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Freitag, 15. August 2014

"The Farmer's Wife" [GB 1928]


Bauer Sweetland (auf kaltem Liebesentzug: Jameson Thomas) ist kein glücklicher Mensch. Er sucht eine Frau, die Traumfrau, jene, die vor ihm sitzt, nicht als Tagtraumgestalt seinen tiefsten Wunsch potenziert. Auf seiner Checkliste stehen drei Namen, aber deren Makel karikiert Hitchcock mit spitzer Zunge. Ein wankelmütiger Jammerlappen ist dabei (es wird auch um zerflossene Eiswürfel geheult!), ebenso wie ein überhitztes Biest (Kopfschütteln nach Maschinengewehrsalvenart!). Wenn "The Farmer's Wife" – Hitchcock mochte ihn nicht – eines lehrt, dann das: Liebe ist ein säurehaltiges Gemisch aus Angst und Aggressivität, und den roten Bereich, in dem diese Liebe ihren Zeiger schwingt, füllt Hitchcock bis zur Übersteigerung. Folglich ist "The Farmer's Wife" einer der aufgeregtesten Hitchcock-Stummfilme; sein Wissen um die ernst gemeinten Abschnitte, die aufs Korn genommen werden, das ist wie Sprechblasenhumor und Komödiantenstadl zu einer Einheit verschmolzen. Irgendwie aufs Verrückte, ja aufs Nimmersatte abonniert, bereitet es Hitchcock diebische Schadenfreude, Korb um Korb auszuprobieren. Mittendrin: Gordon Harker als Butler, Taugenichts und herzensverschlagener Einfaltspinsel, der mit Schnürsenkeln und einer zu weiten Hose in jedes denkbare Fettnäpfchen tapst. Und trotz alledem, dem Irrsinn durch Unsinn, demonstriert Hitchcock wahrhaftige Liebe als Quell in der Einsamkeit – da ist nämlich noch eine Frau. Ihr Name birgt Macht. Eine goldige, traumhaft entzückende Zweierfindung.

5 | 10

Montag, 16. September 2013

"Der Weltmeister" / "The Ring" [GB 1927]


Zwei Boxer streiten sich um eine Frau. Die Unzuverlässigkeit der Liebe. Der Argwohn. Die diabolisch schielenden Augen und ihre vernichtenden Blicke. Zugehörig der charmant-schüchternen, folgenschweren Komödie in Abhängigkeit des bereits Ende der 20er in seiner ausrechenbaren Schablonenhaftigkeit durchkalkulierten Sportfilms, wenn der Erfolg stirbt, die Bläschen des Champagners sich auflösen und der entscheidende Endkampf mit dem letzten (glücklichen) Schlag das herbeigesehnte kathartische Triumphgefühl allem Zweifel zum Trotz beschwört, hofiert "Der Weltmeister" einen Hitchcock-Wesenszeug, den wir kaum noch zu kennen glauben. Hitchcock konnte nicht nur unnachahmlich hinterlistig sein, sondern auch maßlos lebenslustig. Eines dieser mit Leben vollgestopften Werke ist "Der Weltmeister", ein früher, enorm nostalgisch-hölzerner Stummfilm, der als Vorbote gesehen werden kann, erste rudimentäre Beobachtungen und Formalismen in einem assoziativen Bildrausch festzuhalten. Dessen visuelle Tragweite reicht bis zu jenen symbolischen Dekorationen, die Hitchcock zur Dramatisierung des Erzählmaterials wiederholt gebrauchen würde: Point-of-View-Shots (sogar aus dem Blickwinkel eines Betrunkenen), Überblendungen (das Gesicht der zu verdreschenden Person, projiziert auf eine Boxbirne), der Einsatz doppeldeutig deklarierter Requisiten, genauso wie thematische und emotionale Gegenkontraste (Karussell – Boxarena). Als Fügung aller Bausteine, die zusammengenommen einen der allerersten "standesgemäßen" Hitchcock-Filme ergeben, bewegt sich "Der Weltmeister" in einem stimmungsvollen Tempo durch jene Saat, aus der zunehmend Film- und Genregeschichte sprießen sollte. 

6 | 10