das den Orgasmus in einer fliegenden Superman-Pose intensiviert. Es ist auch dieser Würfelgag am Ende, der diesen Höllenfilm nicht völlig zum Inferno ohne Feuer abkühlt.

Gesamtwertungen: 6 | 10     6 | 10     3.5 | 10