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Freitag, 7. Dezember 2012

Die Bond-Retro; geschüttelt, nicht gerührt #9


»SAG NIEMALS NIE«
»NEVER SAY NEVER AGAIN«
(GB, USA 1983; Regie: Irvin Kershner)

"Nie", das war sein Wort vor "Sag niemals nie". Danach hat er es noch einmal Richtung Kamera formuliert, wirklich, ernsthaft, James Bond war einmal, Sean Connery ist raus, mit einem Augenzwinkern, eine Frau im Arm. Nie wieder. Dass Connery mit einiger Verzögerung seine 007 an die Kette legte, ist ein Zeichen dafür, dass der Film – irgendwie ein Bond-Film und irgendwie auch keiner – seinen Hauptdarsteller auf die Schippe nimmt, indem er ihn tausende Martinis schlürfen lässt, die immer trocken bleiben, und sich generell über das Alter des in die Jahre gekommenen Rentners rücksichtslos lustig macht, der gesundheitlich zwingend von seinen kulinarischen Gewohnheiten ablassen muss. "Sag niemals nie" verzichtet darauf, das Original "Feuerball" noch einmal eisern nachzustellen, sondern komponiert die wesentlichen Handlungssegmente wesentlich aufregender mit viel Drive, ordentlich Zeitgeist-Kokolores und erotischer Genussfreudigkeit: Kim Basinger im Leoparden-Bikini, ein nicht gänzlich ausgereifter Füllfederhalter, ein kühner Pferdesprung, ein elektrisch-tödliches Welteroberungsspiel, eine Prügelei vom Fitnessraum zum Chemikalienlager, Petersilientee, Massagetraining, Präsidentenaugen, und die feingeschliffene Ironie beschwört zudem die erschütterndste Eskapade im Sexualleben Bonds herauf  – die Unterzeichnung des besten Sex schützt ihn vor dem Tod. Zwischen ausdruckslos klimpernden Musikeinlagen, einem miefigen Voyeur, Opa-Blofeld und befremdlicher Infantilität (Rowan Atkinson, die Jetpacks). Nicht gerade atemraubend, eher atemlos unzurechnungsfähig, Herr Connery.


»CASINO ROYALE«
(GB, USA 1967; Regie: Val Guest, Ken Hughes, John Huston, Joseph McGrath, Robert Parrish)
  
Kasperletheater, Psychokabinett, Wunderland, gemeinsam vereint auf einem Festmahl der Überspitzung und Überdrehung; einzustufende Qualität der Mission: unmöglich, ungenießbar, unverhältnismäßig. Fünf Regisseure bastelten am Schneidetisch dieses schleppende Kaleidoskop zusammen, es riecht nach Betriebsunfall, nach Klapsmühle und befördert sowohl den bulligen Orson Welles als auch den quirligen Woody Allen in das Kostüm der Superzocker. Einer gewinnt unfair per Spielkartenbrille und okkulten Zaubertricks, einer leidet an "sexuellen Minderwertigkeitskomplexen" und einer auf Aspirin basierenden Atombombe, gefährlich für alle hochgewachsenen Männer, nützlich für alle hässlichen Frauen. Dem Film gelingt es, minderbemittelsten Humor ohne Rücksicht auf ein Grundfundament an Niveau zu vermischen (groß: die deutsche Mauerexplosion; nervig: das Dialogstottern), um im Showdown die sowieso lockeren Zügel an die Wand zu schleudern: Indianer, Cowboys und die Studiokavallerie meucheln sich schließlich gegenseitig im Casino Royale, als ob es einen Kreativitätsmeuchelrekord zu brechen gelte. Anarchisch wird auch James Bond gemaßregelt – der Technik abgeneigt, kein Sexprotz, keine Laster, ein Klavierfan, altmodisch und schnöselig. Wirr erzählt und hinsichtlich jener femininen, homoerotischen Liebesverzückung gar ungemein ausgewalzt, weiß "Casino Royale" zwar nie seine bausteinartige Struktur von schwunglosen Kurzgeschichten aufzubrechen, streift aber immerhin die Kunstkultur hierbei querfeldein. Es flirten expressionistische, dadaistische, surrealistische Einflüsse miteinander. Popart, Streetart, Cabarét. Der Himmel ruft sie (und die Hölle).     

Gesamtwertungen: 6 | 10     4.5 | 10            

Sonntag, 27. Juli 2008

"Eine Leiche zum Dessert" / "Murder by Death" [USA 1976]


Der Titel des Films ist fast genauso ironisch wie genial. In diesem treffen sich die fünf besten Detektive zu einem abendlichen Dinner, das von einem seltsamen Mister Twain (Truman Capote) in seiner technisierten "Bruchbude" ausgetragen wird, sich in Wahrheit jedoch als Vorwand für ein mörderisches Spiel entpuppt. Anlass für eine der komischsten Komödien aller Komödien. Eine kauzige Komödie, die ihren Witz vor allem aus den skurrilen Charakteren, ihren Beziehungen zueinander und allerhand abstrusen Situationen destilliert. Dabei ist "Eine Leiche zum Dessert" eine Parodie, eine Persiflage an die alten Krimiklassiker berühmter Romanschriftsteller, nimmt sich deren Klischees an und überzeichnet sie konsequent in einer ebenso makabren wie schrägen Handschrift – ein Fest zum Festtag "bizarrer Banalitäten".

Seien es manipulierte, knarrende Türen, das Schreien einer Frau als Türklingel, Zuckerwatte als Spinnweben, Ratten, Nebel oder das typisch stürmisch-gewittrige, trotzdem künstlich inszenierte Wetter viktorianischer Spukhäuser: Regisseur Robert Moore und Drehbuchautor Neil Simon sind sich für nichts zu schade und ziehen beinah alles durch den Kakao, was angesichts der vielen kleinen Details und des ohnehin übermäßigen Unterhaltungsfaktors für eine mehrmalige Sichtung reizvoll ist. Sinn hat die Handlung mit absichtlich eingestreuten Plausibilitätslücken (der Schlussreigen sich überlappender Identitäten!) jedenfalls nicht, aber das ist auch gut so, entlarvt die Geschichte damit doch satirisch den häufig effektheischenden Sinngehalt jener kriminalistischen Schmuddelliteratur, für die die fünf Detektive im Film symbolisch stehen.

Einen nicht unwesentlichen Teil dafür, dass sich der Film seinen raubeinigen Charme bis heute beibehielt, verdeutlich hauptsächlich der pointiert besetzte Cast voller illustrer Persönlichkeiten, der mit einigen bekannten Stars aufwarten kann. Darunter Alec Guinness, Peter Falk, Peter Sellers und David Niven, die allesamt zwar herrlich durchgedrehte Figuren mimen, dem Zuschauer dennoch liebenswürdig, lebendig und greifbar erscheinen. Truman Capote als kleinwüchsiger, kahler und charismatischer Antagonist sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben; er ist für dieses Dinner verantwortlich und fühlt sich außerdem berufen, der beste Detektiv aller Zeiten zu sein. Peter Falk ist währenddessen der komödiantische "Hauptgang", wie er nach einem misslungenen Attentat süffisant feststellt. Er karikiert einen windigen, in den Slums aufgewachsenen Privaträcher namens Sam Diamond (eine Anspielung an den echten Sam Spade aus "Die Spur des Falken"), der aufgrund seiner trockenen Lakonie und dreisten Direktheit, seines, mehr noch: ungehobelten Temperaments, manche Lachsalve im falschen, steifen Moment der Andacht heraufbeschwört. 

Weiterhin unvergessen: der blinde Butler (Alec Guiness) im Zusammenspiel mit der taubstummen und nicht Englisch sprechenden, lesenden Köchin (Nancy Walker) und Inspektor Sidney Wang alias Peter Sellers (obschon im Humorverständnis platter, "überflüssiger" als alle anderen) mit dem werten Herr Mark Twain. Der Witz aus der letzteren Paarung ergibt sich daraus, dass Wang in seinen bruchstückhaften Sätzen nie Artikel oder Pronomen benutzt und es deshalb zu konfusen Verständigungsproblemen dank mangelhafter Grammatikkenntnisse kommt. Ein immer aktuelles, zeitloses Problem. Frisch und spritzig eben. "Eine Leiche zum Dessert" ist mehr als nur Dessert, sondern magenausfüllende Delikatesse.

7 | 10