[...] Die Pulverfässer neben ihm vervielfältigen sich folglich, von einer kulturell verstörenden Italienreise (2×04: "Bella Italia")
zu zwei fabelhaften Neuzugängen der Serie. Tonys ähnlich unbesonnene
Schwester Janice (Aida Turturro) und der frisch aus dem Knast entlassene
Proletenschläger Richie (David Proval) geben ein Paar ab, das an der
(Schmerz-)Grenze zum Desaster funktioniert. Das alte Eisen alter Schule
hat in dieser kapitalistisch prinzipientreuen Ökonomie keinen Platz
mehr, wo Geschäftliches in abhörsicheren Geschäften (oder
Krankenzimmern) abgewickelt wird, der Körper vom Kopf Signale empfängt
und der Neffe aller Neffen (Michael Imperioli) parallele Einnahmequellen
auskundschaftet. Christopher verdingt sich als Nachwuchsdrehbuchautor
für Jon Favreau, während Carmela (Edie Falco) die Seitensprünge ihres
Mannes unter unterdrückten Tränen erträgt und Dr. Melfi (Lorraine
Bracco) selber eine Therapie benötigt. Andernfalls verfällt sie einer
Alkoholsucht. "Die Sopranos" richtet das Blickfeld nicht mehr
unumwunden auf Männliches und Machohaftes, sondern stöbert in der
Rollenumkehr des Weiblichen und mutmaßlich Schwächeren nach einer
Kausalität zwischen Reagieren und Regiertwerden, ohne den schwarzen,
unvorbereiteten Witz zu vernachlässigen (so steckt Onkel Junior "sechs Stunden"
lang mit seiner Hand im Abfluss fest). Die Ereignisse fliegen an Tony
und an uns vorbei – wie die Landschaftsornamentik im Intro. Dass hierbei
nichtsdestoweniger die Übersicht und das straffe Erzählnetz erhalten
bleibt, ist durchdachte Meisterschaft.
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Freitag, 5. Juni 2015
Mittwoch, 3. Juni 2015
Serien: "Die Sopranos" - Staffel 1 [USA 1999]
Ja, diese Szene: wie Tony Soprano (James Gandolfini) angesoffen durch zwei Zimmer wankt und sich schwunglos aufs Sofa plauzt, der "Moralist" in "Moralisten" (1×09). Die Todesstrafe hat er abgelehnt, aber sich sicher auch. Tony ist fettig, fertig und repressiv. Alles, was er betatscht, zerrinnt. Tony Soprano ist wahrhaftig Frankenstein. Sein Problem, in einem Patriachat zu leben, das klammheimlich von einem Matriarchat unterwandert wird, von seiner Ehefrau (Edie Falco), seiner Tochter (Jamie-Lynn Sigler) und seiner Mutter (Nancy Marchand), bildet den Fokus, auf den sich die erste Staffel der erfolgsgekrönten HBO-Serie "Die Sopranos" ansiedelt. Tonys Männlichkeit läuft Gefahr, ihre Potenz zu verlieren, wenn die Enten in seinem Pool mit seinem Penis im (Alp-)Traum davonfliegen. Dann die psychotischen Anfälle, die verkrümmten Wahrnehmungsstörungen, die rauschhaften Wallungen – Tony balanciert zwischen zwei sozialen Gesichtern und Milieus, zwischen Geschäft und Gemeinschaft, Mafia und Mutterschaft, Gaunerei und Geheimnis. Der entschleunigte Rhythmus ungezählter Winkelzüge kaschiert, dass es in dieser Serie rumort, weil es in Tony rumort und gärt; der innere Kraftaufwand, jedem eine abweichende Geschichte zu erzählen – diskret, aber einwirkend. Tony gleicht einem Pulverfass, das antithetisch strukturiert ist zum Tempo der Dramaturgie, die gelegentlich einschläft und gelegentlich per Donner erwacht – bevor die verschütteten Unerklärlichkeiten und Kulturdiskrepanzen implodieren (1×13: "Hart und herzlich"). [...]
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