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Mittwoch, 16. Juli 2014

"Auf der Flucht" / "The Fugitive" [USA 1993]


Dr. Kimble (familiäres Grinsen, unter Dauerstrom: Harrison Ford) in Handschellen. Er ist langsam. Hinter ihm ein entgleisender Zug. Dieser wird schneller. Sein eng miteinander in Beziehung gesetztes Kompositionsprinzip von Rausch und Stauung macht aus "Auf der Flucht" extraelegant pumpendes, nach wie vor zeitloses Genrekino, das auch von einem jungen Paul Greengrass stammen könnte: Andrew Davis' sensationell drückender, keuchender Fortbewegungsthriller ist zu allererst einmal ein Schnittfilm (Schmankerl: ein Schnitt vom Kuss zur Mund-zu-Mund-Beatmung), der seine Jagd in parallele, frenetische Takte schneidet, obwohl er sich die Freiheit nimmt, in dreckbefallenen, aber auch weitausholenden Interieurs nach Belieben zu drosseln, bis zur unheimlichen, mit Gefahr geschwängerten Stille. Die Technik der Fragmentierung, das Zusammenstellen und Einfangen von vorüberziehenden Spontanreaktionen, der obsessive, gehetzte Blick über die Schulter, beherrscht diesen Film, und hierbei ergibt er sich virtuos den flotten Schwingungen. Wenngleich das Drehbuch (David Twohy) von keiner konfusen Verschwörungsseifenoper ablassen kann (Resultat: Mann gegen Mann, Einzelner gegen ein System) und fortwährend verwinkelt erzählen will, formt "Auf der Flucht" obendrein Charaktere, von denen eine widersinnige Beschaffenheit von Empathie ausgeht. Tommy Lee Jones gestikuliert derb, unzugänglich und sarkastisch den wahnsinnigen "Leitwolf". Sobald er anfängt zu glauben, wird er menschlich(er), gefühlsbetonter. Die hieraus kippende intime Stimmung nimmt in Gänze gefangen.  

7 | 10

Sonntag, 5. Februar 2012

"Stepfather" / "The Stepfather" [USA 2009]


Der Feind in meinem Schlafzimmer, böser Stiefvater, Wahnsinn im Privaten, manchmal packend, größtenteils dumm, doch warum? An der Fotografie kann's nicht gelegen haben (Patrick Cady), denn die schnittige Kamera ist einwandfrei, jene, die gern mal den Straßenverkehr von oben begutachtet. Genaugenommen allerdings ein sexualisierter Full-HD-Photoshop-Porno aufgehübschter, faltenloser Gesichter (<3: Amber Heard, Paige Turco) und parallel dazu ein nicht enden wollender Laufsteg nackter muskulöser Oberkörper in einem unübersichtlich-eckigen Eigenheim, posierend, aber leider ohne Penetration. Wie ein voluminöser Luxusliner manövriert sich das Remake durch ganze Küstengegenden an Genrekonservatismus, dessen Schiffsschraube alles anzieht, was irgendwann einmal als spannungsfördernd gegolten hat, heute jedoch die Spannung – was immer das auch heißen mag – konsequent zerhackt. Und damit den gegenseitig belauernden Terror innerhalb der Familie auf schale Gesetze eines pathologisch unzureichend begründeten Eindringlings ins sozial geordnete Lebensgefüge herunterbricht, wo der entsetzliche Ödipus lediglich leise anklopft, das Buhlen also zwischen dem Sohn (heiß: Penn Badgley) und Vater (kalt: Dylan Walsh) um deren Mutter und Frau (lauwarm: Sela Ward), die Einsamkeit wie Naivität älterer Frauen lapidar zur Sprache kommt und eine kleinbürgerliche Entlarvungssatire einer makellosen Familie ebenso wenig zündet wie der dazu benötigte Humor. Das hätte was werden können. Das ist das geworden – leerer Akku im folgenschweren Moment, herunterfallendes Handy bei entscheidendem Anruf, Beobachtungsobsession des Bösen an vermeintlich unvorhergesehenen Örtlichkeiten, Leiche im Keller, Säge, Treppensturz, Genickbruch, sich der ersten Verdachtsperson entledigen, Musik schwillt an, noise as noise can, der Mörder huscht ins Bild, Zack! Gähn!

4/10