Das Hauptdarstellergespann harmoniert nicht zuletzt seiner mimischen Fähigkeiten lakonisch miteinander. Jack Lemmon interpretiert seine Figur als hoffnungsloser Einzelgänger stimmig und mit Klasse. Er ist es, der stets nach seinen eigenen Vorstellungen handelt, auch wenn sie nicht immer ins Schwarze treffen, so trägt er schlussendlich immerhin einen kleinen Sieg davon. In den tragischsten Momenten, etwa beim Wiederbelebungsversuch seiner heimlichen Liebe Fran, nachdem sie Schlaftabletten geschluckt hat, oder der Schlüsselszene auf der Silvesterparty, als die beiden Antihelden erstmals ihren gemeinsamen Weg vor sich sehen, da, wo alle anderen ihre verlogenen Vorsätze fürs neue Jahr bekunden, kann Wilder diesem Looser und Naivling lobenswerterweise zu jedem Zeitpunkt etwas Komisches (die Slapstick-Einlagen) und Sympathisches abgewinnen, wodurch er dem Zuschauer trotz seines moralisch fragwürdigen Verhaltens ausnahmslos als liebenswert erscheint, dem man die Daumen drücken muss.

Sein Appartement gilt als enger, dunkler, abgeschlossener Raum, gleichermaßen aber auch als einziger Zufluchtsort vor der feindlichen, schmutzigen Welt da draußen. Für Privatsphäre ist dennoch kein Platz, ohne Rücksicht auf Verluste treten Tag für Tag, Woche für Woche die unterschiedlichsten Menschen durch die Tür, allesamt große Fische eines renommierten Konzerns; Baxters Vorgesetzte de facto, die sein Appartement als Ort für ihre heimlichen Affären nutzen. Das Kuriose daran: Baxter lässt es sich anfangs gefallen, widerwillig. Zugunsten seiner Karriere und die Chance auf grenzenlosen Reichtum opfert er alles, inklusive dem Wichtigsten: seinem Privatleben. Es dauert lange, bis Baxter diese Behandlung, geschweige denn seine Ansichten, einer kritischen Analyse unterzieht.
Auf der anderen Seite steht Miss Kubelik, von einer exzellenten Shirley MacClane gespielt, die taffe Fahrstuhlfahrerin, missbraucht als Teilzeit-Seitensprung von Baxters Chef Sheldrake (großartig: Fred MacMurray). Sie versucht sich ständig einzubilden, dass Sheldrake sie liebt und mit ihm eine Zukunft hat, ohne zu ahnen, dass sie gewissermaßen nur die schnelle Nummer für zwischendurch ist. Mehr und mehr verzweifelt über das Dilemma, kulminiert Frans krankhafte Liebe schließlich im versuchten Selbstmord. Sheldrake betrügt seine Frau nur des Spaßes wegen, Baxter geht ebenfalls mehrfach fremd;
"Das Appartement" skizziert Männer, die vor nichts zurückschrecken,
"Das Appartement" handelt von Figuren, die sich regelmäßig selbst betrügen, um sich ihr Leben auf ganz spezielle Weise zu erfüllen.
Da ist es nur konsequent, dass am Ende nur ein Sieger hervorgeht: Billy Wilder. Er siegt moralisch über alle anderen, stellt ihr Verhalten bloß, ohne sie allerdings mit dem Hammer zu zerschlagen. Er lässt keinen Kollegen mehr Baxters Appartement betreten, Sheldrake verliert Fran, Sheldrake verliert seinen geschätzten Baxter, Sheldrake verliert vielleicht auch seine Frau, ebenso wie seine Sekretärin (Joan Shawlee), während unser Duo Fran und Bud in einer der schönsten, völlig unpathetischen Schlusseinstellung zumindest der Welt des falschen Scheins den Rücken kehren. Zwei Menschen, die ihn gefunden haben, den Ausweg und den Eingang zur wiederentdeckten Menschlichkeit. Ob sie zusammen kommen, wissen wir nicht. Wir können es nur erahnen. Auch der obligatorische Kuss bleibt aus.
"Das Appartement" endet freundschaftlich, nüchtern. Billy Wilder bleibt seiner Linie treu, indem er sich vergeblich zum Moralapostel stilisiert.
Man kann über
"Das Appartement" gerührt sein, man kann über diese bezaubernde Tragikomödie lachen und weinen oder beides zugleich, aber auch seinen Hut davor ziehen, wie hervorragend Wilder den Spagat zwischen der bis zum Exzess geführten, zynischen Moralkritik in Form einer bitteren Satire, ausgeweitet zur Groteske, und herzerwärmender, melancholischer Lovestory zweier echter Helden meistert, ohne Klischees, ohne Kitsch und trotz aller inhaltlichen Schwere dieses ansonsten so kleinen Films universell in seiner Aussage.