Obgleich sich Vergleiche zur ersten Staffel "True Detective" verbieten (sollten), sei ein Vergleich gestattet: Neblige Feuchtigkeit weicht schaler Müdigkeit, weiche Form analytischer Leere. In Anlehnung an eine Great American Novel, fransen die Erzählstränge Nic Pizzolattos aus, um eine zweite, sanft tyrannische Geschichte über die immanente Existenz im ästhetischen Stadium zu erzählen, die auf Impulse, auf eine "Entseelung" (Alfred Weber) abgerichtet ist und in der nicht einmal mehr eine Audionachricht hochgeladen werden kann. Neben Schuld (wie sie Colin Farrell auf sich lädt) und traumatischen Vergangenheitsereignissen (wie sie Rachel McAdams versucht, abzuschütteln) teilen Pizzolattos Figuren allesamt ihre behauptete Aufrichtigkeit, nie wieder als Versager niedergedrückt zu werden (Vince Vaughn). Oder, überhaupt, in ihr Ich blicken zu müssen, das sie hinter sich zu ließen glaubten (Taylor Kitsch). Die zweite Staffel mag den philosophischen Budenzauber erhöhen, die groteske Ernsthaftigkeit des Weltschmerzes, die surreale Weinerlichkeit inmitten einer Kneipe aus "Lynchworld" (Georg Seeßlen) – und Pizzolattos Dramaturgie, einen Mord als Brandbeschleuniger zu benutzen. Staffel zwei, und das sei ihr zugestanden, ist nichtsdestotrotz einnehmend zu verfolgen, diese mechanistische Kälte, diese unzähligen Straßenmosaike, Gehirnwindungen, Seelenmosaiken gleich. Und diese stählerne Wucht, beispielsweise bei einer Sexparty. Die Suche nach dem verlorenen Glauben siedet im Verfall der Kultur, der architektonischen, sexuellen wie der moralischen.
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Freitag, 14. April 2017
Freitag, 16. Dezember 2016
"Hacksaw Ridge - Die Entscheidung" [AUS, USA 2016]
Grinseleuchte Andrew Garfield – es ist kaum zu fassen, wie ihn Mel Gibson insz… ästh… idealisiert: Er stolziert, nachdem er sich die Pause nahm, mit der stets eng umschlungenen Bibel zu beten, über das Schlachtfeld, als ob er Bock auf 'n Steak hätte, das er sich dort mühelos braten könnte, kickt scharfe Granaten über die Horizontlinie, wäschst sich rein und hat zum Schluss das Vergnügen, auf einer Trage verletzt in jenseitig verhangene Himmelssphären emporgetragen zu werden. Gottes Wille, das alles. Na klar. Der Verstand verließ den Regisseur. Ohne Zweifel. Durch. Danach kann gar nichts mehr kommen. Denn Gibsons fundamentalistischer Fetisch lässt einen sowieso nie wuchtigen, lieber digital verunstalteten Ostblockprokriegsfilm zu einem Jesus-Christus-Erlösermythos mutieren, der zudem alle gängigen Genreklischees unbewusst karikiert, indem er sie pathologisch aneinander staffelt. Dies übertrifft Ausmaße, die, klebrigen, verhärteten Sirups gleich, eine Komik evoziert, die intendiert sicherlich nicht war. So irrt Vince Vaughn, der das "True-Detective"-Syndrom nicht behandeln ließ, in einer ernsten Rolle gerade dadurch nicht ernstgenommen werden zu können, als Abziehbild Gny. Sgt. Hartmans durch den heiligen Ernst einer Kriegspassion – und weist einen, Hallo Witz, nackten Soldaten zurecht. Überwiegend Kitsch und Cholera, dürfte "Hacksaw Ridge" hauptsächlich im Privatfernsehen Donald J. Trumps im Weißen Haus in Dauerschleife laufen.
1 | 10
Freitag, 21. Juni 2013
Spielberg-Retro #10: "Vergessene Welt: Jurassic Park" / "The Lost World: Jurassic Park" [USA 1997]
John Williams' heldenmütiges Theme erklingt sehr selten in der Fortsetzung wissenschaftlicher Hybris und prähistorischer Schöpfungskraft. Gemeint ist der Charakter einer Fortsetzung, die dem längst ausentdeckten animalischen Abenteuer keine Sprachlosigkeit mehr zu entlocken versucht, sondern nur noch einen beklemmenden Überlebenskampf musikalisch unauffällig begleitet. Umso comichafter Spielbergs Dinosaurier Menschen jagen, desto weiter entfernt sich der Amerikaner jedoch von seiner eigenen Schöpfung, die seinerzeit in subtilen, mitreißenden Entdeckerwahn verfiel, jetzt aber in eine monotone Mechanik kommerzieller (InGen-)Unterhaltung, schlicht: der Dino-Action, wildert.
Daraus geschlüpft ist ein (deshalb teilweise unfreiwillig) selbstreflexives Kreaturentreiben, dem Spielberg eine Aura des Lustlosen verleiht, eine Aura des geschwätzigen Dialogdünnpfiffs ebenso (zwischen Nerds ihres Fachs!), wie eine des Vertrauensverlustes, Bilder wirken zu lassen, ohne sie redundant zu kommentieren. Ein Unterschied mehr zum Original. Ein künstlerisch ähnlich imposanter Nachklapp stand zunächst wohl nicht im Interesse Spielbergs. Dabei müssen hauptsächlich die mythologischen Naturgeschichten King Kongs und Moby Dicks herhalten, die Erde vor dem markerschütternden Stampfen des T-Rex' zu beschützen, der den Antagonisten mit hypnotisierendem Augenkontakt sowie ironischem Schwank verkörpert, und mit dem sich zugleich eine Jagdobsession in Gestalt des Kapitän Ahabs herauskristallisiert (Pete Postlethwaite spielt ihn ausreichend brummig).
Wenn ein Schrei in ein Gähnen übergeht, Jeff Goldblum irrsinnig doof gegen Velociraptoren (respektive gegen Kapitalisten) kämpft, gar als T-Rex gehalten wird und fahrbare Kommunikationseinrichtungen schließlich über der Klippe hängen, dann ist Spielberg allzu selten in seinem Element, mit erinnerungswürdigen Höhepunkten zu flirten. Denn auch wenn die Form schließlich triumphiert, exzessiver, ausgestellter, direkter nämlich – irgendwann wird auch ein Vergnügungspark langweilig, sobald die Attraktionen lediglich damit beginnen, sich durch Menschenhand von Jahr zu Jahr marginal zu verändern, um eine vermehrte Anzahl an Besuchern anzulocken.
5 | 10
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