Posts mit dem Label Der Dunkle Turm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Der Dunkle Turm werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 22. Juni 2009

Literatur: Der Turm 'Der Dunkle Turm VII' (Stephen King), 2004



Story:

Die Zeit von Rolands Ka-Tet beginnt unaufhaltsam abzulaufen. Sie nähern sich dem letzten Kampf gegen ihren großen Widersacher, dem Scharlachroten König. Roland hat sein Ziel, den Dunklen Turm, immer noch fest im Auge, doch schwere Verluste sind noch durchzustehen, bis er ihn in der Mitte des mystischen Rosenfeldes erblicken wird. Aber wird er ihn auch erreichen? Ihm immer dicht auf den Fersen ist Mordred, sein Sohn - ein missgestaltetes, spinnenartiges Etwas, das eigentlich ein Mensch hätte werden können. Zusammen mit dem Scharlachroten König wirft dieser all seine Bosheit in den Ring, um Roland doch noch aufzuhalten...

Kritik:

Jede Reise findet irgendwann einmal ihr Ende. Jede Saga, jede fortführende Reihe, jeder Ausflug in ein unbekanntes Mysterium nähert sich Schritt für Schritt ihrem Höhepunkt – und endet, mal fröhlich, mal tragisch. Nach drei Jahrzehnten, sieben Büchern und etlichen Hürden, die Stephen King zu überwinden hatte, geht auch der Ausflug des Revolvermanns zu Ende. Der Dunkle Turm, das Zentrum aller Zeiten, die Mitte aller Welten, ist nach 34 Jahren endlich in Sichtweite, der Weg ist erreicht, das Ka-Tet zerbrochen, die vielleicht komplexeste Fantasy-Saga aller Zeiten findet ihren Abschluss. Spannung, Melancholie, ein philosophisches Zeitreise-Konstrukt, Action, Humor, Fantasy, popkulturelle Bezüge, Western, Horror, Science-Fiction, Poesie, unvergessene Charaktere: Hauptzutaten Kings von Robert Browning inspiriertem Werk, das als Schlüsselwerk seines Ouevres gesehen wird, beziehen sich doch fast alle seine Storys irgendwann irgendwo auf den Dunklen Turm. Der Dunkle Turm ist de facto der Mittelpunkt in des Autors Karriere. Ein Ort, an dem alle King´schen Geschichten zueinander finden, in dem alle Fantasy-Geschichten zusammenlaufen, an dem sich alle fiktiven Welten, Orte und Personen zu einem kohärenten Ganzen verschmelzen. Nun ist die Frage: Bekommt der epische Zyklus einen würdigen Abschluss? Auch wenn alle Fragen im Laufe der langen Erzählung nicht plausibel beantwortet werden, darf schon jetzt festgehalten werden, dass sich Stephen King mit dem letzten Band selbst übertroffen hat. Es ist das letzte Mal, dass man Roland, Jake, Eddie, Susannah und Oy wiedersieht – und es ist das bisher beste und ergreifenste.

"Der Turm" evoziert schon zu Anfang einen durchaus düsteren Grundtenor, der sich im Laufe der Handlung noch weiter ausbreiten wird. Mit der Ankunft Mordreds – Rolands Sohn und zugleich Sohn des Scharlachroten Königs – führt King einen Widersacher in die Story ein, dessen Schatten sich über die folgenden fast 1.000 Seiten wirft. Nur ist Mordred kein natürlicher Antagonist, er ist stattdessen die Ambivalenz in Person. Er möchte einerseits zum Ka-Tet gehören, kann andererseits dem Drang nicht widerstehen, Roland zu töten. Seine Geburt ist grotesk, seine Transformation zur Spinne ebenfalls. Dennoch ist sein Erscheinen nur ein Highlight unter vielen. Daneben kehrt King im abschließenden Band zu seinen Wurzeln zurück, was sich dahingehend äußert, dass wieder viel gereist wird. New York wird bereist, das Algul Siento wird angegriffen, das Schloss des Scharlachroten Königs wird ausgiebig unter die Lupe genommen und zum Schluss gibt es den Dunklen Turm gratis obendrauf. Dabei hat jeder Teilabschnitt seine Momente, seine magic moments. Wäre da in New York die Rettung Stephen Kings vor einem Autofahrer (Realität und Fiktion vermischen sich hier zu einem skurrilen Ganzen - in diesem dritten Teil, der sich eindeutig in Richtung metafiction bewegt; die literarische Postmonderne hat eben auch Stephen King eingeholt), welche aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird (so virtuos, dass man ausflippen möchte) und somit ein Höchstmaß an Spannung suggeriert, ist es außerdem die schweißtreibende, aber nicht minder brillant durchkomponierte Verfolgungsjagd zu Beginn des vierten Teils in völliger Dunkelheit, die einem H. P. Lovecraft zur Ehre gereicht hätte.

Neben den vielen kleinen Analogien mit der Zahl 19, den erschreckend real wirkenden Dialogen, einer Geschichte voll von kreativen Ungeheuern, Rätseln und trockenem Galgenhumor, der in diesem letzten Teil der Saga noch dazu am treffsichersten ausgeprägt ist, neben dem Schriftsteller, der – wie schon erwähnt – von seinen eigenen Figuren gerettet werden muss, neben Rolands emotionaler Reise zur Rose in New York, ist es ebenso die Schlacht gegen die Breaker im Algul Siento und das Leben im Algul Siento als solches, bei der King seine ausbordende Phantasie um ein Weiteres unter Beweis stellt. Dann hätten wir da noch als eine der besten, weil herrlich bizarren Stellen im Buch die, als Roland, Susannah und Oy in die Fänge von Joe Collins aus der Odd´ Lane geraten und sich im wahrsten Sinne des Wortes totlachen müssen. Ja, in der siebten "Der Dunkle Turm"-Erzählung mangelt es an Abwechslung schon mal gar nicht. Es gibt viele interessante Schauplätze zu bestaunen, die Spannung wird mit dem immer näher kommenden Hauptziel immer greifbarer, immer mehr entpuppt sich der Dunkle Turm als etwas, was mit Rolands Vergangenheit konform geht. Der Turm ist nicht etwa nur ein Turm, er ist etwas viel Größeres, ja, etwas unfassbar Großes, etwas Episches.

Im letzten Band der Reihe gibt es außerdem ein großes Wiedersehen mit altbekannten Charakteren (Patrick Danville aus "Schlaflos") und neuen Gesichtern (Miss Tassenbaum, Joe Collins). Aber auch ein ganz besonderer Teleporter namens Ted Brautigan betritt erstmals die Bühne des Geschehens, dessen Lebensgeschichte, mehr noch, dessen Weg zum Algul Siento abermals ein Höhepunkt der letzten Erzählung darstellt. Von Rolands eigentlichen Gefährten wird vor allem Jakes Kindheit, genauer gesagt seine Angst vor Dinosauriern näher beleuchtet, während Eddie, Susannah und Oy weitestgehend so bleiben, wie sie schon in den vorangegangenen "Der Dunkle Turm"-Büchern skizziert wurden. Ein anderer Punkt durchaus lobenswerter Natur ist die Tatsache, dass Stephen King in "Der Turm" seine satirische Distanz zu seinen Akteuren wiederfindet, insbesondere zu seinen Antagonisten. Da gibt es Randall Flagg, diesen dämonischen und mystischen Superschurken mit vielen verschiedenen Identitäten, der bereits im ersten Band "Schwarz" als Endgegner eingeführt wurde, im letzten aber wiederum ganz unspektakulär von Mordred aufgefressen wird. Der Mann in Schwarz wird von einem Kleinkind vernascht, von einem Riesenbaby in Form einer Spinne. Jener mutige Schritt verdient Respekt. Auch sonst lässt King das Böse letzten Endes als das erscheinen, was es in Wirklichkeit ist: lächerlich. Mit viel Geschick lässt er seine Bösewichter sich teilweise gegenseitig ausspielen und degradiert seine gesamten Horrorgestalten somit zu übergeschnappten Junkys. Ohne seitenlange Erklärungen, ohne ausschweifende Kämpfe findet mal der Schurke sein Ende, mal jener – und das mit einem gehörigen Schuss Lakonie. Selbst der Scharlachrote König, dieser groß angekündigte Widersacher, verkommt letztlich als nur peripher tangierter Rohrkrepierer, dessen äußerliche Erscheinung man am ehesten mit Gandalf aus "Der Herr der Ringe" assoziieren könnte.

Nun war es von Anfang an absehbar, dass Roland ganz allein den Dunklen Turm erreichen wird. Es war von Anfang an klar, dass sein restliches Ka-Tet dazu verdammt war, sich aufzulösen. Und ja, Stephen King eliminert einen Gefährten nach dem nächsten. Brutal und gnadenlos, aber nicht minder emotional. Auch hier erspart sich King kilometerlange Einleitungen, dramatisches Aufgebausche und theatralisches Tam-Tam, was dem Roman gut tut. Und trotzdem drücken ihre (kreativen) Abschiede ordentlich auf die Tränendrüse. Es ist schon erstaunlich, wie einem diese Figuren ans Herz gewachsen sind, wie man mit ihnen mitgefiebert hat, mit ihnen mitgelitten, wie sie immer lebendiger geworden sind, über drei Jahrzehnte lang. Doch die Reise muss nunmal weitergehen - und sie erfordert Opfer, keine Frage. Was unter Fans kontrovers diskutiert wird, ist dann der absichtlich unharmonische Schluss. Bis zur Koda (in der der Autor ausdrücklich davor warnt, weiterzulesen) ist das letzte Bild, das man von Roland im Kopf hat, jenes, in dem er durch die Rosenfelder marschiert und sich vor ihm das Tor des Turms öffnet. Nach spannemdem Kampf gegen den Scharlachroten König und seinen Schnaatzen rennt Roland durchs Rosenbeet und ruft die Namen all seiner Gefährten, die ihn auf seinem langen und steinigen Weg begleitet haben. Es ist der ergreifenste Moment in der gesamten Saga. Es ist ein Augenblick (als Roland zum ersten Mal den Turm erblickt), in dem King zu uns, den Lesern, spricht, denn solche Momente, solch ein Gefühl seitens des Revolvermannes, kann ein Wörterschmied, wie King sich nennt, mit simplen Wörtern und Phrasen nicht beschreiben. Nachdem dies abgehakt ist, sehen wir Eddie, Susannah, Jake und höchstwahrscheinlich auch Oy, wie sie in New York ein neues Leben beginnen werden. Ein glückliches Happy End, das irgendwie dann doch keines ist. Denn im letzten Abschnitt des Buches, als Roland die Treppen zum Dunklen Turm erklimmt und schließlich den letzten Raum betritt (dort, wo draufsteht: "ROLAND"), erst dann endet "Der Turm". Zweifellos wird das Ende nicht jedem gefallen, nicht jeden ansprechen, für viele gar eine Enttäuschung sein, aber es ist das einzig richtige Ende, das einzig plausible, es ist ein großer, ein schockierender, ein tragischer, ein grandioser Epilog. In dem Moment, als Roland die entscheidende Tür öffnet und etwas sieht, was zugleich mit Schmerz, Vergangenheit und Schicksal verbunden ist, bäumt sich der Roman zu einer Größe auf, die ihn zeitlos macht. Ka ist ein Rad; das sollte man sich verinnerlichen – und Stephen King kehrt zu seiner Ursprungsgeschichte zurück. Vielleicht findet Roland ja doch irgendwann mal seinen Frieden.

Fazit:

Wie lässt sich nun solch ein epochales Werk wie "Der Dunkle Turm" einschätzen? Sicher ist, dass Stephen King ein Werk geschaffen hat, das heute schon den Status eines Klassikers inne haben könnte. Am ehesten noch vergleichbar mit Tolkiens "Der Herr der Ringe", ist "Der Dunkle Turm" nicht nur Kings größtes Werk, es ist ebenso ein atemberaubendes literarisches Erlebnis. Nur, wo Tolkien seine im Grunde genommen ähnliche Erzählung (eine Handvoll Personen begibt sich auf eine lange Reise voller Gefahren, von deren Ausgang unser aller Schicksal abhängt) mit Versatzstücken der unterschiedlichsten Sagen und Legenden der Antike und des Mittelalters versehen hat und somit den ultimativen europäischen Fantasy-Zyklus erschuf, greift Stephen King auf die Legenden und Sagen unserer Zeit zurück und erschuf somit wiederum den ultimativen amerikanischen Fantasy-Zyklus und zitiert dabei ausgiebig die moderne Popkultur von Filmen, Büchern und Comics. Eine metaphorische, eine übergreifende, eine ungemein wuchtige Fantasy-Heptalogie, die qualitativ viele andere Abenteuer- und Fantasygeschichten überragt, die dank Stephen Kings bildgewaltiger Sprache lebendig wird, und die sich mit einem Paukenschlag verabschiedet. Sage meinen Dank, Sai King!

10/10

Mittwoch, 18. Februar 2009

Literatur: Susannah 'Der Dunkle Turm VI' (Stephen King), 2003



Story:

Als ein Balken des Turms einstürzt und in Mittwelt ein großes Erdbeben auslöst, fassen Roland und seine Gefährten den Entschluss, ihren eigenen Schöpfer in New York aufzusuchen. Zeitgleich ist Susannah in eben dieser Stadt bemüht, ihr dämonisches Kind zur Welt zu bringen - Rolands Sohn. So langsam beginnt sich der Kreis also zu schließen...

Kritik:

Der Titel des sechsten Teils Stephen Kings epischer Fantasy-Saga "Der Dunkle Turm" lässt es bereits vermuten. Denn im Zentrum der Handlung, die sich im übrigen nahtlos an "Wolfsmond" anschließt, steht jetzt einzig und allein eine multiple Persönlichkeit: Susannah, die ihren Körper mit Detta Walker und der hochschwangeren Mia teilt. Letztere hat die Aufgabe, ihren Sohn – zugleich Rolands Kind – in New York auszutragen. Ein dämonisches Kind, welches wiederum der Sache nachgehen muss, den Dunklen Turm zu stürzen und damit das gesamte Universum in unendliche Dunkelheit zu verwandeln. Natürlich entstehen dabei gewisse Konflikte zwischen diesen drei Persönlichkeiten. Und genau diese Konflikte sind es, seelische Dialoge quasi, die in "Susannah" eine große Rolle einnehmen, aber auch den größten Kritikpunkt beherbergen. Ohne Zweifel sind diese Zwiegespräche in ihrer Konzeption nämlich konfus und heben den Roman unnötig auf eine verwirrende Ebene, sodass es einem schwer fällt, der Handlung logisch und einwandfrei zu folgen. Überhaupt ist die ganze Susannah-Mia-Angelegenheit mitnichten ziemlich überlang geraten und mit viel zu vielen überflüssigen Details angereichert. Dass ein gewisses Gefühl der Langeweile aufkommen kann, ist demzufolge keine Schande. Trotz dieser zähen psychologischen Odyssee durch die verschiedensten Köpfe dieser Charaktere, inklusive so einiger Kontinuitätsfehler, ist es King dennoch gelungen, diesen Persönlichkeiten ein realistisches Antlitz zu verleihen. "Susannah" lebt also vor allem von des Autors wirklicher Stärke, der Figurenzeichnung. Aber auch sonst würzt King die Geschichte rund um Eddies Ehefrau mit einigen gelungenen Ideen – vorzugsweise mit bizarren Ideen, beispielsweise ein Gerät, mit dem man seine eigene Wehenstärke regulieren kann, findet sich im Buch ein, ebenso wie eine Schildkröte (Assoziation zu Terry Pratchett) als Schmuckstück fungiert, der noch eine besondere Rolle zuteil wird.

Diese Art grotesker Kreativität manifestiert sich insbesondere im Showdown, einem Highlight des sechsten Teils. Dort kommt Mia dazu, ihren Sohn, eine Art Antichrist in einem düsteren Gebäude tatsächlich auszutragen. Inmitten von illustren Herren – Vampiren und Wesen mit Vogelköpfen, die letztlich dazu führen, dass das Finale surrealer Natur zum schaurig-schönen Alptraum avanciert. Im zweiten Teil des Buches wird es dann um einiges achtionreicher und aufregender, ja, teils auch stilistisch besser, narrativ einfach spannender. Beginnend mit einer blutigen, kraftvollen Konfrontation, bei der King einmal mehr sein Gespür für aufregende Action unter Beweis stellt, gehört dieser zweite Teil eindeutig Roland und Eddie. Wie sie versuchen, ihren eigenen Schöpfer aufzusuchen und dabei noch die legendäre Rose zu retten. Ebenso in New York, wohlgemerkt, denn "Susannah" spielt sich gänzlich in eben dieser Stadt ab, also komplett in der Vergangenheit. Der Rest des Ka-Tet, also Jake und Donald Callahan, verkommen dagegen zu Randfiguren, ja, fast als Randbeobachtungen, die keine nennenswerte Entwicklung durchmachen. Es ist vielleicht nicht allzu tragisch, das Ka-Tet einmal mehr zu splitten, aber die stellenweise unzulängliche Behandlung Jake und Donalds ist bei weitem nicht wirklich lobenswert, sodass King auch gut und gerne die beiden Figuren weglassen hätte können. Vor allem wirkt die hoffnungslose Suche Jakes und Donalds nach Susannah gen Ende drangeklatscht und plätschert besser gesagt nur so vor sich hin, ohne irgendwelches Gefühl irgendeines Nervenkitzels, was man vielleicht erwartet hätte, sodass auch dieser Wettlauf gegen die Zeit recht schnell und zügig abgefrühstückt ist.

DER Höhepunkt des Buches ist aber nichtsdestotrotz ein anderer. Genaugenommen hat er sich schon in "Wolfmond" angekündigt, im denkwürdigen, im kontroversen Cliffhanger. Denn in "Susannah" integriert sich Stephen King selber. Als Figur, als Zauberer, er lässt sein jüngeres Ich wiederauferstehen, welches wohl in der ganzen Turm-Geschichte einen wichtigen Platz, eine wichtige Rolle spielt. Wenn Roland und Eddie zum ersten Mal ihrem Schöpfer in Form des Kultautoren in seinem Haus begegnen, ist das womöglich sogar einer der besten Momente der gesamten, hochkomplexen Saga. So entstehen eine Menge ausgesprochen kluger Dialoge, in dem das Verhältnis zwischen Literatur und Wirklichkeit sehr treffsicher tangiert wird und King sich zudem herrlich selbstironisch auf die Schippe nimmt, ohne auf irgendwelche postmodernen Metafiktionen zurückzugreifen. Mit viel Skepsis ist man diesem zugegebenermaßen doch eher fremdartig erscheinenden Schritt begegnet, doch King ist ein postmoderner Schriftsteller, der immer neue Wege beschreitet, der neue Ideen ausprobiert. Und ja, diesmal muss man einfach konstatieren, dass ihm dieser gewagte Schritt vollends gelungen ist, absolut. Desweiteren sind es dann noch die Tagebucheinträge ganz am Schluss, um "Susannah" wieder einmal möglichst so abzuschließen, dass man Grund zu Diskussionen hat. Sozusagen der krönende Abschluss. In diesen erschließt sich einem erstaunlich viel von Kings eigentlichem inneren Kampf, die "Der Dunkle Turm"-Bücher zu schreiben und wie viel Kraft es dem Autor letztendlich gekostet hat, diese anzufangen oder weiterzuführen. Ob sie nun wahrlich von Anfang bis Ende der Realität entsprechen, wie viel Fiktion auf der Gegenseite eingebaut wurde, mag man jedoch nicht zu sagen. Auf jeden Fall ist es dennoch ein adäquates Mittel, da Stephen King ja insbesondere die schlechten Seiten seiner schriftstellerischen Karriere in den Einträgen thematisiert und auch überraschend fokussiert, mit sehr viel bissigem Humor.

Fazit:

Das Resümee der ganzen Geschichte beläuft sich dahingehend, dass "Susannah" zwar ähnlich wie sein Vorgänger "Wolfsmond" sowohl qualitativ als auch inhaltlich nicht an Kings frühere Werke des Fantasy-Zykluses herankommt (Der Dunkle Turm rückt zudem nicht wirklich näher) und daher eher ambivalent gesehen werden sollte, einem alles in allem kurzweiligen Lesevergnügen tut das aber trotzem keinen großen Abbruch. "Susannah" lebt vorzugsweise von seiner teils starken Figurencharakteristik, von seiner wunderbar irrealen Atmosphäre, seinen (stellenweise zu) wirren Dialogen und dem Highlight, dass nun der Autor selber in die Story eingreift. Dazwischen gibt es noch so allerhand Bezüge zu "Der Herr der Ringe", oder auch gar zum späteren Attentat aufs World Trade Center wird kokettiert. Und das ist in seiner Summe mehr als genug.

7,5/10

Dienstag, 3. Februar 2009

Literatur: Wolfsmond 'Der Dunkle Turm V' (Stephen King), 2003



Story:

In dem kleinen Örtchen Calla Bryn Sturgis scheint alles eigentlich in Ordnung zu sein. Doch dies ist nur auf den ersten Blick so, denn alle 23 Jahre kommen die "Wölfe", unheimliche Wesen auf grauen Pferden, und rauben je ein Kind pro Ehepaar. Manchmal kommen die Geraubten nach Calla Bryn Sturgis zurück, doch sind sie dann zu begriffsstutzigen Idioten, zu einer "leeren Hülle", geworden. Als Roland, Eddie, Susannah, Jake und Oy hier eintreffen, steht der Besuch der Wölfe kurz bevor, und diesmal haben sich einige Bewohner vorgenommen ihr Kind nicht einfach seinem Schicksal zu überlassen. Die Revolvermänner werden von ihnen um Beistand gebeten. Ein Kampf, der in rätselhafter Verbindung mit dem New York des Jahres 1977 in Verbindung stehen mag...

Kritik:

Die Suche nach dem Dunklen Turm geht weiter. Doch spätestens mit dem fünften Band "Wolfsmond" Stephen Kings epischer Fantasy-Saga, basierend unter anderem auf Robert Brownings poetischem Gedicht "Herr Roland kam zum finstern Turm", dürfte sich endgültig herauskristallisieren, das jene Suche nach eben jenem architektonischen Bauwerk, dem ewigen Mysterium der Zeit, weitaus komplexer und weitaus größer als bisher angenommen daherkommt. Das fängt schon damit an, dass "Wolfsmond" viele neue Aspekte thematisiert, sie tangiert und die Geschichte somit einen nicht gerade kleinen Bruch macht. Anders als wie im meisterhaften Vorgänger "Glas", bringt King allerdings wieder seine Protagonisten, allen voran sein gesamtes Ka-Tet ins Spiel, er entwickelt es weiter, er bringt abermals völlig noch unbekannte Aspekte ins Spiel. Jake Chambers (deutlich erwachsener geworden) darf nun seine erste Zigarette rauchen, er hat außerdem einen etwa gleichaltrigen Freund gefunden, der jedoch ein tragisches Ende finden wird. Susannah Dean steht vor einem neuen Problem. Ihre Shizophrenie nimmt in Form ihres dämonischen Kindes einer wiederum dämonischen Persönlichkeit (Mia) groteske Züge an. Unser Revolvermann Roland kann zudem seine Gesangs- und Tanztalente erstmals unter Beweis stellen. Hinzu kommt in der Gestalt Pere Callahans eine weitere Figur, die King als neues Mitglied der Gemeinschaft konzipiert. Und der abermals aus dem King´schen Universum entspringt – Leser werden sich an "Brennen muss Salem" erinnern. Ein Frühwerk des Autors, dem später noch eine besondere Rolle zu teil werden wird. Aber auch sonst ist die Vielfalt der Charaktere um ein Vielfaches gewachsen, was an gewissen Stellen leider impliziert, dass man manchmal gar den Überblick zu verlieren vermag – vor allem durch diverse tendenziell eher uninteressante Figuren, die in "Wolfsmond" doch zur Genüge auftreten.

In seiner Narration ist "Wolfsmond" durchaus kreativ erzählt. Es gibt wieder einmal viele interessante Probleme zu bewältigen, Lösungen sind nicht wirklich in Sichtweite. Auch wenn Band Nummer fünf in Punkto Kurzweiligkeit nicht ganz an seine Vorgänger anknüpfen kann, kann man ihm schon eine ungemein erzählerische Kraft attestieren, die vor allem in etwaigen Rückblenden zur Geltung kommt. Rückblenden, bei denen King in erster Linie Gegenwart und Vergangenheit, Wirklichkeit und Fiktion, Wirklichkeit und Roman zusammenmixt und immer wieder zwischen diesen hin- und herspringt – New York spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. In diesem Kontext ist es hauptsächlich die kolossale und nichtsdestotrotz grandiose Rückblende Pere Callahans, von seinem Leben als hoffnungsloser Säufer und sozialer Versager, die einen ganz und gar besonderen Stellenwert im Roman einnimmt und eigentlich locker für ein ganzes Buch prädestiniert wäre. Doch King teilt sie in drei Bereiche ein und lässt nebenher den Leser teilhaben, teilhaben an des Autors letzte Stadt der Vampire - Jerusalem´s Lot -, die das Leben des Protagonisten entscheidend verändern wird, und somit also einen zusätzlichen, schlussendlich auf jeden Fall adäquaten Vampir-Touch in die metaphorische Allegorie einbettet. Abgesehen davon, ist "Wolfsmond" um einiges mehr King, als es noch bei "Glas" der Fall war. Diesmal muss nämlich wieder eine ganze Stadt für so allerhand mysteriöse Vorkomnisse und Scherereien herhalten. King schafft es dabei, Calla Bryn Sturgis gar eine realistische Fassade zu verleihen, mit originellen Marotten, Ritualen seitens der Bewohner und allem, was dazu gehört. Diesen Mikrokosmos lebendig werden zu lassen – allen voran die Sache mit der Lady Oriza und den gleichnamigen Waffen überzeugt auf ganzer Linie. Doch letztlich ist die Stadt nur ein Vorwand, denn alles läuft auf den großen Showdown hinaus, auf den eigentlichen Kampf zwischen dem Ka-Tet und den Wölfen, deren Geheimnis und eigentliches Aussehen mit viel Spannung in die Tat umgesetzt ist. Dieser finale Kampf ist in seiner Summe jedoch ein wenig zu kurz geraten, sodass die (im wahrsten Sinne des Wortes) blutige Schlacht schnell zu Ende ist und King nach dieser, seinen obligatorischen Cliffhanger aus dem Ärmel zieht, um die narrative Brücke zu "Susannah" zu schlagen.

Und genau an diesem Gesichtspunkt scheiden sich nicht nur die Geister, sondern auch eingefleischte King-Fans. Denn "Wolfsmond" ist der erste Band der Saga, der einige richtige Kontroversen mit sich zieht. Nicht nur der skurrile Cliffhanger als solches, in dem ein bestimmtes Buch eines bestimmten Autors plötzlich für Furore sorgt, dürfte Anlass zu Diskussionen und Spekulationen geben, nein, es sind vor allem die zahlreichen popkulturellen Seitenhiebe, welche "Wolfsmond" in anderem Licht erscheinen lassen. Seien es nun Laserschwerter aus "Star Wars" oder hochtechnisierte "Kugeln" aus "Harry Potter", mit denen die Wölfe kämpfen, sei es die Grundkonstellation der gesamten Thematik als solches, die nicht von ungefähr an John Sturges "Die glorreichen Sieben" erinnert, Kurosawas "Die sieben Samurai" oder auch viele andere Referenzen und Bezüge zu Kings gesamtem Schaffen. Man kommt um den Anschein nicht drumherum, als wenn sich im "Der Dunkle Turm"-Zyklus alle fantastischen Geschichten mehr oder weniger auf einmal versammeln und dort ihren Ursprung finden. Alle in einem einzigen Universum, in Kings schriftstellerischem Lebenswerk. Ob das nun unbedingt so gewollt war, ist allerdings fraglich. Faszinierend ist es aber allemal.

Fazit:

Was ist zum Abschluss noch großartig zu sagen? Ganz einfach: Stephen King macht weiter, so wie wir ihn kennen und lieben. Er verknüpt in "Wolfsmond" nicht nur die Mythologie der Serie, sondern auch tiefergehende Charakterzeichnung seiner Protagonisten. Er lässt viele neue Ideen aufblitzen, bei dem es von allen Dingen die kleinen, aber wichtigen Details sind. Auch wenn der fünfte Band nicht ganz die Qualität seiner Vorgänger erreicht und im Mittelteil aufgrund seiner Überlänge ein wenig träge und undurchsichtig (die Zahl 19, die schwarze Dreizehn, Cuthberts letzter Kampf auf dem Jericho Hill) daherkommt, die typischen magischen Momente eines Stephen King, seinen lebendigen Schreibstil, findet man auch hier zuhauf. Alles steuert also so langsam auf ein großes Finale zu.

8/10

Dienstag, 20. Januar 2009

Literatur: Glas 'Der Dunkle Turm IV" (Stephen King), 1997



Story:

Nachdem Rolands Gemeinschaft dem finsteren Blaine entkommen ist, müssen sie feststellen, dass sie in einem Kansas gelandet sind, das sich scheinbar nicht mehr in Mittwelt befindet. Aber auch in Jakes, Eddies und Susannahs Welt scheint es nicht zu liegen. Mitten auf einem verlassenen Highway erfahren Rolands Gefährten schließlich etwas über dessen Vergangenheit. Er erzählt ihnen von seinen Jugendfreunden Alain und Cuthbert, seiner ersten großen Liebe und vom unheilvollen und zerstörerischen Lauf des Schicksals, in dessen Geschichte eine unheilvolle rosa Kugel aus Glas steht...

Kritik:

Stephen King ist ohne Zweifel in so mancherlei Hinsicht ein Phänomen. Sei es nun sein exzellenter Schreibstil als solches, seine tiefe Verbundenheit zu seinen Figuren oder aber auch die Konsequenz, häufig neue narrative Wege in seinen Erzählungen einzuschlagen: King ist aus der modernen Unterhaltungsliteratur schlicht und ergreifend nicht mehr wegzudenken. In dem vierten Band seiner "Der Dunkle Turm"-Saga, de facto sein Lebens- und Schlüsselwerk, wechselt er einmal mehr die Perspektive und schiebt daher einmal mehr den für ihn sonst so obligatorischen Horror beiseite. Stattdessen erzählt er in "Glas" eine kolossale Story epischen Ausmaßes. Eine postapokalyptische Love-Story mit gewissen Western und Fantasy-Referenzen, noch dazu mit einem Schuss Horror und einer guten Portion philosophischer Metaebene. Und doch ist "Glas" seine bisher wohl ergeizigste und schwierigste Arbeit – über 800 Seiten hinweg erstreckt sich die üppige Handlung. Nach eigenen Aussagen ist dem Autor vor allem die Liebesgeschichte zwischen Roland, dem Revolvermann, und Susan Delgado, seiner ersten großen Liebe, mehr als nur ein Hindernis gewesen, fällt es ihm doch relativ leicht, beispielsweise Spannung zu erzeugen, eine halbwegs realistische Liebesgeschichte zu erzählen spielt dann doch in einer etwas anderen Liga.

Einige Jahre, ja, ein halbes Jahrzehnt ist seit dem dritten Band des Fantasy-Zykluses "Tot" vergangen. Eine halbe Ewigkeit mussten die Fans auf den mit Spannung erwarteten Rätselwettstreit zwischen den Gefährten und Blaine, dem Mono, eine Art sprechender Zug, warten. Und genau an dieser Stelle beginnt "Glas". Der vierte Teil schließt also nahtlos an den dritten an. Nach diesem vollends überzeugenden Prolog, der in seiner Summe doch mit viel Esprit und Kreativität in die Tat umgesetzt wurde, reist King in die Vergangenheit. Zu Rolands Vergangenheit - genauer gesagt, die im Buch den größten Stellenwert einnimmt. Als grenzüberschreitende Rückblende angelegt, schildert King darin eine große, leidenschaftliche Geschichte um Verrat, Intrigen, Mord, Gier, Verschwörungen, um Heldentaten, um jugendlichen Enthusiasmus und um die unersättliche Macht der Liebe. Gerade Letzteres wird vom Autor sehr fokussiert tangiert. Da geht es um eine Liebe zwischen zwei ungleichen Individuen aus zwei verschiedenartig sozialen und familären Gesellschaftsstrukturen, die aufgrund dessen letztlich gezwungen sind, ihre Liebe geheim zu halten, ansonsten lautet die logische Konsequenz Verbannung und sogar Abstoßung. Assoziationen zu William Shakespeares "Romeo und Julia" oder an James Camerons "Titanic" keimen plötzlich auf. Es ist dennoch eine ergreifende, eine ungemein packende, eine logisch aufgebaute sowie enorm emotionale Lovestory mit überraschenderweise vielen (herben) Sexszenen, die sich jedoch erst durch ihren tragischen Ausgang zu einer Größe aufbäumt, die "Glas" zum Meisterwerk avancieren lässt. Nichtsdestotrotz ist es auch eine Geschichte der Illusionen, Scheinwirklichkeiten und der falschen Hoffnungen. Die titelgebende Glaskugel, die Macht und Wahrheit verspricht, entpuppt sich als bessesener Gegenstand, der zum Wahnsinn führt und alle Protagonisten in den Abgrund stürzt. Roland vergleicht seine Liebe mit Susan im Nachhinein rudimentär als Sucht, bei der sein Gefährte Eddie als ehemaliger Junkie sehr gut mitreden kann. Nur der Turm, ja, der ist konsistent, fungiert als perfektes Leitmotiv. Aber auch Kings wirkliche Stärke, seine Figurencharakteristik, kommt in "Glas" nicht zu kurz, flechtet er doch eine Vielzahl interessanter, tief skizzierter, ambivalenter Figuren in seine metaphorische und vertrackte, weil wie schon bei den Vorgängern mit einer Vielzahl an Reminisenzen, Chiffren und vieldeutigen Symbolen bestückte Allegorie ein.

Desweiteren beantwortet der vierte Teil in erster Linie bisher noch unbeantwortete Fragen, stellt aber gleichzeitig wieder neue auf. Hauptsächlich trifft das auf Roland zu, seine Suche nach dem Dunklen Turm wird eindeutiger, sein düsterer Charakter gewinnt an Konturen, seine Welt, wie immer die auch aussehen mag, wird klarer, verständnisvoller. Dagegen verblassen zwar seine restlichen Gefährten, die mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden und allerhöchstens als Mittel zum Zweck taugen, schlimm ist dies aber nicht und kann eher als Marginalie konstatiert werden, welche nicht unbedingt der Rede wert ist. Nach diesem zwar episodenreichen, dennoch gehaltvollen Stück Vergangenheitsbewältigung ist es schließlich das Ende, oder besser gesagt die narrative Brücke zwischen "Glas" und dem kommenden Teil der Saga "Wolfsmond", bei der King noch ein besonderes Ass aus dem Ärmel zieht. Vielleicht sogar mehrere. Einerseits durch das Finale in einem prächtigen Palast, de facto eine Art Hommage, nein, als eine groteske Parodie an L. Frank Baums Klassiker "Der Zauberer von Oz" sollte man es verstehen (abgesehen davon, spielt sich die Handlung ebenfalls in Kansas ab, zur Zeit einer dahin vegetierenden Seuche im Jahr 1986) - ein intelligenter, wirklich fabelhaft inszenierter Showdown -, andererseits enthüllt King zudem noch in einer der besten Stellen des Buches, einem magic moment des Romans, die schreckliche Wahrheit um Rolands Mutter während einer herrlich surrealen Szene, welche als weitere Reise Rolands in die Glaskugel dargestellt wird. Spätestens mit dem Auftauchen Randall Flaggs, dem Antagonisten schlechthin, dem personifizierten Bösen, ja, dem Vorzeigeantichristen in Stephen Kings Ouevre, aus dem sich Leser noch aus des Schriftstellers "The Stand – Das letzte Gefecht" oder aus "Die Augen des Drachen" erinnern werden, kommt einem die Einsicht, dass ein adäquater Cliffhanger zu "Wolfsmond" nicht besser hätte ausfallen können.

Fazit:

Abgesehen von ein paar Unzulänglichkeiten in Form von bestimmten Logikfehlern (Olive Thorins zu abrupter Wandel gegen Ende) oder in Form von kleineren Längen im Mittelteil – King ist nunmal ein ausschweifender Geschichtenerzähler -, übertrifft "Glas" summa summarum zum Teil noch seinen ohnehin schon grandiosen Vorgänger "Tot". Stephen King ist auf dem Höhepunkt seiner fulminanten Saga, seines Mammutwerkes, angekommen. Mit einem Teil, der nur so vor erzählerischer Kraft und virtuoser Stilistik strotzt. Dieses Buch ist keinesfalls nur ein einfaches Buch, es ist ein leises, aber doch so herausragendes und lebendiges Figurenspiel, atemberaubend wie episch geschrieben.

9,5/10

Freitag, 25. Juli 2008

Literatur: Tot 'Der Dunkle Turm III' (Stephen King), 1991



Story:

Roland und seine beiden neuen Gefährten Susannah und Eddie haben sich endlich zusammen gefunden, als sich plötzlich neue Probleme anbahnen. Sie begegnen einem fleischgewordenen Roboter, stoßen auf Enklaven noch lebender Menschen und bewegen sich immer weiter auf das wüste Land zu. Außerdem haben die Gefährten einen der Balken gefunden, der Mittwelt wie eine Achse durchzieht. Auf seiner Spur gelangen sie geradewegs zum Dunklen Turm, eine Annahme, bei der sich Roland sicher ist. Doch sein Geist quält ihn, er verfällt immer mehr dem Wahnsinn der Stimmen in seinem Kopf und wird damit zur Bedrohung von Eddie und Susannah gleichermaßen. Es zeigt sich, dass er die Tatsache rund um die Opferung des Jungen Jake, nicht verkraftet hat...

Kritik:


Mit seinem dritten Band seiner epischen "Der Dunkle Turm"-Saga lässt Stephen King all das aufblitzen, was man in den zwei anderen Büchern nur ansatzweise bestaunen konnte, gerade in Band Nummer 2
("Drei"). Dazu gehört eine gehörige Portion Spannung, brillant weiterentwickelte Charaktere und schließlich noch den nötigen Schuss Anspruch, der sich zwischen ominösen Rätseln und diversen technischen Beschreibungen bewegt. Dabei wird "Tot" in zwei Abschnitte unterteilt, besser gesagt in zwei "Bücher". Da wäre zunächst die erste große Passage "Jake", in der King nach einem anfänglichen, spektakulären Höhepunkt - dem Kampf gegen einen Roboter im Wald - den im ersten Band geopferten Jungen Jake wiederauferstehen lässt (er wird durch "seine" Zeit in Rolands Welt gezogen) und die Saga dadurch einen weiteren Gefährten erhält. In Gestalt eines pelzigen Billy Bumblers, einer Art Biber, bekommt Roland sogar noch einen vierten Mitstreiter auf dem Weg zum dunklen Turm spendiert, welcher gleichzeitig zum treuen Freund von Jake wird. Im zweiten Buch "Lud" schließlich, wird es blutig, ungemein brutal und stellenweise auch eklig, denn die Gefährten kommen in eine mysteriöse, trostlose Stadt namens Lud, wo sich rivalisierende Banden einen kompromisslosen Kampf liefern und in der eine groteske Gestalt mit dem Namen "Ticktackmann" die Fäden zieht. Jener Ticktackmann lässt darüber hinaus den Jungen von einer ebenso angsteinflößenden wie totkranken Gestalt entführen, während Susannah und Eddy derweil versuchen, einen technisch hoch entwickelten Zug mit Verstand mittels gewöhnlicher Rätsel zu überreden, sie zum dunklen Turm zu bringen. Roland versucht selbstverständlich Jake zu retten, und zwar mit Hilfe des Billy Bumblers versucht er seine Fährte aufzunehmen.

King erzählt diese zwei Abschnitte relativ flüssig, ohne größere Längen und während "Drei" noch sehr surreal und recht kompliziert wirkte, bietet "Tot" inklusive aller schriftstellerischer und stilistischer Raffinessen, ein verhältnismäßig leichtes Mitverfolgen der Story, die stellenweise ziemlich intelligent und dramatisch daherkommt. Es ist vor allem dieses Buch "Lud", diese herausragend geschriebene Passage, bei dem Stephen Kings Genie aufblitzt. Nicht nur die für ihn obligatorische Härte tritt auf, nein, wie King den apokalyptischen Untergang der Stadt beschreibt, auf welche bizarre Art und Weise sich die Menschen selbst zerstören und wie sich die Landschaft mit fortschreitender Zeit immer mehr verändert, wie sie unvorstellbar groteske Kreaturen hervorbringt, muss sich mit dem spannenden Showdown als Höhepunkt des Buches bezeichnen. Auch die Charakterentwicklung schreitet mehr und mehr vorran. Susannah und Eddy bekennen sich in poetischen Dialogen nun endlich zu ihrer Liebe, Roland wird fast wahnsinnig von Jakes angeblichem Tod und zu alledem gesellt sich in der Gestalt des knuffigen Oy ein Tier dazu, welches den Leser emotional packt und ihn fast zum Weinen bringt, als Oy um Haaresbreite Opfer eines unglücklichen Unfalls wird und beinah stirbt. Als ob das nicht schon genug ist, erkennen Jake und Eddy eine seltsame Verbindung zueinander, deren Auslöser ein Kinderbuch zu sein scheint, welches letzten Endes jedoch zum Retter aller Protagonisten avanciert. Ebenfalls erwähnenswert: Der mal so gar nicht erwartete Cliffhanger gegen Schluss. Abrupt und plötzlich, nervenzerrend und doch hoffnungsvoll lässt der Autor die Geschichte beenden und bedeutet dem Leser, ja, er fordert ihn auf, er zwingt ihn förmlich mit diesem Ende sogar, die Saga weiterzulesen.

Fazit:

Der dritte Ausflug in die Welt des dunklen Turms ist bisher Kings bester Roman der Reihe. Mit seiner mitunter schon düsteren Endzeitstimmung, melancholischer Bilder und Charakteren, mit denen sich jeder identifizieren kann, stellt "Tot" in seiner Dramaturgie, in seiner anmutenden Erzählweise und in der für Stephen King so typischen Detailverliebtheit ein überlebensgroßes Werk dar, bei dem der "Horrorpapst" von Anfang bis Ende fast zu Höchstform aufläuft. Nur zwischenzeitlich gibt es mal hier und da kleinere Durchhänger in der ansonsten so packenden Story.

9/10

Mittwoch, 2. Juli 2008

Literatur: Drei 'Der Dunkle Turm II' (Stephen King), 1987



Story:

Als Roland, der letzte Revolvermann, noch auf der Jagd nach dem Mann in Schwarz war, prophezeite ihm das Orakel der Berge, dass die Zahl „drei“ sein Schicksal sein würde. Drei Menschen würden für seine Suche nach dem dunklen Turm wichtig sein. Der erste abhängig vom Heroin, die zweite auf Rädern, mit einem zwiegespaltenen Verstand und der dritte in Ketten. Nun ist der Mann in Schwarz tot und Roland liegt durch gefährliche Riesenhummer verstümmelt an einem Strand. Ohne Wasser, ohne Essen und dem Tode näher als dem Leben, vor ihm allerdings eine Tür mit den Worten „Der Gefangene“. Die Suche nach den Dreien hat begonnen..

Kritik:

Deutlich härter, länger, aber auch um ein vielfaches komplizierter kommt Stephen Kings zweiter Band "Drei" seiner monumentalen "Der Dunkle Turm"-Saga daher. Aufallend bei diesem Werk ist, dass sich King nun nicht mehr hauptsächlich auf die "sterbende Welt" konzentriert, sondern geschickt und stilistisch einwandfrei zwischen eben jener trostlosen Welt, in der sich sein Protagonist Roland Dechaun befindet und der eigentlichen Gegenwart hin und her pendelt. Um in diese Zeitepoche von heute zu kommen und jeden seiner drei Gefährten "rauszuziehen", um ihn in wiederum seine Welt zu bringen, muss der Revolvermann jeweils eine Tür mitten im endlosen Strand finden und durchqueren. Diese angesprochenen Leute sind jeweils von einer bestimmten Sache abhängig (Heroin; Rollstuhl – eine gelungene Idee, Odetta Walker mit Schizophrenie auszustatten - und Töten) und haben außerdem mehr oder weniger einen dunklen Tatendrang. Brillant ist in dieser Hinsicht vor allem das Ankommen in Eddy Deans Kopf ("Being John Malkovich" lässt grüßen), der ersten Person, welches eindringlich und auf narrativer Ebene gar herausragend geschrieben worden ist, auch Rolands ständige Schmerzen und sein unausweichliches Verlangen nach Medikamenten tun sein übriges zu Kings unnachahmlich keierter Atmosphäre bei. Für den nötigen Witz – ja, "Drei" ist nun mal mehr Stephen King like – sorgt in erster Linie der Revolvermann selber mit seinen eigenen ominösen Bezeichnungen zu verschiedenen Dingen der Gegenwart ("Flugkutsche" zu Auto beispielsweise) und damit einer ihm unbekannten Zeit. Überhaupt wirkt das Buch stellenweise sehr surreal und ist manchmal, nein recht häufig gar ein wenig zu kompliziert und für den Leser teils sehr unverständlich geraten. Abgesehen davon hat "Drei" mit erheblichen, vorzugsweise im Mittelteil auftauchenden Längen zu kämpfen. Die ach so typische, gut gemeinte Detailverliebtheit seitens King wirkt dann doch zu anstrengend und ermüdend, vom stellenweise einschläfernden Thempo wollen wir mal kein Wort verlieren.

Nichtsdestotrotz beherbergt der zweite Band – wie schon erwähnt – neben dem ungewöhnlichen Grundkonstrukt der Story auch richtig brutale Passagen, die Stelle mit den Monsterhummern sei hier erwähnt und eine wirklich grandios skizzierte Charakterzeichnung (Roland und Eddy) ist auch mitinbegriffen und darf natürlich nicht fehlen. Was "Schwarz", dem ersten Band, unter anderem ausgezeichnet hat, war vor allem der spirituelle, eindringliche, unausweichliche Showdown zwischen Roland und dem schwarzen Mann in einer Art Dialog gegen Ende. Im Gegensatz zum ersten Abschnitt der Saga, bleibt leider der ganz große finale Kampf im Nachfolger dann doch auf der Strecke und Spannung will gen Ende nicht mehr so richtig aufkommen, obgleich das "Letzte Mischen", der letzte Abschnitt des Buches also, wieder äußerst exzellent, will heißen wunderbar melancholisch und poetisch geschrieben worden ist.

Fazit:

Mit seinem zweiten Band seiner epischen "Der Dunkle Turm"-Saga hat sich Stephen King diesmal im Bereich des Surrealismus, des Irrationalen bewegt und das Buch unterscheidet sich demnach schon arg von seinem Vorgänger, nicht nur in der von Methaphern geprägten Bildersprache, sondern auch im Erzählstil ansich, welcher jedoch noch lange nicht so meisterhaft (diverse Längen berücksichtigt) rüberkommt, wie man das noch aus "Schwarz" kennt. Die Charakterzeichnung jedenfalls, obwohl immer noch keine eindeutigen Antworten in Bezug auf die Protagonisten - allen vorran: Roland Dechaun - liefernd, die ist brillant, genauso wie die ersten Seiten des Buches.

7/10

Samstag, 17. Mai 2008

Literatur: Schwarz 'Der Dunkle Turm I' (Stephen King), 1982



Story:

Roland, der letzte Revolvermann, jagt seit Jahren den geheimnisvollen Mann in Schwarz, der die Geheimnisse des sagenumwobenen Dunklen Turms zu kennen scheint. Denn mehr noch als den Mann in Schwarz, sucht der letzte Revolvermann diesen Ort, der am Beginn der Zeit steht. Sein Weg führt ihn durch eine sterbende Welt, Ruinen von Städten und endlosen Wüsten, die die Errungenschaften der Zivilisation beinahe verloren haben...


Kritik:

"Schwarz" markiert den Auftakt zu Stephen King´s monumentaler Science-Fiction/Fantasy/Horror-Saga "Der Dunkle Turm", welche sich in insgesamt 7 Büchern ausdehnt. Der Anfang der großangelegten, epischen Erzählung rund um den Revolvermann und seiner Suche nach dem geheimnisvollen Dunklen Turm ist – abgesehen von ein paar kleineren Stellen – relativ flüssig und kurzweilig zu lesen. Schon hier bekommt man einen Einblick in ein beispielloses Universum, dass King erschaffen hat und unglaublich stil- und selbstsicher darin wandelt. Untypischerweise enthält der erste Band einen nicht gerade geringen Anteil von Westernelementen, denn nicht umsonst wurde der Autor unter anderem von Sergio Leone´s "Zwei Glorreiche Halunken" inspiriert und der eigentliche Revolvermann (Roland Dechaun mit richtigem Namen), den die Geschichte fokussiert, erinnert auch zuweilen an den stets ruhigen, stets rauchenden Clint Eastwood.

Rein atmosphärisch läuft King zu Höchstform auf, trotz, dass es wenige, dann aber gezielt eingesetzte Horrorpassagen gibt, die manchmal nicht gerade zimperlich rüberkommen. In einigen Rückblenden und einzelnen Teilen von verschiedenen Handlungssträngen erfährt der Leser darüber hinaus so einiges über Roland´s Vergangenheit, was jedoch unter Umständen ein wenig verwirren und man so den roten Faden nicht unbedingt mehr im Auge behalten kann. Im Mittelteil erhält dann der Revolvermann in Form eines Jungen, der aus einer anderen Zeit zu kommen scheint, einen unerwarteten Gefährten, welcher aber ein unglückseliges Ende finden wird. "Schwarz" bedient sich zwar eher dem Element einer Einführung in den ganzen Romanzyklus, läuft aber dennoch einem spannenden Showdown entgegen, de facto zur ersten Begegnung zwischen dem Revolvermann und dem Mann in Schwarz. Dieser Höhepunkt der Geschichte ist zweifellos auch eine der besten Stellen im Roman, welche nur so von philosophischen und symbolischen Andeutungen über das Universum seitens des Schwarzen Mannes strotzt. Kings Dia- und Monologführung ist gerade hier als brillant zu bezeichnen und lässt das Buch mit einem ruhigen, aber spirituellen Schluss enden, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten zu präsentieren.

Fazit:

Der erste Teil von Kings fulminanter Saga, die er als sein Lebenswerk und auch als sein wichtigstes Werk bezeichnet, ist in allen Belangen gelungen, fesselnd und in höchstem Maße eindrucksvoll und spannend geschrieben. Abgesehen von ein paar Längen im Mittelteil und verwirrenden Rückblenden, taucht der Leser in eine so noch nicht gesehene andere Welt ein, die zwar noch viele Fragen offen lässt, atmosphärisch aber mit das Beste darstellt, was der "Meister des Horrors" bisher geschrieben hat.

8,5/10