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Freitag, 10. März 2017

"Die versunkene Stadt Z" / "The Lost City of Z" [USA 2016]


Träge sich vorwärtsschleppendes, selten wuchtendes Dschungel-Abenteuer, das anachronistisch und, im besten Sinne, konservativ flehentliche Gefühle beschwört. Beruhigend, dass es Regisseure wie James Gray noch gibt, analoge Formen suchende Filmemacher nämlich, die dem Kino zu sinnlicher Bedeutung, zu altbackener Verzückung verhelfen und sich nicht scheuen, sanftmütig Klischees abzurufen. Charlie Hunman, dem es ein wenig an Fieber und Körperlichkeit fehlt, verliert sich als Forschungsreisender in Boliviens unerforschten Delirien. Gray taktet diese Flussfahrt, die nie im "Fluss" ist, sondern stockt – Abschiedsszene um Abschiedsszene (eine den "Müßiggängern" Fellinis entnommen) –, indem er Beziehungsdualismen zwischen Mann und Frau, Wissenschaft und Aberglaube sowie Größenwahn und Bescheidenheit zu einem historischen Seelenporträt trüb einbrechenden Lichts auskundschaftet, dessen Staub vom Fortschritt gelichtet gehört. Col. Percy Fawcett (Hunman) rekurriert auf einem Prototyp des in strittige Evolutionsfragen vordringenden Getriebenen. Voller kontroverser Brechung vollzieht sich seine Reise an den Grenzgebieten des Menschen, der noch animalisches, noch urnatürliches Wesen ist – genormt von mystischen Ritualen und archaischen Riten, von zeitlicher Stagnation. "Die versunkene Stadt Z" richtet sich an die Filmepen David Leans, an "Apocalypse Now", aber sein Rhythmus ist bedächtiger, weniger schwerer Koloss als Reizpunkte setzender, schläfrig schwingender Amboss. Viel "hängen" aber bleibt an diesem Film nicht. Das ist sowohl seine Schwäche wie Stärke.  

6 | 10

Mittwoch, 15. Februar 2017

"Die neun Pforten" / "The Ninth Gate" [F, E 1999]


Umschreiben ließe sich "Die neun Pforten" mit einer dezidiert antiquarischen "Bücher-Atmosphäre": überzeitlich muffig, losgelöst von allen Erschwernissen. Ende der 1990er entstanden, blickt der Film viel, viel weiter zurück. Anhand dessen, wo diese Schnitzel- und Papierjagd stattfindet, in Frankreich, Spanien und Portugal, ergibt dies alles eine gemächlich-gemütliche Grübelei, die von einer fragilen, unbestimmbaren Angst überschattet wird – unter der bürgerlichen Normalität Johnny Depps, seines Zeichens Glaubensskeptiker, öffnen sich die Pforten zum Paradies. Oder zur Hölle. Und nicht erst bei der so trocken ins Bild gerückten "666" als Aufzugsnummer. Mündend in einem sinnenfreudig aufgeladenen Finale, stellt Depps vitalisierender Fimmel, etwa jene Gebärden, Kippen anzuzünden, Schnaps zu vernichten und, wichtiger denn je, die verrutschte Brille zu justieren, ein Unterbrechen, ein hibbeliges Betäuben des sich irrational auf den fanatischen Rationalisten auswirkenden Klimas sicher, das Polanski für gewöhnlich unzweifelhaft "fleischlich" wie samtweich auszustellen weiß, ohne dass die Gefahr, eine okkulte Gefahr, wie sich mehr und mehr andeutet, allzu platt veräußerlicht wird. "Die neun Pforten" stellt sich einer Welt, die der manipulativen, demnach pervertierten Magie Tür und Tor öffnet, in einem verwunschenen Märchen voller Todesbrunnen und freischwebender, loser Blätter, die sich lösen und eine Staubspur hinterlassen. Nicht von dieser Welt, aber das haben Bücher so an sich.   

6 | 10

Mittwoch, 23. Januar 2013

"Alien - Die Wiedergeburt" / "Alien: Resurrection" [USA 1997; Extended Edition]


Wir schreiben fast die Jahrtausendwende in unserer Zeitrechnung, und irgendwann da draußen schlüpfen sie noch einmal (unter Zwang), 200 Jahre nach dem letzten Gefecht. Nach einer Bande Weltraumschürfer, dem Militär und einer Bande Weltraumgefangener stolpert diesmal eine Bande Weltraumschürzenjäger in ein Raumschiff, dessen biologische Extremexperimente einen an und für sich autoritär gefestigten Ort in eine Schlangengrube verwandelt, voll an tropfendem Schmodder, abgebissenem Fleisch und verdrehten Genmutationen in vergilbten Einmachgläsern.

Das Konzept einer "Wiedergeburt" erschließt sich einem sofort, denn was liegt schon näher, als nach dem Tod die Regler noch einmal auf null zu stellen, um dahin und dorthin zu zeigen: Die bornierte Wissenschaft muss sich selbst nach drei gescheiterten Versuchen einmal mehr einem beängstigenden Fatalismus stellen, in diesem sensationell trashigen Film, der keine neue Tür öffnet, der vielmehr die vierte Handschrift des vierten Regisseurs auf der vierten Tür trägt, zwischen exzentrischer Flapsigkeit und satirischem Understatement oszilliert, der allzeit bereit ist, sich keinen Illusionen unterzuordnen, ein Franchise zu ergänzen, anstatt zu koppeln.

Jean-Pierre Jeunets vierte Reiberei gegen die unbezähmbaren Biester ist ein rückwärtsgewandter Schlachtspaß auf Droge, der seine drei Vorgänger als permanent ekstatisch vibrierenden, flirrenden Actionmarathon ebenso selbstreflexiv wie pointiert herbeizitiert (der Bordcomputer ist nunmehr männlich). Ob unter Wasser, in lichtzwinkernden Maschinenhallen oder mit dem Flammenwerfer auf dem Rollstuhl voran: Wenn der Whiskey als Bauklotz erst erwärmt werden muss und die Kamera in ihrer Bewegung durch hektische Situationen lieber sachte dahingleitet, dann wird die Liebe, die Lässigkeit eines Filmemachers spürbar, der jedes Fragment präzise auf dessen Ironie überprüft. Ein Bekenntnis zum Camp und Fake.

Dank einem muskelbepackten, sehr erotischen Darstellergespann (der heimliche Star dürfte der haarige General Perez sein, als er speziell nach seiner amerikanischsten aller amerikanischen Salutgesten entlarvenderweise ein Stück Hinterkopf betrachtet), das sich rotzfrech die Interaktionsregeln schenkt (Tarantino wäre erfreut, wenn jemand bei einer Fußmassage stöhnt), verfehlt Jeunet gerade jene erzählerische Mehrdimensionalität nicht, die erst ein emotionales Fundament errichtet, das als Konsequenz vor dem zerstörten Eiffelturm schlussendlich seltsam poetisch wirkt – sowohl ein Roboter (Call) als auch ein Alien-Mensch-Mischwesen (Ripley) sind in dieser dekonstruierenden Maßlosigkeit, in dieser abstoßenden Welt der gleichermaßen moralischen und materiellen Überreste, tatsächlich menschlicher… als der Mensch. 

6 | 10