Posts mit dem Label Peter Dinklage werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Peter Dinklage werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 9. Februar 2018

"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" [USA, GB 2017]


Da hat einer einen blutig geprügelt. Der Werbungsverkäufer Red Welby (Caleb Landry Jones) wurde aus dem Fenster geschmissen. Sam Rockwell spielt den Übeltäter, einen tumben, schwerfälligen Cop: Comichefte, Kopfhörer, grenzenlose Aggression. Aber die Vergebung – sie wärmt in Ebbing die kleinen Leute und kleinen Dinge auf ihre Weise, eine Wärme, einem Kaminflimmern gleich. Als beide zur gleichen Zeit im gleichen Krankenhauszimmer Nachbarn werden, stellt der eine, der Verprügelte, dem anderen, dem Prügelnden, ein Glas Orangensaft auf ein Tischchen und dreht den Strohhalm in die entsprechende Richtung. Das ist eine der feinfühligsten Szenen, wie sie "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" aus dem Gedächtnis eines Landes schöpft, das im Sperrgebiet zur Welt kam. Ohne Technik, Technologie, Firlefanz eben. Nur das Wesentliche, die pure Seinsausschüttung. Denn – und dies sollte festgehalten werden – sind die Dinge an sich wichtig, immer noch und immer wieder. Hierin liegt die Nähe zu den Coens – auch Martin McDonagh lässt die Dinge fließen. Manche bedeuten etwas, andere nicht. Bewundernswert, dass ihm dabei ein Film gelingt, der gewalttätig, aber nie zu ausufernd am Zweifel verzweifelt. 

Zweifeln tut Mildred Hayes (Frances McDormand). Besser gesagt: hoffen. Sie verlor ihre Tochter Angela (Kathryn Newton) an ein Gewaltverbrechen, das tödlich endete. Mit Hilfe dreier Billboards, großflächigen Werbetafeln, versucht sie, das Verbrechen gegen das Vergessen wachzuhalten. Vielleicht kann es noch einmal aufgerollt werden. Aber dazu braucht es die Provokation – sarkastische Schriftzüge, eine Ein-Frau-Armee. Frances McDormand spielt sie wie Frances McDormand, diese Armee. Die Spuren des "Sich-Abarbeitens" sind tiefe Furchen in der Erfahrung tiefen Schmerzes. Auch wenn sie ihren Sohn vor unliebsamen Klassenkameraden (mehr als nötig) schützt, einen Geistlichen demütigt und eine Polizeiwache abfackelt – diese Mildred Hayes wartet nichtsdestotrotz auf ein Zeichen, das nicht eintrifft. Selbst Opfer häuslicher Gewalt (John Hawkes erfüllt alle Anforderungen an beschissene Ehemänner), harrt sie den Dingen. Couragiert, ja. Mit allen Wassern gewaschen, unbedingt. Aber auch ein Gesicht, das die Tränen längst zum Fettpolster werden ließ. Das Gefühl will nicht vergehen, dass Mildred Hayes eine Figur darstellt, wie sie die Coens gern umarmen, eine Figur, deren existenzialistisches Überleben geradezu antiquarisch wirkt.  

In ihre Heimat jedenfalls ist der Geist des schnippischen Witzes gefahren. Mögen die Coens auch einen geschliffeneren, durch die Ventile der Filmgeschichte geschlüpften Witz präferieren, so staksen durch dieses erschlaffte Provinznest Ebbing allerhand Coen-Typen und Coen-Trottel und Coen-Tölpel im Gleichschritt zur Macht, die stets ein bisschen schneller ist. Nun scheint es leicht, McDonagh vorzuwerfen, dass er seine Typen und Trottel und Tölpel anhand ihrer markanten Auffälligkeiten auslacht, zum Beispiel den für Leitergags prädestinierten Zwerg (Peter Dinklage), die quietschige Pferdeliebhaberin (Samara Weaving), den derben Akademiebullen (Clarke Peters) oder den an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten und schief grinsende Abschiedsbriefe schreibenden Sheriff (Woody Harrelson). Wenngleich McDonagh nicht verhehlt, viele Konflikte wegzulächeln (nicht zu belächeln!), inszeniert er nie an jener menschlichen Melancholie vorbei, die einem Wunsch eingeschrieben ist – wartend auf die Wendung, die Erleichterung, den Sinn der Dinge unweit der Dinge. Der Film schmiegt sich zärtlich diesen seltsamen Gemeindebewohnern an, aber der Hintergrund ihres Handelns ist zutiefst fatalistisch, ist eine Aufklärung, die längst aufgeklärt wurde. 

Diesen Gedanken aufnehmend, kann "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" als apokalyptischer Kriminalfilm gelesen werden, der sich jedoch nicht in Wohlgefallen auflöst. In dem Gesicht Mildred Hayes ist die Versteinerung der Zeit sichtbar – und die Zerrissenheit und Nachdenklichkeit und Schonungslosigkeit darin orchestriert eine Geschichte über das Geschichtenerzählen und die Erwartung als Qual. Weder der Fall, für den die Aufmerksamkeit flackernd schwindet, noch der Täter stecken im Schraubstock der Erkenntnis. Kurzzeitig packt sich der Zufall einen potenziellen Täter – der Zufall, es kann nur der Zufall sein, wie im Film mit eingezogenen Schultern verlautbart wird. Mildred ist sich sicher, der Zuschauer ist sich sicher, während ein Stück triviale Polizeiarbeit ihr Ende findet. Scheinbar. Dass McDonagh an keinem heilenden Zufall interessiert ist, weil ihn die Figuren förmlich brauchen, dass er nicht dem Genre-Code verfällt, weil er diesen lieber knackt – "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" verwischt staubtrocken das Beiläufige zwischen Rache und Erlösung, Gerechtigkeit und der Chance, doch noch umkehren zu können in den Staub der Erinnerung, wo das Souvenir einen festen Platz hat.

7.5 | 10

Freitag, 27. Mai 2016

"X-Men: Apocalypse" [USA 2016]


Die Erinnerung an Auschwitz zerstören, aber Auschwitz zerstören – in einem Mainstreamfilm der Erinnerung durch historische Embleme? Möglich. Bryan Singer und sein Baby "X-Men" bewegen etwas in der Superheldenkonformität. Denn genau wie das großartige "The-Fast-and-the-Furious"-Franchise hören dort Geschichten auf zu existieren. Wo die Geschichte aber endet, fängt eine neue an: die Geschichte in Geschichten, die auf eine Geschichte verweist. "X-Men: Apocalypse" intertextualisiert das altkluge Metadirigieren (vor Sinalco-Werbetafeln); vor lautem Pompösgeklecker und vor ausgesprochen überdrehtem Vervollständigen einer filminternen Entwicklungslogik drohen die Figuren jedoch vernachlässigt zu werden, und "X-Men: Apocalypse" ist in der Tat der redundanteste Ableger der Reihe, dem es nicht gelingen mag, an die Zeitreisetragik des Vorgängers anzuschließen. Zum Ende hin, wenn jener Fanservice abgearbeitet ist, der sich vordrängeln musste (Wolverine), kratzt Singer jedoch die Kurve – gemäß dritten Teilen (und deshalb ignoriert Singer sarkastisch den dritten "X-Men: Der letzte Widerstand") scheint zum Schluss Einigkeit darüber zu bestehen, ein Kapitel in humanistischen Gesten abgeschlossen zu haben: für die Erinnerung und Nonkonformität. Dazu muss Oscar Isaac nicht einmal stimmlich groß aufspielen, um zu wissen, dass Singer das kommerzielle Kino bunter Hüpfhelden einnehmend transzendiert hat. Anstatt mit einem Donnerschlag auf die Fortsetzung zu hämmern, verabschiedet der Schöpfer seine Schöpfung vorerst mit einer zeitlosen Träne.

6 | 10

Mittwoch, 25. Mai 2016

"X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" / "X-Men: Days of Future Past" [USA 2014]


Staub rieselt vom Cerebro-Helm. Jahrelang nicht genutzt. Überall zusammengefallene X-Buchstaben. Eingeschlafen, mausetot. Bryan Singers dritter "X-Men"-Film ist auf der einen Seite schwer- und wehmütig, aber auf der anderen primär ein Krawallmelodram, das sich geradewegs über die Vergänglichkeit der Zeiten entfaltet. Hochtönend muss das Schmachten sein, enorm die Menschlichkeit und Hoffnung, spontan und avantgardistisch der Humor ("Time in a Bottle"). Was Singer in seinen ersten beiden Franchise-Beiträgen anschnitt, krönt er in "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit". Dieser Film ist so herzergreifend, so mit Leidenschaft am Fantastischen angefüllt und so traumwandlerisch smart in seiner sich überlappenden Dopplungskonstruktion, dass man seine Prätention, neunmalkluge Verweise, sekundenkurze Cameos und versteckte Erinnerungsstücke nach einer undurchsichtigen Chronologie besserwisserisch abzuarbeiten, selten direkt wahrnimmt. Ein sinnlicher Metafilm, dominiert von mitreißenden Figuren und ihrer sich selbst verschleiernden Identität, Determinismus-Science-Fiction, Period Piece, ein selbstreferentieller Gag – aller durchtriebenen Taktik zum Trotz, die den blinden, wütenden Rausch Hollywoods beinah verulkt, jede Lücke zu stopfen, jede Geschichte zu reproduzieren und jede Logik zu reparieren, bleibt das einprägsamste Bild der Mutant, gefesselt, bewegungsunfähig, der Meute zum Fraß vorgeworfen; ein zweiter verrissen-zerrissener Zapruder-Film. Die Besetzung Peter Dinklages trifft am tiefsten die Essenz: Schwäche, Stärke und… Größe scheinen dort, im von Unruhen erschütterten Amerika aufbegehrenden Protestes, gezielt seitenverkehrt.

7 | 10

Montag, 26. Mai 2014

Serien: "Game of Thrones" - Staffel 3 [USA 2013]


[...] Staffel drei führt weiter, vertieft zugleich und bereitet vor, die dramaturgischen Endlosschleifchen, das Taktieren und Traktieren mit Schlauheit und Schwanz [...]. Mit der allerersten Szene zeichnet die Staffel hierfür eine zutreffende Metapher: Samwell "Sam" Tarly (John Bradley) humpelt und quält sich durch eine schneeverwüstete Eislandschaft. Orientierungslos. Suchend. Forschend. Die horizentrale Struktur der Serie, deren Nebenlinien sich marionettenhaft auf einen Punkt, auf die Hauptstadt Königsmund, konzentrieren, täuscht darüber hinweg, dass "Game of Thrones" – und zwar nicht zu knapp – im Zeichen hitzigen Krieges ironischerweise in einen meditierenden Dämmerschlaf versinkt, bestehend aus Nichtigkeiten und Detailausschmückungen [...]. Diesmal hat es den Handlungsstrang um Theon Graufreud (Alfie Allen) erwischt: ein abgekoppeltes Anhängsel, redundanter Leerzeilenfüller, und vor allem verstecken sich darin die Manierismen des Senders HBO für zeigefreudige Sexploitation sowie ausgestellte Brutalität. Graufreud, gefoltert wird er von einem mysteriösen Knaben (eingängig psychotisch gespielt von Iwan Rheon).

Dessen in der letzten Folge "Mhysa" gelüftete Identität dürfte allerdings kaum überraschen, um unzählige Minuten voller expliziter Einstellungen und makabrer Scherze (die Assoziation zwischen Theons später abgehacktem "Spielzeug" und einer von seinem Peiniger verspeisenden Wurst wird bewusst bedient) vollends zu legitimieren. Was die Staffel dort an Schärfe verliert, gewinnt sie anderswo an Scharfsinn. Es ist der geschliffen geschriebene Roadmovie- und Screwball-Appeal verschiedenartig gepolter Zweierpärchen, die zwar einen verbalen Privatkrieg gegeneinander führen, sich aber notgedrungen (ebenso körperlich) zusammenraufen müssen. [...] 


weiterlesen