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Freitag, 7. Oktober 2016

Jarmusch-Retro #10: "Broken Flowers" [USA, F 2005]


Aus Namen macht sich Jarmusch öfters einen Spaß. Don Johnson ist Don Johnston. Mit einem "t". Als Bill Murray, er entschleunigt diesen Don Johnston in zähflüssigen Lavalampenbewegungen, zum Schluss seinem Sohn (?) Lunch und Trank ausgibt, bevor er, wieder allein, an der Straße verdutzt steht, ruckelt die Kamera um seinen Schädel, um die Gegenwart, die der Vergangenheit nichts anhaben konnte. Am Ende, so überrollt dieser katatonische "Broken Flowers" den Zuschauer, indem er sich widersetzt, etwas zu liefern, was über dem Radar der Bedeutsamkeit fliegt, gehen nicht nur die Blumen "gebrochen" ein: Nach vier (respektive fünf) Besuchen sitzt und liegt Don (Juan) von Neuem auf seiner Ledercouch. Hielten andere Jarmusch-Expeditionen wenigstens Akzente einer kathartischen, aufbruchsimmanenten und emanzipatorischen Neugewinnung bereit, so muss Don Johnston angestupst werden, frühere Lebensbegleiterinnen zu besuchen, um die Mutter seines Sohnes herausfinden zu können. Infolge dieser nicht ganz zwei andauernden, fluffigen Stunden umreißt Jarmusch die Klassen- und Gedankenunterschiede (anhand, beispielsweise, des aufgetischten Essens), während sich Murray als überdimensionierte Briefmarke über kuriose Tierarztklinken und tobsüchtige White-Trash-Siedlungen voranschleppt. Höchstwahrscheinlich fehlt, gemäß seiner jenseitigen Hauptfigur, "Broken Flowers" das gewichtige Moment. Andererseits ist die Fingerfertigkeit Jarmuschs, der hier ähnliche Äcker wie Steven Soderbergh bearbeitet (Entspanntheit schlägt Entschiedenheit), stilistisch reizvoll. Ein närrischer Spaßfilm.

6 | 10


Originaltext

Mittwoch, 29. Oktober 2014

"Plötzlich Gigolo" [USA 2013]


[...] Die entzückende Serie "Hung" hat es vorgemacht, wie schräger als schräg und gleichfalls subversiv dieser testende Teilzeitgigolo funktioniert, der, um sich in Zeiten wankender Marktregulierung, ein befriedigungskompetentes Hobby sucht, das pro Schuss – und nicht zu knapp – ein von Hand zu Hand flatterndes Trinkgeld provoziert. Aber Turturros zahmes, jazzig einlullendes, bierernstes Tamtam, das sich anfühlt wie ein formverwandter Woody-Allen-Prologfilm zum Woody-Allen-Hauptfilm? Ohne Woody Allen selber womöglich gar nicht lustig, giftig, gallig. Denn der quirlige Versteher auskomplizierter Anekdoten wird nie seine kindgerechte Strebsamkeit verlieren (schon gar nicht vor einem jüdischen Gericht). [...] 


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Freitag, 15. November 2013

"Schneller als der Tod" / "The Quick and the Dead" [USA 1995]


Er kommt in den Saloon, der Böse. Wirft einen einschüchternden Schatten, die Stiefel stampfen, das Holz knarzt, benommenes Schweigen. Wenn der Schatten des Bösen, von Gene Hackman selbstherrlich bis zur Persiflage überzogen (der, um den Teufel zu demonstrieren, in einer symbolischen Szene einen roten Apfel voller pathetischer Inbrunst schält), nach dem letzten Klicken und Schuss noch einmal, das letzte Mal, auf dem Boden reflektiert wird und ein winziges Loch den Umriss der Silhouette ruiniert, dann geht Raimi seinem Humor auf den Leim, an den unmöglichsten Stellen trotzdem die Courage zu haben für eine hirnrissige Stilblüte. Denn Perfektionisten sind weiß Gott langweilig. Auch "Schneller als der Tod" ist doppelt Raimi – die Einstellungsverrenkungen, Zooms, sinfonisch wechselnden Großaufnahmen von Revolvern, Uhrenblättern, Augenpartien, Einschusswunden und derart spektakulär durch die Luft sausenden, toten Körpern, dass sie (eventuell) einem überschwänglichen Comic geraubt  wurden, tragen die Handschrift des Regisseurs. Ob kompakter Wettkampf-Actioner im stechend angestrahlten Wilden Westen, ikonografische Genrehommage oder Verarbeitungspsychogramm: Erkenntlich ist das so nicht, da sich alle drei Strömungen miteinander verhaken. Klar ist aber auch, dass "Schneller als der Tod" Laune macht und anhand des hymnischen Silvestri-Prärieteppichs sorgfältig mitreißt. Ein pfiffiges, sexy Schauspielquartett schießt sich die Birne ein. Sowas muss auch sein. Perfektion ist langweilig.

6 | 10

Freitag, 10. August 2012

"Catwoman" [USA 2004]


Scheißfilm hin, Scheißkino her: Manchmal muss man einfach freiwillig in den Abgrund hinabschauen und durch die cineastische Dunkelheit schreiten, um am Ende das Licht des guten Geschmacks sowohl zu erblicken als auch richtig schätzen zu können. "Catwoman" ist so ein Film, der Bodenschatz im Bodensatz aller Comicadaptionen. Nichts ist schmerzhafter für einen Mann – physisch wie psychisch gesehen –, wenn seine Klöten abgeschnitten werden, aber ebenso schmerzhaft kann es sein, Halle Berry in ihrer kalkulierbaren Entwicklung vom tölpelhaften Naivchen im Schlabberoutfit zur exaltierten Lack- und Lederamazone zu verfolgen, die sich ihren White Russian blank servieren lässt (eben ein anderes Wort für "Milch"). Um die problembehaftete Diskrepanz zwischen Nachtbestie und Tagesmädchen, auch psychologisch in Hinsicht zu einer Liebesbeziehung, zu umreißen, benötigt es kein Drehbuch, wie in "Catwoman" ersichtlich. Drehbuch? Pah! Wo auch? Catwoman jagt böse Buben aus der Kosmetikindustrie, versucht Pickel und Hautunreinheiten auszudrücken, weil sie zuvor von chemischem Abfall getötet und per ägyptischer Katze wiederbelebt wurde. Stakkatoschnitt und heiße Beats beflügeln den Film dahin, dass er nichts kann, weder Action noch Actionszenen, weder Sport noch Basketballsport, weder Filmen noch Kino. Mit orientalischen Trance-Songs, die sonst bei Wahrsagern und falschen Fünfzigern gespielt werden, suhlt sich "Catwoman" in ätherischen Ölen, die den hiesigen MTV-Videos dieser Welt ihre aufdringliche Klebrigkeit verkaufen. Der Hintern und die Brüse Berrys sind gut verpackt, was einzig und allein fehlt, ist die Verpackung der Verpackung, denn asiatische Profikiller, französisch wirkende Kotzbrocken-Chefs, zersplitterndes Glas, das zersplittert, bevor es zersplittert, und ein CGI-Schnurren besiegeln vor allem die Hölle, in deren Untiefen solche Filme gedreht werden. Sharon Stone ist irgendwie trotzdem grandios: Make-up bis zum Anschlag, weiße Haare, kühl und heiß, frisch der "Basic Instinct"-Wanne entstiegen und einer Marmorhaut, hart und unästhetisch, dem Drang verfallen, der Alterung zu entgehen; eine Selbstreflexion wider Willen.  

2 | 10