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Mittwoch, 26. August 2015

"The Counselor" [USA 2013; Extended Cut]


"The Counselor" platziert sich zu den fremdartigsten Filmen im Spätwerk Ridley Scotts, denn wo wir "The Counselor" greifen wollen, zieht er die Hand zurück. "The Counselor" ist dabei kein Film im eskapistischen Sinne, umgeht die Spannung, die Entwicklung, die Hör- und Reichweite. Er ist eine leere, hygienisch abgewaschene Verpackung mehrerer zusammengesteckter Teilbereiche, bei der der filmische Resonanzboden eine Ausrede darstellt, Cormac McCarthys Ego zu tätscheln. Dazu stemmt ihm Scott die zwar luftigsten und gläsernsten, aber ebenso statischsten und steifsten Bilder seiner Karriere entgegen, als wenn dieser Film unter keinen Umständen Rührung und (moralische) Durchschaubarkeit erfahren darf. Jäger jagt Opfer, die Großen die Kleinen, Geparden Hasen, die Schlinge ist vollautomatisch – alles an "The Counselor" überzieht die Affekthandlungen mit einer dick und artifiziell aufgetragenen Schmierschicht (kulminierend im aberwitzigen Windschutzscheibensex Cameron Diaz'), die sich gleichfalls durch die sich blühend entfaltenden, existenzialistischen McCarthy-Plaudereien über Diamantenkauderwelsch und Männerfantasien zieht. Irgendetwas an Scotts akademisch verbildlichter, eher nicht stofflicher und eher ätherischer Nahtodzeitstudie fasziniert allerdings, um am unerträglich entscheidungsunabhängigen Verderben der Gier teilzunehmen, deren Wirte sagen können, was sie wollen, nicht aber beeinflussen. Welch' grausame Ironie. Das Schwitzen der Gejagten, der Dreck unter den Fingernägeln Michael Fassbenders – einen schwärzeren und entschlosseneren Fatalismus bringt Mainstream-Hollywood nicht regelmäßig hervor.

6 | 10

Freitag, 23. November 2012

"Elegy oder die Kunst zu lieben" / "Elegy" [USA 2008]


Eine weitgehend kitschreduzierte, in elegischen Molltönen ebenso wie in dekorativen Trauerfarben eingehüllte Leinwandadaption eines sterbenden Tieres auf der unablässigen Suche nach neuer Beute, um wenigstens für den Augenblick zu überleben. Regisseurin Isabel Coixet entzieht sich der ausschweifenden Roth-Didaktik, indem sie prägnant all jene Beschreibungen selbstverliebt dokumentierter Sex-Praktiken aufs Wesentliche minimiert. Ein Satz aus der Vorlage könnte auch in deren Film ein Leitmotiv sein. Der klügste Beziehungsbeobachter aller amerikanischen Romanciers fasst die (Gefängnis-)Ehe als "bestenfalls verlässliches Stimulans für die Erregungen, die heimliche Seitensprünge bereithält", zusammen.

Sonst fliegt "Elegy" (wenn auch stückweise etwas vollbepackt) über anderweitige Roth-Motive ausgesprochen introvertiert, intim, ohne zuweilen in den Roth-Plauderton zu verfallen: der Erforschung der schönheitsgetragenen fleischlichen Hülle und ihrer Vergänglichkeit bei erzwungener Zerstörung derselben, der desillusionierenden Selbstverwirklichung, den Vater-Sohn-Differenzen, dem körperlichen Niedergang beim Alterungsprozess und seinem letzten Rettungsanker, der libidinösen Obsession für eine viel jüngere Frau, der damit unmittelbar verkitteten Unsittlich- und gar Peinlichkeit in der vorurteilsverkrusteten Öffentlichkeit.

Bei Coixet sprechen die Figuren zwar Pointiertes, Provozierendes und Gehaltvolles, aber es treten auch unzählige Momente schweigsamer Unaussprechlichkeit zutage, wo nichts gesagt, viel gemeint wird.  Ein Film, der mit dem sinnlichen Anschmiegen seines eifersüchtigen Casanovas und dem Räkeln seiner Dirnen kokettiert, den Bildern als solches allerdings jede Sinnlichkeit, jede Poesie konsequent austreibt, da Jean-Claude Larrieu leidenschaftslose, verwackelte Halbtotalen verwendet, die bedingt haften bleiben, unruhige Bilder damit entwickelt, die – nochmals – bedingt haften bleiben, und "Elegy" nicht derartig ergreifend verpackt, wie es der Film beim Zuschauer gern erreicht hätte.

Andererseits zeichnet sich Coixet mit schnörkelloser Schauspielführung aus, zerfurchte, tragische Gesichter, grandios besetzt. Ben Kingsley – prinzipientreu und doch der Kraft des Körpers erlegen. Penélope Cruz – elegant und doch diskret, dieser Frau möchte man jederzeit erliegen. Dennis Hopper – borstig und doch liebend, geradezu kongruent nimmt das Drehbuch sein Schicksal vorweg. Dass Coixets Film nicht zur senilen Altherrenfantasie mutiert ist, ist ihr hochanzurechnen. Dass sie die existenzielle Lebensessenz aus dem Roman nicht komplett auszuschöpfen imstande war, liegt weniger an ihr, als vielmehr an so mancher Unverfilmbarkeit des Schriftsellers Werk.        

6 | 10

Samstag, 11. Februar 2012

"Gothika" [USA 2003]


Spätestens seit "Monster's Ball" bestätigte Halle Berry kontinuierlich ihr Missverständnis von Method acting, zwar auf Kommando so ganz artig quietschen, wälzen, schreien, stöhnen, wimmern und herumfuchteln zu können, aber dabei nicht wirklich authentisch zu bleiben und sich der Rolle verbunden fühlen. Die erschöpfende schauspielerische Einsatzbereitschaft für vollstes Engagement, damit ihr auch jeder glaubt, sie sei Schauspielerin ab Haaransatz, ersäuft jede Rolle in Pathetik, überkünstelt sie automatisch. Andere können's irgendwie, sie nicht – des Öfteren jedenfalls. Auch in "Gothika" nervt sie schlicht und ergreifend, und zwar kolossal. Grund siehe oben. Obwohl sie, wohlgemerkt, eine rationale Psychiaterin spielt, deren distanziert-kritische Zurückhaltung gegenüber übernatürlichen Realitätsverschiebungen ihrer Patienten aufgrund jener Berry-Show nichtsdestotrotz jäh negiert wird, indem das Rationale dem ungewollt Irrationalen weicht. Die Rolle, anders ausgedrückt, sie führt sich spektakulär ad absurdum. Was die Hauptdarstellerin nicht zu leisten imstande ist, führt der Film dagegen unter gegebenen Umständen praktischerweise fort, passt also. Denn "Gothika" besteht nicht nur aus einer Hälfte Halle-Barry-Selbstbeweihräucherung und aus einer anderen Hälfte Geistergeschrei, sondern ist obendrein haarsträubend und an jene Zielgruppe gerichtet, die im heutigen Zeitalter immer noch Schiss vor geisterhaften Halluzinationen hat. An Heranwachsende vielleicht, aber dafür hat sich der Film eine zu hohe Altersfreigabe ergaunert. Hm. Was nun? Scheiße.Scheiße auch der in seiner intendierten Dramaturgie hochnotpeinlich-herbe Blaufilter, den von der Kameralinse abzukratzen sich keiner ernsthaft erbarmt hat, weil die Kulisse 'ne bitterkalt-spröde Irrenanstalt ist, die zudem als burgähnliches Hofverließ mit dicken Mauern, allgegenwärtig flackernden Lichtern, knisternden Stromausfällen und abgelegenem Swimming Pool verstanden wird, gegen welches das Kuckucksnest geradeheraus kuschelig aussieht. Na klar!

Noch ein paar Klischees zur Abrundung: Inkompetenz des kompletten Mitarbeiterstabs, dazu donnert und plätschert es draußen aus Gewitterwolken an Wassermassen. Sind wir dem Punkt insofern nicht langsam überdrüssig, als dass Menschen im Film genauso verrückt sein müssen wie die ebenso seelenunruhige Architektur wie aufbrausende Umwelt ihrer Institution, in denen sie untergebracht sind? Ja, sind wir. Das hindert Kassovitz dennoch nicht daran, mit ihm händchenhaltend über den Gehweg zu spazieren, dem Punkt – der ausgefransten, total verrückten Irrenklischees. Wofür man insbesondere Kameradreher Matthew Libatique Beachtung schenken muss, speist sich aus dem, dass der Film dank Libatiques wabernd-ruckartig überfrachteter Kamerahalluzination, die kalkuliert mit den undurchsichtigen, sämtliche Materialien neutralisierenden Geisterformen in ihren kreiselnden Bewegungen korrespondiert, immerhin graziös fotografiert ist. Auch dann, wenn Libatique Halle Berry (Rollenname: Dr. Miranda Grey) zu Beginn bewundernswert majestätisch, raumausfüllend folgt, wie sie durch den nahezu vollständigen Anstaltskomplex stolziert. Gefällt. Der Rest eher nicht, ein in seiner Summe melodramatisch-romantisierendes Schauerstück Marke Gothik und Haunted, Entfächerer entweder pseudopsychotischer Plattitüden (die abgedroschene Jagd nach mehreren Sadisten), ausgedienten Bammel-Neurosen (der Geist einer Verstorbenen leitet die Hauptfigur aus dem Jenseits zu des Rätsels Lösung), immer gleichen Thrilleranleihen (Ausnahme: Berry im Wasser versteckend, das ist okay), CGI-Amateurismus (Feuer) oder kaum gewinnbringenden Subtext-Disparitäten, die den Dualismus im Bereich von Vernunft, Aberglaube und Wissenschaft für Unterhaltungszwecke des üblichen Mysteryprogramms herunterschrauben. Was hatten da eigentlich Penélope Cruz und Robert Downey junior verloren? Gruselig. Ein verlorener Geist an Kuriositätenkabinett.

2,5/10