Posts mit dem Label In aller Kürze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label In aller Kürze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 14. Juli 2011

In aller Kürze: "Mosquito Coast" [USA 1986]


In den Untiefen des Dschungels verloren gegangene und anhand eines deutschen Releases, das noch auf sich warten lässt, tendenziell vergessen geglaubte Exotikexpedition des in allen (Genre-)Schubladen energetische Werke inszenierenden Peter Weir. Ford holt den ökophilosophisch-cholerischen, fanatisch-reaktionären Klaus Kinski aus dem Grab, den Zorn [der Wissenschaft], einen Weltverbesserer. Er imitiert zwischen verdorrten Sträuchern, heruntergekommenen Hütten und ausgebrannten Idealen einen gottlosen Prediger, dessen Land einem taumelnden, vor sich hin hustenden Zombie ähnlich durch die Marktwirtschaft streift, an jeder Naht zu implodieren droht und an die unausweichliche Apokalypse eine nett geschriebene Einladung zur Geburt zivilisatorischen Nullpunktes schickt. Direkter ausgedrückt: Dieses Land geht vor die Hunde! Und was macht man da? Raus aus dem Kapitalismus! Eis produzieren! Aus Liebe unter anderem auch. Dafür, dass man sein Land nicht mehr beim Siechtum zuschauen möchte. Weir klappert mit geruhsamer Hand die Stadien des seelischen Verfalls Allie Fox' (so eindrücklich wie nie: Harrison Ford) ab. Die Charakterisierung resultiert aus den erbitterten, eloquent geschriebenen Monologduellen Paul Schraders. Der heroische Idealismus, mit dem sich Fox infizierte, führt im Körper nach der Inkubationszeit zu Wahnsinn, Mord und Totschlag. John Seals beruhigende Kameraaufnahmen pittoresker Natur, obgleich sie sich gerade in den Totalen nicht sonderlich spektakulär präsentieren, neigen (aus diesem Grund vermutlich) immer wieder einen Anflug von Fäulnis, Zersetzung und Rückwärtsentwicklung zu zeigen, ungeachtet, dass ein Mann eine Mission vom sozialeren Leben umzusetzen versucht und damit anfangs erfolgreich umzugehen weiß.

Angekommen in Honduras, erkennt Fox während einer Bootsfahrt allerdings niederschmetternd (er möchte das Steuer übernehmen, wird aber zurechtgewiesen), dass wider Erwarten selbst hier, in diesem Land ohne Perspektive, alles festen Regeln folgt sowie der Weg zum ungezwungenen Paradies steiniger als ursprünglich gedacht ausfällt. Im Mittelpunkt vertraut der Film zwar Harrison Ford komplett, vergisst aber sein Nebenpersonal dementsprechend eklatant. Helen Mirren verfällt der blassen Eindimensionalität völlig, hat vor allem kaum erinnerungswürdige Szenen, die mehr als bloßes Kopfschütteln zur Seite (Ablehnung) oder Kopfschütteln von oben nach unten (Zustimmung) bedeuten könnten. Der junge, talentierte River Phoenix in der Rolle des diplomatischen Vermittlers muss sich ebenfalls in dem wenigen Handlungsraum, den er hat, entfalten. Dass das selten gelingt; check. Dass eine stärkere Fokussierung vonnöten wäre; check. Fesselnder wäre es, wenn Fox einen direkten Kontrahenten innerhalb der Familie respektive des neuen Freundeskreises hätte, der bereit wäre Fox' diskutierbare Ansichten auch einmal argumentativ anzuzweifeln, statt bedingungslos zu schlucken. Rudimentär ist "Mosquito Coast" ohnehin in der gewollt ambivalenten Zeichnung – exzentrisch und treusorgend – seines Protagonisten formuliert. Allie Fox beweist sein Engagement bei den Einheimischen, beleidigt später jedoch den sympathischen Bootsfahrer Mr. Haddy (Conrad Roberts) auf rassistisch niedere Weise. Um Aufklärung dieser scheinbar unlogischen Widersprüchlichkeiten hetzt der Film hinweg. Resultat: Faszinierendes Harrison-Ford-Egowichsen in einem kopfbetonten Geheimtipp mit vereinzelt unnötig schlampigem Drehbuch.

6,5/10

Samstag, 9. Juli 2011

In aller Kürze: "The Royal Tenenbaums" [USA 2001]


Würde das eindeutig-uneindeutige Attribut "normal" auf Familien, wie du und ich sie möglicherweise haben, zutreffen, die Tenenbaums wären garantiert nicht normal. Vorgetäuschte Krebserkrankung zur angepeilten Familienvereinigung angesichts zahlreicher Versäumnisse und Erschießung des Sohnes beim Ballerspiel mit echtem Schrot, obgleich im selben Team (begnadet diametral zu seinen diabolischen Schurkenrollen: Gene Hackman), voyeuristisches Stalker-Interesse am neuen Liebhaber (ein schwarzer, alter Sack; Danny Glover) seiner Noch-Ehefrau (Anjelica Huston), zwei literarisch wie sportlich anfangs phänomenal in die Höhe geschossene, später literarisch wie sportlich phänomenal in die Tiefe gefallene Jungs (Luke Wilson, Owen Wilson), ein paranoider zweiter Sohn (Over-Acting-Deluxe: Ben Stiller), der seine Söhne wiederum zu Weltmeisterschaftssprintern züchtigen will, um nach einem Feueralarm inklusive Hund unbeschadet aus dem imaginär brennenden Heim zu stolzieren (sie müssen dafür 16x pro Woche trainieren), eine seit 22 Jahren kettenrauchende, neunfingrige, aber Theaterstücke schreibende und sich täglich acht Stunden im Badezimmer einschließende, depressive Tochter (umwerfend: Gwyneth Paltrow), von der jeder annimmt, dass sie nie einen Glimmstängel gesehen hat. Es musste so kommen: Was folgt, ist die tägliche XXL-Dosis Familienmisere, das wilde Chaos introvertierter Gestalten und ihren persönlichen Differenzen zueinander, das mit Schlaglöchern übersäte Katastrophengebiet zwischenmenschlicher Beziehungslandschaften, die verzweifelte Suche nach dem Sinn des Lebens bei unerfüllter Liebe, Vergangenheitsbewältigung, Vergebung, Enttäuschung. Schicksal. Dicht versponnen, spielfreudig geschauspielert und doch auf eigenartige Weise liebenswürdig, das ist Wes Andersons dritter Spielfilm, ein pointierter Ensemblefilm, wo die Komik mit der Elegie einhergeht, mit schubkarrenweise Stars und pompösem Exterieur aus bunten Kulissen, poppigen Kleidern sowie erlesenen Kompositionen.

Anderson organisiert den Film selbstreflexiv wie ein Theaterstück in Kapiteln, einschließlich Pro- und Epilog. Die Fülle an popkulturellen Anspielungen, musikalischem Rundumschlag quer durch die Epochen und überbordender Fabulierkunst sieht es vor, jede einzelne Figur zunächst mit Zwischenüberschrift und Voice-over vorzustellen, bevor die Handlung beginnen kann. Dabei neigen "Die Royal Tenenbaums" nicht zu einer pathologisch-vielschichtigen, religiös unterfüttetern Analyse komplexer Unzulänglichkeiten lose verknüpfter Charaktere im Stile eines "Magnolia", Andersons Ansatz ist mehr ein satirischer, ohne seine skurrilen Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Anderson karikiert seine exzentrische Sippschaft zwar genüsslich, aber nie zur Karikatur ihrer selbst. Man identifiziert sich, man erkennt sich wieder, nichtsdestotrotz. Der Witz zündet häufig, ist nie zu doll und nie zu Konsens, er ist sanft und lakonisch und manchmal sogar richtig wohltuend in der Kunst des Zurücknehmens infantiler Schenkelklopfer, es ist der unverbrauchte Anderson-Humor, oft ist ein einziger lustiger Satz ausschlaggebend, ein einziges lustiges Wort ("Verpissen wir uns."), ein einziger lustiger Meinungsaustausch. Die Regieideen sind vielseitig, sind nie zu artifiziell, nie auf ihre bloße Schrägheit reduziert. Und immer, wenn man versucht ist zu glauben, Anderson laufe Gefahr dann doch in die verkitschte Kerbe aufgesetzter Rührseligkeiten zu schlagen (so, als Eli Cash, verkörpert von Owen Wilson, sich unter Tränen freiwillig zur Drogenklink einweisen will), immer, wenn man also zu glauben scheint, der Film sei naiver als er vorgibt, ist der Film in Wahrheit intelligenter als der Rezipient selbst: Cashs sentimentales Versprechen diente als Lüge für die Flucht. Fernab des kleineren Mankos der tatsächlich viel zu abrupten Katharsis Royal Tenenbaums (kurioserweise am unmoralischsten und gleichzeitig am verletzlichsten, dieser Royal Tenenbaum) vermittelt Anderson den wiederhergestellten Familiensegen nicht euphorisch als einseitige Erkenntnis, sondern hoffnungsvoll als Chance, weil es schwer ist, den inneren Schweinehund urplötzlich vollständig zu überwinden. Fehlt nur noch Aimee Mann. Wise Up! Save Me! Oder gleich beides. Wäre ihm der andere Anderson nicht zuvor gekommen.

7/10

Freitag, 10. Juni 2011

In aller Kürze: "The Score" [USA, D 2001]



Heist und Nostalgie aus vergessen geglaubten Zeiten, in der Gangster smart, gediegen und romantisch ihren Auftrag erledigten, sich zwischenzeitlich verliebten und der altmodische Handwerkskasten noch dem viel zu komplizierten Computer vorgezogen wurde. Aus dieser Zeit wirkt "The Score" wie aus der Zeit gefallen. Gleichwohl: "The Score" vermag nichts bahnbrechend Originelles dieser Zeit hinzuzufügen; nichts Neues von der "Rififi"-Front, nichts Neues vom guten, alten Brechein-Brechaus-Spiel, außer Vorbereitung, Durchführung, Erfolg oder Misserfolg, de facto außer abgestandenen Mythen und längst Verhandeltem. Einzig Howard Shore und Jamie Harrold versprechen kleinste, gemeinsame Auflockerung. Bezeichnend, dass sich Frank Oz' bleierner Spannungsbogen mit den auf Routine verlassenden, ganz und gar langweiligen Protagonisten neutralisiert. Robert De Niro ist bemüht, seine Rente lustlos einzufahren, und das möglichst ohne Aufwand (eine Prozedur, die bald zum Konjunkturschlager avancieren wird); kann man ihm nicht verdenken, aber man muss es nicht gutheißen. Aus dem Marktschreier ("Hexenkessel") ein kauziger, schüchterner Sack. Marlon Brando macht mit seiner letzten Rolle des dahinsiechenden Obermackers währenddessen ein Angebot, das man jederzeit ablehnen sollte. Und Edward Norton? Okay, so einigermaßen frischer Wind in die eintönige Altherrenriege, teils der Spastiker, teils der Freak am PC, hauptsächlich jedoch jener, der seinen Partner Nick Wells (De Niro) anhand moderner Kommunikationstechniken und wenig Aufwand übertrumpfen möchte. Daraus gerinnt die Quintessenz: Dem Duell zwischen neu und alt, modern und antiquiert, zwischen Opa und Sohn, darauf läuft alles hinaus. Man fühlt sich am Ende aller Vorteile des Computerzeitalters zum Trotz unzweifelhaft befreiend, dass der Vorsichtige von vorvorgestern gegen den Zocker von heute gewonnen hat. Wäre da nicht die Vorhersehbarkeit. Prinzipiell leitet die Kamera (Rob Hahn) jeden Twist ein, was dem Twist seine Überraschung raubt: Schwenk auf einen misstrauisch dreinblickenden Cop (natürlich, dieser Cop wird sukzessive misstrauisch und vermasselt den Plan), Schwenk auf das geraubte Zepter (natürlich, es wird höchstwahrscheinlich das Falsche sein), Schwenk auf einen teuflisch grinsenden Edward Norton, der sich bewusst einige Minuten Zeit lässt, das Alarmsystem abzuschalten, damit Nick Wells physikalisch unkorrekt arbeiten kann (natürlich, dieser Edward Norton erlebt zum Ende hin eine Entwicklung zum Bösen). Auch die klassischsten Schnörkel abseits der Haupthandlung – Lovestory, Verschuldung – bleiben Staffage, pure substanzlose Randnotizen eines geleckten Abenteuers, so vorsichtig konzipiert wie die Figur des Nick Wells arbeitet. Es fehlen die Komplikationen, die Methoden, die Unvorhersehbarkeiten, die Lebendigkeit, die Anspannung, das Austüfteln eines Plan B und C und das Leben insgesamt. Gerade das ist es doch, was einen guten Heist ausmacht.

3,5/10

Donnerstag, 9. Juni 2011

In aller Kürze: "Four Rooms" [USA 1995]



Ähnlich wie einige ebenfalls zerstückelte und ohne einen erkennbaren roten Faden montierte Episodenübungen hängt auch in "Four Rooms" die Qualität der unterschiedlichen Beiträge maßgeblich davon ab, welcher Regisseur mit welchem (Stamm-)Kameramann mit welchem (Stamm-)Cutter die Fäden im Hintergrund zieht. In dieser unheimlich durchgeknallt-irrwitzigen Silvester-Freakshow anarchischer Zerstörungsorgien und Haken schlagender Absurdität geben sich gleich vier Handwerker die Ehre, wovon der eine gern Trash reanimiert und der andere geschwätzigen Nonsens postmodernisiert – vier exzentrische Filmemacher realisieren vier skurrile Ideen in vier Zimmern eines Hotels. Zusammengehalten, verklebt und von Katastrophe zu Katastrophe per Fahrstuhl eilend: Tim Roth, der den affektiven Jerry-Lewis-Slapstick-Verschnitt allerdings so künstlich-gezwungen spielt, dass sich sein unweigerliches Desinteresse als Hotelpage schnell auf den Zuschauer überträgt – uninteressanter und befremdlicher war Tim Roth nie. Während sich die erste geistlose Hexenepisode (Regie: Allison Anders) darin gefällt, schlechten Trash im Gewand infantiler Grafikspielchen sowie unerotischer Weiblichkeit in Verbindung mit einer vollbusigen Madonna zu verquicken, lässt das zweite Kapitel (Regie: Alexandre Rockwell) trotz eines mehr oder weniger bissige(re)n Humors (mehr Synonyme für des Mannes bestes Stück sind ganz sicher nicht möglich) im Grunde genauso die Chance verstreichen, einen brachialen Knalleffekt dem ganzen Schabernack einer irrtümlichen Verwechslungsklamotte überzustülpen (trotzdem sexy: Jennifer Beals). Das Kurzweilige und weniger Primitive kommt dann leider erst zum Schluss. Im Hotelzimmer #3 lässt Robert Rodriguez unnachahmlich augenzwinkernd, unübertroffen rasant und hochgradig bescheuert eine tote Nutte unterm Bett nach dreckigen Füßen stinken. Dabei soll Timothy, pardon, Ted (!) für zwei furchtbar unerzogene Kinder eines durchgestylten Mafiapärchens (El Mariachi: Antonio Banderas) den Milch und abgestandene Cracker bringenden Babysitter spielen. Geht natürlich schief: Das Zimmer geht schlussendlich in Flammen auf! Ein großer Spaß. Und Tarantinos Abschlussepisode ist gewohnt redselige Talkshow irgendwo zwischen Trivialität (die Tücken des Champagners) und Hitchcock ("Cocktail für eine Leiche"), eine einzige Plansequenz (Andrzej Sekula) mitten durch eine geräumige Penthouse-Wohnung, in der kurze Kameraschwenks auf die nächst gelegene Explosion der jeweiligen impulsiven Figur draufhalten, um im nächsten Moment wieder den durcheinander fabulierenden, besoffenen Tarantino höchstpersönlich in einer ironischen Doppelrolle als erfolgreicher Filmregisseur ins Zentrum einer makabren Wette zu rücken, die sich in ihrem Ausgang endlich einer scharfzüngigen Pointe bedient. Tarantino hat weitaus Originelleres geschrieben, ist jedoch mit seinem Busenfreund nichtsdestotrotz für die gerade so erträgliche Mittelprächtigkeit des Gesamtfilms verantwortlich, durch das ohnehin ein Hauch typischer Tarantino-Style weht – geschmackvolle Szenenwechsel, Kapiteleinblendung, Red-Apple-Zigaretten. Die zwei anderen Regisseure vor ihnen sollten zusammen mit ihrem Teddy hingegen für immer in ihre Zimmer eingeschlossen werden.

5/10

Donnerstag, 24. März 2011

In aller Kürze Teil II: "Training Day" [USA, AUS 2001] & "Red Eye - Nachtflug in den Tod" [USA 2005]


Maskulines Schaulaufen zweier moralisch gegensätzlicher Asphalt-Wächter, der eine das verunsicherte Schaf, der andere der gefräßige Wolf, für den es keine verwaschenen Grauzonen jener fest fixierten Lösungsvorschläge seines reaktionären Gerechtigkeitsempfindens zwischen Draufgehen und Überleben und Töten und Laufenlassen gibt. Antoine Fuqua porträtiert diese beiden Hüter des Gesetzes einen Tag lang durch ein von Korruption, dreckig erworbenen Geldbündeln und weißem Schnee überschwemmtes, pittoreskes Moloch und zugleich Heimat Basketball, ebenso wie Drive-by-Shootings herumspielender Gangs in ihren schäbigen Regierungsvierteln, wo jeder hineingelangt, aber mindestens jeder zweite mit dem Leichenwagen wieder herausgeholt wird. Es ist das Hollywood-Gebräu vom abgefuckten Los Angeles knapp unterhalb des sozialen Verfallsdatums, das bedauerlicherweise auch Fuqua 1:1 nachstellt, ohne dabei den hoffnungslosen Tenor mit hoffnungsvollen Freundlichkeiten zu verwässern. "Training Day" inhaliert Fingernägelkauen und ein Mittendrin-Gefühl eher aus dem fesselnden Argumentationsduell beider, direkt nebeneinander sitzender Protagonisten auf ihrem fiebrigen Trip gen Sonnenuntergang. Denzel Washington in einer schillernden Schurkenrolle schießt im Sekundentakt zynische Allmachtsfantasien ab, während sich Ethan Hawke (zuweilen farblos) verbissen an der idealistischen Seifenblase festbeißt, die an der scharfkantigen Bordsteinkante bald zerplatzen wird. Station für Station hakt der Film verbrecherische Minidramen ab, durch die der persönliche Selbstzweifel bald alle anderen Gefühle überdeckt und seine eindrucksvollsten Geistesblitze hat, wenn latente Bedrohung von allen Seiten, etwa in einer Pokerrunde, die Spannungskurve bis zum Maximum dehnt. Doch summa summarum vermag Fuqua "Training Day" nicht über die fest etablierten Cop-Milieusausen hinweg zu hieven. Denn allzu deutlich und in seiner Schlusskonzeption geradezu beschämend banal tritt die Logik des Drehbuchs auf die Happy-End-Tür ein – und der Idealismus besiegt den wie ein Kartenhaus in sich selbst zusammenfallenden Zynismus, umso schneller der Tag schwindet. Heile, wunderbare Welt.


6/10



Der Maestro postmoderner Horrorstoffe, welcher ein Genre zuerst tötete und zerstückelte, aber alsbald neu reanimierte und erfand, lädt zur schaurigen Flugzeugreise. Zielstrebig direktes Genrekino ohne eine Geste zu viel oder zu wenig, mit dem Craven erneut den Beweis erbringt, unter welch' virtuoser Regiehand er begrenzte Räumlichkeiten multiperspektivisch in Szene zu setzen vermag, die urplötzlich zum schwindelerregenden Labyrinth mutieren. Symptomatisch: Der mehrminütige Showdown in den eigenen vier Wänden mit endlosen Türen, Gängen, Zimmern, Schalldämpfern und Messern erinnert überdeutlich an des Regisseurs organisierte Verfolgungsjagden zu Fuß aus der "Scream"-Trilogie, wohingegen der mit einem Stift im Hals malträtiere Cillian Murphy die psychedelisch-karikatureske Ripper-Version diverser Täter gleichnamiger Reihe übernimmt. Das ist sozusagen das selbstreferentielle Craven-Geschenk an seine Fans, immer bereit für eine kleine Verbeugung seines eigenen Schaffenswerkes. Auch das elegante Szenenbild im Flugzeug evoziert Dichte, Atmosphäre, Unentrinnbarkeit wie Ausweglosigkeit. Es wird geflüstert, getuschelt, gelästert, währenddessen Robert D. Yeoman darüber hinwegschwebt. Und es wird geweint und geschluchzt im einzigen hermetisch abgeschlossenen Rückzugsort, der Toilette. Dank zwei lockeren Hauptdarstellern gelingt die Prämisse, dass das Grauen auch im freundlichen Sitznachbarn einige Zentimeter weiter links oder rechts schlummern kann, einigermaßen. Einigermaßen. Denn wo Cravens handwerkliches Geschick gewohnt stilsicher abgerufen wird, gehen mit der eigentlichen Geschichte des Autors Carl Ellsworth heftige Turbulenzen einher. Übermäßig besessen folgt Klischee auf Klischee. Telefonverbindung fällt aus, Handyakku wird leer, Botschaften an Spiegel geschrieben – die Wendungen des Kammerspiels bleiben in ihrer genrehaften Durchschaubarkeit Makulatur und zusehends so etwas wie vorhersehbare Drehbuchdutzendware. Dazu passt folgerichtig der Sachverhalt, dass, sobald die mehrschichtigen Subtexte formuliert werden – der republikanische Politiker, die beruflichen Parallelen zwischen Lisa (Rachel McAdams) und Jackson (Cillian Murphy) – eben jene Metaebenen sind, die angesichts kurzer Erwähnungen denn tiefgreifender Gedankengänge als bloße, oberflächliche Behauptung entlarvt werden.

5/10

Dienstag, 25. Januar 2011

In aller Kürze: "Der Schrei der Eule" / "Le cri du hibou" [F 1987]



Intensiv übergeschnapptes Ringen neurotischer Zwangshandlungen innerhalb eines Kammerspiels einer Dreiecksbeziehung um die Liebe, den Tod und Eifersucht. Chabrols theaterhafte Adaption Patricia Highsmiths gleichnamiger Romanvorlage schwimmt nach schönster Hitchcock-Motivvorlage im Fahrwasser klassisch gezimmerter Verfolgungsthriller, in denen sich ein unschuldig Gejagter mit überaus misstrauischen Beamten herumschlagen muss, um seine Unschuld beweisen zu können. Davor verlagert der Film sein Gewicht auf teils spannenden, teils gestelzten Herzschmerz, heimlichen Voyeurismus und sagenhaft depressiven Figuren ihres sagenhaft unglücklichen Lebens. Formal nicht uninteressant gefilmt, spiegeln sich die inszenatorischen Raffinessen diametral zu jenen hektischen Verwicklungen der Protagonisten eindrucksvoll in ruhigen Einstellungen, experimentellen Perspektiven und ausgemergelten Kulissen. Facettenreiche Darsteller (allen voran Christophe Malavoy und Virginie Thévenet) sind trotzdem nicht imstande, die extreme Künstlichkeit wie Unausgewogenheit des Plots zu kaschieren, speziell dann, wenn der dramatische Höhepunkt ein skurriles Blutbad zur unfreiwilligen Komik erklärt. Und die kriminalistische Verbrechensaufklärung zur schablonenhaften Ansammlung ausgenudelter Drehbuchfinten verkommt.

6/10

Freitag, 14. Januar 2011

In aller Kürze: "Frozen River" [USA 2008]



Auf Filmfestivals gefeiertes Indie-Debüt der Regisseurin Courtney Hunt, wo frostige Eislandschaften das symbolische Äquivalent zum unterkühlten Gemütszustand der Akteure beschwören. Hunt illustriert eine einfühlsame, musikalisch sehr effektiv begleitete Verlierer- und Armutsgeschichte im Land der unbegrenzten Tristesse, ohne mit übertriebenen Gesten in schmalzigen Gefühlsdusel abzudriften. Bei ihr reicht eine einzige Träne der stark spielenden Melissa Leo, um von monetären zu moralischen Schieflagen entfliehen zu wollen oder gar entfliehen zu müssen. Während ihr Sohn (Charlie McDermott) seiner Mutter stets ironisch den Spiegel vorhält. Die Schnitzer einer ersten Regiearbeit kann der Film allerdings nicht vollständig verschleiern, wenn Schnitt, Nachtszenen und Digicam mancherorts keine harmonische Linie finden wollen. Auch der überambitionierte Wille Hunts, zahlreiche heikle Themenbereiche miteinander zu verkitten (Spielsucht, Finanznot, Menschenschmuggel, kulturelle Unterschiede von Indianern und Weißen im Kinderaufziehen) scheitert am oberflächlichen Entlangkratzen denn Tiefergraben. Zu guter Letzt verrät sich der authentisch-ehrliche "Frozen River" sogar selbst, in dem ausgenudelte "Wir-lieben-uns-doch-alle"-Lösungen und leicht zu durchschauende Wendungen wie auf dem Silbertablett serviert werden.

5/10

Dienstag, 30. November 2010

"16 Uhr 50 ab Paddington" / "Murder She Said" [GB 1961]



Mord im vorbeirasenden Zug. Erster Fall für die kleine, pummelige und burschikose Hobbyermittlerin Miss Marple, die ihre feine Nase durchgehend mit zeitgenössischer Krimilektüre pudert. Und mit der Margaret Rutherford untrennbar verbunden ist. Ihre Debütabtragung von Indizienschichten zur kompletten Verbrechensrekonstruktion versteht sich als klassisch arrangierter Whodunit-Krimi. Ehe der Täter entlarvt werden kann, entwickelt der Film ein dichtes, undurchdringliches Beziehungsnetz dysfunktionaler Familienstrukturen, in denen Koketterie und Gier unmittelbar aufeinander aufbauen. Beachtlich: "16 Uhr 50 ab Paddington" evoziert Hochspannung trotz böser Urklischees: der verwinkelte Landsitz, der schaurige Gärtner (als, selbstverständlich, erster Verdächtiger), die für Nervenkitzel sorgenden Stromausfälle, die hilflose Polizei, die zahlreichen Ermordungstaktiken, wohingegen das eigentliche Rätselratespiel öfters satirische wie englisch-humoristische Pfeile schießt. George Pollocks charmante Agatha-Christie-Adaption ist nicht nur wunderbar atmosphärisch und glänzt nicht nur angesichts verbaler Schlagabtausche par excellence, düsteren Licht-Schatten-Montagen, schwungvoller Musik (Theme: Ron Goodwin), schrulligen Persönlichkeiten, sondern gefällt hauptsächlich durch Liebenswürdigkeit, Sympathie und Intelligenz sowohl der Hauptfigur als auch des Plots. Jedem "Tatort" vorzuziehen.

7/10

Montag, 8. November 2010

In aller Kürze: "Punisher: War Zone" [USA, D 2008]



Dritter (gefloppter) Feldzug des aus dem Marvel-Universum entstiegenen Punisher. Nach Dolp Lundgren und Thomas Jane lässt die deutsche Regisseurin Lexi Alexander diesmal Ray Stevenson ins Kostüm des desillusionierten Antihelden schlüpfen und zementiert ihren Ruf als hartgesottenes Superweib Hollywoods. Ihr grobschlächtiger Genrefilm erweist sich als ein Geschenk an die Fanboys und Gorehounds dieser Welt. Bei "Punisher: War Zone" ist der Titel Quintessenz. Alexander inszeniert ein launiges Schlachtfest samt unaufhörlich umherfliegender Körperteile, orgiastisch spritzendem rotem Lebenssaft aus teils preisgünstigen grafischen Computerprogrammen (die Qualität zwischen cool und verpixelt schwankt) sowie selbstironischen Anarcho-Schurken in einer Welt, wo das Recht erst erfunden werden muss und sich Cops mit selbsternannten Kämpfern für eine gute Sache arrangieren, wenn in Kooperation sadistische Gangster gleich mit 'ner Blutfontäne ins Jenseits denn auf die Anklagebank geführt werden. Das Sequel des Remakes präsentiert sich hierbei als derart überdreht, dass sein an jeder Ecke exzessiv vorhandener Comic-Charakter von vornherein jegliche reaktionären und ideologischen Tendenzen des Plots negiert. Ein unterhaltsames, ohne Zynismus und noch dazu verdammt rasantes "Hirn-aus-Pistole-raus-Kugel-rein"- Massaker, bei dem die pathetischen Grenzüberschreitungen bis auf die Kirchenszene angenehm reduziert und der Film lieber von bösem Humor böser Gestalten lebt. Apropos böse Gestalten: Während Doug Hutchison zu offensichtlich Hannibal Lecter imitiert und folglich gern mal zubeißt, wenn er nicht gerade in einem Anflug von hemmungslosem Over Acting mit dem Zerschlagen böser Spiegel und anatomischem Fachwissen beschäftigt ist, imitiert Dominic West nach einem stark nach "Batman"-Reminiszenz riechenden Flaschenbad zu sehr psychotischen Joker mit dem Pizzagesicht Freddy Kruegers und rekrutiert nebenbei ganze Armeen vor amerikanischer Flagge (sic!). Das nächste Mal wäre weniger Abgucken eine Option. Trotzdem: Spaß macht's.

6,5/10

Mittwoch, 22. September 2010

In aller Kürze: "Flucht aus Absolom" / "No Escape" [USA 1994]



Martin Campbell-Potpourri aus postapokalyptischen Kulissen à la "Mad Max", archaischem Dschungelgemetzel à la "Predator" und unmenschlichen Gefängnissanktionen à la "Papillon" zum turbulenten, ungemein kurzweiligen Insel-Klopper, in dem sich Zivilisation und Barbarei den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse liefern. "Flucht aus Absolom" spult klassische Genremotive ab, verkauft Vorhersehbarkeiten, lässt Handlungsstränge fallen und präsentiert sich vor allem als echter Männerfilm ohne Frauen. Statt Kugeln wird mit Pfeil und Bogen getötet, geköpft, verbrannt, manchmal sogar aufgespießt. An einer tiefgreifenderen Reflexion wie dem Outlander-Clan, dem Leben in der Dorfgemeinschaft sowie dem Kriegstrauma des desillusionierten Helden mit Blut an den Händen interessiert sich "Flucht aus Absolom" wenig, um im Gegenzug diversen Scharmützeln mit schwerem Kriegsgerät nebst aufgesetzt pathetischen Aufopferungsreden den Vorzug zu lassen, während der große Fluchtplan selbstverständlich konstruiert wird. Kaum zu leugnen, dass diese catch and run-Dramaturgie allerdings handwerklich angesichts imposanter Weitwinkeleinstellungen, punktgenauem Schnitt und übersichtlich choreografierter Kampfsequenzen durchaus ansehnlich aufbereitet wird. Mit Lance Henriksen, Michael Lerner und dem für den pointierten Humor zuständigen Stuart Wilson (toll!) in undifferenzierten, wenn auch gnadenlos spaßigen Figuren adäquat besetzt, fehlt es Hauptdarsteller Ray Liotta nichtsdestotrotz an Leben im Gesicht. Oder hat er tatsächlich nur seine Lethargie-Tabletten vergessen?

6/10

Mittwoch, 1. September 2010

In aller Kürze: "So grün war mein Tal" / "How Green Was My Valley" [USA 1941]



Um zwei besonders ulkigen Tatsachen aus dem cineastischen Absurditätenkabinett zu begegnen, genügt ein schneller Blick in die entsprechende Wikipedia-Seite. Nicht nur, dass darin vermerkt ist, John Fords auf Richard Llewellyns basierende Familienchronik habe insgesamt vier (!) deutsche Alternativtitel parat, nein, dieser Heimatfilm namens "So grün war mein Tal" (oder "Schlagende Wetter", oder "Schwarze Diamanten", oder…) habe außerdem, damals vor langer, langer Zeit, als Hollywood noch schön war, den Prestigeoscar für den Besten Film gewonnen und sich gleichzeitig gegen Hochkaräter wie "Die Spur des Falken" und selbst "Citizen Kane" durchsetzen können. Leider wird das Werk seinem anhand der Preise postulierten Ruf als Klassiker nicht gerecht. Ford beschwört in seinem offensichtlich sozialkritischen Drama voller elementarer Lebensthemen das Bild eines zutiefst konservativen Familienbildes, das an der "neuen sozialökomischen Lebensweise" einer neuen technisierten Zeit zerbricht, die sich längst gewandelt hat. Was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass "So grün war mein Tal" im Kern allerdings furchtbar anstrengendes wie phänomenal nerviges Bauerntheater verkörpert, das in unerträglich vielen pathetisch-religiösen Dialogen über Gottes unendliche Kraft schwelgt, wenn nicht zwischendurch entweder hysterisch gelacht oder heitere Volkslieder euphorisch zum Besten gegeben werden. Ford zeigt wehmütig-vergängliche Bilder einer idyllischen Dorfgemeinschaft, während im Hintergrund das Drehbuch nicht gerade idyllisch Amok läuft, indem es sich vergeblich entscheiden kann, ob es sich auf das Innenleben der walisischen Familie konzentriert, oder aber auf jenen epochalen Wandel zu jener einsetzenden Industrialisierung, welche die Morgans allmählich aus ihrem Paradies vertreiben. So oszilliert das Script unkontrolliert zwischen beiden Handlungssträngen. Ungeachtet dessen, dass zwei, drei irgendwie gelungene Momente (die Ausbildung des Sohnes zum Schulhof beherrschenden Schläger beispielsweise) sowie weitgehend überzeugende Schauspieldarbietungen tatsächlich den Weg in den Film gefunden zu haben scheinen, entpuppt sich "So grün war mein Tal" dennoch nicht weniger als ein auf große theatralische Gefühlsduselei aufgebauter Schmachtfetzen, der träge vor sich hin vegetiert.

3,5/10

Mittwoch, 25. August 2010

In aller Kürze: "Der Gefangene von Alcatraz" / "Birdman of Alcatraz" [USA 1962]



Unaufgeregt, frei von jeglichen aufgesetzten Sentimentalitäten sowie trotz seines Appellcharakters niemals anbiedernd, aber dennoch in hochemotionalen Momenten erzählt John Frankenheimer vom apathischen Verzweifeln hinter kalten Gefängnismauern. Burt Lancaster spielt in einer bestechenden, weil mehrdimensional konzipierten Leistung den zweifachen Mörder Robert Stroud, der mehr als die Hälfte seines Lebens in Einzelhaft, in Monotonie zwischen Ungeziefer und kahlen Wänden, verbringt, ehe unbekümmerte Vogelgesänge für die herbeigesehnte Erlösung sorgen. Obgleich die Geschichte einen realen Hintergrund besitzt, erweist sich "Der Gefangene von Alcatraz" allerdings weder als Dokumentarfilm noch als Biographie. Stattdessen skizziert der Film in beklemmenden Bildern Strouds Verwandlung vom jähzornigen Egomanen zum Rehabilitierten zum leidenschaftlichen Vogelkundler zum idealistischen Einzelkämpfer, der einem ganzen unmenschlichen Justizapparat gegenübertritt, während der Zuschauer ihn beim würdevollen Altern zusieht und dabei ein Gnadengesuch nach dem anderen abgelehnt wird. Frankenheimer singt ein Hohelied auf universelle Rechte Gefangener, tangiert essentielle Werte und Normen, propagiert Freiheit, Humanität und Menschenwürde in einer zutiefst finsteren Welt, deren Verständnis von Recht allerhöchstens desolat erscheint und von sadistischen Fanatikern mit permanenten Rachegedanken bevölkert wird. Und er zeigt grenzenlose Freundschaft in Extremsituationen, etwa wenn Stroud in einer der ergreifendsten Szenen eine Katharsis durchlebt und sich zum ersten Mal seit Jahrzehnten bei einem Mitmenschen, bemerkenswerter Weise einem Gefängniswärter (Neville Brand), entschuldigt, weil beide menschlich vom jeweils anderen behandelt werden wollen. Exzellente Nebenrollen (Thelma Ritter, Karl Malden, Betty Field, Telly Savalas) sowie Elmer Bernsteins atmosphärische Musik komplettieren einen etwas anderen Knastfilm ohne obligatorische Ausbruchspläne, dafür mit einer Reihe deplazierter Actioneinlagen gegen Ende. Und unglücklichem deutschem Filmtitel.

8/10

Dienstag, 22. Juni 2010

In aller Kürze: "The Green Mile" [Stephen King, 1996]



Stephen King meets Charles Dickens. Formal. Sein nämlich als Fortsetzungsroman konzipiertes Plädoyer gegen die Todesstrafe ist ein anrührendes Tableau zwischenmenschlicher Konflikte und Zwiespälte im Todestrakt. "The Green Mile" wirft die Frage auf, mit welchen psychischen Folgen Gefängniswärter leben müssen, wenn sie einen unschuldig zum Tode Verurteilten hinrichten, ob sie letztlich an ihrer Schuld oder am Gewissen zerbrechen, oder an beidem, oder gar nicht. Dabei fallen eindeutige Antworten nicht leicht, da sich King eindeutigen Antworten verschließt. Er lässt den Zeigefinger in der Tasche, seine moralische Botschaft ist nie zu moralisch, sein Protagonist John Coffey (wie das Getränk, nur anders geschrieben) eine der tragischsten Figuren aus der Feder des Schriftstellers. Es gibt die Guten und die Bösen, eine mit klugen Dialogen implementierte Kriminarrative, eine mit klugen Analogien (Percy/Brad) durchzogene Verquickung von Gegenwart und Vergangenheit, Christus-Konnotationen, metaphysische Wunder und Ressentiments gegenüber Schwarzen, Zirkusmäuse, überaus ergreifende Szenen (es wird kaum ein Auge trocken bleiben, wenn Coffey auf "Old Sparky" festgeschnallt wird), ebenso wie Mörder und Vergewaltiger, die allerdings das letzte Maß an Würde erhalten, was ihnen kurz vorm staatlichen Mord ein paar weitere Stunden am Leben erhalten. Denn sie sind trotz ihrer grausamen Verbrechen vor allem eines geblieben: Menschen. Bisweilen flach in der Skizzierung etwaiger Einzelschicksale und Charaktere sowie aufgesetzt im Versuch, Coffey als "Tumorheiler" zu etablieren, bündelt der Roman obige Fragen zur metaphorischen Erkenntnis, dass wir alle irgendwann unsere grüne Meile gehen, die vielleicht letzten, des Öfteren jedoch unendlich langen 60 Schritte, Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen.

8/10

Montag, 5. April 2010

In aller Kürze: "2012" [USA 2009]



Alarmstufe Rot: Der größenwahnsinnige Misanthrop aus deutschen Landen hat wieder zugeschlagen. Und bleibt sich selbstverständlich seiner Linie treu, wenn er abermals eine exzessive, eine unverschämte, eine lustvolle Destruktionsorgie mit jeglichem Brimborium auf die Leinwand schmettert. Mit einem nicht unerheblich ironischen Augenzwinkern, passablen Gags (mein Favorit: als der russische Milliardär Karpov den scheinbar defekten Motor eines Bentleys mit simpler Sprachsteuerung startet) sowie imposanten Schauwerten vom donnernden Erdbeben, über feurige Vulkanausbrüche bis hin zum wässrigen Tsunami (gut, kommt etwas später vor) vermag die erste Hälfte Emmerichs B-Weltuntergangs-Maya-Kalender-Flick durchaus Spaß zu machen. Doch spätestens in der zweiten, wo pathetisch-kitschige Dialoge auf klischeebehaftete Familienkonstellationen treffen (Ersatzvater stirbt, dem Originalvater wird's freuen), flach ausgearbeitete Figuren auf 'ne überlange "Poseidon"-Hommage, ein um moralisches Handeln bemühter Sindelfinger auf Holzhammersymbolik (die ganze Welt wird fortgeschwemmt, außer das Kap der guten Hoffnung, weil es Kap der guten Hoffnung heißt – jaja, Roland, alles wird wieder gut), manifestiert sich die wahre schriftstellerische Katastrophe der inszenierten Katastrophe: Drehbuch. Aber das ist ja nichts Neues in einem Roland Emmerich-Blockbuster.

5/10