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Mittwoch, 11. Mai 2016

"Nashville" [USA 1975]


Eine US-Flagge züngelt, wellen- und stoßförmig. Musik lodert, wellen- und stoßförmig. "Nashville" atmet, wellen- und stoßförmig. Dieser Film lebt, er ist ein Monument loser Liebe und mächtigen Meeresrauschens, er ist nicht weniger als die Mikroskopie eines übersättigten Biotops – Robert Altmans New-Hollywood-Evergreen reißt kreuz und quer auseinander, indem er die mit vergleichbaren Mitteln operierende Bindfädenliteratur Don DeLillos offenlegt: Was scheinbar selbstverständlichen Automatismen objektivierter Geschichtsschreibung untergeordnet ist, verwandelt sich in seinen eigenen Mythos, in einen Mythos ausgerupfter Fusseln, der Geschichte nicht mehr "aufdröselt", sondern "verheddert", von Fussel zu Fussel, bis ein Wollknäuel lospoltert. Über 20 Charaktere schillern in "Nashville". Gestrandete, Verlorene, Entwurzelte, entwurzelt zwischen den Szenen. Komödianten und Komödienschreiber, Sänger und Sängerinnen, Talentierte und Talentlose. Ein Stelldichein in einer durchkommerzialisierten Welt beiläufigen Wettstreits. Altman demaskiert eine überkünstelte, trivialpolitische und instrumentalisierende Industrie, die ihre Fäden längst im Privatleben zieht: Unterhaltsam ist, wer es erst werden will, während das, was uns alle angeht, an uns vorbeifährt. Der Betäubung der Gefühle, die in der zwischenmenschlichen Konfliktlösung obsolet geworden sind, setzt Altman die Musik entgegen. Seine Figuren gehen auf in dieser einem Wundpflaster gleichenden Glückspampe, erblühen, schweben in einer Seifenblase. "I'm easy." Manchmal reichen zerfließende Blicke – und die Schwerelosigkeit vor dem Zerplatzen hinein ins ungewisse Blau.   

7 | 10

Freitag, 30. Januar 2015

"Familiengrab" / "Family Plot" [USA 1976]


Das war's. Aus und vorbei. Der letzte Film, das Vermächtnis. Schnitt. Schwarzblende. Grabstein. (Und davon sind viele zu sehen in "Familiengrab".) Aber gibt es Schöneres als dieses letzte Bild – mit dem Schalk im Nacken? Alfred Hitchcocks finaler Wimpernschlag, das ist die Szene, die seine Überzeugung vom Filmemachen zusammenbindet: ein bittersanftes Augenzwinkern vorm Verlassen der Bühne, und Hitchcock inszeniert es direkt in Kamera. Welch' Wehmut, die aber doch leicht zu ertragen ist. Wie "Familiengrab". Eine sonnige Gaunerfarce, Quatsch mit Dopplungsgarantie, trotzdem auch erhöhte Herzschlaggefahr, verwinkelter Suspense. Und es muss nicht immer (Hitchcock-)Treppen geben, die ins Verderben führen. "Familiengrab" liest sich als Kuriosum, bepackt mit allerlei schräg-schrulligen Spontaneinfällen: labyrinthische Friedhofswege, zum Schreien lebensgefährliche Bergstraßen. Dies ist vor allem ein Voodoo-Groschenheft-Hitchcock, hellseherisch, lächerlich, während seine okkult-stoischen Bandwurmdialoge vornehmlich dazu da sind, das sowieso stagnierende Tempo zu verschleppen. Was ist von "Familiengrab" schon zu halten, wenn sich ein hämischer Taxifahrer (er sei viel zu erschossen, um beim Sex zu schießen: Bruce Dern) und ein "sexhungriges Medium" (Barbara Harris) zusammentun, um als Pärchen das Jenseits zu Rate zu ziehen, die große Kohle einzustreichen (und schließlich einem weiteren finster kalkulierenden Pärchen gegenüberstehen)? Lug und Trug, Maske und Fassade. Keine heroische Größe, aber klassisch – und komisch. Schnief.

6 | 10