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Freitag, 10. Juni 2016

"Spiel mit dem Tode" / "The Big Clock" [USA 1948]


[...] Der Gegenspieler in diesem herrlichen Reigen kniffliger Umstände verhält sich diametral zu seiner monströsen, einnehmenden Erscheinung – stets versucht er, die Schuld subtil an seine Mitarbeiter eines Hochhausgebäudes weiterzureichen. Charles Laughton spielt ihn in jeder Pore als einen üppigen, theatralischen Ego- und Machtmenschen, was die Spannung erhöht und die Schuld drosselt. Sowohl selbstironische Screwball-Allüren als auch die Stilismen des archetypischen Kriminalfilms werden hierbei, in diesem retroperspektiv erzählten Classical-Hollywood-Intermezzo, zum trockenen Kalauer gekreuzt, um einen Blick in eine Epoche, de facto in ein kapitalistisches Ideengeschäft, zu gewähren, das sich, außer jenen Fahrstuhlfrauen, die man nicht ansprechen darf, so großartig nicht verändert hat. Die Metapher der Uhr mag dafür als Zeichen der Zeit, als Fanal für die Beschleunigung der Schuld und für die Entschleunigung der Unschuld doppeldeutig gelten – Tick um Tick um Tick nähert sich das Ende, die Depression, die Erleichterung und der Neuanfang.


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Freitag, 16. Januar 2015

"Zeugin der Anklage" / "Witness for the Prosecution" [USA 1957]


Nicht nur die verborgenen Zigarren, der versteckte Schnaps, die verheimlichten Herzprobleme, der klapprige Anwalt, für den der letzte anstrengende Mordprozess über Leben und Tod richtet. Marlene Dietrich als geschlechtlich-herbe Akkordeonspielerin, Elsa Lanchester als wunderlich-schnippisches Nervenbündel – auch sie bringen den Männern den Wahnsinn, aber verlieben kann man sich in sie schnell, genauso wie sich Billy Wilder in diese Damen verguckt hat, wohlwissend, dass er sie nie verstehen wird. Als alleiniges erregendes Spannungselement involviert, geleiten Dietrich und Lanchester "Zeugin der Anklage" zum Meilenstein einer unvergänglichen Hollywood-Könnerschaft, in der erhabene Figuren so dringlich und so bestechend wandelbar ihre List ausspielen, dass ihr Publikum ohne Zweifel an der gespielten Wahrheit entlang auf das vertraut, was auch immer es zu hören glaubt. Obwohl alles unter der Hitze des Verhörs und der Schärfe der Indizien Lüge sein muss, abenteuerlichste Verhüllungen und raffinierteste Mätzchen, um der Absolutheit eines Todesurteils mit maximalen Drehungen zu entfliehen, festigt das Drehbuch eine Suggestivobjektivität, die jedem Heuchler, Schwindler und Betrüger trügerische Tatsachen einredet, die gar nicht existieren dürften. Jede Seite in Wilders körperdichtem Gerichtsdenkspiel ist essentiell für die (Oberflächen-)Wahrheit, und vor allem in den letzten erschöpfenden, kochenden Minuten wird erkennbar, dass Oberflächenwahrheiten auch Verwandlungen durchlaufen müssen, wenn sich die Gerechtigkeitswaage allmählich ausbalanciert.

8 | 10

Sonntag, 27. Juli 2008

"Eine Leiche zum Dessert" / "Murder by Death" [USA 1976]


Der Titel des Films ist fast genauso ironisch wie genial. In diesem treffen sich die fünf besten Detektive zu einem abendlichen Dinner, das von einem seltsamen Mister Twain (Truman Capote) in seiner technisierten "Bruchbude" ausgetragen wird, sich in Wahrheit jedoch als Vorwand für ein mörderisches Spiel entpuppt. Anlass für eine der komischsten Komödien aller Komödien. Eine kauzige Komödie, die ihren Witz vor allem aus den skurrilen Charakteren, ihren Beziehungen zueinander und allerhand abstrusen Situationen destilliert. Dabei ist "Eine Leiche zum Dessert" eine Parodie, eine Persiflage an die alten Krimiklassiker berühmter Romanschriftsteller, nimmt sich deren Klischees an und überzeichnet sie konsequent in einer ebenso makabren wie schrägen Handschrift – ein Fest zum Festtag "bizarrer Banalitäten".

Seien es manipulierte, knarrende Türen, das Schreien einer Frau als Türklingel, Zuckerwatte als Spinnweben, Ratten, Nebel oder das typisch stürmisch-gewittrige, trotzdem künstlich inszenierte Wetter viktorianischer Spukhäuser: Regisseur Robert Moore und Drehbuchautor Neil Simon sind sich für nichts zu schade und ziehen beinah alles durch den Kakao, was angesichts der vielen kleinen Details und des ohnehin übermäßigen Unterhaltungsfaktors für eine mehrmalige Sichtung reizvoll ist. Sinn hat die Handlung mit absichtlich eingestreuten Plausibilitätslücken (der Schlussreigen sich überlappender Identitäten!) jedenfalls nicht, aber das ist auch gut so, entlarvt die Geschichte damit doch satirisch den häufig effektheischenden Sinngehalt jener kriminalistischen Schmuddelliteratur, für die die fünf Detektive im Film symbolisch stehen.

Einen nicht unwesentlichen Teil dafür, dass sich der Film seinen raubeinigen Charme bis heute beibehielt, verdeutlich hauptsächlich der pointiert besetzte Cast voller illustrer Persönlichkeiten, der mit einigen bekannten Stars aufwarten kann. Darunter Alec Guinness, Peter Falk, Peter Sellers und David Niven, die allesamt zwar herrlich durchgedrehte Figuren mimen, dem Zuschauer dennoch liebenswürdig, lebendig und greifbar erscheinen. Truman Capote als kleinwüchsiger, kahler und charismatischer Antagonist sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben; er ist für dieses Dinner verantwortlich und fühlt sich außerdem berufen, der beste Detektiv aller Zeiten zu sein. Peter Falk ist währenddessen der komödiantische "Hauptgang", wie er nach einem misslungenen Attentat süffisant feststellt. Er karikiert einen windigen, in den Slums aufgewachsenen Privaträcher namens Sam Diamond (eine Anspielung an den echten Sam Spade aus "Die Spur des Falken"), der aufgrund seiner trockenen Lakonie und dreisten Direktheit, seines, mehr noch: ungehobelten Temperaments, manche Lachsalve im falschen, steifen Moment der Andacht heraufbeschwört. 

Weiterhin unvergessen: der blinde Butler (Alec Guiness) im Zusammenspiel mit der taubstummen und nicht Englisch sprechenden, lesenden Köchin (Nancy Walker) und Inspektor Sidney Wang alias Peter Sellers (obschon im Humorverständnis platter, "überflüssiger" als alle anderen) mit dem werten Herr Mark Twain. Der Witz aus der letzteren Paarung ergibt sich daraus, dass Wang in seinen bruchstückhaften Sätzen nie Artikel oder Pronomen benutzt und es deshalb zu konfusen Verständigungsproblemen dank mangelhafter Grammatikkenntnisse kommt. Ein immer aktuelles, zeitloses Problem. Frisch und spritzig eben. "Eine Leiche zum Dessert" ist mehr als nur Dessert, sondern magenausfüllende Delikatesse.

7 | 10