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Freitag, 27. Dezember 2013

"Marnie" [USA 1964]


Die Faszination von "Marnie" ist kompliziert zu beschreiben. Möglicherweise liegt das Faszinierende an "Marnie", Hitchcocks letztem großem, psychopathologischem Melodram, darin, dass seine kaum zu fassende Unnahbarkeit etwas Halluzinatorisches garantiert, mit einer außerweltlich schönen, zerbrechend zarten Kleptomanin (die Vögel hat sie überleppt: Tippi Hedren) eine überkünstlich stilisierte, umwerfend traumtrunkene Welt wahrzunehmen. Unter Hitchcock-Aficionados rangiert "Marnie" gühlsmäßig unter denjenigen Arbeiten, die man verteidigen muss, gegen die, zugegeben, zum Teil alberne Fingerschnipp-Psychologie und deren redselige Ausschmückungen (vgl. "Ich kämpfe um dich", "Der Fall Paradin"), gegen eine unscharf geschriebene Sean-Connery-Rolle, die triebhaft zwischen besitzergreifenden und freudschen Haltungen eine versteinerte, mürrische Miene verzieht. Aus einem Guss ist "Marnie" bestimmt nicht, unfreiwillig amüsant eher (die Rückprojektionen), assoziativ, sehr unfertig, tastend und fühlend. Genau das fasziniert – Hitchcock transferiert die Erinnerungsbruchstücke und verzerrte Realität der Protagonistin in wacklige, wabbelige, fragmentarische Bilder, die dem ohnehin ausgedehnt dialoggefüllten Film Finesse verschafft. "Marnie" hinterlässt außerdem einen eigentümlichen Nachgeschmack. Das letzte gemeinsame Beisammensein des Triumvirats aus Robert Burks (Kamera), Bernard Herrmann (Musik) und George Tomasini (Schnitt) ließ eine künstlerisch unausgefüllte Lücke zurück. Nicht nur das. An der handwerklich heillos klobigen Reit-Unfall-Sequenz kommt "Marnie" schließlich, wie "Vertigo", einer allumfassenden Totenmesse von grotesker Schönheit näher, die in Zeit und Raum verweilt, sucht, stürzt, trauert. 

6 | 10

Freitag, 6. September 2013

"Der falsche Mann" / "The Wrong Man" [USA 1956]


François Truffaut versuchte Hitchcock im berühmten Marathoninterview, das später unter dem Titel "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" in Buchform erschien, davon zu überzeugen, dass "Der falsche Mann" zu den schwächeren Arbeiten des Regisseurs gehöre. Truffauts Argumentationsbeharrlichkeit mag überzeugend sein, aber Hitchcock ließ sich zu Unrecht alles Schlechte eines Films einreden, der hauptsächlich aus dem Abseitigen, Abweichenden und geradeheraus Krummen auffällig eigen, aber folglich ungemein lehrreich in Bezug auf die Denkart Hitchcocks daherkommt.

Hitchcock praktiziere das Absurde wie eine Religion, gestand er, und in seinem Werk "Der falsche Mann" gestattet er der Ehefrau (Vera Miles) des von der Polizei irrtümlich verfolgten Protagonisten (Henry Fonda) ein schallendes, übermütiges, übernatürliches Lachen, nachdem sich stückweise herausgestellt hat, dass zwei der Entlastungszeugen für die angegebene Tatzeit, die dringend notwendigen Alibis, verstorben sind. Ein Lachen, das man im schwärzesten Moment unermesslicher Machtlosigkeit nicht vermuten würde; es ist das Absurde an den falschen Stellen, das Hitchcock so verehrt hat und jene Eigentümlichkeit des pummeligen Gentlemans mit zwei Gesichtern, der die Furcht (hier: vordergründig vor der Polizei) und Hoffnungslosigkeit mit magenbitterstem Humor neutralisiert.

Seinen diskutierbaren Kernaussagen im Interview zum Trotz, liegt Hitchcock jedoch in dem Punkt richtig, dass der sich in die Geschichte Manny Balestreros (Fonda) hineinschiebende, psychische Zerfall seiner Frau und damit seines (zuvor ausreichend) emotional gezeichneten Familienlebens allzu losgelöst von der Dramatik des seine Unschuld beweisenden Opfers ablenke. Vera Miles' schwülstiges Overacting torpediert zudem, und das ist ein ironischer Nebeneffekt, die spröde Sachlichkeit mit "antirealistischen" (Truffaut) Theatergesten.  

Das ist das Abseitige, das Abweichende und Krumme, das ist der konzeptionelle Widerspruch dieses erzählrhythmisch schlafwandelnden Films, der zunächst in brutaler, minutiös protokollierter Distanziertheit der Scham Henry Fondas während der dokumentarisch unterfütterten Polizeiarbeit gehorcht, der abwechselnd auf seine Füße, die Handschellen, sein Gegenüber im Polizeiwagen blickt. Fondas kraftvoll elementares Versinken in einen innerlich und äußerlich verkrampften Menschen, an dem der Zweifel nagt und in ständiger Gefangenschaft zu sein scheint, charakterisiert in stechenden subjektiven Texturen die Gedankenwelt eines Mannes, an dem, wie Hitchcock ebenfalls anmerkt, die Normalität des Lebens vorbeizieht, obwohl er in seiner eigenen Wirklichkeit längst eingesperrt ist. Mit der denkwürdigen Auflösung des Falles, eine von virtuosem Sachverstand unterstrichene, obschon christlich konnotierte Überblendung des wahren Tätergesichts auf das des betenden Fondas (bezeichnenderweise beim Betrachten eines Jesus-Bildes), der im Polizeirevier daraufhin seinen Peiniger trifft, endet "Der fremde Mann" Hitchcock-exzentrisch, ja rührselig. Der Druck entweicht stoßweise und der fremde Mann ist, nun per Beweis rechtskräftig, wahrlich nicht schlecht.

6 | 10

Mittwoch, 27. Mai 2009

"Der unsichtbare Dritte" / "North by Northwest" [USA 1959]


"Der unsichtbare Dritte" von Alfred Hitchcock fühlt sich an wie eine aufregende Achterbahnfahrt der Gefühle, aber auch wie eine imposante Sightseeingtour quer durch amerikanische Landschaften, Mythen und Denkmäler. Mit Hitchcocks Lieblingsthema – nämlich der verlorenen Identität und dem unschuldig Gejagten – rennt unser tragischer Held und unglücklicher Werbefachmann Roger O. Thornhill alias George Kaplan in einer wilden Fluchtgeschichte von einer Katastrophe in die andere. Nur dass es sich dabei immer wieder um kleinere dramaturgische Höhepunkte handelt, die nahezu lückenlos aneinandergereiht werden; quasi ein Showdown spannt den Bogen zum nächsten (vgl. "Die 39 Stufen", "Saboteure"). Roger O. Thornhill (der ewige Seitenscheitel Cary Grant), er ist in jeder Szene präsent und steht stets im Mittelpunkt, er wird von Ort zu Ort gehetzt. Doch Hitchcocks spektakulärer Spionage-Thriller ist mehr als nur Verfolgungsjagd durch die USA. Er ist einer seiner witzigsten und zugleich intelligentesten Filme überhaupt. Ein rasantes kriminalistisch-komödiantisches Stationendrama, bei dem die unzähligen Minuten Spielfilmlänge zu purer, ja pausenloser Schau- und Hörlust verdichtet werden.

So brillant wie die knisternde Oberfläche des Films auch ist – Robert Burks' gemäldeartige Kamerabilder, Bernard Herrmanns hypnotischer Score, die teilweise kunstvollen Szenenübergänge (Anfangs- und Schlussüberblendung) –, so reiht sich in diese Brillanz ebenso das Drehbuch von Ernest Lehman ein. Samt erotisch-psychologischen Minidramen (in einer Agentenvilla eines wiederum imaginären Agenten oder im Speisewagen) und meisterlich getimten Wortgefechten (bei einer hyperventilierenden Auktion; eine der besten Szenen des Films) profitiert Lehmans Script und somit "Der unsichtbare Dritte" in erster Linie von seinen verblüffenden Wendungen, die den Zuschauer in die Irre führen, und von seinem sprühenden Sarkasmus. Er vereint sämtliche Elemente, die des Altmeisters frühere Filme ausgemacht haben: Suspense, Geheimnisvolles, Turbulentes, heiteren Humor (und davon nicht zu wenig) und, davon abgesehen, eine Liebesgeschichte einschließlich latenter Erotik und Sex. Und das alles vor dem Hintergrund so berühmter Monumente wie dem UN-Hauptgebäude (aufgrund des Filmverbots hat Hitchcock mit versteckter Kamera gedreht), der Grand Central Station und dem Mount Rushmore National Memorial, die lustvoll-ironisch in die Handlung hineingerissen werden.

Trotz alledem führt uns Hitchcock in keinem anderen Film hinters Licht wie in diesem. Da gibt es beispielsweise die plakatbeherrschenden Actionsequenzen. Wer erinnert sich nicht an die berühmt-berüchtigte "Maisfeldszene". Oft referenziert und kopiert, aber nie erreicht. Und das, obwohl erst nach geschlagenen, zu äußerster Spannung getriebenen, endlosen Minuten etwas passiert; in denen ein über den Augenblick verwirrender Cary Grant, der stolze Kosmopolit, von einem Insektenvernichtungsflugzeug mitten in der Einöde gejagt wird und um sein Leben wie um den Weltmeistertitel rennt. Ohne Musik, auf friedlicher, geradezu harmloser Gegend, mitten in der Sonne. Wo kann sich unser Protagonist demnach verstecken? Hitchcock konterkariert hier mit dem Flimklischee, dass ein bedrohlicher Mord gleichzeitig immer in bedrohlicher Umgebung und unübersichtlicher Szenerie stattfinden muss. Eine außergewöhnlich absurde und unwahrscheinliche Szene, in epischer Länge sowieso, mit einigen Westerntönen vorgetragen, aber von großer Könnerschaft in Szene gesetzt. Aber auch die Sequenz, als der Chef der Spionageabteilung Thornhill über seinen weiteren Plan aufklärt, der Zuschauer jedoch angesichts des Motorenlärms (die Szene spielt auf einem Flughafen) davon nichts mitbekommt, suggerieren einmal mehr die Tatsache, dass es in "Der unsichtbare Dritte" viele kleine Momente ohne existierende Zeit und wahrnehmbaren Raum gibt, die für sich allein stehen – und die den Einfallsreichtum der Regie widerspiegeln.


Cary Grant indes verkörpert den ahnungslosen Werbefachmann, über den jegliche Sicherung zusammenbricht, charmant, vital und quirlig auf seine ganz originäre Weise, der in einen Strudel aus (Lebens-)Gefahr gerät und nicht weiß, wie er wieder herauskommen soll. Ein einfacher Werbefachmann, der einige der aberwitzigsten Mordanschläge überlebt, die in Hollywood je verübt worden sind. Ein cleverer Unwissender de facto, der stets am Flüchten ist, stets am Protestieren, stets einen kecken Spruch über die Lippen bringt, stets auf der Suche nach der Wahrheit. Und der schlussendlich erwachsen wird und dementsprechend sein persönliches Ziel erreicht. Hinzu kommt in Gestalt von Eva Maria Saint eine ungemein attraktive Frau (natürlich blond), die ihre erotische Anziehungskraft und ihr Geschick in brenzligen Situationen geschickt einzusetzen vermag, ebenso wie James Mason als kühler und hartgesottener Antagonist, als Gangster mit Format, dem nichts so schnell aus der Ruhe bringen kann, und der mit dem jungen Martin Landau über einen adäquaten Handlanger verfügt.

Somit bleibt ein ohne Zweifel wegweisender (in Bezug auf nachkommende "James Bond"-Filme etwa), erfrischender und über alle Maßen unterhaltsamer Film, sprich: ein fabelhaftes Verwirrspiel, übrig. Dieses siedelt sich irgendwo zwischen Thriller, Abenteuer und Kriminalkomödie an und bringt alle Elemente mit, die ein Garant für ein kurzweiliges, für ein leichtes Sehvergnügen sind. Das ist es eben, was man einen Klassiker nennt. (Aufgepasst: Die sexuelle Metapher im Schlussbild könnte geistreicher nicht sein.)

8 | 10

Sonntag, 5. April 2009

Der Versuch einer Filmanalyse / Update: Psycho (1960)


Ein schwarz/weißes Paramount-Logo. Danach Stille – aber nur für kurze Zeit. Dann die Opening Credits. Der Vorspann beginnt. Plötzlich ertönt eine Filmmusik, bestehend einzig und allein aus einem Streichorchester. Ein gewisser Bernard Herrmann zeichnet sich dafür verantwortlich, wie sich später herausstellt. Es vermischen sich in dieser Komposition stakkartoartige Klänge mit schrillen Geigen und dissonanten Violinenschreien. Hypnotisch, aggressiv, furchteinflößend schnell. Schaurig-schön. Dieser Score unterstreicht das bisherige Leinwandgeschehen auf virtuose Art und Weise, was sich bis jetzt in "zerschneidenden" Texten des visuell von Saul Bass inszenierten Vorspanns widerspiegelt. 2 Minuten lang. Nervenzerreißend. Nach dieser halben Ewigkeit endlich die erlösende erste Szene, die erlösende erste Einstellung. Eine Beruhigung ist das, die Musik beruhigt sich ebenfalls. Was folgt, ist ein spektakulärer Kameraschwenk, so als ob wir Vögel wären. Wir befinden uns in Phoenix, Arizona. Wir schreiben den 11. Dezember, ein Freitag. Es ist genau 14:43 Uhr. Die Kamera zoomt gemächlich an ein karges Hotel heran. Der Name des Hotels ist irrelevant. Was wir gleich zu sehen bekommen ist noch unklar. Schnitt. Dann taucht die Kamera durch ein Fenster, hinab in den nicht sonderlich luxuriösen, stattdessen verhältnismäßig düsteren Raum, vorbei am Badezimmer und kommt darauf unvermutet zum Stillstand. Was wir jetzt sehen, ist ein Paar. Eine Frau und ein Mann. Die Frau liegend auf dem Bett, der Mann stehend neben ihr. Sehr provokant, denn beide sind leicht bekleidet. "Willst du nicht wenigstens etwas essen?", sagt der Mann zu seiner attraktiven Freundin. Beide können sich aufgrund ihrer privaten Komplikationen nur heimlich treffen, sehr zum Leidwesen der Frau - "Ist es nicht schrecklich, dass wir in solche finsteren Buden gehen müssen?" Im anschließenden Dialog wird über diesen problematischen Sachverhalt debattiert. Der Mann auf der einen Seite der Argumentation, die Frau auf der anderen. Auftakt zu Alfred Hitchcocks transzendierendem Grusel-Meilenstein "Psycho" aus dem Jahre 1960.

Wie alles begann...

Anno 1959 brachte der US-amerikanische Autor Robert Bloch ein Buch auf den Markt, das sich sowohl von dem berühmten Frauenmörder Ed Gein inspirieren lies als auch den gleichen Titel wie der Film selbst trägt: "Psycho". Ed Gein, seines Zeichens ein Serienkiller, der erst zwei Jahre zuvor in Blochs Heimatstadt Wisconsin gefasst worden war, darf zugleich als Norman Bates gedeutet werden, dem eigentlichen Schurken im Roman und Film. Denn auch er bevorzugt es ausschließlich in Frauenkleidern herumzulaufen und wird darüber hinaus von einer gespaltenen Persönlichkeit beherrscht. Die Parallelen zwischen Gein und Bates sind also unabdingbar. So wurde das Projekt ein großer Erfolg in den Bestsellerlisten und als geradezu prädestiniert für die Leinwand gehandelt. Solange, bis Bloch schließlich die Rechte an seinem Buch einem anonymen Agenten für 9.500 US-Dollar verkaufte, der sein literarisches Werk auf Zelluloid umsetzen wollte. Nur ahnte Robert Bloch zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es sich bei dem Unbekannten um keinen Geringeren als Meisterregisseur Alfred Hitchcock ("Das Fenster zum Hof"; "Vertigo – Aus dem Reich der Toten") handelte, der nach der Zusage fast alle übrigen Exemplare des Buches prompt aufkaufte, um hauptsächlich den Ausgang der Geschichte vor Filmstart möglichst geheim zu halten. Hitchcock gefiel vor allem die Vorstellung, dass die Hauptperson schon nach nichtmal der Hälfte der Geschichte stirbt und ihr daher eine völlig andere Richtung verleiht ("I think the thing that appealed to me was the suddenness of the murder in the shower, coming, as it were, out of the blue. That was about all."). [1]


Die Arbeit an "Psycho" für Hitchcock und seinem Team nahm von nun an Gestalt an. Mit einem Budget von etwa 806.000 Dollar bewaffnet, war die anfangs vorgesehene Verleihfirma Paramount Pictures allerdings nicht wirklich begeistert von gleichnamiger Adaption. Zu abstoßend, hieß es unter anderem. Deshalb musste Shamley Productions für die Finanzierung herhalten, mit des Regisseurs eigener Verleihfirma, bei der er sogar bestimmte Einsparmaßnahmen vornehmen musste. Exemplarisch hierfür der Kompromiss, dass der Streifen in schwarz/weiß realisiert werden würde, was zum einen billiger ist, zum anderen diverse blutige Details kaschiert. Den Film also weitaus weniger brutal erscheinen lässt als wie in Farbe. Bei der Suche nach einem geeigneteten Drehbuchautoren gestaltete sich die Angelegenheit ebenfalls als problematisch. Denn vom ersten Rohentwurf James Cavanaughs, der vorher einige Episoden für die Fernsehserie "Alfred Hitchcock Presents" geschrieben hatte, war Hitchcocks tendenziell eher weniger begeistert, mehr noch, das Script lese sich wohl wie ein Fernsehfilm. Also kontaktierte der "Master of Suspense" den bis dahin noch relativ unbekannten Autoren Joseph Stefano, der nach anfänglichem Bedenken die Arbeit an "Psycho" begann und Blochs Buch in ein geeignetes Drehbuch umschrieb. Gesagt, getan. Drehbuch ist fertig, Hitchcock ist endlich zufrieden. Stefano hält sich eng an die Romanvorlage. Abgesehen von Bates Charakterisierung und seinen Körperproportionen, und abgesehen von einer Liebesromanze zwischen Lila Crane und Sam Loomis, abgesehen von einer leicht veränderten Duschszene und dem damit verbundenen Mord, wurde Blochs Buch fast 1:1 adaptiert.

Eine der markantesten, einprägsamsten Dinge im Film ist Norman Bates´ Motel, das sich an ein mehrstöckiges Haus anschließt – Bates´ Zuhause. Dieses kann man heute noch auf dem Gelände der Universal Studios besichtigen, mit dem Unterscheid, dass der Komplex heute wesentlich verkleinert dargestellt ist, sodass das Haus und das Motel, ganz zu schweigem vom Hügel, eben kleiner wirkt. In den 1960er-Jahren war eben jenes Gelände des Terrors – nach einem Vorbild einer Villa in Kent, Ohio designt - die teuerste Requisite, die fast 15.000 Dollar des ursprünglichen Budgets verschlungen hatte.


So begannen die Dreharbeiten schließlich am 11. November 1959. Am 1. Februar 1960 waren sie abgeschlossen. Genauso wie es Hitchcocks besonderer Drang war, Blochs restliche Bücher aufzukaufen, um in erster Linie das Ende geheim zu halten, verhielt es sich auch seitens der Promotion des Streifens. Die Kritiker bekamen keine einzige Testvorführung, stettdessen mussten sie ihn erst zum offiziellen Kinostart sehen. Selbst die Darsteller durften keine Interviews geben, in der Angst, sie könnten auch hier wieder das Ende verraten. Bei der letztendlichen Vorführung im Kino verfügte Hitchcock über eine Klausel, die besagte, dass niemand mehr nach Beginn der Vorstellung in den Saal reingelassen werden sollte, um die Atmosphäre nicht zu stören oder die ganz und gar wichtige Duschszene zu verpassen, der Überraschungsmoment sollte de facto weiterhin bestehen bleiben.

Erfolg

"Psycho", heute ein vielfach angepriesenes, ja, filmisch wegweisendes Meisterwerk und zugleich einer der ersten Slasher überhaupt, wurde bei Kinostart allerdings sehr differenziert aufgenommen. Sein Erfolg war zwar unabdingbar, die Schlange vor den Kinokassen war dementsprechend lang, was nicht zuletzt auf Hitchcocks besondere Geheimniskrämerei in der aufwendigen Werbekampagne zurückzuführen ist, dennoch bescheinigtem ihm die Kritiker keinen guten Ruf, prangerten seine Brutalität an. Die katholische Kirche forderte gar ein Verbot des Filmes, Psychologen rieten von einem Kinobesuch ab. Doch letzten Endes war es der immense Erfolg des Psycho-Thrillers, der eine Neubewertung seitens der Kritiker erst möglich machte. Und die dann zum größten Teil entsprechend positiv ausfielen. War der Film vorher noch miserabel und unnötig brutal, zudem psychologisch fragwürdig, wurde er vorher noch verrissen, waren plötzliche Lobhudeleien von anerkannten Journalisten keine Seltenheit mehr – meisterhaft wurde er nun genannt, der Film. Sein Erfolg ging letztlich soweit, dass des Filmes bekannteste Motive – Bates´ Motel, Duschszene, Norman Bates – heute in zahlreichen popkulturellen Bezügen Anwendung findet. Aber auch sonst beeinflusste "Psycho" Horrorfilmregisseure und das Genre in seinen Grundfesten gleichermaßen. Heute darf konstatiert werden, dass "Psycho" eine der besten und kommerziell erfolgreichsten Produktionen Alfred Hitchcocks darstellt, seine letzte in schwarz/weiß inszenierte Arbeit, ein vielschichter Kultschocker, der eine stattliche Anzahl an Auszeichnungen, aber auch an qualitativ mangelhaften Sequels (Gus Van Sants Neuverfilmung von 1998 beispielsweise) einheimsen konnte und dessen genauere Betrachtung Ziel dieser Filmanalyse ist.


Von Voyeurismus & den üblichen Hitchcock-Motiven

Betrachtet man "Psycho" rein von formalen und narrativen Gesichtspunkten aus, fällt auf, dass Hitchcocks Film, der sich irgendwo zwischen Psycho-Thriller und Horror ansiedelt, erstmal rein vom setting her sehr minimalistisch ausgestattet ist. Im Grunde genommen zählen dazu lediglich ein Motel und ein mehrstöckiges Haus – Bates´ Welt, die alles repräsentiert, wofür er lebt. So wie dieses Motel im übertragenen Sinn für einen greifbaren Ort steht, an dem die meisten Zuschauer schon waren, tangiert auch der Film als solches eine Intention, die klassischer, aber aktueller denn je nicht sein könnte. Denn "Psycho" versucht die Angst in jedem Zuschauer möglichst lebensnah auf die Leinwand zu zelebrieren. Die Angst davor, unvermutet in eine Situation zu kommen, in der es in einer Sekunde auf die andere um Leben und Tod geht, wenn wir nicht mehr entscheiden können, was wir im nächsten Augenblick tun werden, wenn wir handeln müssen, ohne Willen, ohne Rücksicht auf Verluste. Genau das sind Ängste, die der Film thematisiert, und mit denen wir uns letzten Endes alle irgendwo identifizieren.

Dabei spielt Voyeurismus, wie es die Teilüberschrift bereits evoziert, eine gewichtige Rolle, die sich schon in der von Orson Welles´ "Im Zeichen des Bösen" inspirierten Plansequenz ganz am Anfang äußert – als die Kamera in der Vogelperspektive langsam durch ein Hotelzimmer fährt, um ein Liebespaar zu "beschatten". Aber auch später wird er großgeschrieben, dieser Drang des Beobachtens. Kurz vor dem Mord an Marion Crane beobachtet Norman Bates eben jene halbnackt bekleidete Marion durch ein heimliches Guckloch hinter einem Bild (das kurioserweise eine Vergewalting zeigt) in seinem Wohnzimmer, das sich direkt neben dem Bad in Marions Motelzimmer befindet (Ihr die Zimmernummer 1 zu geben, war von Bates demnach nicht willkürlich). Darüber hinaus avanciert John L. Russels Kamera immer wieder zum menschlichen Auge, sie fungiert als Sehorgan des Zuschauers, die dem Publikum immer wieder den Voyeurismus in seiner reinsten Form erleben und gewähren lässt. Insbesondere nach dem Mord unter der Dusche gleitet die Kamera ziellos durch den Raum und kommt schlussendlich am in die Zeitung versteckten Geldpaket zum Stillstand (Hitchcocks bewährter schwarzer Humor). Mehr noch, selbst beim eigentlichen Mord, bei dieser legendären Szene, übernimmt die Kamera die Rolle des Duschkopfes, der fortan Marions unglückseliges Ende wiederum von oben geradezu faszinierend beobachtet. Der Zuschauer sieht allerdings – wie das im Gegensatz bei einem Auge oftmals der Fall ist – nicht alles, so wie der unbekannte Inhalt den Buches mit unbekanntem Titel, welches von Lila Crane zu späterer Stunde geöffnet wird, und das ihr nach dem Öffnen einen erschreckenden Gesichtsausdruck verleiht. Interessant ebenso das Kennzeichen Marions Wagen, den sie bei einem Gebrauchtwagenhändler getauscht hat: NFB-418, die Initialen Norman Francis Bates´.


Fernab jeglicher Zweiteilungen und Brüche – das wichtigste Stilmittel wird weiter unten fokussiert -, besitzt "Psycho" alle weiteren typischen Hitchcock-Motive, die sich wie ein roter Faden in des Regisseurs gesamtes Ouevre ziehen. Da hätten wir zuerst die obligatorische Blondine in Gestalt Marion Cranes, Norman Bates Figur als solches – er ist sozusagen der charmante Antagonist -, aber auch der Einsatz bestimmter tricktechnischer Elemente, vor allem in der Überblendung ganz am Schluss, als der Skelettschädel Normans Mutter auf Normans eigenes Gesicht projeziert wird. Hinzu kommt der effektvolle Mord an Milton Arbogast, der einerseits mit Hitchcocks Vorliebe bezüglich des Licht- und Schattenspiels (Schatten = Bedrohung), auch der extravaganten Kameraperspektiven, liebäugelt, andererseits den Spagat zur Hitchcock´schen Suspense schlägt.

"Die Vögel" trifft auf "Psycho"

Schon in seinem Frühwerk "Erpressung" von 1929 setzte Hitchcock seine gefiederten Freunde als Symbol drohender Gefahr ein. Ebenso finden sich Vögel-Anspielungen in "Vertigo – Aus dem Reich der Toten" (Judys Anstecker an ihrer Bluse) sowie in "Marnie". In seinem Tierhorror "Die Vögel" wurden den Vögeln schließlich eine besondere Rolle zuteil, denn Hitchcock weitete sie erstmals zum gesamten Hauptthema eines Filmes aus und verdichtete sie zudem als Metapher für zwischenmenschliche Verhaltensweisen. Stefanos Drehbuch zu "Psycho" enthält ebenfalls derlei Vögel-Symbole. Marion Crane trägt beispielsweise den Nachnamen Crane (Kranich), sie kommt aus Phoenix – nach dem gleichnamigen verbrannten Vogel, der die Fähigkeit besitzt, aus der Asche wieder emporzusteigen. Norman Bates dagegen präpariert mit Vorliebe ausgestopfte Vögel, sein ganzes Wohnzimmer im Motel ist mit Vögeln gesäumt, dessen Bösartigkeit schnell beim ersten längeren Dialog zwischen Marion und Norman deutlich wird, wird Marion doch die ganze Zeit über von den Vögeln regelrecht von oben herab aggressiv angestarrt, sodass sich ihr Opferstatus bekräftigt. Selbst Bilder von Vögeln hängen in Marions Motelzimmer an der Wand, von denen eines nach dem Mord versehentlich heruntergestoßen wird. Auch avanciert Norman Bates als eine Art Vogel, als er Marions Leiche samt Auto im Sumpf verschwinden lässt und das Szenario unter Geäst kommentarlos beobachtet.


Überall herrscht Ambivalenz - Teil I

"Filme zu drehen, das bedeutet für mich zuerst und vor allem, eine Geschichte zu erzählen. Diese Geschichte darf unwahrscheinlich, aber sie darf nie banal sein. Sie sollte dramatisch und menschlich sein. Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente herausgeschnitten hat." [2] Wie es der Rezensent dieser Analyse bereits weiter oben – und sei es auch nur rudimentär – angedeutet hat, spielt Hitchcock in "Psycho" geschickt mit dem Mittel der Manipulationen des Publikums. Er legt absichtlich falsche Fährten aus, er zwingt den jeweiligen Zuschauer, mal mit diesem Protagonisten, mal mit jener Figur Sympathie und Mitleid zu empfinden. Hin- und hergerissen durch verschiedenste Stilmittel. Hin- und hergerissen zwischen Neugier und Angst. Die Erwartungshaltung des Publikums wird immer wieder in einen jeweiligen Verlauf gelenkt. Man möchte meinen, dass Hitchcock beim Zuschauer selbst intensiver Regie führt als bei den Akteuren selbst. Eine Meisterleistung. Schon der Titel "Psycho" ist nicht eindeutig zuzuordnen. Er könnte sowohl für Norman Bates Krankheitsbild stehen als auch eine Art Psychoanalyse betiteln, die sich dahingehend äußert, dass der Film vordergründig auf eine Erforschung des Unterbewusstseins setzt. Desweiteren wendet der Regisseur in seiner Figurenkonstellation das Mittel des Verheimlichen ein. Seien es die Schlaftabletten von Marions Arbeitskollegin, Norman Bates´ Mutter, das gestohlene Geld seitens Marion oder gar den Whiskey von Marions Chef: Es ist interessant, dass alle wichtigen Charaktere etwas zu verheimlichen, zu verstecken oder zu verbergen versuchen.

Dass "Psycho" eben ein Film der Brüche und Spaltungen ist, lässt sich nicht nur in den Credits und Herrmanns Partitur festmachen. Schon eines der zentralen Motive in der Narration reflektiert diese unglaubliche Ambivalenz in den Bildern: Spiegel. Spiegel stehen nicht nur für die Selbstkenntnis, auch für die Zwiespälte im Innersten der handelnden Personen. So tauchen Spiegel in den verschiedensten Situationen auf. Die Eingangshalle des Motels ist mit Spiegeln regelrecht überfrachtet, jeder muss sich somit widerspiegeln, wenn er mit Norman über ein freies Zimmer spricht. Am deutlichsten jedoch ist die Sache mit den Spiegeln im Zimmer von Norman Bates´ Mutter, welches im spannenden Showdown von Lila Crane besucht wird. "Psycho" steckt voller visueller Symbolismen und ausgeklügelter Raffinessen, die alle dieses gespaltene Persönlichkeits-Thema tangieren. War beispielsweise "Die Vögel" mit einer komplexen Farbdramaturgie versehen, nimmt es sich Hitchcock auch hier nicht, zur Farbe – völlig egal, ob der Film in schwarz/weiß ist – zurückzukehren. So lohnt ein Blick auf Marions Kleider. Ist sie anfangs noch so rein wie ein "Engel" (nach Hitchcock), sind also ihre Kleider, insbesondere ihr Büstenhalter und ihre Handtasche so unschuldig weiß, wechselt das Farbspiel nach dem Diebstahl des Geldes plötzlich. Büstenhalter und Tasche sind jetzt schwarz. Sie tauscht darüber hinaus ihr schwarzes Auto in ein helles ein. Aber auch sonst beherbergt dieses Konzept optische Zerteilungen. Am Anfang zerschneidet der Kran den Himmel, Marion und Sam haben im ersten Dialog des Filmes völlig verschiedene Ansichten über ihr weiteres Treffen in Hotels, was sich zudem in ihren anfänglichen körperlichen Positionen wiederfindet (Sam stehend, Marion liegend), ja, selbst Bates´ vertikales Haus liegt in strenger Relation zu seinem flachen Motel. Hier liegen die Horizontalen und die Vertikalen seitens der Bildmontage eng beieinander, erfüllen in etwa die gleiche Funktion.


Überall herrscht Ambivalenz - Teil II

Norman Bates ist das große Paradoxon in "Psycho". Der rätselhafteste Akteur, aber auch eine der interessantesten verlorenen Seelen der Filmgeschichte. Vieles bezüglich seiner Person bleibt im Verborgenen, das Bild von diesem Bates wird an keiner Stelle so richtig klar. "Je gelungener der Schurke ist, umso gelungener ist der Film." [2] Er spricht während der Unterhaltung mit Marion im Motel exemplarisch von einer verhassten Krankheit, die seine Mutter hat. "Ich hasse, was aus ihr geworden ist." Doch was meint er mit dieser Krankheit? Seine eigene? Ihren Tod? Stefano und Hitchcock liefern darauf keine stichhaltige Antwort. In Norman Bates manifestiert sich am ehesten diese ungeheure Ambivalenz, was sich am simpelsten in seinen Gefühlsschwankungen herauskristallisiert. Beim gleichen Dialog mit Marion, zu der er so freundlich und hilfsbereit wie nur möglich erscheinen will – Liebe auf den ersten Blick? -, wird er von einer Sekunde auf die andere überraschend jähzornig. Speziell da, als Marion vorschlägt, Normans Mutter "wegzubringen", das als Synonym für in eine (Irren-) Anstalt einweisen gesehen werden kann. Normans daraufhin urplötzlicher Wutausbruch kann im Kontext des engen Verhältnisses zu seiner geliebten Mutter jedoch als gerechtfertigt gesehen werden - "Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter."

Eine andere essentielle Frage ist jene, die sich mit Normans Vergangenheit auseinandersetzt. War er das Kind einer Mutter (Hitchcocks vielfach eingesetztes Motiv: dominante Mütter), die ihn mithilfe einer Mischung aus Ablehung und krankhaft übertriebener Fürsorge in den Wahnsinn trieb? Es ist schließlich die Mutter, die ihn zu dieser Persönlichkeitsspaltung zwischen gewünschter Normalität und bestialischer Rache geführt hat. Könnte er am Tag doch glatt als "klassischer" Mensch durchgehen, erwacht in ihm erst nachts das Böse, während alle anderen schlafen, während Ruhe herrscht. Erst jetzt realisiert er den von der Mutter ausgehenden Trieb, den Trieb zu morden, Frauen und alles was lebt zu hassen und es als logische Konsequenz zu vernichten. "Bates und "hates" reimt sich, und auch Norman und "normal" wirkt wie ein freudscher Schreibfehler. "Norman hates": der tagsüber "Normale" hasst und zerstört Leben in der Nacht." [3] Und trotz allem ist dieser Norman Bates für das größte Wechselbad der Gefühle seitens des Zuschauers verantwortlich. Einerseits Bedauern, Mitleid durch Bates´ angestrengte Art, normal zu wirken, trotz seiner großen Unsicherheit und Unkonzentriertheit in Umgebung von Menschen, trotz seiner tief sitzenden sozialen Ängste, andererseits Abscheu und Wut durch seine ausufernden Gewaltakte. Dieses emotionale Chaos, diese Schwankungen durch eine Figur beim Zuschauer sind so dermaßen akribisch durchgeplant wie in keinem anderen Hitchcock.


Überall herrscht Ambivalenz - Teil III

Genauso wie bei Norman Bates, ist auch der Zuschauer bei Marion Crane innerlich zerrissen – wenn auch wesentlich schwächer. Schon im ersten Dialog des Filmes mit Sam im dunklen Hotelzimmer verfestigt sich diese These - "Wenn du schon solide sagst, ist es schon unsolide." Auch ihre berufliche Position trägt erheblich zu Cranes Ambivalenz bei, steht sie auf der einen Seite ihrem Arbeitgeber treu zur Seite, mehr noch, ist sie die beliebte Sekretärin einerseits, stiehlt sie ihrem Chef andererseits eine Menge Geld und flüchtet mit diesem. Eine Sünde, von der sie sich dann unter der Dusche in Bates´ Motel sozusagen "reinwaschen" will, symbolisch dann aber mit dem Tode qualvoll betraft wird, anstatt auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Ebenso wird Marions seelischer Zwiespalt bei der Flucht aus Phoenix optisch thematisiert, wenn sie darüber nachdenkt, welche Reaktionen ihr Verbrechen ausgelöst hat, was sich in ihrer jeweiligen Mimik widerspiegelt. Hier ein Lächeln, denn Cassidy hat anscheinend nicht die Macht, es ihr heimzuzahlen, da aber wieder ein ruckartiges Öffnen und Schließen ihrer Augen und des Mundes nach Einsetzen des prasselnden Regens, bei der sie höchtwahrscheinlich eine Vision eines schrecklichen Verbrechens hat, das kurioserweise schon bald Realität werden wird.

Mit dem Duschen kommt der Tod

Eine abgeschattete Welt, in der sich eine Frau namens Marion Crane scheinbar sicher fühlt und sich von ihren Sünden erlösen will. Doch genau hier wird es passieren, in dieser engen, kalten Kabine. Fluchtmöglichkeiten? Fehlanzeige. Hier soll er passieren, der unglaubliche Mord. Marion wartet nichtsahnend auf ihre Hinrichtung. Dann eine schemenhafte Silhouette einer anderen Person. Dann ein langsames Wegziehen des Duschvorhangs nach des langsamen Herankommens selbiger ominöser Gestalt. Links von Marion ein Messer, rechts eine strahlende Glühbirne. Dann ein schnelles, erschreckendes Wegziehen des Vorhangs. Norman Bates mit Frauenkleidern tötet Marion Crane nackt. Weit von der Kabine entfernt, um sich nicht unnötig die Hände schmutzig zu machen. Er tötet sie mit der größtmöglichen räumlichen Distanz. "Ein weiteres Bild, das sich dem Zuschauer aufdrängt, ist die sogenannte "Insekten-Metapher": Marion Crane ist ein gefährliches Insekt, mit großen, dunklen und aufgerissenen Augen, offenem Mund und nassen Haaren wirkt sie wie ein gefährliches Insekt, das zermatscht werden muss; Norman ist symbolisch der Insektophobiker. [Denn] Norman hat Angst vor Kleingetier: Mit "drei Meter langen Armen" und weggespreiztem Körper schlägt Norman auf das bizarre Wesen ein, um es unschädlich zu machen." [4]


Nach einer rund Dreiviertelstunde schlägt Hitchcock brutal zu. Nach nur einer rund Dreiviertelstunde wird der Zuschauer unmittelbar Zeuge dieses gewaltigen Mordes, der wohl berühmtesten Assoziation zu "Psycho" und zugleich Aushängeschild des Filmes. Obwohl diese Szene unter der Dusche lediglich 2 Minuten andauert (der tatsächliche Mord allerdings nur 45 Sekunden), nahm die Inszenierung selbiger eine ganze Woche ein, was ungefähr einem Drittel Janet Leighs (Marion Crane) gesamter Drehzeit entsprach. Diese Szene mit unvergessener musikalischer Untermalung besteht dabei aus rund 70 Kameraeinstellungen und 50 Schnitten, bei dem Saul Bass, der auch schon die Opening Credits entworfen hatte, ein Storyboard nach genauen Vorgaben des Regisseurs zeichnete. Doch genau diese Szene ist letzten Endes nichts weiter als eine große Illusion, die Macht der Suggestion eben, was ihren kongenialen Status da nur untermauert. Denn Norman Bates Verbrechen wird keinesfalls in aller Ausführlichkeit gezeigt, nur angedeutet. Es fließt sogut wie kein Blut (Hitchcock und seine Crew verwendeten Schokoladensirup der Marke Bosco), man sieht zudem kein einziges Mal, wie Bates das Messer in Marion hineinsticht. Durch den hervorragenden Schnitt George Tomasinis nimmt der Zuschauer also war, dass zu keiner Zeit ein Messer den Körper der jungen Frau berührt. "Die eigentliche Brutalität ergibt sich eher aus dem, was in den Köpfen der Zuschauer vor sich geht, als aus dem, was tatsächlich auf der Leinwand zu sehen ist." [5] Was bleibt, sind letztlich nur Großaufnahmen, die zum Teil in Zeitlupe gedreht wurden. Was bleibt, sind Einstellungen von dem zum Auge gewordenen Duschkopf, von Marions Schultern, Händen und ihrem schmerzerfüllten Gesicht und natürlich Bates Händen inklusive Messer. In eindringlichen Bildern krallt sich Marion nach der unglaublichen Tat am Duschvorhang fest, krallt sich in ihren letzten noch verbliebenen Minuten fest. Stille. Ihr Blut strömt gen Abfluss und steht als Metapher für ihr davonfließendes Leben.


Heute ranken sich um diesen erschreckend oft zitierten magic moment der Filmgeschichte zahlreiche Mythen, Legenden und Anekdoten, von denen sich die meisten allerdings als falsch oder als unbegründet herausstellen. Da ist zum Beispiel das Gerücht, dass Janet Leigh rein gar nichts von der Szene wusste und daher völlig unvorbereitet auf dem Set erschien. Wieder eine zwar interessante, jedoch auch hier wieder äußerst haltlose Anekdote besagt, dass Hitchcock extra eiskaltes Wasser in Anspruch nahm, um Janet Leighs Schrei realistischer klingen zu lassen. 1973 behauptete Saul Bass, dass er bei der Szene alleiniger Regisseur sei. Nichtsdestotrotz wurde auch diese Annahme von einigen Crewmitgliedern zurückgewiesen, unter anderem von Janet Leigh selbst, die nach Beendigung des "Jahrhundertmordes" ersteinmal für einige Zeit nicht mehr unter die Dusche wollte, weil der nachhaltige Schrecken groß war und sie sich deshalb fürchtete.

Erklärungsversuche

Aktuell kann das Ende von "Psycho" durch seine psychologisch äußerst fragwürdige Überzogenheit wahrlich keinen mehr beeindrucken wie das zu seinem Entstehungsjahr geradezu euphorisch der Fall war. Und trotzdem kann man Hitchcocks Erklärung und Auflösung vor allem bei Erstsichtung einen gewissen "Aha-Effekt" nicht absprechen. Denn schon allein Norman Bates Schlussmonolog nach dem aufschlussreichen, aber emotionslosen Auftritt des Psychiaters, der sich endgültig in seine Mutter transformiert hat, ist bei näherer Betrachtung reichlich nihilistisch, zeigt er uns doch, dass diesmal der Tod über das Leben gesiegt hat, dass Norman bis in alle Ewigkeit an seine Unschuld glaubt und sein Handeln eine Daseinsberechtigung intus hat und durchaus legitim ist, und dass sein letztendliches Dahinvegetieren und Starren den Zuschauer wiederum dazu zwingt, genauso hilflos in die Leere zu schauen. Norman beziehungsweise seine Mutter spricht zu uns (auch wenn das häufig erwähnte "sie" im Monolog am ehesten die Polizisten und alle restlichen Akteure impliziert) und wir können nur tatenlos zuhören. Die Schlusseinstellung mit Normans Wagen, der aus dem Sumpf hinter dem Motel gezogen wird, symbolisiert die Tiefe einer Psyche, die der Film – vordergründig zwischen den Zeilen – darzustellen versucht.


Weitere interpretatorische Ansätze

"Psycho" hat während Marions Flucht eine Szene im Gepäck, bei der es sich um ein Weiteres lohnt, genauer, ja, konzentrierter hinzuschauen. Das betrifft jene Passage mit dem Polizisten, der auf Marion aufgrund der Übernachtung in ihrem Auto aufmerksam wird und sie mit etwaigen Fragen konfrontiert. Der Polizist ist ein reichlich seltsamer Mann, er ist die einzige Person im Film, dessen Augen durch eine dunkle Sonnenbrille bedeckt ist und man somit seine richtigen Augen nicht vollends erfassen kann. Seine kleinere, eigentlich harmlose Konversation mit Marion kommt eher einem richtigen Verhör gleich, von seinem geheimnisvollen Auftreten ist nicht nur der Zuschauer irritiert und fühlt sich unwohl, gerade wenn es gegen Ende der Sequenz den Anschein hat, als wenn Marion durch den Polizisten im wahrsten Sinne des Wortes „verfolgt“ wird. Das ist Hitchcocks Version der Angst vor einer Polizeikontrolle oder prinzipiell vor den Gesetzeshütern. "Der Polizist verkörpert unsere und Hitchcocks Paranoia, von den gefühllosen Augen des Gesetzes bespitzelt zu werden." [6]

Eine andere Sache betrifft das von Marion gestohlene Geld, das für einen ganzen Kriminalfall verantwortlich ist und die Suche danach schnell in den Hintergrund gedrängt wird. Als MacGuffin konzipiert, spricht Konrad Licht dem Geld eine Bedeutung für die amerikanische Bevölkerung zu. "Die kapitalistische Grundeinstellung der USA wird dem Zuschauer verdeckt verdeutlicht. Letzten Endes musste Marion ihr Leben lassen, da sie das Geld brauchte um eine Heirat und ihr allgemeines Leben zu verwirklichen. Das Autokennzeichen mit den Buchstaben NFB kann als Symbol für die gesellschaftliche Kritik aufgefasst werden. Dabei stellt die Autofirma Ford die allgemeinen Kapitalgüter dar. In den Initialíen stecken die Wörter Norman Ford Bates, wodurch eine Verbindung zwischen dem Mörder und dem Kapitalismus entsteht." [7]


Zum Schluss erlaubt sich der Rezesent auf die Sequenz mit dem Sheriff hinzuweisen. Lila und Sam besuchen den Sheriff (auch Bürgermeister) und seine Frau. Es ist spät in der Nacht. Zusammen wollen sie Bates in seinem Motel anrufen und so den Fall des verschwundenen Privatdetektivs klären. Doch zeitgleich mit der Zusammenkunft der 4 Protagonisten macht sich schon rein visuell ein Konflikt breit, der sich anhand der Tatsache manifestiert, dass beide Parteien unterschiedliche Kleidung tragen. Lila und Sam Straßenkleidung, der Sheriff und seine Frau treten im Schlafanzug auf. Diese Art des Generationenkonflikts nimmt in dem anschließenden Gespräch jedoch eine immer größer werdende Rolle in Anspruch, was sich unter anderem in Folgendem reflektiert: Es kommt zu keiner Einigung, zu keiner befriedigenden Lösung zwischen allen anwesenden Beteiligten, zwischen den jungen und den alten quasi. Auch wird die Frage, wer denn überhaupt auf dem Friedhof liegt, wenn es nicht Norman Bates´ Mutter ist, vergeblich beantwortet.

"Psycho" - Provokation auf Zelluloid gebannt

Alfred Hitchcocks Werke waren zum Großteil schon immer Filme, die sich der Provokation verschrieben. Längeres Küssen als sonst, Vergewaltigung, explizite Gewalt und Andeutung von Sex sind nur ein paar Dinge, die der hiesigen Zensur von damals Sorgen bereitete. Doch Hitchcock verstand es zumeist, den Kürzungen kreativ zu umgehen. Auch "Psycho" spielt in dieser Liga, mehr noch, "Psycho" ist ein einziges großes Wagnis. Von der Duschszene (die in vielen Ländern nur zerstückelt bis gar nicht enthalten war) und Arbogasts Mord wurde bereits Bericht erstattet, ebenso vom Beginn und dem plötzlichen Tod der Hauptdarstellerin, was fehlt, ist die Tatsache, dass "Psycho" der bis dato erste Film überhaupt war, in dem man eine Toilettenspülung sehen und hören kann. Selbstverständlicherweise machte das den Zensoren der USA am meisten Sorgen, besagte Sequenz wurde jedoch letzten Endes nur deshalb nicht herausgeschnitten, da sie ein wichtiger Bestandteil der Handlung sei. Die Toilette erfüllt also eine dramaturgische Funktion, sie ist der entscheidende Gegenstand, in dem ein Beweisstück (hier: Marions Notizen mit Geldrechnungen) verschwindet.


Bernard Herrmann & sein Score

Auf diesem Blog hatte ich ja bereits schon das "Psycho"-Theme vorgestellt, de facto eines der schaurigsten und bekanntesten Stücke überhaupt. Auch hatte ich erwähnt, dass Hitchcock seinen Film ursprünglich nicht mit Musik untermalen wollte, er aber dann von seinem Protegé Bernard Herrmann ("Immer Ärger mit Harry"; "Der unsichtbare Dritte") Immer so begeistert war, dass er seine Gage sogar verdoppelte. Und ja, Herrmanns Partitur ist der Motor des Filmes. Der Spannungserzeuger. Ohne Herrmann wäre "Psycho" nur halb so atmosphärisch dicht und in Sachen Suspense nur halb so wirksam. Gerade das Stück "The Murder", welches Herrmann für die Duschszene komponierte, bleibt unvergesslich. Dabei entspringen insbesondere die tiefen Basstöne einer Inspiration der Dante-Sinfonie von Franz Liszt. Mit Violinen, Violen, Violoncelli und hintergründigem Kontrabass-Spiel polarisiert der Score den Zuschauer. Extreme Lagen, kreischend hohe Töne entsprechen dem Frust, niedrige wiederum der Verzweiflung. Bei Norman Bates´ erstem Auftritt ist im Übrigen sogar gar keine Musik auszumachen. Das ist ein fast vollständig in die Tat umgesetztes Streichorchester, bei dem man nicht drumherum kommt, dass Bernard Herrmann hier etwas ganz Besonderes umgesetzt hat.

Der Cast inklusive seiner Qualitäten

Ungewöhnlicherweise verzichtete Hitchcock in "Psycho" seitens der Besetzung auf wohlklingende Namen. Nichts da mit James Stewart oder Grace Kelly, keine Ingrid Bergman, kein Cary Grant. Stattdessen girff der Meisterregisseur auf unbekannte Darsteller zurück, die erst durch "Psycho" über Nacht zum Star wurden. Nach ihrem Auftritt in Orson Welles´ düsterem film noir "Im Zeichen des Bösen" war die bekannteste sicherlich noch Janet Leigh ("Botschafter der Angst"; "The Fog – Nebel des Grauens"), die auch dort in einem Motel dem Wahnsinn einiger Psychopathen ausgeliefert war und für ihr Überleben kämpfen musste. Es wird gemunkelt, dass Hitchcock ihr deshalb die Rolle angeboten hätte. Aber gut, Leigh nahm den Job schließlich für eine Gage von etwa 100.000 Dollar an, trotz, dass noch andere Schauspielerinnen dafür vorgesehen waren (Eva Marie Saint, Piper Laurie, Hope Lange usw.), und bereicherte den Film summa summarum mit einer großartigen Performance – und das, obwohl sie als Hauptdarstellerin nur eine geringe Screentime aufweisen kann und im Rahmen der Duschszene sogar mehrmals blinselte, als die Kamera ihre offenen Augen fokussiert.

Anthony Perkins ist nichtsdestotrotz der Star. Er brilliert. Sein Mimikenspiel, seine Aura, seine Gestik, seine Artikulation verleihen dem Film eine weitere bedrohliche Note. Vorher war Perkins allerdings als Fernsehdarsteller bekannt und erhielt für die Rolle des Norman Bates eine Gage von 40.000 Dollar, dessen Summe einem schon mal begegnet sein müsste. Mit Vera Miles ("Der schwarze Falke"; "Der falsche Mann") Martin Balsam ("Die zwölf Geschworenen"; "Mord im Orient-Express") und John Gavin ("Mitternachtsspitzen"; "Spartacus") komplettierte Hitchcock den umwerfenden Cast, der bis in die kleinsten Nebenrollen perfekt besetzt zu sein scheint.

Hitchcocks obligatorischer Cameo-Auftritt

Vorab ersteinmal die Warnung, dass der folgende Absatz spoilerlastig ist. Denn dieser Absatz widmet sich ausnahmsweise mal dem Hitchcock-Cameo. Ist er in den meisten Filmen des Regisseurs doch sehr offensichtlich und nur unschwer zu erkennen – nicht aufgrund seiner üppigen Gestalt -, schlägt "Psycho" wieder in eine andere Kerbe ein. Hitchcock hielt es in diesem Zusammenhang für besonders notwenig ganz zu Anfang aufzutreten, sodass das Publikum nicht unnötigerweise von der Handlung abgelenkt wird. Die Szene als solches ist darüber hinaus tendenziell nicht bedeutsam, von allen Cameos sicherlich der unscheinbarste und zeigt den "Master of Suspense" nach ca. 7 Minuten mit dem Rücken zu Marions Büro mit Cowboyhut.

Ein abschließendes Resümee


Es dürfte eigentlich klar sein, was fazitmäßig in Bezug auf Alfred Hitchcocks "Psycho" hier erscheinen müsste. "Psycho" ist einer meiner absoluten Lieblinsfilme, der sich eine Würdigung in Form dieses Essays redlich verdient hat. Hitchcock lässt hier eine Atmosphäre der beängstigenden Ungewissheit und des unterschwelligen Irrsinns entstehen, die mit so wenigen, aber ungemein wirksamen Mitteln wahrlich beispielhaft ist. Sein zynischer Humor verbunden mit moralischen Implikationen und doppeldeutigen psychotischen Motiven, die Technik, die Musik, die Darsteller, die ganze Exposition, das Spiel mit dem Zuschauer und seinen Ängsten, "Psycho" ist ein Musterbeispiel eines zum Kult gewordenen Psycho-Thriller, ein herausragender Kosmos des Grauens, der unter der Oberfläche so viel mehr beherbergt als nur plumpe seelische und körperliche Gewalt. Oder wie es François Truffaut zu sagen pflegte: "Die ganze Konstruktion des Films kommt mir vor, als steige man eine Art Treppe der Anomalie hinauf. Zuerst ein Beischlaf, dann ein Diebstahl, dann ein Mord, zwei Morde und schließlich Geisteskrankheit." Ein Meilenstein.

8 | 10

Anmerkungen

[1]Alfred Hitchcock im Interview mit François Truffaut
[2]Alfred Hitchcock im Interview mit François Truffaut
[3]Alfred Hitchcock im Interview mit François Truffaut
[4]Oliver M. Strate aus "Psycho" - Eine psychodynamische Betrachtung
[5]Anthony Perkins aus Seite 3 im Booklet der DVD "Psycho" (Universal, 2003)
[6]Konrad Licht aus einer Hausarbeit zum Vergleich 1960 Original & 1998 Remake
[7]Konrad Licht aus einer Hausarbeit zum Vergleich 1960 Original & 1998 Remake


Quellen

●François Truffaut: "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" (1966). Heyne, München 2003
●Paul Duncan: "Alfred Hitchcock – Sämtliche Filme" (2005). Taschen, Köln 2003
www.Wikipedia.de/Psycho (1960)
●John W. Wall: "Touch of "Psycho?"
●Oliver M. Strate: "Psycho" - Eine psychodynamische Betrachtung
Konrad Licht: Eine Hausarbeit zum Vergleich 1960 Original & 1998 Remake
●Booklet & Making Of der DVD "Psycho" (Universal, 2003)

Montag, 8. Dezember 2008

Der Versuch einer Filmanalyse: Die Vögel (1963)


Story:
Mitch Brenner kommt mit seiner neuen Freundin Melanie in den malerischen Küstenort Bodega Bay, um sie seinen Eltern vorzustellen. Doch das ist nicht das einzig Unangenehme für die zukünftige Frau. An diesem Tag benehmen sich die Vögel der Küste besonders seltsam. Doch es wird noch schlimmer: Kurz darauf greifen ganze Schwärme die Einwohner an, die völlig hilflos den Attacken ausgeliefert sind, was einen wahrscheinlich hoffnungslosen Überlebenskampf zur Folge hat...

Kritik/Analyse:

Horrorfilme lassen sich zumeist mit Monstern, Zombies, Vampiren oder Mutanten assoziieren. Doch wozu brauch man solche Ungeheuer aus der Fantasiewelt, wenn man Tiere, sprich einfache Vögel haben kann? Das dachte sich womöglich auch Alfred Hitchcock ("Vertigo - Aus dem Reich der Toten"; "Psycho"), als er seinen Film "Die Vögel" ("The Birds") plante, der sich in seinem Spätwerk neben "Der unsichtbare Dritte" (1959) und "Psycho" (1960) als ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens gilt, auf dem ein paar mehr oder weniger schwache Filme folgten. Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier aus dem Jahr 1952 (Lediglich das Thema der angreifenden Vögel wurde übernommen.), deren Geschichten auch für die Hitchcock-Filme "Riff-Piraten" (1939) und "Rebecca" (1940) Vorlage dienten, erschuf der Regisseur einmal mehr einen Klassiker, einen ungewöhnlichen wie beklemmenden Horror-Schocker, der darüber hinaus als „Mutter“ aller gruseligen Tierfilme ohne realen Hintergrund angesehen werden kann, und der ohne irgendwelche digitalen Effekte auskommt.

Wenn man "Die Vögel" zuallererst einmal narrativ betrachtet, werden einem schon da interessante Details seitens der Inszenierung geboten, derer sich Hitchcock bedient. Unbestrittene Tatsache ist, dass seine Filme häufig nicht nur handelsübliche Thriller darstellen, nein, Hitchcock erforscht stattdessen im Gewand eines Thrillers gern die Schatten- und Lichtseiten der menschlichen Existenz, er bebildert etwaige Formen des menschlichen Zusammenlebens. Das manifestiert sich auch eindeutig in "Die Vögel". Da geht es nicht nur vordergründig um Vögel und ihren Angriff auf die Einwohner in Bodega Bay, einer malerischen Kleinstadt nordwestlich von San Fransisco, sondern eher um die Frage wie Menschen in einer Extremsituation miteinander zurecht kommen und ob sie es überhaupt können, sodass sich unter der Oberfäche eines – so scheint es - stinknormalen Tier-Horrorstreifens eine durchaus intelligente Deutung versteckt, die den Film vor allem nicht als reinen Unterhaltungsfilm per se abstempelt, denn mehr auf eine komplexe Ebene hebt.


Neben dem zentralen Thema der Kontrolle des Chaos, einer dichten Studie über Gewalt, Einsamkeit und Unbefangenheit, durchziehen hauptsächlich metaphorische Motive den Film, die ein umfassendes Repertoire an Symbolik mit sich bringen. So analysiert Hitchcock in den meisten Szenen Menschen in "Käfigen", anstatt Vögel in Käfigen. Er kehrt somit also das Grundprinzip um und führt es ad absurdum, um somit verschiedenste menschliche Verhaltensweisen zu porträtieren. Es sind nicht die Vögel, die sich schützen, es sind die Menschen, die sich in ihren engen Örtlichkeiten, die zu Gefängnissen ausgeweitet werden, seien es nun Telefonzellen oder Autos, vor der subversiven Kraft der Natur in Form der aggressiven Vogelschwärme zu schützen versuchen. Allerdings können diese kulturellen "Käfige" nur kurze Zeit ihren Zweck des Schutzes erfüllen. Melanie Daniels (Tippi Hedren), die "kühle Blonde", versteckt sich beispielsweise in einem Auto während des Angriffes auf die Schule, welches wenige Sekunden später nicht mehr standhält, genauso wie das Haus der Brenners oder die Telefonzelle, in der sich Melanie versteckt, gleichzeitig aber mit ansehen muss, wie das Glas langsam aber unaufhaltsam zu Bruch geht. De facto Melanies "Unglückskäfige", aber auch die „Unglückskäfige“ der meisten anderen Leute, aus denen sie sich erst durch größere Anstrengung befreien können. Hier liegen Schutz und Eingeschlossenheit dicht beieinander, hier wird wie in so vielen anderen Filmen des Regisseurs enge Räume oder klaustrophobische Zellen eine besondere Rolle zuteil.

Doch nicht nur Freiheit und Gefängnis sind es, die nah beieinander liegen, mit dem strengen Gegensatz der Liebe und dem Tod verhält es sich genauso, sodass letztendlich eine klare Abtrennung beider Welten praktisch nicht existieren kann. Für diesen Zusammenhang sind in erster Linie die geheimnisvollen "love-birds" verantwortlich, jene Vögel, die die einzigen flugartigen Lebewesen zu sein scheinen, welche sich nicht andersartig auf plötzliche Art und Weise in ihrem ganzen Wesen verhalten, jene unscheinbare Vögel, die im Film sowohl als Geburtstagsgeschenk für die kleine Cathy Brenner (Veronica Cartwright) fungieren als auch immer brav in ihrem Käfig sitzen. Verantwortlich in dem Sinne, dass die hanndlungsvorantreibenden „love-birds“ zwar ansich als gut, liebenswürdig, ja, gar als süß erscheinen, sie in gewisser Hinsicht sogar die Ordnung in all dem Chaos markieren, nichtsdestotrotz haben auch diese von Grund auf sympathischen Vögel einen roten Bauch, eine der zentralsten, markantesten Farben im Film, mit der Hitchcock vor allem den Tod ansich, das Leiden, ferner die Figuren, die durch des Vögels verursachten Chaos zum Opfer fallen, wiederspiegelt.


Aber auch sonst ist Hitchcocks ganze Inszenierung im Kontrast vieler anderer Werke eigentümlich. Den Anfang macht dabei schon die Tatsache, dass "Die Vögel" als einer der einzigen Streifen des Altmeisters nichts weiter als pure Fiktion, reine Phantasie darstellt, ohne politischen Bezug, ohne irgendwelche unterschwelligen Aussagen eben dieser Art, auch wenn etwaige Rezensenten anderer Meinung sind. Da wird dann oftmals von "Weltuntergangsstimmung" (irrtümlicherweise) philosophiert. Abgesehen von kleineren Handlungssträngen rund um Liebe, Eifersucht, Schmerz und ebenso kleineren humoristischen Einlagen, die in diesen Anwendung finden, ist es vor allem die Stille, die unheimliche Stille zwischen den zahlreichen Vogelangriffen, welche für Hochspannung der subtileren Art sorgt. Ansonsten hält sich Hitchcock inklusive seiner doch recht unwesentlichen Nebenhandlungen eher streng am klassischen Drama fest, was unter anderem durch die Zeit – nämlich 2 Tage im Film - untermauert wird. Und dann gibt es da freilich noch die obligatorischen Hitchcock-Momente, diese allseits bekannten Momente, die aufzeigen, was Suspense auch wirklich bedeudet und zugleich des Filmemachers einwandfreies handwerkliches Geschick zur Spannungserzeugung offenbart. Wenn sich beispielsweise Melanie, eine der Hauptfiguren, in einer der Schlüsselstellen auf eine Bank neben der Botega Bay Schule setzt, sich hinter ihr aber mehr und mehr Raben auf einem Klettergerüst niederlassen, um schließlich im erstbesten Augenblick anzugreifen, und der Zuschauer spannend beide Parteien beobachtet, erkennt man darin Hitchcocks wahre Klasse.

Nicht ganz unproblematisch, "Die Vögel" in einer halbwegs vernünftigen Besprechung zu würdigen, ist die nicht gegebene Lösung nach der Frage des warum. Warum greifen die Vögel überhaupt an? Aus welchem Grund? Zumal es sich hier um keine Raubvögel handelt, sondern nur um Raben oder Möwen. Werden Melanie und Mitch (Rod Taylor) am Ende doch noch ein Paar, so wie die beiden Liebespapageien (Sperrlingspapageien) oder verbleibt Melanie gar in ihrem kindlichen Zustand? Hitchcock und Evan Hunter "Fremde, wenn wir uns begegnen"; "Auf leisen Sohlen kommt der Tod") liefern darauf keine Antworten. Was die Vögel angeht: Naja, sie sind halt einfach da, ohne Hintergrund, ohne Vergangenheit, sie sind in ihrer Konzeption absolut. Fakt ist jedenfalls, dass sich die Angriffe laut einer Radiomeldung rund um Bodega Bay konzentrieren, dass die Angriffe in etwa mit dem Auftauchen von Melanie Daniels (Tipi Hedren) anfangen, wenngleich bereits vor der Zoohandlung in San Fransisco Schwärme von Vögeln auf verdächtige Weise am Himmel zu beobachten sind. Eine hysterisch agierende Frau macht später sogar Melanie dafür verantwortlich. Laut Wikipedia.de schlägt Robin Wood in seinem Buch "Hitchcock´s Films" drei Lesearten der Vögel vor: eine "kosmologische", eine "ökologische" und eine "familiale". So könnte zum Beispiel nach der ökologischen Leseart das Motiv der Vögel schlicht und einfach Rache sein, die sich dahingehend äußert, dass die Vögel die ganze Zeit über (Die Szene in der Zoohandlung bestätigt geradezu diese These.) in Käfigen eingesperrt sind und sich nun an den Menschen rächen wollen, die ihre Natur, ihre Umwelt ausbeuten, obgleich sich die angesprochenen, von Melanie mitgebrachten "love-birds" wiederum die ganze Zeit über friedlich in ihrem Käfig aufhalten.


Handwerklich ist Hitchcocks "Die Vögel" mindestens genauso faszinierend wie rein storytechnisch betrachtet. Obwohl das Symbol der Vögel häufig in des Regisseurs Filmen auftaucht – unter anderem in "Psycho" in Norman Bates´ Zimmer, in "Marnie" (1964), in seinem Frühwerk "Erpressung" (1929) oder auch in "Vertigo – Aus dem Reich der Toten" als Anstecker an Judys Bluse -, ist "Die Vögel" nichtsdestotrotz der erste Film, bei dem die Vögel als Hauptthema eingesetzt wurden und zugleich einmal mehr eine bedrohliche Rolle spielen. Und genau diese Vögel wurden entsprechend für die Szenen dressiert. Man kann demzufolge richtige Vögel, abgesehen von ein paar Ausnahmen (Vögelatrappen, abgerichtete Vögel), durchs Bild fliegen sehen, wofür der Tricktechniker Ub Iwerks damals zurecht den Oscar in der Kategorie Beste visuelle Effekte in Empfang nehmen durfte. Auch heute noch sind diese Effekte erstaunlich gut gealtert und der Beweis dafür, dass sich der Filmemacher auch in Sachen Action erfolgreich etabliert hat. Desweiteren enthält "Die Vögel" keine Musik, keinen Score im herkömmlichen Sinne. Bernard Herrmann ("Vertigo – Aus dem Reich der Toten"; "Psycho"), mit dem der Regisseur seit "Immer Ärger mit Harry" zusammen arbeitete, komponierte mit dem deutschen Komponisten Oskar Sala eine elektronische Synthesizer-Partitur, welche sich zur Erzeugung der etwaigen Vogelgeräusche und Klänge verantwortlich zeichnet, sodass im fertigen Film keine einzige natürliche Vogelstimme zu hören ist. Zur Erzeugung der Atmosphäre ist – wie sich letztlich herausstellt -, die fehlende musikalische Untermalung neben Robert Burks ("Das Fenster zum Hof"; "Der unsichtbare Dritte") dynamischer Photographie, ungemein wichtig und gilt darüber hinaus als Meilenstein, musikwissenschaftlich betrachtet.

"Dieses Mal habe ich jedoch eine ernste Absicht hinter dem Vergnügen versteckt. Denn gleich unter der oberflächlichen Spannung und dem Grauen von "Die Vögel" verbirgt sich eine schreckliche Deutung. Wenn Sie diese erkennen, werden Sie den Film doppelt genießen."
[1] Die Frage ist nur, wie. Aber keine Sorge, mithilfe eines speziellen Farbsystems, welches elegant in die Dramaturgie eingebettet ist, lässt sich vielleicht diese von Hitchcock tangierte Deutung herausarbeiten. Denn sein Horrorfilm ist optisch mit einigen Besonderheiten ausgestattet, was dafür sorgt, dass Farben per se eine wichtige Rolle in "Die Vögel" spielen, so wie auch in Hitchcocks vorherigen Werken wie zum Beispiel in "Vertigo – Aus dem Reich der Toten". Als die wichtigsten Farben in diesem Film hier wären Rot, Gold, Grün und der Gegensatz zwischen schwarz und weiß.


Stichwort Figurenkonstellation. Da gibt es die reiche, leicht arrogante, kokett gekleidete Melanie Daniels (Tippi Hedren), die wieder einmal dem Bild einer taffen Bloden entspricht, die häufig in Hitchcocks Œuvre als positive Frauenfiguren herhalten müssen. Sie führt ein wildes Leben, hat keine finanziellen Sorgen aufzuweisen, kümmert sich nicht um andere, was besonders an der schnellen Autofahrt nach Bodega Bay in ihrem offenen Cabriolet deutlich wird. Komischerweise ist gerade sie es, die zum ersten Opfer der Vogelangriffe avanciert. Rod Taylor ("Giganten"; "Die Zeitmaschinen") verkörpert indess einen ebenfalls wohlhabenden Sunnyboy, um dem sich das gesamte ambivalente Frauengeflecht, bestehend auch seiner etwas merkwürdigen, weil schroffen Mutter Lydia Brenner (Jessica Tandy), seiner kleinen Schwester Cathy Brenner (Veronica Cartwright), seiner ehemaligen Geliebten Annie Hayworth (Suzanne Pleshette) und zu guter Letzt noch eben jene Melanie Daniels, kreist. Hier wird es nämlich ganz deutlich, Hitchcocks stilistisches Prinzip, die Vögel als Metapher für seine Protagonisten zu benutzen. Dass unter all diesem Chaos schauspielerische Höchstleistungen keine Selbstverständlichkeit sind, dürfte klar sein. Hitchcock lässt seine Figuren stattdessen lieber schreien, kreischen und sich auf hysterische Art und Weise in Sicherheit bringen, ja, geradezu rennen. Extrem untergeordnet sind sie also, diese (grundsoliden) Darsteller, die mehr Verzweiflung, Wut und Angst dem Zuschauer näher zu bringen versuchen, denn durch herausragendes method acting zu glänzen wissen.

Fazit:

Fazitmäßig gibt es an "Die Vögel" in seiner Summe gar nichts bis wenig zu kritissieren. Allenfalls die mitunter strunzdummen, beinah infantilen Handlungen der Charaktere, besonders im Showdown, stößen ein wenig sauer auf, genauso wie die unrealistischen Verhaltensweisen der Vögel in der Schlusssequenz, die sich nicht so recht in das Grundgerüst des bisher Geschehenen einfügen, bieten Anlass zur Kritik. Aber sonst ist Hitchcocks Ausfug ins Horror-Metiert, bei dem er seine gefiederten Freunde auf seinen Cast loslässt, psychologisch komplex, atmosphärisch dicht, narrativ mehrdimensional und strotzt vor handwerklich begnadeten Raffinessen und stark durchkomponierten Bilderfolgen. Ein wegweisender Klassiker halt oder wie es Camille Paglia in ihrem Buch "Die Vögel. Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock" attestiert: "Hitchcock gelingt es in "Die Vögel", Furcht und Schrecken in eigenartig-stimmungsvolle Schönheit umzukehren."

6 | 10
Anmerkungen


[1] Alfred Hitchcock auf Seite 3 im Booklet der DVD „Die Vögel“ (Universal, 2001) Quellenverzeichnis● François Truffaut: "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? (1966)". Heyne, München 2003● Camille Paglia: "Die Vögel. Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock". Europa Verlag, Hamburg/Wien 2000www.Wikipedia.de/Die Vögel (Film)
● Booklet & Making Of der DVD "Die Vögel" (Universal, 2001)

Montag, 20. Oktober 2008

"Immer Ärger mit Harry" / "The Trouble with Harry" [USA 1955]


Für nicht wenige Menschen würde der unerwartete Fund einer Leiche womöglich schwere seelische Schäden nach sich ziehen, vielleicht sogar dafür sorgen, dass man für absehbare Zeit nicht mehr Herr seiner Sinne sein kann. In Alfred Hitchcocks Krimikomödie "Immer Ärger mit Harry" verhält es sich hingegen anders, ein wenig "exotischer". Basierend auf Jack Trevor Storys Roman, war "Immer Ärger mit Harry" ein filmisches Experiment seines Regisseurs, um hauptsächlich zu beobachten, wie das Publikum auf besonders schwarzen, englischen Humor reagiert, der in der Handlung als wichtigstes Stilmittel verankert ist. "Nicht sonderlich umwerfend", würde sich bald herausstellen, schließlich wurde der Film von den Medien und den Zuschauern gnadenlos zerrissen und ging somit recht schnell unter. Zu Unrecht – wie im Falle des Meisterwerks "Vertigo", das erst Jahre später seinen ihm zustehenden Ruhm erhalten sollte. Denn "Immer Ärger mit Harry" ist ein wahres Kleinod von einem Film. 

Er bringt insofern alles mit, was einen echten Hitchcock ausmacht, und doch ist er aufgrund einiger Konventionen, die der Regisseur ad acta legt, kein typischer Hitchcock und fällt demnach stark aus der Bahn. Anstatt auf obligatorische Suspense-Elemente, darunter Thrill und die Suche nach einem Mörder, zurückzugreifen, lässt der Altmeister seine Protagonisten, die ausnahmsweise nicht nach Geld, Macht oder der Weltherrschaft streben, lieber reden und reden und reden. Statt einer düsteren, kalten und infernalischen Kulisse liegt der Fokus auf einem ländlichen Sommer-Idyll, das von Robert Burks entsprechend heiter, fröhlich und in herbstlichen Farben eingerahmt und zum Teil mit durchaus skurrilen Einstellungen veredelt wird. So verhält es sich zudem mit Bernard Herrmanns fröhlicher, durch und durch einladenden Partitur, die dem Charakter der bunten Landschaft in nichts nachsteht, und die den Anfang einer langjährigen, daher bedeutenden Zusammenarbeit mit dem Meisterregisseur markiert. Und doch ist "Immer Ärger mit Harry" etwas Besonderes. Im Kontext mit Hitchcocks Filmografie gar etwas Einzigartiges.

Das liegt in erster Linie an jenen Situationen, aus denen spezifische humoristische Einlagen hervorgehen. Makabre Situationen. Situationen, die von grotesken Wendungen leben. Man redet von einer Leiche, flucht und lästert über sie, wirft sie in die Badewanne, gräbt sie aus, nur, um sie im nächsten Augenblick wieder zu begraben, als sei es das Natürlichste auf der Welt. Von Trauer keine Spur. Das sind unter einem stets pragmatischen Blickwinkel liebevoll gezeichnete Situationen, die sich fernab etwaiger aufregender Weltereignisse abspielen. Getragen wird der Film neben diesen morbiden Vorgängen vor allem durch eine ungeheure Dialogvielfalt. Dialoge, die von sarkastischen Seitenhieben und zynischen, ja gar latent sexuellen Anspielungen gekennzeichnet sind. Zweifellos überrascht John Michael Hayes mit Hilfe eines jeden einzelnen, zugegebenermaßen trockenen Wortgefechts den Zuschauer, indem er die dadurch ungemein amüsant(er) werdende Handlung permanent in ein anderes Licht rückt.


Nur hier und da ist der aufkeimende Slapstick etwas zu viel (das Stolpern des Arztes), nur an dieser und an jener Stelle wirkt das Drehbuch zu konstruiert, was sich gerade im, obschon witzigen, Finale bemerkbar macht. Größte Sympathie findet sich aber definitiv in den Figuren wieder. Unmoralisch und beinah skrupellos hantieren sie mit dieser Leiche, plappern nebenbei gar über profanste Weltzusammenhänge. Über Harry, der einem in der Tat nichts als Ärger macht, aber auch über die landschaftliche Idylle, über Liebe und über menschliche Probleme. De facto aus der Zeit gefallene, sich um nichts kümmernde, kleine, jedoch bemerkenswert nette Zeitgenossen, die nicht zuletzt durch ein illustres Darstellerensemble glaubhaft funktionieren – darunter John Forsythe als hoffnungslos unbegabter und erfolgloser "Künstler" Sam Marlowe, Shirley MacLaine als betont attraktiv anzuschauende Jennifer Rogers oder der als Krönung fungierende Edmund Gwenn als im wahrsten Sinne des Wortes glückloser Capt. Albert Wile.

Letztendlich werden all' jene enttäuscht werden, die sich von "Immer Ärger mit Harry" den für den Filmemacher typischen Spannungsreißer versprechen. Doch weit gefehlt. Hitchcock schert sich diesmal nicht um psychologische Abgründe, Schrecken, Gewalt, Tod und Kampf. Er zerstört seinen ursprünglichen Plan und kehrt seine Technik mit erschreckender Leichtigkeit einfach um. Dabei ist eine höchst vergnügliche, unverwechselbar charmante und bissige, aber an keiner Stelle realistische Komödie vor malerischer, leicht surrealer Kulisse herausgekommen, die nur einen kleinen, eher sanften Krimianteil in sich trägt, deren Komik vorzugsweise dem Understatement entspringt und schlussendlich unterschätzt ist.

7 | 10