Posts mit dem Label Allen Daviau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Allen Daviau werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 10. April 2013

Spielberg-Retro #6: "Das Reich der Sonne" / "Empire of the Sun" [USA 1987]


Ein kleiner Junge, er trägt den Namen Jim und wird von Christian Bale enervierend mit undefinierbaren Körperverrenkungen in typischer geistiger Umnachtung theatralisch gespielt, schließt die Augen, wenn die Geschichte, seine an derzeitige Orte und Situationen gebundene individuelle Geschichte, für den Moment beendet scheint. Diese Szene vermittelt etwas Intimes und Elementares, und zwar, dass Spielbergs Filme dann in den Abspann übergehen können, sobald jene zarten Augenlider sanft zuklappen, die repräsentative Botschafter ihrer eigenen Erzählung versinnbildlichen.

Mit dem vielleicht aus Spielbergs Œuvre etwas entschwundenen, betäubend erstrahlenden "Das Reich der Sonne", halb historisch verzerrt, halb gewollt kitschig, erinnert der Amerikaner an das monumentale Breitbildkino David Leans vor dem Hintergrund zweier lediglich inoffizieller Kriege im Reich der Sonne, deren Folge vor allem eine des Hungerns ist. Straßengetümmel, Stadthektik, Belagerung, Menschengewusel und das ruckartige Gedränge nach vorn und nach hinten, während in der anderen Richtung der Qualm der Verwüstung über die Beschleunigung der Verzweiflung aufsteigt. 

Spielberg entwirft einen bildnerisch imposanten Rundblick exzessiver Eskalation, in der er den Krieg als solches einmal mehr aus der Sichtweise eines Kindes fiktionalisiert. Da überrascht es nicht, dass dieser Krieg überwiegend zum dramatisierten Zweckmittel mutiert, vorrangig das zerschnittene Band der Familie zu reparieren. Durchzogen vom kräftigen Chor John Williams', hinterlässt Spielberg auch hier seine Unterschrift, wenn er den Aufstand und schließlich die Befreiung eines demografisch ausentwickelten, gleichfalls aber verharmlosten sowie von stereotypen Japanern geleiteten Gefangenenlagers an spannungsreichen, aber auch konkreten expressiven Wendepunkten verortet, zum Beispiel in einer Szene erlösenden, sensiblen Gesangs, der die Flugkurve des Flugzeugs mit dem Kopf eines enthusiastischen Dreikäsehochs begleitet und wiederum direkt aus der leuchtenden Fantasie eines frühkindlichen Hobby-Modellbauers entstammen könnte. 

Obgleich der Film zerfasert auffällt – nicht nur die militärische Leidenschaft, sondern auch die Freundschaft Jims zu Basie (rational: John Malkovich) hat unter einer gewissen schwammigen Unschärfe zu leiden, die weniger durch Worte, als durch sehnsuchtsvolle Blicke und überstürzte Taten unzusammenhängend präzisiert wird –, reißt Spielberg nichtsdestotrotz ästhetisch mitunter so stark mit (das Laub symbolisiert neben der Atombombe in einem Moment vollkommener Seelenruhe die Vergänglichkeit der Gegenwärtigkeit), dass man selbst im Zustand omnipräsenten menschlichen Leids ein sich immer wieder aufrappelndes Kind sein will. 

6 | 10

Mittwoch, 3. April 2013

Spielberg-Retro #5: "Die Farbe Lila" / "The Color Purple" [USA 1985]


Alles auf einmal, alles ein bisschen viel, der Kitsch – vom Leben singen, zur Freiheit tanzen, die Läuterung, Versöhnung, die Reinheit und Ursprünglichkeit, die schöne neue Welt. Im Historienepos "Die Farbe Lila" bearbeitete Spielberg erstmals ein Sujet, in dem sich seine künstlicheren Ansprüche nie kohärent ergänzen werden, sondern voneinander abstoßen. Dazu zählt, dass er einen politischen Stoff ebenso eskapistisch beschwert wie kurzsichtig einer holzhammerhaften Identifikationssprache anfügt, und dies ist bereits hier unterschwellig wiederzufinden, in jener Farbe, die metaphorisch für Spielbergs überreizte Gefühlsmanipulationen steht.

Im Umgang, patriarchalische Machtstrukturen zu kritisieren, homoerotische Freundschaften zu streifen und die emanzipatorische Befreiung pathetisch zu glorifizieren, erlaubt sich Spielberg unangenehme Angriffsflächen, die ihn im reflektierenden Geschichtskino noch mehrfach gemacht werden sollten. Ob Spielberg exemplarisch dafür unbedingt auf trotteligen Slapstick zurückgreifen hätte sollen, um sowohl die Unfähigkeit des schwarzen Mannes (beim Kochen) als auch der weißen Frau (beim Autofahren) zu überspitzen, bleibt ein Geheimnis des Regisseurs, und es drängt sich eher der Verdacht ideologischer Rückwärtsgewandtheit auf. 

Dieses Melodram als tränenüberfülltes Drama oder schlicht als grobgestrickten Klamauk zu sehen, fällt daher schwer, weil Spielberg beide Richtungen merkwürdig gespalten zusammenführt, als wäre dies eine Entscheidung, für dessen zwei Möglichkeiten er sich nicht entscheiden könne. Vielleicht liegt in dieser Homogenität, die keine ist, auch eine Stärke, wenn eine dritte Ebene dem Werk hinzugefügt wird – eine Ebene der parteiischen Voreingenommenheit. Denn irgendwann zu Beginn wechselt die Perspektive der Kamera in die subjektive Blickrichtung der Protagonistin Celie (eindrucksvoll dezent: Whoopi Goldberg). 

Es wird somit offensichtlich, dass Spielbergs Subjektivierung seiner Geschichten, durchaus ein Grund für stereotype Feindbilder sowie mythischen Idealismus, selbst in diesem Film auf einem erzählerischen Nährboden fußt, der als Ventil lawinenfallartiger Emotionen alles mit sich reißt. Das ist was fürs Herz, nicht für den Verstand. Und es entwickelt mit dem blutigen Händeabdruck, den wackelnden Gürteln über dem Bett, dem zeitverdichtenden Jahreswechsel-Rhythmus und dem Hühnerkäfig als symbolischem Gefängnis ein Stilgefühl, das sich vorsichtig in ergreifenden Lebensstationen vorantastet und auf der Krönung der Spielberg-Virtuosität die Bewegung der Kusslippen feiert. Das ist sonnenscheinschön.

7 | 10

Freitag, 22. Februar 2013

Spielberg-Retro #4: "E.T. - Der Außerirdische" / "E.T. the Extra-Terrestrial" [USA 1982; Kinofassung]


Die Erwachsenen werden ab der Hälfte des Körpers abgeschnitten, nur die bedrohlichen Schlüssel rascheln und die Taschenlampen leuchten gespensterhaft, Schritte stampfen, Beine und Arme choreographieren eine zyklische Wiederholung des nahenden Unheils, sie wollen das Leben den Lichtern der Stadt rauben. Diese mondscheinromantische, drückende, okkultistisch aufgeladene Exposition definiert Spielberg als wahren Meister visueller Prägnanz: Mit wenig erklärendem Beiläufigkeitsdialog schwelgen die von Nebel umwölkten Illustrationen in ihrer agnostischen Spiritualität, die nicht mehr aus familiärer, makroskopischer Perspektive eine Geschichte kosmischer Verbindung und des Begreifens erzählt ("Unheimliche Begegnung der dritten Art"), sondern dem Kinderblick, dem Kinderverstand, dem Kindsein per se ewige Bedeutung abgewinnt.

Es ist das wahrhaftigste Geständnis eines (Jung-)Regisseurs, seine Essenz gestalterischer Schaffenskraft, tiefste Menschlichkeit und reine Liebe, es sucht eine telepathische Verbindung zwischen dem, was in ihm, dem Regisseur, lacht und dem, was weint. So, wie es die blauäugige Erfahrungswelt und verletzliche Innerlichkeit einer Freundschaft durchforstet und gleichzeitig transzendiert, die im Loslassen all jener dogmatischen Verbote zum Träumen, Schauen und Staunen unermessliche, unbezahlbare Freiheit erreicht, weil das Andere, das Abnormale und das Ausgegrenzte in Form eines knuffigen Weltraumkuscheltiers in unserem persönlichen Lebensterritorium starrer, penibler wissenschaftlicher Rationalisierung akzeptiert wird.

Spielbergs "E.T." fühlt sich überdies an wie eine hochgradig instinktsicher verknüpfte, unverdorbene Reise, nach zurück, in die Kindheit – die Schatten des Kinderzimmers, der Entdecker- und Forscherdrang, der zu einem O geformte Mundwinkel, der erste Kuss, die Aufregung; es war schön, einfach schön. Und heute stimmen die Überbleibsel traurig, denn es bedeutete das Ende von etwas, von dem man geglaubt hatte, es würde ewig währen.

9 | 10