Posts mit dem Label Sandra Bullock werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sandra Bullock werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 4. Januar 2019

"Bird Box - Schließe deine Augen" / "Bird Box" [USA 2018]


Wenn die Menschheit auszusterben droht, ist jeder gleich: Mütter (Sandra Bullock, Danielle Macdonald), Kurzzeitpärchen (Rosa Salazar, Machine Gun Kelly), Nerds (Lil Rel Howery), Asiaten (BD Wong), Arschlöcher (John Malkovich). Ein, zweifellos, ideologiefreier Diversity-Querschnitt. Zwei leben eine Romanze, überleben wider Erwarten (Bullock, Trevante Rhodes). Susanne Biers Dystopie "Bird Box" sammelt fleißig die Überbleibsel jener kanonischen Filme vergleichbarer Machart, die ein Mahnmal hinterließen, indem sie die Gefahren des Zukünftigen – einer prophetisch differenzierten Geschichtsschreibung – aufgezeigt haben. Nur: Wo positioniert sich "Bird Box"

Die Bedrohung kulminiert im Richtungslosen, Beliebigen – die Menschen mutieren zu willenlosen Todesengeln, wenn sie sehen. Wer dirigiert das? Aliens? Eine kosmische Macht? Bier löst das Rätsel nicht, sie tut gut daran, es nicht zu lösen. Ihr Film ist waghalsig und zwingend, sobald der Zuschauer "infiziert", angesteckt wird, sobald er nicht sieht. Szenen intim ausgetragener Handlungsunfähigkeit resultieren – eine Gruppe bildet sich heraus, setzt sich in ein Auto, schirmt die Scheiben ab und fährt zu einem Supermarkt, um Vorräte zu besorgen. Das Navigationssystem geleitet sie blind zum Zielort, auf der Straße tote Körper, zertrampeltes Fleisch: "Bodenwellen." 

Susanne Bier wehrt sich daraufhin gegen das, was von außen "hereinbricht", denn die Kamera (Salvatore Totino) ist frontal auf die Fahrer gerichtet, adaptiert, verdichtet, zerstört deren Sehfeld. Einzig die warnenden grafischen Balken des Navigationssystems weisen auf Hindernisse hin, die zunehmend allerorten aufblinken. Diese Benommenheit gegenüber den eigenen Möglichkeiten und persönlichen Wirkbereichen färbt auf eine Fantasie ab, die im Kino Wirklichkeit werden kann, von der aber niemand ernsthaft träumt: den Zwang, die Augen schließen zu müssen, obgleich die Bilder zu verführerisch wirken, um ihnen nicht zu erliegen.


Während George A. Romero 1978 den Konsumtempel Mall entsakralisierte, ergötzen sich die Figuren in "Bird Box" an der Fülle gefüllter Regale, sie erleben einen errettenden (alkoholisierten) Hochmoment, der sie übergangsweise lähmt. In "Bird Box" ist vieles ein wenig kleiner, behäbiger, substituierbarer als bei Romero. Die Charaktere entsprechen den langbärtigsten Klischees auf zwei Beinen, und wieder ist die Aussicht auf ein Walhalla, ein ökologisches Utopia fernab der Katastrophe, der langweilige Katalysator für eine gefahrvolle (ausreichend naturerhaben bebilderte) Reise über einen Fluss und dessen Stromschnellen. Eric Heisserer macht da weiter, wo seine Drehbücher bis einschließlich "Arrival" (2016) aufhörten – in einer zentnerschweren, ernsten Stimmung. 

Das Auge für die Geschichte hat Heisserer dagegen oft nicht. Der Einfall, psychisch kranke Patienten würden überleben, ohne ihre Augen zu schützen, und die Verbliebenen mit Waffengewalt dazu nötigen, sich zu „finden“, ist moralisch fragwürdig und schlicht dilettantisches Schreiben, denn damit überwindet der Film seinen figurativ-familiären Rahmen und tendiert zur konstruierten Breitenberichterstattung. Regie und Drehbuch spielen jene Haltung, auf die es ankommt, viel zu selten aus – Sandra Bullock verkörpert eine Mutter, die erst zur Mutter werden muss. Ihr verhärmtes Schauspiel spiegelt sich in den beiden Kindern, für die sie keine Namen hat. 

Ihr "Junge" (Julian Edwards) und das "Mädchen" (Vivien Lyra Blair), um das sie sich nach dem Ableben ihrer Mutter (Macdonald) kümmert, gießen das emotionale Fundament dieses Films. Bullock ist glaubwürdig, wenn sie Seile spannt und den Weg zurück fixiert, wenn sie unter einer Decke ihren Kindern gestattet, die Augenbinde abzunehmen und wenn ihre Mutterwerdung im Zeichen einer Identitätswerdung des Anderen steht – der Name benennt das Ding, das Ding wird Mensch und der Mensch verhilft den Menschen zur Akzeptanz. Malorie (Bullock) – wir lernen sie als abschätzig witzelnde Malerin kennen – lernt diese Lektion. Die Kunst, das Auge, half ihr dabei nicht.

Mittwoch, 24. September 2008

"Demolition Man" [USA 1993]


Der erste Teil des Filmtitels ist Programm: Zerstörung. Es wird in "Demolition Man" wahrhaftig viel demoliert. Von einem Gebäude, über ein Museum bis hin zu einem Gefängnis – pardon, eine Art Gefängnis. Das alles geschieht zwischen zwei Männern, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwischen dem härtesten Cop des 21. Jahrhunderts, Detective John Spartan, und dem brutalsten Verbrecher des 21. Jahrhunderts als extremer Gegenpol, Simon Phoenix. Spartan vs. Phoenix. Sylvester Stallone vs. Wesley Snipes. Ein mit Spannung erwarteter Fight in einem womöglichen Actionknaller, der zudem futuristisch angehaucht erscheint. Kann das wirklich etwas werden? Jein. Jein deshalb, weil recht eindeutig der überdurchschnittliche Durchschnitt hervorschimmert, weil recht eindeutig ein gewisses Überwältigungsgefühl trotz überwältigendem Spaß vergeblich aufkommen mag. 

Nein, Marco Brambillas "Demolition Man" bietet Altbackenes. Ohne große Überraschungen, ohne besondere narrative Kniffe. Passend dazu Daniel Waters, Robert Reneau und Peter M. Lenkovs formelhaftes Drehbuch, das nach konventionellen Mustern gestrickt ist. Es ist halt ein Drehbuch, ein Vehikel, das ganz auf seine beiden Hauptdarsteller zugeschnitten ist, die ohnehin die halbe Miete zu sein scheinen. Dieser Actioner handelsüblicher Klasse bietet nicht gerade viel Neues – abgesehen von seiner nett anzuschauenden, aber alles in allem kaum greifbaren, undurchsichtigen Zukunftsutopie und einer großen Prise Selbstironie und Komik.

Nämlich wie sich ein brillant aufgelegter Stallone in ulkigem Stil selbst auf die Schippe nimmt, wie er sich mit lakonischen Einzeilern über Wasser hält, wie er hoffnungslos einer ihm unbekannten, fremden, von antiquierten Verhaltensweisen bestehenden Welt ausgeliefert ist, wie er selbst seinen langjährigen Konkurrenten im Actionbereich, Arnold Schwarzenegger, mittels eines zynisch-politischen Seitenhiebs Tribut zollt: All das soll Spaß und Freude bringen. Und das macht es auch, denn "Demolition Man" nimmt sich darüber hinaus zu keiner Sekunde so richtig ernst. 


Zweifellos ist hauptsächlich Stallones Zusammenspiel mit der hier ausnahmsweise mal nicht zur Nervensäge verkommenen, aber dennoch irgendwie latent nervigen Sandra Bullock ein Höhepunkt, der von spritzigen Dialogen erdrückt wird. Einzig und allein Wesley Snipes rüttelt tendenziell am Nervenkostüm. Dieser Antagonist wirkt trotz seiner ästhetischen Kampfkunsttechnik bei weitem nicht bösartig, gefährlich oder auch "krank". Er ist grellbunt, schräg und grotesk, de facto eine in die Richtung gehende, infantile Witzfigur lächerlichen Ausmaßes, vor dem man keine Angst zu haben brauch'. Negativ unterstützt wird dieser Charakter von Snipes hoffnungslosem Overacting.

Des Weiteren ist da noch dieses San Angeles. Das quasi Los Angeles der Zukunft, dessen Vorgänger als ein Territorium der Engel durch einen apokalyptischen Hollywood-Schriftzug entwaffnet wird. Eine Stadt, eine perfekte Gesellschaft vielmehr, die sich fast völlig den "guten" Dingen verschrieben hat. Alles, was in ihren Augen "schlecht" ist, gilt ab sofort als Verbot und wird selbstverständlich bestraft. Sex auf natürlicher Basis (eine aberwitzige Szene), Schokolade, Toilettenpapier, Salz, vor allem Gewalt, ja selbst Schimpfwörter werden mit einer Geldstrafe bedacht. Für einen nach B-Movie riechenden Film ist diese ganze Angelegenheit zudem bildgewaltig ausgestattet, allen voran die Autos sind ein optischer Schmaus. Kurzum: Brambilla liegt mit seiner manchmal etwas unfreiwillig komisch wirkenden Zukunftsintention gar nicht so falsch, an Plausibilität hapert es nichtsdestotrotz aber allemal. Eine Quintessenz, die nicht wirklich eine ist.

Allein dieses reichhaltige Angebot an Reminiszenzen, diese mal subtilen, mal mit dem Holzhammer eingeschobenen, aber witzigen und verqueeren Statements, beispielsweise mit einem "Lethal Weapon 3"-Poster, das für Produzent Joel Silver gedacht ist, einem Rattenburger oder einer üppig ausgestatteten Wohnung als Resultat einer in der Vergangenheit steckengebliebenen 90er-Nostalgie, laden zum mehrmaligen Erforschen der pointierten Actionkomödie ein. Das Geheimnis um die drei Muscheln jedenfalls wird aber wahrscheinlich ein Geheimnis für die Ewigkeit bleiben. 

6 | 10