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Mittwoch, 8. Oktober 2014

"An jedem verdammten Sonntag" / "Any Given Sunday" [USA 1999]


[...] Der Regisseur bleibt [...] distanziert, analytisch. Einerseits trauert er zwar jenem eingerosteten Football-Verständnis nach, als es einstmals keine grobschlächtige Berichterstattung gab, wo der Sport de facto von allen noch existierenden Zwängen globalisierter Image-Selbstkasteiung befreit war. Aber der für den Autorenfilmer salonfähig gewordene Kulturpessimismus findet in diesem Film nur andeutungsweise statt. Lieber malt Stone ein idealisiertes Bild des kämpferischen Soziotops. Dazu studiert er das Geschehen, lässt nahezu keinen Winkel aus, kein Verhältnis, kein Schlupfloch, auch kein dreckiges. "An jedem verdammten Sonntag" erweist sich mehr als ungeschönter Blick in das Umfeld des Sports, als ein Film über den Sport. Der Sport als solches ist die Folie, auf der sich tiefgreifende Veränderungen sowohl menschlicher, gesellschaftlicher als auch sportlicher Natur spannen, in beide Richtungen. Die Kamera ist nah dran, rückt den Spielern auf die Pelle, lässt sich nicht verdrängen, begleitet, heftet sich an die Fersen, selbst mitten im Spiel. Ab in die Kabine, unter die Dusche (Penisschau inklusive), auf die Party, auf die Toilette, in die Kneipe, an den Spielfeldrand, zum Mannschaftsarzt. [...] 


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Freitag, 11. April 2014

"Glengarry Glen Ross" [USA 1992]


"Glengarry Glen Ross" ist ein ausgefeilter David-Mamet-Wortschwall, von überallher feuern Geschütze Fragen, Ausreden, Beschwichtigungen, Versprechen, Angebote ab. Um das Überleben in der Krise, in der Rezession, in der Depression geht es. Denjenigen dafür auszustechen, um an der Tafel mit seinem Namen aufgeschrieben zu werden, und niemals ohne Umsatz und Vertragsunterschrift. Geschwollene, entschlossene Überzeugungskraft ist gefragt. Die Liste derjenigen, die in der Rangfolge aufsteigen wollen, die an ihre "Männlichkeit" glauben, ist endlos, illustriert vom besten (aussterbenden) Personal der Branche: Al Pacino, Jack Lemmon, Kevin Spacey, Ed Harris, Alec Baldwin. Und so weiter und so fort. Sie reden sich um Kopf und Kragen, sie zerfleischen sich auf Gedeih und Verderb, aber trotzdem artet James Foleys karg ausgestattetes, eng gestaffeltes Bühnenarrangement in keinen Rausch, in kein ermüdendes Gelage aus. Dem Film gelingt es, sich in keine Manierismen zu verlieren (wie etwa, der Verweis scheint treffend, "The Wolf of Wall Street"), obwohl er vergleichbar lebendig und wetterabgestimmt einen Zeitgeist und einen Wandlungsprozess artikuliert, dicke Kohle mit Kugelschreiber zu scheffeln. Die Schauplätze sind begrenzt, ihre Akteure hingegen pilgern scharenweise in die Nacht, um ihre Existenz zu sichern – Angebotsmacher, von denen jeder einen blumigen bis knallharten Monolog rezitieren darf, immer das Wort abfeuern, Märchen erzählen, bangen.

6 | 10

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Dokumentation: "Interior. Leather Bar." [USA 2013]


[...] Ein wagemutiges Projekt, initiiert von Universalwerbefigur James Franco und seinem Kumpel Travis Mathews, sowohl "Bondage-Kunstporno" (der Begriff fällt während des Drehs) als auch entartete Installation, der Versuch einer künstlerischen Deutung eines, wenn man so will, "offenen Kunstwerks" und zugleich der spielerische Umgang mit selbstreflektierender Trivialkultur und impulsiver Körperästhetik, die das postmoderne Zitat und die Hommage als gemeinsamen Nenner versteht, um zu suchen, warum man es macht, und um zu erkennen, dass man es machen muss. [...] In manchen Gesprächsrunden bei Kaffee- und Mittagspausen wirkt "Interior. Leather Bar." insofern wie ein launiges, latent romantisches Kaffeekränzchen unter verrückten Freunden, die sich intime Dinge erzählen, obwohl sie den Sinn dahinter beharrlich herauszufinden versuchen, während ihr gesellschaftlich zu gern als abnorm deklarierter Fetisch in allen Varianten nach kurzer Eingewöhnungszeit zu etwas mutiert, das schulterzuckend hingenommen wird. Da baumeln Hoden und erigierte Schwänze, Berührungen, Liebkosungen, Lust, Begehren vor der Kamera, immer ungefiltert, direkt und bemerkenswert naturalistisch – alles völlig normal, alles okay, alles andere als schlimm. [...] 


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Montag, 14. Januar 2013

"Scarface" [USA 1983]


Tony Montanas bizarrer Kampf gegen sich selbst, und gegen die Welt, die er sich gefügig zu machen versucht, bis zum Anschlag, bis zum Verderben, bis zum Sturz in den Pool. Al Pacino spielt Tony Montana ambivalent zwischen verstörend-unheimlich und fürsorgend-besessen, personifiziert einen explodierfreudigen Vulkan und einen angriffslustigen Tiger ("Antonio Montana!") auf Ego komm' raus in Narzissmus und Egomanie, und stets mit ein bisschen Irrsinn und Wahnsinn in den Augen, indem er all diejenigen beschimpft ("Kackvögel!"), die Leute wie ihn als fingerzeigenden Bösewicht brauchen, damit das System so funktioniert, wie es funktioniert, ohne aus der Sicht Montanas zu wissen, dass Berge an Drogen, Stapel an Geld und Unendlichkeit an Macht am Thron menschlicher Selbstzerstörung sägen. 

Am Ende wird Montana demontiert, sein letztes Aufbäumen zur Unsterblichkeit von Kugeln durchlöchert; Montana sollte schießen, Montana nahm das Angebot an und stürzte vom amerikanischen Traum, der sich schlagartig ausgeträumt hat, zum amerikanischen Alptraum; Höhepunkt einer tragischen Figur, die De Palma nicht heroisiert, sondern auf Distanz hält, um sie mit all den Schattenseiten des Geschäfts zu konfrontieren. Abgesang auf einen Gangsterfilm in Neon. Diese Szene hat immer noch etwas Universelles, Gewaltiges, etwas Kraftvolles, sie überrumpelt. Elegant vor allem das Miami der 80er, exotisches Hawaiihemdenflair, fast eine Karikatur jener fatalistischen Umgebung, wo sich Nadelstreifengangster in schwarzen Anzügen in Hinterhöfen treffen. De Palma schüttelt alle Asse aus dem Ärmel, indem er seinen Ruf als vernarrter Kamera-Fetischist zementiert – überbordende  Plansequenzen (die Kamera kreist in der Eingangssequenz schier sekundenlang um Montanas Gesicht), insbesondere dann, wenn der Regisseur mit der Suggestion experimentiert.


So schwebt die Kamera (John A. Alonzo) in der berühmt-berüchtigten "Kettensägen-Szene" kurz vor dem entscheidenden Moment einfach durch das mit Jalousien verrammelte Fenster, um kurz darauf, also ungeschnitten im selben Take, einfach wieder zurückzuschweben. Die Pointe: Blutspritzer sind zu sehen, lediglich verzeinzelte Blutspritzer, alles andere fungiert ausschließlich als merklich grauenerregendere Imagination dessen. Unabhängig davon gefallen der überkandidelte Dekor grotesk verschwenderischer Genusssucht sowie die schmissigen Kulissenstücke beträchtlich. Der Film versammelt zudem einige nuancierte Nebenrollen. Michelle Pfeiffer überzeugt als verruchtes wie reizvolles Flittchen (sexy!), Mary Elizabeth Mastrantonio als Tonys glücklose Schwester (samt offensiv angedeutetem Inzest), Robert Loggia als Schampus saufender Mafiastratege und F. Murray Abraham als dessen schmieriger Handlanger. 

Diametral all jener popkulturellen Errungenschaften, die "Scarface" meist zu Recht Kultstatus verliehen,  brilliert weder der Soundtrack (seine honigsüße Seifigkeit nervt gehörig, als dass sie die Szenerie verdichtet), noch ist Pacinos heimlicher Choleriker stets mit Wohlwollen zu ertragen. Das Erfinden, Erlernen und Brüllen absonderlicher Vulgarismen neigt bei der Figur des Tony Montana mal da und mal dort zur gestelzten Affektiertheit, umso länger der Film zur Tragödie voranschreitet. Ein weiteres Problem: Oliver Stones Drehbuch ist unheimlich geschwätzig, dessen Verquasseltheit sich besonders im Mittelteil, dem im Verhältnis zum deutlich zu kurz kommenden Aufstieg deutlich zu lang durchexerzierten wirtschaftlichen Erfolg Tony Montanas vom im wahrsten Sinne des Wortes verarmten Tellerwäscher bemerkbar macht, sobald die Handlung in unendlichen Dialogsequenzen auf der Stelle tritt, Klischees nachplappert, aber nicht so recht vorankommt. Die inszenatorische Verspieltheit De Palmas wird hauptsächlich in diesen Durststrecken nie ganz hochgefahren. "Scarface" ist nichtsdestotrotz ein guter, wuchtiger Film, dem allerdings nicht das zusteht, was ihm viele hosenheruntergezogene Halbwüchsige nachzusagen liebäugeln.            

6.5 | 10

Dienstag, 20. Oktober 2009

"Der Duft der Frauen" / "Scent of a Woman" [USA 1992]



Story

Charlie gehört zu jener Sorte Menschen, die eigentlich viel zu gut für diese Welt sind. Weil alle seiner Mitschüler in den Ski-Urlaub fahren, will er als armer Student einer reichen Universität natürlich auch mitfahren. Aufgrund des fehlenden Kleingelds entschliesst er sich deshalb, einen Job anzunehmen. Charlie soll auf den Ex-Armeegeneral Frank Slade aufpassen, der seit geraumer Zeit blind ist. Doch Frank gehört nicht in die Kategorie Mensch, die als "leicht" zu bezeichnen sind. Doch es scheint sich im Laufe der Zeit eine enge Freundschaft zwischen beiden anzubahnen, aus der die grundverschiedenen Männer noch viel lernen können...

Kritik

Ja! Es ist soweit! Endlich! "Meine Serie ist durchbrochen!" Eine Dankesrede, dazu lautstarke Ovationen. Euphorie. Erstaunen, aber auch Erleichterung. Nach 7 erfolglosen Versuchen hat es Al Pacino am 29. März 1993 im Dorothy Chandler Pavilion in Los Angeles geschafft. 7 Oscarnominierungen musste er über sich ergehen lassen, ehe er schließlich für die achte den Goldjungen in den Händen halten konnte. 20 Jahre nach seiner ersten Nominierung. Von "Der Pate I+II" über "Serpico" bis hin zu "Hundstage": Es gab oscarmäßig nichts zu holen. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, als gleich zweimal sein Name in den Nominierungslisten auftauchte. Bis zur Kategorie "Bester Hauptdarsteller", die von Jodie Foster moderiert wurde. Und es hieß: "And the Oscar goes to… Al Pacino!" Für seine Rolle als blinder Kriegsveteran in Martin Brests "Der Duft der Frauen". Auch wenn der wichtigste Filmpreis – und das hat uns die Geschichte gelehrt – häufig an die falschen Leute ging, hier war es gerechtfertigt, hier war es hochverdient, hier musste der Oscar her. Vor allem deshalb, weil Pacinos Vorstellung des mürrischen Lt. Col. Frank Slade einer One-Man-Show gleicht, die ein Musterbeispiel perfekten method actings evoziert.

Zwei unterschiedliche Personen, die unfreiwillig aneinandergeraten, sich den Umständen entsprechend arrangieren müssen, aber letztlich doch zueinander finden, das ist garantiert keine innovative oder gar bahnbrechende Figurenkonstellation innerhalb des filmhistorischen Kontextes. Auch in "Der Duft der Frauen" erzählt Regisseur Martin Brest von so einem ungleichen Paar und legt dabei weniger Wert auf einen mit unkonventionellen Mitteln erzählten Plot, sondern auf eine verhältnismäßig stringente, gemächlich erzählte Narrative, ohne große Twists aus dem Ärmel zu zaubern, ohne Finten, die den Zuschaer mit Absicht ins Leere laufen lassen. Es steht eindeutig das konfliktbeladene Verhältnis zwischen Frank (Al Pacino) und Charlie (Chris O'Donnel) im Mittelpunkt, respektive ihre melancholische und zugleich lehrreiche Odyssee durch New York. Als einfache Reise konzipiert, entpuppt sich dieser Trip jedoch als metaphorische Reise durch Franks Vergangenheit, die sich immer mehr zuspitzt und letztendlich in einer tiefen Depression aus Verzweiflung, Alter, Blindheit und Vergänglichkeit kulminiert – und in Franks Gewissheit, ein unerträglicher Krüppel zu sein, wonach er nach dem einzigen Ausweg trachtet, der ihm noch bleibt: dem Selbstmord.



"Der Duft der Frauen"
ist also mehr feinfühlige Charakterstudie als reinrassiges Drama. Das Drehbuch (Bo Goldman), basierend auf der Romanvorlage von Giovanni Arpino und dem gleichnamigen Film von Dino Risi aus dem Jahr 1974, fokussiert zwar zwei Handlungsstränge, darunter eine Rahmenhandlung um zwei Schüler einer renommierten Universität, die aufgrund eines Streiches gegen ihre Kameraden, den potenziellen Tätern, aussagen sollen und ab jetzt einem permanenten Gewissensdruck ausgesetzt sind, und dem Hauptteil um Frank und Charlie, der irgendwann mit ersterem Strang verschmilzt und der Kreis sich am Ende schließt, wenn die Irrfahrt plötzlich erlösenden Charakter offenbart. Doch im Kern stellt sich das Drehbuch als relativ einfach gestrickter Selbstfindungs- und Roadtrip heraus, vielleicht ein wenig zu lang und redundant in seiner Exposition, vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen in den letzten Szenen, vielleicht ein wenig spannungsarm im Mittelteil, aber dafür weitestgehend ohne Klischees und plakativen Tränendrüsendrückern, fesselnd wie sensibel erzählt. Umso bemerkenswerter kommt die Tatsache hinzu, da Brest auf eine Vielzahl von verschiedenen, sorgfältig ausgewählten Schauplätzen zurückgreift; von der schwerreichen Traditionsschule, dessen Fassade allmählich zu bröckeln beginnt, über ein Luxushotel bis hin zum Luxusrestaurant in New Yorks pompösen Straßen ist alles dabei. Unterstrichen wird diese Szenerie von Thomas Newmans elegischen Klängen, welche die Szenen um einige Nuancen mehr bereichern. Seine musikalische Erfolgsserie wird sich in den nächsten Jahren insbesondere unter Sam Mendes fortsetzen.

Ungeachtet der marginalen Unstimmigkeit, dass Franks Wunsch nach dem Tod im gesamten Film nicht nachvollziehbar bleibt – immerhin scheint er trotz seiner Blindheit sein Leben in vollen Zügen zu genießen – kann konstatiert werden, dass Al Pacino hier eine seiner besten Leinwanddarbietungen zeigt, dass er Frank Slade nicht nur spielt, er lebt ihn aus, er IST Frank Slade. Mit überragender Mimik und Gestik verkörpert er einen Mann, der dem Zuschauer in den ersten Szenen noch als alterndes, als ruppiges, trinkfreudiges sowie unausstehliches Arschloch vorkommt, nach militärischem Vorbild Befehle erteilt und seine bisweilen krankhafte Affinität für Frauen beziehungsweise ihren Körperdüften mit beißendem Zynismus kommentiert. Pacino verleiht dieser Figur enorme Tiefe. Glänzend die Szene beim desaströsen Thanksgiving-Essen, die einen Einschnitt innerhalb des Protagonisten markiert und erstmals die unantastbare Fassade eines Frank Slade angesichts traumatischer Erlebnisse aus dem Krieg bröckeln lässt. Unvergessen auch der Tangotanz, welcher mit der Poesie des Filmtitels mühelos konform geht, unerträglich spannend der theatralische Selbstmordversuch Slades, ebenso wie jene rasante Probefahrt im Ferrari, um schlussendlich mit einem meisterlichen Pacino-Monolog abzuschließen ("War die Rede sentimental genug?") und ihm nebenbei den kultigen Schlachtruf "Hoo-ah" in den Mund zu legen. Diese Szenen tragen berechtigterweise Klassikerstatus. Magic moments, das sind sie ohne Zweifel und lassen Frank Slade doch noch zur Sympathiefigur für den Zuschauer avancieren. Aus jener Verschlossenheit und jenem provokanten Verhalten, das er dem Jungen anfangs noch entgegenbrachte, selbst, wenn dieser ihn trivialerweise berühren wollte, wächst zunehmendes Vertrauen, sodass sich gleichzeitig ihre Beziehung subtil zum Besseren wendet, ja, sich sogar zur Freundschaft ausweitet, zur Freundschaft zwischen zwei einsamen Seelen in New Yorks einsamen Nächten.



Für Chris O'Donnel ist es logischerweise schwierig, sich gegen einen solch raubeinigen Chameur und autoritären Blinden zu behaupten, geschweige denn ihm gar Paroli bieten zu können, einem, der fast allein die ganze Show schmeißt und den Film trägt. O'Donnel bleibt daher im Verhältnis zu Pacino blass in seiner Performance und farblos in seiner charakterlichen Entwicklung, wenngleich es da nur konsequent erscheint, dass er gar nicht erst versucht, schauspielerisch ernsthafte Konkurrenz für Frank darzustellen, sondern sich von ihm führen lässt, ihm das Reden überlässt, dass er quasi nur auf Frank reagieren muss. Von späteren blamablen Zeiten eines Robin aus Schumachers grellbuntem Debakel "Batman & Robin" ist er zumindest ein gutes Stück entfernt. Deshalb sollte seine Rolle in "Der Duft der Frauen" trotz des übermächtigen actings seines Mitspielers und O’Donnels monotonem Verhalten nicht unterschätzt werden. Ansonsten wird der gelungene Cast von einem veritablen Philip Seymour Hoffman in einer seiner ersten größeren Rolle als selbstbewusster, mit der Zeit jedoch reichlich nervöser Mitverschwörer und James Rebhorn als koketter Fiesling und bigotter Schuldirektor komplettiert.

Fazit

"Der Duft der Frauen", das ist in der Summe ein wunderbarer, ein eindringlicher Film, der den Zuschauer auf eine emotionale Tour de Force mitnimmt, dabei Stil beweist und stimmig bleibt, der zwar keine Sentimentalitäten scheut, der aber auch humorvoll wie nachdenklich zwei ungleiche Helden auf ihrem steinigen Weg zu völliger Freundschaft begleitet, und aufzeigt, welchen Preis es schlussendlich wert ist, für diese zu kämpfen. Souverän im Einsatz seiner Mittel sowie im Verhältnis zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, zwischen Bitterkeit und Freude, ist es vor allem ein Al Pacino in einem Glanzauftritt, der seinesgleichen sucht.

8/10

Montag, 28. September 2009

Insider (1999)



Story:
Zwei Männer. Sie wollen eine Geschichte erzählen und beide werden daran gehindert: Dr. Jeffrey Wigand ist bereit über seinen Ex-Arbeitgeber, dem Tabakkonzern "Brown & Williamson", in der Fernsehsendung "60 Minutes" einige geheime Details auszuplaudern, von dem seine gesamte Existenz abhängt. Dabei steht ihm der Journalist Lowell Bergman zur Seite, der für die TV-Station CBS arbeitet. Doch sein Chef, Mike Wallace, beschließt das Interview nicht auszustrahlen. Ein ehrgeizig geführter Kampf um Gerechtigkeit beginnt...

Kritik:


Da inszeniert der Michael Mann einen Film, der sich gekonnt gegen gängige Genre-Konventionen stellt, der mit Absicht den Verfolgungsjagden und Explosionen des schaulustigen Mainstream-Publikums Einhalt gebietet, der sich mit Bravour vom Mann´schen Potpourri wie ohrenbetäubenden shoot outs und virtuosen Banküberfällen entfernt, nur um am Ende mit kommerziell leeren Händen dazustehen. Trotz der 7 Oscarnominierungen wird "Insider" jedoch gern mal innerhalb des Regisseurs Oeuvre unterschätzt oder eben komplett übergangen. In Amerika spielte der Film gerade mal 30 Millionen Dollar ein, in Deutschland sahen nur mickrige 125.000 Zuschauer den Film im Kino. Keine guten Voraussetzungen, den Streifen an den Mann zu bringen. Doch Manns auf wahren Begebenheiten beruhende Enthüllungsgeschichte, bei der er den klassischen Kampf zwischen David und Goliath porträtiert, der Kampf zwischen einem Einzelnen und dem mächtigen System, ist eine cineastische Lehrstunde. Eine intensive Psychologiestunde und grandios fotografierter Medienthriller in einem, welcher aber doch so anders daherkommt, als dass er sich als echten Michael Mann-Film bezeichnen könnte. Denn "Insider" verzichtet unter anderem auf physische exzessive Gewalt, "Insider" thematisiert die strukturelle Gewalt der Medien. Nur eine Leseart des Films.

Obig erwähnter Kampf zwischen den Schwachen und den Starken wird im Film durch Jeffrey Wigand (Russel Crowe) dargestellt, der den heroischen Kampf gegen die Tabakindustrie aufnimmt und sich somit das angesprochene symbolische David gegen Goliath-Duell herauskristallisiert. Jetzt könnte man natürlich konstatieren, dass die Phrase "Rauchen macht süchtig und wirkt tödlich" derart ausgelutscht ist, dass es keines Filmes bedarf, sie um ein weiteres den Zuschauern mit moralischem Zeigefinger vor den Latz zu knallen. Dennoch liefert die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Industrie mit den kleinen weißen Stangen, der gezielten Manipulation des Konsumenten, um ihn mit veränderten Substanzen noch abhängiger zu machen, allenfalls einen zwar realen Hintergrund, auf dem aber nicht der narrative Schwerpunkt liegt. "Insider" berichtet eher von der Macht der Medien, klagt die fehlende Unabhängigkeit selbst eines politisch-ambitionierten Senders wie CBS an – auch eines Journalisten -, skizziert die ewige Unausgeglichenheit zwischen Recht und Gerechtigkeit und welchen Preis es kostet, moralisch zu handeln. Mit solch tiefen und universellen Einblicken in die korrupte US-Medienlandschaft, wo investigativer Journalismus einer oberflächlichen und gänzlich entstellten Berichterstattung zugunsten von hohen Einschaltquoten weichen muss, reiht sich "Insider" so gesehen nahtlos zwischen jenen bedeutsamen Medienthrillern der vergangenen Jahrzehnte ein: Alan J. Pakulas "Die Unbestechlichen" und Sidney Lumets "Network".

Vor allem oder gerade wegen der Tatsache, dass sich "Insider" fast vollständig auf seine beiden melancholischen, innerlich zerrissenen Hauptakteure stützt, darf Manns Thriller zuvorderst als ein Film der Einsamkeit gesehen werden. In der gemächlichen, aber nichtsdestotrotz sehr effektiven Exposition bekommt man schon zu Anfang das Gefühl, dass Michael Manns Männerkino ein repetitives Kino ist, das immer mal wieder zwei harte, einsame Kerle skizziert, die sich jedoch aneinander brauchen. Da macht "Insider" – so scheint es jedenfalls - keine Ausnahme, verinnerlicht man sich die ersten Minuten, in denen die Linie klar vorgegeben wird. In diesen wenigen Augenblicken, in dieser atmosphärisch dichten ersten Hälfte strotzt "Insider" geradezu vor einem detailreichen Konglomerat aus klingelnden Telefonen, auflegenden Hörern, permanenten Faxen, die rein- und rausgehen, hektischen Bilderfetzen, hektischen Bildkompositionen – und zwei Männern, die sich langsam annähern, indem sie stets das jeweils andere sagen, was sie in Wirklichkeit meinen. Da avanciert ein flüchtiges "Nein" zum eigentlichen "Ja". Lange bleibt im Unklaren, wer hier eigentlich was von wem will, ebenso welche Informationen Wigand gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber in der Hand hat, was auch im restlichen Film nie genauer unter die Lupe genommen wird. Es ist eine gemächliche Annäherung, eine Annäherung zwischen zwei ungleichen Existenzen, bei der sich Mann und sein Drehbuchautor Eric Roth viel Zeit lassen.

Nehmen wir Al Pacino: das ständige Gefühl der Verlassenheit spiegelt sich exemplarisch in Al Pacino wider. Er ist der Mann der großen Monologe und der großen Theatralik. Von großen Monologen und großer Theatralik ist von ihm in "Insider" jedoch wenig bis gar nichts zu spüren. Pacino spielt Lowell Bergman, einen engagierten Journalisten, der sich als einer der wenigen noch für Qualitätsjournalismus und für die Wahrheit im Fernsehgeschäft, für die Moral einsetzt, der niemals seine Quelle verkauft oder fallen lässt, der niemals aufgibt, bis sein Beitrag in voller Länge gesendet wird. Er kämpft insofern nicht nur für den Journalismus als solches, er kämpft zugleich gegen Zensur. Wir erkennen Bergmans Einsamkeit darin, wie er seinen Kaffee trinkt, wir erkennen sie anhand seines grimmigen Gesichtsausdrucks, die ein seltsames Gemisch irgendwo zwischen Trauer, Wut und Perspektivlosigkeit evoziert. Das hier ist nicht der unsterbliche Messias aus "Scarface" oder der von Ehrgeiz zerfressene Superbulle aus "Heat". Am ehesten lassen sich Parallelen zu Pacinos Rolle des Michael Corleone aus Coppolas "Der Pate 2" assoziieren. Beide repräsentieren auf ihre Weise einsame Helden, mehr noch, Lowell Bergmann gilt als Aushängeschild eines typischen Heldenideals aus den 70er-Jahren des New Hollywoods – einer gegen alle, so wie einstmals Warren Beatty in "Zeuge einer Verschwörung".


Auf der anderen Seite existiert der Wissenschaftler Jeffrey Wigand alias Russel Crowe, der seine Rolle grandios auszufüllen vermag. Scheinbar so grandios, dass man mal hier und mal da glaubt, Crowe genießt es förmlich, Pacino an die Wand zu klatschen. Auch er ist ein von Verlassenheit und Einsamkeit geprägter Einzelgänger. Mit grauen Haaren, Bauchansatz, leicht geducktem Gang sowie mit permanent schief sitzender Krawatte und triefendem Schweiß, die allesamt seinen enormen psychischen Druck und zum Teil auch seine zunehmende Paranoia (festzumachen zum Beispiel in der beeindruckend gefilmten "Golfszene") reflektieren. Ein potenzieller Kronzeuge, der in die Schusslinie seiner Firma gerät, der erpresst, bedroht und gedemütigt wird. Und der sich aufgrund eines Dilemmas nicht entscheiden kann, auf welcher Seite er steht. Ist er nun loyal gegenüber seiner Familie im Hinblick auf eine mögliche Scheidung, gegenüber seinem Arbeitgeber, in dem er sich auf die Verschwiegenheitsklausel beruft, oder doch lieber loyal gegenüber der Öffentlichkeit, die ein Recht hat, über die dubiosen Machenschaften von "Brown & Williamson" zu erfahren? Gefangen im eigenen Leben sozusagen. Fest steht zumindest, dass dieser Jeffrey Wigand eine äußerst ambivalente und komplexe Persönlichkeit darstellt, die vom brillanten method acting eines Russel Crowe profitiert und schlussendlich getragen wird. Oder anders ausgedrückt: der perfekte introvertierte Gegenpol zur extrovertierten Pacino-Figur.

Anders als in Manns wuchtiger Crime-Ballade "Heat" sind diese beiden Protagonisten fast nie gemeinsam in einer Szene, sondern öfters getrennt voneinander zu sehen. Es gibt kein Nebeneinander. Hinzu kommt, dass sich der Film mit fortlaufender Dauer deutlich der Pacino-Figur verschreibt. Selbst ihre wenigen gemeinsamen (zugegeben: messerscharfen) Dialoge fallen tendenziell kühl und distanziert aus, ohne Berührungen, ohne einen Anflug von Humor; da ist es nur konsequent, dass sie quasi nur per Telefon und Fax miteinander verbunden sind. Misstrauen und Vertrauen halten sich bei diesen beiden Männern konstant die Waage. Und während der eine letzten Endes angesichts der Folgen seines von nun an zerstörten Lebens gefangen bleibt - das verdeutlicht symbolisch jene Szene, als Wigand mit einer Polizeikolonne um einen Friedhof fährt; oder die surreale Sequenz im Hotelzimmer - stolziert der andere erhobenen Hauptes im Stile eines Westerns samt hochdramatischer Zeitlupe durch die Drehtür und tritt seinen Sender mit Füßen. Unlängst von seinen Kollegen im Stich gelassen, gewinnt er zwar allein den Kampf gegen den ungekürzten Bericht um das Wigand-Interview, in dem er die Medien gegeneinander ausspielt, zelebriert aber dennoch einen mahnenden Abgang vom Nachrichtengeschäft. Während der eine ein neues vielversprechendes Leben als Lehrer anfängt und seine Vergangenheit auszublenden versucht, hat der andere nun endlich Zeit für seine Kinder und seine Frau, die in der schlimmsten Phase für ihn so etwas wie die einzig emotionale Stütze verkörperte. "Insider" – ebenso ein Film über Integrität.


In handwerklicher Hinsicht dominiert sowohl der hypnotische Score von Manns Hauskomponisten Elliot Goldenthal als auch eine Lisa Gerrad, die mit ihrer eindringlichen Stimme schon in "Gladiator" zu begeistern wusste. Dabei ist unlängst bekannt, dass Michael Mann ein Meister der Audiovisualität ist. Seine famose Schnitttechnik, verbunden mit Dante Spinottis extravaganter, da leicht akrobatischer Fotografie (fokussiert werden unter anderem speziell die Augenpaare der Protagonisten) verleihen "Insider" den Anstrich eines eiskalten Thrillers, in dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint, in dem die Figuren von einem Dilemma ins nächte gelangen. Untermauert wird das Ganze von einem frostigen Blaufilter, einem Stilmittel aus der Schmiede Michael Manns, auf das er im Laufe seiner Karriere häufig zurückgriff. So ist festzuhalten, dass auch "Insider" des Filmemachers eigenwilligen visuellen Stil impliziert. Auf die Liste der Nebendarsteller soll an dieser Stelle ebenfalls verwiesen werden, sind es doch gerade Christopher Plummer, Diane Venora und Philip Baker Hall, die für glänzende Kurzauftritte sorgen, auch wenn die Bühne nach wie vor Pacino und Crowe gehört.

Fazit:


Vielleicht mag ein Klischee zu viel sein, besonders da, wenn Wigand regelmäßig von lästigen Telefonanrufen bedroht wird, vielleicht mag dem Film in der letzten halben Stunde ein wenig die Puste ausgehen, sodass seine Überlänge ganz klar als Überlänge deklariert werden könnte. Doch "Insider" ist abseits dieser kleineren Kritikpunkte ein fabelhafter, zwar reichlich pessimistischer, aber dafür stets doppelbödiger, genau analysierter Kommentar mit enormer Aussagekraft, zugleich aber auch differenziertes Essay über die Formen von Moral, über Gewissen, über journalistische Tugenden und darüber, dass es niemals einfache Antworten geben kann. Oder anders ausgedrückt: eine unspektakuläre, trockene Geschichte verpackt in einen hochspannenden, topaktuellen Film, fernab jeglicher manipulativer Kniffe und formaler Experimente.

8/10