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Mittwoch, 22. Februar 2017

"Das Narrenschiff" / "Ship of Fools" [USA 1965]


Zu Beginn wendet sich der scharfsinnige Zwerg Michael Dunn zu uns, dem Publikum. Vielleicht erkenne sich der ein oder andere in jenem Schiffspersonal, mit dem wir eine fast zweieinhalbstündige Reise antreten, offenbart er. Er hätte auch sagen können: "Endlich haben Sie es geschafft, die erste Schicht Erde abzutragen, um auf diesen Rohdiamanten zu stoßen." Bis vor kurzem spielte "Das Narrenschiff" trotz einer jegliche Naht sprengenden Besetzung keine große Rolle, als der Film endlich das Licht des Bewusstseins auf einer deutschen DVD erblickte. Weil Michael Dunn kleinwüchsig ist, passt es umso lakonischer, dass Stanley Kramer einen reinen, psychologisch höchst raffinierten Schauspielerfilm im Auge hatte, der eine romantisch-utopische Erbauungsfantasie spinnt, zugleich aber die "kleinen", niederträchtigen Frustrationen einer jeden Klassenideologie bloßlegt. Stellenweise nähert sich das "Narrenschiff" zwar dem "Traumschiff": Besitztum, zarte Liebesgeständnisse, ein Hauch Kitsch. Aber, und darauf sei insbesondere in Hinsicht auf Kramers früher erschienenen, breiter angelegten "Das Urteil von Nürnberg" hingewiesen, erforscht der Film die Voraussetzungen im gut situierten Bürgertum, auf welchem Nährboden antisemitische Tendenzen fußten. Als historische Studie eignet sich "Das Narrenschiff" dennoch kaum – zu überzeichnet drehen, beispielsweise, ein urgewaltiger Lee Marvin (eine "Type"), ein absolutistischer José Ferrer sowie ein naiver Heinz Rühmann am Schiffssteuer, wodurch erquicklich die Wellen schäumen.   

6 | 10

Mittwoch, 14. Januar 2015

"Fedora" [F, D 1978]


Fedora. Fedora – die Sonnenbebrillte. Hut, modisch, schick. Versteckt und resignierend, hausend, überwachend und den Glanz der Sterne erhaltend auf einer abgewrackten, von Lametta-Nostalgie heimgesuchten Residenz. William Holden, ein Land- und Landschaftsstreicher, säuselt aus dem Off. Mit "Fedora" kauften sich Billy Wilder und sein langjähriger Drehbuchautor I. A. L. Diamond die Ingredienzien der kostbaren Zeit zurück, den Boulevard der Dämmerung und den täuschenden Küstendunst aus "Avanti, Avanti!": Das züngelnde Blau des Meeres reflektiert einen ordinären Masochismus gespielter Aufrichtigkeit, die eigenhändig unvergänglich wurde. Wir dürfen uns jedoch nicht zum Narren halten lassen. "Fedora" suggeriert wie Fedora (blätterzart, umweltzerstörerisch: Marthe Keller) die Wahrheit aus der Lüge. Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung" ist zur Ruhe gekommen, wehleidig eingeschlafen, kanonisch verblieben. Jetzt, zu späterer Stunde, erzeugt "Fedora" einen bedauernswerten Nachhall, der in der Multiperspektive einer Tragödie Film zum Offenbarungseid gerinnen lässt. An "Boulevard der Dämmerung" hing Wilder wie ein Trauergast an seiner verstorbenen Geliebten. Angesichts dessen war es ihm unmöglich, den Hauch eines Remakes auszuatmen, das gleichermaßen bitterleicht die Großaufnahme erstrebt. "Fedora" ist schmerzhaft, kaltexotisch, gestelzt verwinkelt, ja hässlich und vernarbt – der Film nagt an einer Erinnerung. Aber trotz aller Verletzungen im Showgeschäft überdauert ein Billy-Wilder-Kuss (immer noch) die Großaufnahme. Und sein Entertainment das Kino.

6 | 10