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Freitag, 29. November 2013

"Nummer Siebzehn" / "Number Seventeen" [GB 1932]


Britisches Blockbusterkino Marke Alfred Hitchcock. So muss chaotischer Gigantismus in den 1930er Jahren ausgesehen haben. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, aber Hitchcocks avantgardistischer Experimentalfilm reflektiert bereits zu früher Stunde eigensinnig Filmgeschichte. Wahrscheinlich ist, dass sich sowohl Brian De Palma als auch Tony Scott inspirieren ließen (eine Verfolgungschoreographie auf einem stampfenden Zug, dazu Plansequenzen zuhauf), höchstwahrscheinlich dürfte ebenso sein, dass "Nummer Siebzehn" kaum vergleichbar, kaum Hitchcock-konform ist. Obschon die undurchsichtige Geschichte über Mehrfachverwicklungen innerhalb eines trashig überhöhten Diamantcollier-Raubs nicht eine Spur von Kohärenz aufweist (Respekt an denjenigen, der die Gesamtheit des Wendungsgulaschs trotzdem verstanden hat), ist die bloße größenwahnsinnige Gestaltungsarchitektur wie regelloses Monopoly mit Actionfiguren im Kindererlebniszimmer. Ein ehemals feudales Gruselhaus, Nebel, Nacht, Katzen, Schritte, im Einstürzen begriffene Fassaden, aus der Dämmerung greifende, verschlingende Hände – im ersten Akt frönt Hitchcock der schauerromantischen Ästhetik und sinnlichen Eleganz des expressionistischen Vampirfilms, bei dem die unheimlichen (Gitter-)Schatten heimlich zu leben scheinen. Ehe sich Bus und Zug (als solches erkennbare Miniaturmodelle) im Tempo gegenseitig überbieten. Erst Horror, dann Kinetik. Mittendrin ein Schnittgewitter, ein wenig Amüsement (Taschenwürstchen!), ein paar Hitchcock-Verknüpfungspunkte (Leichenslapstick, Handschellen, Polizeiangst) und ein verdeckter Metafilm einer Realitätsattrappe, die so nur im Kino existieren kann. Hitchcock konnte sich selbst im Auftragsschund seine Affinität zur Abwechslung bewahren. 

5 | 10

Mittwoch, 27. November 2013

"Erpressung" / "Blackmail" [GB 1929]


Die Gefährlichkeit von scharfen Messern (hier als Fetischismus konnotiert) in einer gut sortierten Küche wird erst recht nach "Erpressung" drohender Begleiter im Alltagseinerlei. "Knife… Knife… K-n-i-f-e…" dröhnt es von allen Seiten, ein beständiges, pochendes, halluzinierendes Geräusch. Weil Alice (von einem Bild ausgelacht: Anny Ondra) aus Notwehr ihren Vergewaltiger (Cyril Ritchard) in dessen Künstleratelier abgestochen hat, überlagern sich seitdem Erinnerung an eine schmerzliche Erfahrung und Gegenwartsbanalität. In seinem ersten Tonfilm, geprägt ist "Erpressung" vor allem in der sensationell mit Bildinformationen und –schriftzügen gefütterten Eingangssequenz noch durch den Stummfilm, experimentiert Hitchcock mit den in den Kinderschuhen steckenden Klängen, Lauten, Betonungen und schafft es, nicht nur ausschließlich anhand der berühmten "Frühstücksszene", einer Bewegungsspannung zusätzlichen akustischen Gehalt einzuflößen. Vorstellbar ist "Erpressung" ohne Ton deshalb nicht mehr, aber auf den Ton allein reduziert sich das von hoher filmgeschichtlicher Relevanz gekennzeichnete Werk keineswegs. Der kontemplative Rhythmus des minutiösen, durchgeplanten Szenenaufbaus (vgl. "Vertigo") gewährt die Voraussetzung für bizarrsten Mumpitz bis zum British Museum: Der Galgen in Form eines Schattens baumelt um den Hals von Alice. Und Donald Calthrop ist als spitzbübisch-schief grinsender Erpresser zu sehen, der seine kulinarischen Delikatessen sichtlich genießt. Für wenige Augenblicke scheint an diesen Stellen bereits die burleske Schwärze von "Frenzy" durch. Sehr lecker.

6 | 10