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Mittwoch, 22. Februar 2017

"Das Narrenschiff" / "Ship of Fools" [USA 1965]


Zu Beginn wendet sich der scharfsinnige Zwerg Michael Dunn zu uns, dem Publikum. Vielleicht erkenne sich der ein oder andere in jenem Schiffspersonal, mit dem wir eine fast zweieinhalbstündige Reise antreten, offenbart er. Er hätte auch sagen können: "Endlich haben Sie es geschafft, die erste Schicht Erde abzutragen, um auf diesen Rohdiamanten zu stoßen." Bis vor kurzem spielte "Das Narrenschiff" trotz einer jegliche Naht sprengenden Besetzung keine große Rolle, als der Film endlich das Licht des Bewusstseins auf einer deutschen DVD erblickte. Weil Michael Dunn kleinwüchsig ist, passt es umso lakonischer, dass Stanley Kramer einen reinen, psychologisch höchst raffinierten Schauspielerfilm im Auge hatte, der eine romantisch-utopische Erbauungsfantasie spinnt, zugleich aber die "kleinen", niederträchtigen Frustrationen einer jeden Klassenideologie bloßlegt. Stellenweise nähert sich das "Narrenschiff" zwar dem "Traumschiff": Besitztum, zarte Liebesgeständnisse, ein Hauch Kitsch. Aber, und darauf sei insbesondere in Hinsicht auf Kramers früher erschienenen, breiter angelegten "Das Urteil von Nürnberg" hingewiesen, erforscht der Film die Voraussetzungen im gut situierten Bürgertum, auf welchem Nährboden antisemitische Tendenzen fußten. Als historische Studie eignet sich "Das Narrenschiff" dennoch kaum – zu überzeichnet drehen, beispielsweise, ein urgewaltiger Lee Marvin (eine "Type"), ein absolutistischer José Ferrer sowie ein naiver Heinz Rühmann am Schiffssteuer, wodurch erquicklich die Wellen schäumen.   

6 | 10

Mittwoch, 26. November 2014

"Der Mann, der Liberty Valance erschoss" / "The Man Who Shot Liberty Valance" [USA 1962]


[...] Ingmar Bergman, François Truffaut und Martin Scorsese gehörten und gehören der großzügig prominenten Fangemeinschaft John Fords an. Wenngleich Ford, wie Truffaut schrieb, nie den Worten "Kunst" und "Poesie" traute, um eigenhändig seine Arbeit zu umschreiben, dürfte es den winzigen Moment eines Augenzwinkerns erfüllen, den (inflationären) Kunst- und Poesiestempel allein diesem schwindelerregend tiefschönen, reflexiven und gramgebeugten Werk "Der Mann, der Liberty Valance erschoss" aufzudrücken, in dem John Wayne und James Stewart als Abgesandte im Duett ein Genre zweiteilen und es obendrein hinterfragen. Wahrscheinlich konnte John Ford als einer der wenigen Künstler simpel filmen, aber anspruchsvoll vermitteln. Ein im Lauf der Zeit verlottertes Credo, das andere, leider, zunehmend umdrehen. Aber wie handwerklich griffig und alarmierend mitmenschlich er James Stewart und Vera Miles arrangiert; ihr zugeworfener Blick, flüchtig, seiden, sein Tellerabwaschen, stockend, agil, weil die Bücher rufen, das Gesetz. Das bebt, seufzt, zittert. [...]. Auch das abgebrannte Haus des Freundes und Gefährten (Wayne), die mitgebrachte Rose, die keine richtige ist, die fetten Fleischstücke, die riesigen Kartoffeln, der sachte aufdämmernde Klageschwall [...] gebären, bei aller Liebe zum Neuen, Demut zum Alten.


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