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Freitag, 19. Dezember 2014

"Bug" [USA 2006]


Draufgänger und Desperado William Friedkin, eine Koryphäe New Hollywoods, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich zu haben scheint, ist frohen Mutes noch im Geschäft, ein Geschäft, ein Friedkin-Geschäft, das immer noch daraus besteht, einen unkommerziellen Krieg gegen sein Publikum zu führen, das sich freiwillig in die Hände eines zynischen Polemikers begibt. Mit "Bug" führt er die Konsequenz einer Philosophie fort, die keine Erwartungen weckt, sondern sie reihenweise zertrümmert – seine Filme sind Traum und Erwachen zugleich. Sie haben sich am Puls der Kontroverse eingenistet, an der Geilheit und unwiderstehlichen Anziehungskraft des Tabus.

Dass der Mann, ein Rentner und eine Spaßbremse, die Energie besitzt, einen durch den Minimalismus des Raumes erdrückenden, kammerspielartigen, streng durchkomponierten Stoff wie "Bug" umzusetzen, bedarf höchsten Respekt, denn "Bug", so schwer, haltlos und lästig sich der Film auch schauen, auch durchstehen lässt, so unnachahmlich roh, ehrfürchtig befreiend und bewundernswert empathisch (ja!) trägt Friedkin in giftigem Neonlicht neben bizarren Schmutz- und Hautwucherungen die Schutzmechanismen der Sitten und Moralitäten sowohl des Kinos als auch jener Figuren ab, die es oft zu asexuell, zu verklemmt, zu körperlos bevölkern. Und treiben.

Wenn sich Ashley Judd und Michael Shannon bis zur Unkenntlichkeit entblößen und ihre Wahnvorstellungen multiplizieren, dann entblößt Friedkin ein Kino von seinen Stoppschildern zur wahren Liebe zweier Kreaturen, die miteinander verschmelzen. Es gibt kein Halten mehr, "Bug" ist endgültig und ultimativ. Hintergründig ist er auch. In der paranoiden Allmacht der Schauspieler spiegelt sich Amerikas exorbitanter Verschwörungslobbyismus, dessen Maschinerie nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 neu justiert wurde. Ab und zu zwinkert also dieser William Friedkin, aber man ist sich unsicher, ob er es ernst meint. Geändert hat sich wirklich nichts.

7 | 10

Mittwoch, 17. Dezember 2014

"Killer Joe" [USA 2011]


Abgeladen wird die tote Frau im Kofferraum auf einem Parkplatz wie ein Stück Fleisch. Kippe raus, Feuerzeug, Benzinspur, zündbereit. Die tote Frau, Mutter, gegrillt wird sie nahe eines Fresslokals. "BBQ" im Titel. Explosion. Job erledigt. Das sind William Friedkins Zynismen und Sadismen, beißend und irgendwie auch ekelhaft lustig. "Bug" war schrankenlose Ekstase, "Killer Joe" ist methodische Psychose, und doch gleichen sich beide Filme. Ihr auf wenige Lokalitäten proportionierter Erzählrahmen ist durchgeplant, das Weltbild fundamentalistisch, die Körper zu appetitanregend. "Killer Joe" spielt in einer furchtbaren Dimension jenseits der unseren und ist doch zu nah, um nicht vom Wahnsinn gepackt zu werden, aus dem dieser Film, eine herzensdumme, nach unzensiertem Fleisch lechzende, verruchte Exploitation-Satire, mitgerissen wird. Friedkin interessiert sich gewöhnlich für die soziopathischen Geschwüre einer zweiseitigen Ethik, deren Bewahrer ihre nichtmenschlichen Triebe mit der (Polizei-)Marke der Autorität überdecken. Hier fällt Matthew McConaughey diese Rolle zu: Taktvoll steigt er aus dem Wagen. Trunken vor brutaler Leidenschaft, quält er in einer genießerischen Engelsgeduld. "Killer Joe" schließlich studiert seine Klienten, wie sie, abstoßende Deppen, durch Habgier tot aufeinander gestapelt werden. Dass Geld verdirbt, verpackt Friedkin in ein elliptisch erzähltes Delirium, dessen Kraft aus der Vorhersage des Anschlags resultiert: Donner, Straßengrabenkreuze, Hühnerkeulen. Verlaufende Schminkstreifen, Tränen, Blut.

6 | 10

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Dokumentation: "Interior. Leather Bar." [USA 2013]


[...] Ein wagemutiges Projekt, initiiert von Universalwerbefigur James Franco und seinem Kumpel Travis Mathews, sowohl "Bondage-Kunstporno" (der Begriff fällt während des Drehs) als auch entartete Installation, der Versuch einer künstlerischen Deutung eines, wenn man so will, "offenen Kunstwerks" und zugleich der spielerische Umgang mit selbstreflektierender Trivialkultur und impulsiver Körperästhetik, die das postmoderne Zitat und die Hommage als gemeinsamen Nenner versteht, um zu suchen, warum man es macht, und um zu erkennen, dass man es machen muss. [...] In manchen Gesprächsrunden bei Kaffee- und Mittagspausen wirkt "Interior. Leather Bar." insofern wie ein launiges, latent romantisches Kaffeekränzchen unter verrückten Freunden, die sich intime Dinge erzählen, obwohl sie den Sinn dahinter beharrlich herauszufinden versuchen, während ihr gesellschaftlich zu gern als abnorm deklarierter Fetisch in allen Varianten nach kurzer Eingewöhnungszeit zu etwas mutiert, das schulterzuckend hingenommen wird. Da baumeln Hoden und erigierte Schwänze, Berührungen, Liebkosungen, Lust, Begehren vor der Kamera, immer ungefiltert, direkt und bemerkenswert naturalistisch – alles völlig normal, alles okay, alles andere als schlimm. [...] 


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