Posts mit dem Label Leonardo DiCaprio werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Leonardo DiCaprio werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 13. Januar 2016

"The Revenant" - Der Rückkehrer" [USA 2015]


Bei Iñárritu müssen die Bilder zwangsläufig (gar per Kometenschweif) "auferstehen", die Natur überlisten, notfalls auch den Verlust des Unerschwinglichen beanstanden – und unbedingte Wichtigkeit atmen. "The Revenant" ist ein solcher Film, eine esoterische, eine im Stillstand beheimatete, eine Sinnverlust beklagende Räuberpistole, auf großartigste Weise primitiv auf Leinwand gewuchtet. In sprühregnerisches Naturlicht getunkt, gibt Iñárritu den Malstift weiter an Emmanuel Lubezki. Bedeutete das impressionistische, fragmentierte (Schwenk-)Malen des mexikanischen Wunderfotografen vor seiner Kollaboration mit Iñárritu meist ein ästhetisch pathetisches Eingreifen in die Regie, um in steril aufgeklebten, abtastenden Bildern die innerfilmische Psychologie dessen loszubinden, das, ganz im Gegenteil, immer Teil dieser Bilder sein müsste, fokussiert sich Lubezki diesmal auf das feinstoffliche Inspizieren einer wabernden Welt aus Schmerz und Himmelsglück in reißenden Strömen und ölstichigen Verwehungen. Eng verzahnt mit existenziellen Ausgangsthemen wie Vorankommen, Vergessen, Kräftemobilisierung und (ontologischer) Erkenntnis, postiert sich Lubezki zwar (wieder) neben die Figuren, gleichwohl ist er über ihnen (ausnahmsweise) bereit, seinen Malstift, die Kamera, gezielt als Rahmen für ihre Affekte feilzubieten: Leonardo DiCaprio beschlägt mit seinem Atem die Linse, ehe dieser in eine wundertragische Wolke übergeht. Des Films körperlich-intensivierte Nahtodgefühle durchbrechen manchmal die Vierte Wand, und in seiner Unersättlichkeit, unbeschreiblicher Materie Form zu geben, vollbringt "The Revenant" einige zärtliche, poetische Wunder.

7 | 10

Mittwoch, 15. Januar 2014

"The Wolf of Wall Street" [USA 2013]


Affen, Löwen, versammelt im Dschungel flatternder Geldscheine und sakraler Telefonhörer, in Saus und Braus dekadenter Übersättigung, nicht zu bändigen, überhaupt unfassbar, ebenso hungrig wie überschwänglich. Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street", dessen abermals mosaikgefestigte Inszenierung wild rotierende Einblicke in Einzelteile und –perspektiven erlaubt, in ein konfuses Durcheinander zwischen Durchschütteln und Durchrütteln, wirkt wie die Perversion jenes paradoxen Mikrokosmos und Geschäfts, in dem Scorsese einst charismatisch-bestialische Designergangster schuf. Jetzt heißt der Gangster Leonardo DiCaprio, sein Slapstick ist unerhört, unerhört nervig, unerhört genial. Im Gedächtnis wird man ihn behalten, seinen Vollrausch, seine Inbrunst, Energie überzeugend entweichen zu lassen. Seit "Die Zeit nach Mitternacht" war ein Scorsese-Film nie lustiger inmitten eines Kampfes mit Telefonkabel, seit "Bringing Out the Dead" nie fiebriger, seit "Aviator" nie extrovertierter, generell nie mehr Rumstochern im Exzess moralischer Fremdscham. Aus der großzügig verstrichenen Wichse, Kotze und Pisse in "The Wolf of Wall Street" – Flugzeuge werden damit verklebt, Großraumbüros, wo auch immer – ist längst rituelle Existenzsicherung geworden, bildlich für das absurde Ganze, in dem wir Geld erwarten, erhalten und, sicher früher oder später, beim Zählen wieder verfluchen.

Ein weitgehend extremer, vulgärer Spaß ist dieses Epos der Geschmacklosigkeit ohne moralisches Anstupsen, wenn seine Bestien, Schleimbeutel und Vollpfosten unter der Ausrede einer Gaudi wüten, sich wälzen und zusammenstoßen; in Abenteuern ungeahnter Idiotie vor der stets majestätisch wabernden, amerikanischen Nationalflagge entstehen Collagen der Oberflächlichkeit, die Scorsese zu unbegrenzten Möglichkeiten eines  verrückten Materialismus verknüpft. Aber sein Timing ist nicht mehr First Class, sondern Economy – manches gerät zu lang, anderes zu kurz, und Scorsese verliert in ähnlicher Weise den Boden unter seinen Füßen wie seine aufgedunsenen Bankautomaten. Die Affinität zur Anarchie, sie infiziert "The Wolf of Wall Street" derart irreparabel, dass ein Gefühl  des Überdrusses eintritt. Das Ziel, der infantilsten Fußnote, eine, noch eine und noch eine draufzusetzen, gipfelt in jener Penetranz von Redundanz, die, hat man sich einmal daran gewöhnt, langweilig werden kann. Scorsese kehrt zur ausufernden Rise-and-Fall-Tragedy zurück, aber die Metaaussage, der Biss, der unermesslich drängende, obsessiv-paranoide Takt seiner früheren Arbeiten verfliegt mit jedem weiteren Zwang, ebendiese Vergangenheit gewaltsam zu reanimieren. "The Wolf of Wall Street", von erstaunlichen Abgründen ist er durchzogen und eine gewaltige Fallhöhe hält er für die da oben durch die da unten bereit, garantiert zwei Seiten des Geldes.

7 | 10

Montag, 28. Januar 2013

"Django Unchained" [USA 2012]


Zuerst die Namen. Gigantisch werden sie über die gesamte Breite des Bildes gezogen. Quentin Tarantino. Jamie Foxx. Christoph Waltz. Leonardo DiCaprio. Samuel L. Jackson. Sie wirken wie die Riesenpflanzen, die aus dem Boden geschossen kommen und vollständig ausgewachsen sind. Wir sehen diese Namen, können nicht wegschauen, wir werden gezwungen sie zu sehen, weil vom Restbild nichts mehr übrig bleibt, das es zusätzlich zu sehen gibt, so erhaben, so überzeichnet schmiegt es sich der dahintreibenden Landschaft im Hintergrund an. Nicht die Landschaft verschluckt. Die Schrift schluckt die Landschaft.  

Das kreischende Django-Theme glorifiziert unterdessen den Einstiegsmoment eines Liebhabers, der bereits mit Hilfe der Schriftzüge seine Liebe zum Kino und dessen heroische Draufgänger und schillernde Champions kinematografisch bekundet, und der auch in "Django Unchained" zum zweiten Mal innbrünstig von der gefährlichen Dimension der Liebe erzählt. Seine Adjutanten, seine Helfershelfer, diese überdimensionierten Namen, wirken wie Götter, die sich im Western zufällig verirrt haben. Und wir werden diesen Göttern folgen. Und notfalls mit ihnen quatschen.

In "Django Unchained" geht es fortwährend viel um Liebe. Nach "Jackie Brown", Tarantinos wahrhaftigem Liebesgedicht an Pam Grier und dem schwarzen weiblichen Kino, schreibt er nun in "Django Unchained" ein wahrhaftiges Liebesgedicht an Django, dem kultigen Kopfgeldjäger, füllt aber auch die Adresszeile des Briefempfängers auf: Die schwarze Bevölkerung per se ist um einen Brief gefragt, der nur aus Liebe besteht. Wie ähnlich sich "Jackie Brown" und "Django Unchained" nicht nur von der Hautfarbe, sondern vielmehr aufgrund der Eigentümlichkeit einer elegischen Liebeserklärung sind, reflektiert Tarantino bereits in der Einführung des jeweiligen titelgebenden Antihelden, indem er sie formal spiegelt.


Sowohl Pam Grier als auch Jamie Foxx werden in langsamen Schwenks von der Seite gezeigt, wohingegen die Zeit an ihnen vorbei zu schwimmen scheint. Grier auf Rolltreppen, Foxx gefesselt, beide sehen müde aus, innerlich ausgemergelt, und beiden eröffnet sich eine Existenzperspektive eines besseren, erfüllenden Lebens. Beide sind jedoch moralisch zweideutig zu lesen, weil sie, um ihr Ziel zu erreichen, eben moralisch differenzierter handeln müssen, damit eine innerfilmische Liebesbeziehung zustande kommt, die schlussendlich ihre Erfüllung in der (eskapistischen) Flucht mit der Liebe im Herzen findet, wenn der Film endet: Grier im Auto, lächelnd; Foxx auf dem Pferd, glücklich. Herausgekommen ist Tarantinos zweiter afroamerikanischster Liebesbeweis an das schwarze männliche Kino, märchenhafte, lediglich semipolitische (im Grunde gleicht die angerissene Sklavenkritik mehr einem MacGuffin), nur bedingt westernspezifische Poesie über Menschen von der Sorte, dass der gewinnt, der zunächst alles verloren glaubte.

"Django Unchained" schließt überdies an die visuelle Erdung "Jackie Browns" an. Die stilistische Ausnahme im letztgenannten Film dürfte die dreifach getaktete Shopping-Sequenz sein. "Django Unchained" wiederum bricht mit der überkochenden, orgiastischen Ausdrucksenergie eines Quentin Tarantino dort, wo er an einer Stelle eine anachronistische Texttafel einblendet, die über das weitere Geschehen aufklärt. Sonst mäandert der Film innerhalb eines abgesteckten dramaturgischen Rahmens durchaus subtil in der naturalistischen Bilderstürmerei des Westerns (Lagerfeuer und unzählige Bergketten gehören dazu).

Vorrangig durch wabernde Blutsäfte sowie spritzende Blutstreifen (das grotesk rot gestrichene Zimmer), Schnee, donnernden Rock und ironische Trotteleien widerspricht der Film trotzdem dem Topoi einer genreimmanenten Zweierfreundschaft wenn nicht äußerlich vollständig, so doch teilweise. Das Schöne daran ist, dass es Tarantino wieder schafft, über bloße postmoderne Eierschaukelei, über den bloßen unabänderlichen Eindruck des Moments, hinaus zu gelangen, hin zu einer Ebene, die das für sich allein stehende Abfertigen von Seheindrücken und cinephilen Erfahrungen einen singulären Formwillen in einem eigenen tobenden, ungestümen Universum generiert, der nahezu einmalig alles mit allem mehrdeutig collagiert.


Zu bedenken wäre allein schon diese assoziative Intertextualität! Irgendwann tuckern die Kutsche und ihr Gespann den Weg entlang. Hip-Hop verfremdet die Situation. Ausgerechnet Hip-Hop, das keinen Bezug herstellen mag und jenem Selbstzweck untergeschoben scheint, den eigenen unorthodoxen Musikgeschmack zu bestätigen und letztlich abzufeiern. Doch wo es im Hip-Hop, im Rap neben sozialkritischen Inhalten auch um das Thema der Straße geht, um ihre tödliche Beschaffenheit und deren Gefahr, immer wieder zu ebendieser zurückzukehren, ergibt es Sinn, dass die Kutsche und ihr Gespann auf dem Weg, auf der Straße vor allem, einer Musik entgegenfahren, die meist von (amerikanischen) Künstlern interpretiert wird, deren oberflächliche, ausgestellte Merkmale wie ihr Gold- oder Silberschmuck und schnelle Autos gern als Maskerade forciert werden – in diesem Film ist es dann die Kutsche, die sich völlig unbefangen und sehr, sehr stolz zum Zeigeobjekt eigener Schaumschlägerei in den Weiten des Raums affirmativ darstellt. Mustergültig codiert.

Als wäre das nicht genug, jongliert Tarantino gewohnt mit den Qualitäten mythologischer Versatzstücke (nordische Erzählungen, der Walkürenritt), putzigen Kurzauftritten (Tarantino, Franco Nero) und teutonischer Spitzbübigkeit (zwischen Deutschland und dem Nachbarn Österreich), die er oft karikiert und in den Dienst stellt, nicht vordergründig aus der Popkultur zu schöpfen, sondern ebenso die Kulturgeschichte zu plündern, um dahin zu gelangen, eine der Trivialität enthobene Verweissprache zeitlich auszuweiten, die selbstständig und ohne Hilfe die eindrücklichen Bilder erschafft: Der wackelnde Zahn etwa. Django (Foxx) setzt sich in einer anderen Szene vor der Explosion die Sonnenbrille auf oder ist dann wieder kurz davor, eine Träne zu verdrücken. Wir wissen, das ist cool oder traurig, aber es ist auch eine ganz besondere persönliche Ästhetik, ein postmoderner Heldenmythos, aus dem thematisch Zusammengesetzten davor.

Obgleich "Django Unchained" erzählerisch einem Novum ähnelt – Tarantino erzählt auf seine unkonventionelle Weise in gleichmäßigen chronologischen Schritten –, ist nicht zuletzt die Ablöse Sally Menkes im Schnitt verantwortlich, dass Tarantino genauso in der Zeit voranspringt, wie er dies seit "Reservoir Dogs" zu tun gedenkt: Der Schnitt Fred Askins wirkt unsauber, holprig und ist kaum am eleganten Übergang zweier Einstellungen interessiert. Er wirkt ruppig und rabiat, aber auch dem grimmigen Westernsujet angemessen. Etwas Authentisches und Reines hat das, und es ist schwer zu leugnen, dass der sprunghafte Schnitt wieder einmal die an und für sich stringente Geschichte in viele kleinere und größere, wichtigere und unwichtigere Einzelsegmente zersplittert, in raffinierte Kurzgeschichten und dem Sinn der nächstfolgenden Situation entgegenlaufende Abschweifungen (der Kapuzengag), was in aller Konsequenz schließlich dem Showdown eine zerstörerische Kraft verleiht, die nach dem eigentlichen Höhepunkt einen weiteren und noch einen weiteren blindlings anhängt.


Dort werden die Erzählbrüche wahrscheinlich am deutlichsten. Der minutiöse Szenenaufbau vom debattierenden Dialog (beim "Totenschädel-Dinner"), der durch sein psychologisches Gewicht vor latenter Anspannung nahezu explodiert, zum kaltschnäuzigen Dialog, dessen Wörter diesmal aus Waffen abgefeuert werden, erinnert bewusst an die Kneipenszene oder die breitgetretene Kinosequenz aus "Inglourious Basterds" und an so viele markante Tarantino-Situationen aus den unterschiedlichsten Filmen, dass das in drei Akte eingeteilte Antiklimax-Finale in "Django Unchained" keine Drehbuchschwäche bedeutet, sondern mit Hilfe des Schnitts eine Zerfaserung und Zerdehnung ins Unendliche erfährt, die sich, entgegen aller Tarantino-Vorgängerwerke, noch einmal steigert und fast in die Abstraktion kippt. 

Infolge der Besetzung hat Tarantino insbesondere mit dem hemmungslos chargierenden, gegen den Strich gecasteten Leonardo DiCaprio einen Coup gelandet. Denn dieser Leonardo DiCaprio schmückt als einziger den Kontrast eines süffisanten Bösewichts, der kein Bösewicht ist – er heißt "Candie" und ist immer süß und sauer, aber nie tödlich scharf. Er ist ein Plantagenbesitzer, versinkt jedoch mit jeder weiteren Minute in eine bockige Haltung, die einem Kleinkind zugemutet wird, das angesichts eines verlorenen Schnullers die Tränen wasserfallartig fließen lässt. Dieser Candie braucht nicht bedrohlich zu sein, um bedrohlich zu handeln; er braucht nur bedrohlich zu gucken, um zu wissen, dass sich dahinter nur ein verkniffener Ausdruck von gezwungener Autorität verbirgt. Dazu passt es auch, dass die angesteckte Blume, ausgerechnet etwas Süßes und Unschuldiges, seinen Abgang besiegelt.  

Tarantino komplettiert seinen Film mit einem sardonischen Christoph Waltz, der der Prestigerolle Hans Landas Facetten hinzufügt, die aus einem quirligen Quatschkopf einen kultivierten Kunstversteher in der Prärie machen, ohne diesmal allzu dick aufzutragen, wohingegen Jamie Foxx einen melancholisch-passiven Django verkörpert, der sich seine Coolness erst Stück für Stück erarbeiten muss. Zusammen mit einem (wirklich!) bedrohlichen Samuel L. Jackson in einer furiosen Paraderolle wurde im Kino lange nicht mehr so realistisch und kinetisch gestorben und erschossen. Es scheint, als ob sich Tarantino jedes Mal neu entdeckt und die postmoderne Kinotranszendenz für sich gepachtet hat. Das ist der Unterschied, und das ist Magie, die mit sich selbst und dem Zuschauer euphorisch tanzt.    

8 | 10

Montag, 20. Juni 2011

Spielberg-Retro #14: "Catch Me If You Can" [USA, CDN 2002]



Locker-flockiges Katz- und Maustheater. Im Kostüm der Maus versteckt sich der raffinierte Trickbetrüger (Leonardo DiCaprio) und wird gejagt vom humorlosen Kater, dem pedantischen, dem trotteligen FBI-Ermittler (Tom Hanks), dessen Aufgabe es ist, raffinierte Trickbetrüger dingfest zu machen. Doch dieser hier entpuppt sich als ungemein raffinierter – mit neuartigen Scheckbetrügereien und einer Menge an ungebrochenem Willen jobbt er sich bis in die renommiertesten Tätigkeitsfelder hoch, um dem Finanzamt ein auszuwischen. Steven Spielberg erzählt dieses auf wahren Begebenheiten beruhende Gaunerstück so locker wie Schlagsahne, ohne übermäßige Kalorien beizumischen. "Catch Me If You Can" vermischt Spielberg-Sujets mit in flüchtigen Schwenks getauchtem, lichtdurchflutetem Swinging-Sixties-Zeitkolorit, wodurch die seit Jahren unerschütterliche Spielberg-Kaminski-Kollaboration wieder einmal allzu deutlich ihre Spuren hinterlässt.

Auch die obligatorische Spielberg-Williams-Paarung ist beherzt. Williams komponierte zwischen verschnörkelter Comedy-Musik und spritzigem Jazz-Scoring der Zeit angemessene, atmosphärische Leitbilder. Und vergoldet das goldige Opening im Dienste krakeliger Zeichentrickmalerei. "Catch Me If You Can" vergrößert den narrativen Spielberg-Radius bruchfester Lieblingsmotive dabei nicht sonderlich. Das Vater-Sohn-Verhältnis (anwesend: Christopher Walken!), aus dem der Regisseur die Essenz seines Dramaanteils destilliert, bleibt ebenso ausführlich erwähnt wie moralische Werte innerhalb der Familie, die schlussendlich dennoch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass sie unweigerlich zur familiären Zerrüttung führen. Das sichtlich um Komödie und Krimi kreiselnde Drehbuch (Jeff Nathanson) gesteht den Figuren viel Freiraum zur Entfaltung zu, während es die Zeitebenen oft kreativ, aber nie selbstzweckhaft wechselt.

Auffällig, dass Spielberg weder heroisiert noch ideologisiert, und trotzdem der Kriminelle in wechselndem Outfit denn jener Idealist in Uniform als Identifikation herhält. Der Humor ist indes ein erheiternd-pointierter (Notiz: das Essen bei den zukünftigen Schwiegereltern) und tänzelt auf leichtfüßigen Schritten durch die federleichte Geschichte, bei der Spielberg dem Zuschauer einen unerschöpflichen, anarchischen Wust an Zufällen, Irrtümern, Kalkulationen, Bauchgefühlen und Verdächtigungen auf dem Silbertablett präsentiert.

Ironisch wird es, wenn die beiden ungleichen Typen, Jäger und Gejagter, ihre Gemeinsamkeit erkennen und sich am Weihnachtsfest anrufen. Sie reden grundlos aufeinander ein. Müssen erkennen: Sie sind weg von der Familie, der Liebe, sind gefangen in der Einsamkeit; trotz materiellem Reichtum und erfolgreicher Karriere sind die einzigen Freunde immer noch der Bleistift und der Bankcheck. So niederschmetternd tragikomisch kann Spielberg sein. Mit "Catch Me If You Can" befindet man sich ungeachtet der holprigen Schlusswendung in Frankreich und der mutlos konsensbefriedigenden Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität nach Frankreich unter der sicheren Hand eines mal naiven, mal stilsicheren Geschichtenerzählers, der das umsetzt, was man von ihm erwartet: erzählen. Ganz ohne Realismus, aber mit Esprit. Und ganz ohne Hochstapelei.

7 | 10